Ei­ne Nach­be­trach­tung zur EU.

Ein Er­fah­rungs­be­richt von Rudolf St­rahm.

Das Magazin - - Content - Von rudolf ST RAHM

Ein­füh­rung

Die Ab­leh­nung des Ewr-ver­trags in der his­to­ri­schen Ab­stim­mung vom 6. De­zem­ber 1992 war für die lin­ke und li­be­ra­le Eli­te ein Schock und für Bun­des­bern ei­ne ech­te Zä­sur: 50,3 Pro­zent Nein-stim­men­de, 14 Kan­to­ne und 4 Halb­kan­to­ne ge­gen den Ewr-ver­trag, ein mar­kan­ter Deutsch-welsch-gr­a­ben und mit 78 Pro­zent Stimm­be­tei­li­gung ei­ne Mo­bi­li­sie­rung, wie sie die Schweiz seit der Ahv-ein­füh­rung von 1947 nie mehr er­lebt hat­te.

Die Au­to­ren der Vox-ana­ly­se die­ser Volks­ab­stim­mung vom 6. De­zem­ber 1992 konn­ten ih­re Frus­tra­ti­on nicht ver­ber­gen. Sie ana­ly­sier­ten, «dass vor al­lem Per­so­nen mit we­nig Schul­bil­dung Nein ge­stimmt ha­ben». Nein­sa­ger ge­gen die Ewr-vor­la­ge wa­ren laut ih­rer Ana­ly­se «Per­so­nen, die in der Deutsch­schweiz auf dem Lan­de woh­nen, über ei­nen be­schei­de­nen Aus­bil­dungs­stand ver­fü­gen und sich, falls sie po­li­tisch sen­si­bi­li­siert sind, im Zen­trum oder rechts ein­ord­nen». Es wa­ren al­so ge­wis­ser­mas­sen «die Dum­men auf dem Lan­de», die der ge­bil­de­ten Eli­te die Sup­pe ver­wei­gert hat­ten.

Doch bald dar­auf mel­de­te sich der St. Gal­ler Po­li­to­lo­ge Sil­va­no Moeck­li mit ei­nem Ver­riss der ge­wag-

ten, et­was eli­tä­ren Vox-ana­ly­se mit sei­ner Ge­gen­the­se, die er nicht nur aus den Vox-de­tail­er­geb­nis­sen, son­dern zu­sätz­lich auch aus ei­ner Spe­zi­al­be­fra­gung in St. Gal­ler Ge­mein­den ab­lei­te­te: «Nicht – wie die Au­to­ren der Vox-ana­ly­se mei­nen – tief ver­an­ker­te My­then wa­ren aus­schlag­ge­bend für das mehr­heit­li­che Nein in der Deutsch­schweiz zum EWR; son­dern viel­mehr öko­no­mi­sche Mo­ti­ve, näm­lich die Un­si­cher­heit der Selbst­stän­di­ger­wer­ben­den und der un­te­ren so­zia­len Schich­ten in Be­zug auf ih­re wirt­schaft­li­che Zu­kunft.» Nach Moeck­li wa­ren es al­so die Ge­werb­ler und Be­rufs­ar­bei­ter, die aus ih­rer rea­lis­ti­schen Ein­schät­zung der Wirt­schafts­fol­gen zur Ab­leh­nung des EWR neig­ten. Die De­tail­aus­wer­tung der Vox-be­fra­gung nach der Ewr-ab­stim­mung zeig­te in der Tat, dass ne­ben den ver­brei­te­ten Be­den­ken we­gen des Sou­ve­rä­ni­täts­ver­lusts der Schweiz bei rund 70 Pro­zent der Ewr-ab­leh­nen­den vor al­lem in drei Be­rei­chen kon­kre­te Mo­ti­ve im Vor­der­grund stan­den, näm­lich Angst ers­tens vor Zu­wan­de­rung, zwei­tens vor Lohn­druck und drit­tens vor der da­mit ver­bun­de­nen Ar­beits­platz­ge­fähr­dung. Da­bei wa­ren vor al­lem Fach­ar­bei­ter und Ge­wer­be­trei­ben­de die haupt­säch­li­chen Angst- re­spek­ti­ve Er­fah­rungs­trä­ger.

Die­se Spal­tung bei der In­ter­pre­ta­ti­on des Wäh­ler­ver­hal­tens in Mi­gra­ti­ons­fra­gen hat sich bis zum heu­ti­gen Tag fort­ge­setzt. Sie ma­ni­fes­tiert sich heu­te auch bei der Er­klä­rung mi­gra­ti­ons­kri­ti­scher und kon­ser­va­ti­ver Wäh­ler­re­ak­tio­nen in den USA (Trump), in Frank­reich (Le Pen), Deutsch­land (AFD), Ös­ter­reich (Kunz) oder Ita­li­en (Le­ga/cin­que Stel­le). Der Me­dien­te­nor be­zeich­net den Trend et­wa so: «Po­pu­lis­ten über­neh­men die Macht.» In je­dem die­ser Län­der mö­gen un­ter­schied­li­che Kon­junk­tur­la­gen ei­ne Rol­le spie­len, aber ihr ge­mein­sa­mes Merk­mal ist, dass die Ein­wan­de­rungs­fra­ge vor­herr­schend die Wah­len be­ein­fluss­te.

Auch heu­te gel­ten die EU- und Glo­ba­li­sie­rungs­skep­ti­ker bei den ei­nen als un­be­lehr­ba­re, rück­wärts­ge­wand­te oder gar ras­sis­ti­sche Ab­schot­ter, die die Zei­chen der Mo­der­ne nicht be­grif­fen ha­ben – und bei den an­de­ren als die exis­ten­zi­ell be­trof­fe­nen Glo­ba­li­sie­rungs­ver­lie­rer, die ih­re öko­no­mi­sche Si­tua­ti­on rea­lis­tisch als ei­ge­ne Iden­ti­tät wahr­neh­men und po­li­tisch zur Gel­tung brin­gen.

Po­la­ri­sie­rung führ­te zum EWR-NEIN

Als Tiers-mon­dis­te der ent­wick­lungs­po­li­ti­schen Grün­der­jah­re, spä­ter als Kon­su­lent in der Unc­tad und da­nach als Se­kre­tär der Er­klä­rung von Bern (heu­te Pu­b­lic Eye) be­glei­te­ten die The­men Frei­han­del, Glo­ba­li­sie­rung und Mi­gra­ti­ons­fol­gen mich ein Le­ben lang. Dem­zu­fol­ge rich­te­te ich da­mals mein Au­gen­merk auch lan­ge vor der Ewr-de­bat­te auf die Plä­ne zum Eu­ro­päi­schen Wirt­schafts­raum. Im Früh­jahr 1992 pu­bli­zier­te ich das Buch «Eu­ro­pa-ent­scheid», das sich man­gels an­de­rer un­ab­hän­gi­ger Schrif­ten mit über 40 000 ver­kauf­ten Ex­em­pla­ren in sie­ben Auf­la­gen als Best­sel­ler – als «Eu­ro­pa-po­ly­glott», wie er spöt­tisch ge­nannt wur­de – er­wei­sen soll­te. Be­dingt auch durch die­se Pu­bli­ka­tio­nen war ich als eid­ge­nös­si­scher Par­la­men­ta­ri­er von 1991 bis 2004 an den eu­ro­pa­po­li­ti­schen Wei­chen­stel­lun­gen als Prot­ago­nist mit ei­ge­ner Mei­nung be­tei­ligt.

Die Ar­beits­platz­ge­fähr­dung und der mög­li­che Lohn­druck durch den frei­en Per­so­nen­ver­kehr wur­den im heis­sen Ab­stim­mungs­kampf 1992 vor al­lem vom Allein­kämp­fer Chris­toph Blo­cher und sei­ner (haupt­säch­lich privat fi­nan­zier­ten) Ab­stim­mungs­ma­schi­ne­rie the­ma­ti­siert, wäh­rend die da­mals mei­nungs­füh­ren­den Funk­tio­nä­re des Schwei­zer Ge­werk­schafts­bun­des (SGB) und die Sp-wer­bung die­se exis­ten­zi­el­len Fra­gen eher hilf­los igno­rier­ten.

Es war aber dann doch der Sgb-prä­si­dent Wal­ter Ren­sch­ler, der nach der Som­mer­pau­se 1992 beim fe­der­füh­ren­den Wirt­schafts­mi­nis­ter, Bun­des­rat Je­an­pas­cal Del­amu­raz, per­sön­lich vor­sprach und drin­gend ei­ne ra­sche Ak­ti­on zum Schutz der Löh­ne ver­lang­te. Als frü­he­rer Na­tio­nal­rat war er mit der Bun­des­haus­me­cha­nik bes­tens ver­traut und ver­netzt. Der Sgb-sach­be­ar­bei­ter Da­ni­el Nord­mann, der sich mit Hu­man-re­sour­ces-fra­gen be­fasst hat­te, un­ter­stütz­te ihn in die­ser Fra­ge. Del­amu­raz war ge­gen­über dem ge­werk­schaft­li­chen An­lie­gen skep­tisch. Er glaub­te an sei­ne eu­ro­pa­po­li­ti­sche Mis­si­on und igno­rier­te die pu­bli­kums­wirk­sa­me Po­le­mik des «Aya­tol­lah Blo­cher», wie er ihn nann­te, in den gros­sen kon­ser­va­ti­ven Mas­sen­ver­an­stal­tun­gen der deut­schen Schweiz. Del­amu­raz stell­te für Ok­to­ber 1992 bloss ei­ne Er­klä­rung des Bun­des­rats zum Ab­stim­mungs­kampf in Aus­sicht, die dann al­ler­dings kei­ne ge­setz­li­chen Mass­nah­men vor­se­hen soll­te.

Ich war mit Wal­ter Ren­sch­ler in en­gem Kon­takt und pfleg­te auch ei­nen Aus­tausch mit dem Sgb-se­kre­tär Nord­mann. Die Lohn­druck-ängs­te schätz­te auch ich für mei­nungs­prä­gend ein. Aus mei­ner Zeit in der Bas­ler Che­mie – die Zu­wan­de­rung be­gann dort schon in den 1950er-jah­ren – kann­te ich die sub­jek­ti­ven, teils frem­den­feind­lich un­ter­mau­er­ten Ängs­te in der Ar­bei­ter­schaft, die mit der Schwar­zen­bach-initia­ti­ve 1971 schon früh zu ei­ner Ent­frem­dung ge­gen­über Ge­werk­schaf­ten und So­zi­al­de­mo­kra­tie ge­führt hat­ten. Die kom­ple­xe Ewr-vor­la­ge wur­de im Na­tio­nal­rat erst vier Mo­na­te vor der Volks­ab­stim­mung in ei­ner kur­zen Son­der­ses­si­on be­han­delt. Die­se Ei­le soll­te sich als gra­vie­ren­der Feh­ler her­aus­stel­len. In die­ser his­to­ri­schen Par­la­ments­de­bat­te äus­ser­te ich mich am 25. Au­gust 1992 kri­tisch zur Fra­ge der Per­so­nen­frei­zü­gig­keit: «Man kann nicht nur bil­li­ge­re Fi­lets und bil­li­ge­re Flug­rei­sen auf­grund des EWR ver­spre­chen, son­dern muss ehr­li­cher­wei­se auch vom Druck auf die Löh­ne re­den ... Es wird ei­ne här­te­re Kon­kur-

Rudolf St­rahm, ehe­ma­li­ger Sp-na­tio­nal­rat und Preis­über­wa­cher.

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