PHLIPP lo­ser

PHIL­IPP Lo­ser

Das Magazin - - N° 47 — 24. November 2018 - PHIL­IPP LO­SER ist «Ma­ga­zin»-ko­lum­nist und Re­dak­tor des «Ta­ges-an­zei­gers».

Über den Nie­der­gang der CVP

lus­tigs­te Sze­ne im Be­richt der «Rund­schau» über Vio­la Am­herd kommt gleich am An­fang. «Ge­fällt Ih­nen die­ses ur­ba­ne Flair?», fragt der Jour­na­list. Am­herd schaut zu­erst ver­dutzt und muss dann lä­cheln. «Das ge­fällt mir sehr gut, ja­woll», sagt sie. «Wir ha­ben hier ganz vie­le Gar­ten­bei­zen, sehr ge­müt­lich.»

Am­herd, Bun­des­rats­kan­di­da­tin der CVP, ist nicht an der Zürcher Lang­stras­se. Fla­niert nicht auf ei­nem Bou­le­vard in Genf oder dem Rhein ent­lang in Ba­sel. Am­herd geht durch Brig.

Auch die zwei­te Frau auf dem Bun­des­ratsti­cket der CVP be­wegt sich in al­pi­nem Um­feld. In Erst­feld ist Hei­di Z’grag­gen da­heim, am Fus­se des Gott­hards, wo der Zug in ei­nem dunk­len Loch ver­schwin­det und je­der Blick un­wei­ger­lich an ei­ner Fels­wand en­det.

Es sei ein Sieg der Berg­kan­to­ne über die rest­li­che Schweiz, hiess es nach der No­mi­na­ti­on der CVP. Gar ei­ne Ver­schwö­rung wit­ter­te die un­ter­le­ge­ne Eli­sa­beth Schnei­der-schnei­ter aus dem Ba­sel­biet, wo es höchs­tens sanf­te Hü­gel gibt.

Das ist na­tür­lich Quatsch. Schnei­der-schnei­ter schei­ter­te nicht, weil sie aus dem Ba­sel­biet kommt. Son­dern we­gen ihr selbst. Kein Bun­des­rats­ma­te­ri­al. Dass die Kan­di­da­tin­nen für den Sitz von Do­ris Leuthard aus zwei Berg­kan­to­nen kom­men, trägt we­ni­ger die Zü­ge ei­ner Ver­schwö­rung, son­dern ist viel­mehr sym­pto­ma­tisch für die Not­la­ge, in der sich die Par­tei be­fin­det. Die zwölf er­folg­rei­chen Jah­re von Do­ris Leuthard in der Re­gie­rung ha­ben die grund­sätz­li­che Ma­lai­se der Christ­de­mo­kra­ten nur dürf­tig über­deckt. Der CVP fehlt es an al­lem: an Per­so­nal, an der Idee, am Auf­trag. Es nützt nichts, wenn ein Mann wie Ger­hard Pfis­ter an der Spit­ze nach vor­ne mar­schiert – und ihm da­bei nie­mand folgt.

Die CVP, das war die Par­tei des Son­der­bunds, ei­ne Par­tei mit ei­ner his­to­ri­schen Mis­si­on: die In­te­gra­ti­on der Ka­tho­li­ken in den jun­gen Bun­des­staat. Die­se Auf­ga­be ist er­füllt, heu­te trau­en sich so­gar Re­for­mier­te wie Eli­sa­beth Schnei­der-schnei­ter, für den Bun­des­rat zu kan­di­die­ren. Und weil die­se Auf­ga­be er­füllt ist, bleibt den ver­blie­be­nen Kräf­ten gar nichts an­de­res üb­rig, als sich auf je­ne Re­gio­nen zu kon­zen­trie­ren, in de­nen die Re­li­gi­on noch nicht ganz in die Be­deu­tungs­lo­sig­keit ge­drängt wur­de. Zu­rück in die Stamm­lan­de, in die länd­li­chen und die Ge­birgs­kan­to­ne.

Es ist ein Rück­zug oh­ne Al­ter­na­ti­ven. Die Ver­su­che, die Par­tei im Mit­tel­land und in den Städ­ten als pro­gres­siv-li­be­ra­le Kraft zu po­si­tio­nie­ren, wur­den durch den kon­ser­va­ti­ven Kurs von Pfis­ter be­en­det. Und nicht erst durch ihn! Die CVP hat­te in den re­for­mier­ten Ge­bie­ten und in den tat­säch­lich ur­ba­nen Räu­men schon im­mer ein Pro­blem. Mit dem Auf­stieg der SVP und der spä­te­ren Grün­dung der Grün­li­be­ra­len wur­de aus dem Pro­blem ei­ne Ka­ta­stro­phe. Kon­ser­va­ti­ve Cv­pler ver­ab­schie­de­ten sich nach rechts, pro­gres­si­ve­re nach links. Seit zwan­zig Jah­ren ge­winnt die CVP kei­ne eid­ge­nös­si­schen Wah­len mehr. En­de der 1990er-jah­re hat­te die Par­tei ei­nen Wäh­ler­an­teil von über 20 Pro­zent; in den Um­fra­gen für die Wah­len vom kom­men­den Jahr fällt die Par­tei erst­mals un­ter 10 Pro­zent, nur ei­ne Haa­res­brei­te von den Grü­nen ent­fernt.

Das ist al­les nicht neu, es wird ei­nem ein­fach schmerz­lich be­wusst, wenn man sieht, wie sich die Par­tei ab­müht, den Sitz von Do­ris Leuthard zu er­set­zen. Es ist ein Ster­ben in Ra­ten, ein tra­gi­sches Spek­ta­kel.

Tra­gisch, weil die­se Par­tei als aus­glei­chen­de Kraft in der Mit­te ei­gent­lich ei­ne wich­ti­ge Auf­ga­be hät­te. Tra­gisch auch, weil die CVP in ih­ren ka­tho­li­schen Stamm­lan­den noch im­mer ei­ne Macht ist, die lo­ka­le Wah­len mit gu­ten Leu­ten ge­winnt. Doch als al­pi­ne Mi­no­ri­tä­ten­par­tei hat sie in der Lan­des­re­gie­rung kei­ne Zu­kunft. Wenn sich nicht noch et­was dra­ma­tisch än­dert, dann en­det die Ge­schich­te der CVP als Bun­des­rats­par­tei am Fuss ei­nes Ber­ges. In Erst­feld oder in Brig.

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