NIKLAUS Pe­ter

Niklaus Pe­ter

Das Magazin - - N° 47 — 24. November 2018 - NIKLAUS PE­TER ist Pfarrer am Frau­müns­ter in Zü­rich.

Über Ma­ri­lyn­ne Ro­bin­son

Die meis­ten sei­ner Be­geg­nun­gen sei­en po­li­tisch ge­tak­tet: of­fi­zi­el­le Be­su­che in Fa­b­ri­ken, Re­den an Uni­ver­si­tä­ten etc. Wo­zu er fast nie Ge­le­gen­heit be­kom­me, sei ein frei­es Ge­spräch mit je­man­den, der ihn persönlich in­ter­es­sie­re. Da­her be­stieg der frü­he­re Us-prä­si­dent Ba­rack Oba­ma am 14. Sep­tem­ber 2015 die Air Force One und flog nach Des Moi­nes, Io­wa, um die Schrift­stel­le­rin Ma­ri­lyn­ne Ro­bin­son zu tref­fen. Das Ge­spräch wur­de auf­ge­zeich­net und in der «New York Re­view of Books» vom 5. No­vem­ber 2015 ge­druckt.

Lei­der spricht Oba­ma et­was viel und lässt Ro­bin­son bitz­li we­nig zu Wort kom­men. Aber sei­ne Fra­gen und Kom­men­ta­re sind klug, sein Sinn für gu­te Li­te­ra­tur ist of­fen­sicht­lich, denn Ro­bin­son ge­hört zu den be­deu­tends­ten zeit­ge­nös­si­schen Schrift­stel­le­rin­nen der USA. Ei­ne aus­ge­spro­che­ne Non­kon­for­mis­tin und ei­gen­stän­di­ge Den­ke­rin, ge­hört sie nicht zum agnos­ti­schen Jus­te­mi­lieu der Li­te­ra­ten, son­dern ist be­ken­nen­de Pro­tes­tan­tin, ja, hor­ri­bi­le dic­tu: ei­ne Cal­vi­nis­tin. Da­mit ist bei ihr ei­ne nüch­ter­ne, wa­che Ethik de­mo­kra­ti­scher Po­li­tik, der Men­schen­ rech­te und ei­ner Hu­ma­ni­tät be­zeich­net, die sie bei ih­ren Vor­fah­ren im Kampf ge­gen die Skla­ve­rei wie­der­fin­det und wei­ter­führt.

In ei­nem an­de­ren In­ter­view, in der NZZ, spricht sie von der «cal­vi­nis­ti­schen Vor­stel­lung», «dass je­de Be­geg­nung mit ei­nem an­de­ren Men­schen ei­ne Be­geg­nung mit Gott ist. Dass je­der Be­geg­nung die Fra­ge in­ne­wohnt, was Gott von die­sem be­son­de­ren Mo­ment ver­langt.» Die­se kla­re Grund­hal­tung ei­ner re­li­giö­sen Ethik jen­seits al­len Mora­lis­mus spie­gelt sich in ih­rer Ro­m­an­tri­lo­gie – «Gi­lead» (2004), «Ho­me» (2008) und «Li­la» (2014): Aus drei un­ter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven wer­den das ge­teil­te Le­ben, die ge­mein­sa­me Ge­schich­te und Prä­gung, die Ge­sprä­che und die gros­sen Fra­gen, die Lie­be und Tra­gik die­ser Men­schen er­zählt – die des Pfar­rers John Ames, sei­ner viel jün­ge­ren Frau Li­la und ih­res ge­mein­sa­men Söhn­chens und die kon­flikt­rei­che Be­zie­hung von Ames zum «schwie­ri­gen» Sohn sei­nes engs­ten Freun­des.

Und so wie Re­li­gi­on hier von den exis­ten­zi­el­len Fra­gen her buch­sta­biert wird, so ent­fal­tet Ma­ri­lyn­ne Ro­bin­son, ei­ne pro­mo­vier­te Ang­lis­tin und Sha­ke­speare­spe­zia­lis­tin, in ih­ren Es­says ein mul­ti­per­spek­ti­vi­sches Uni­ver­sum des Geis­tes. In ihm kommt das zur Spra­che, was in den ge­schlos­se­nen Wel­ten ei­nes re­li­giö­sen wie auch ei­nes athe­is­ti­schen Fun­da­men­ta­lis­mus im­mer schon be­ant­wor­tet und er­le­digt scheint.

In ih­rem neus­ten Es­say­band, «What are we do­ing he­re?» (2018), setzt sie sich mit dem Neo­dar­wi­nis­mus und der «Sel­fish Ge­ne»­ideologie aus­ein­an­der, ver­tei­digt die für die USA so wich­ti­ge, übel be­leum­de­te Denk­welt der Pu­ri­ta­ner und schreibt ein­drück­lich über die theo­lo­gi­schen Tu­gen­den Glau­be, Hoff­nung, Lie­be.

Am 26. No­vem­ber fei­ert Ma­ri­lyn­ne Ro­bin­son ih­ren 75. Ge­burts­tag. Und Do­nald Trump – dies ist frei­lich ei­ne po­le­mi­sche Ver­mu­tung – wird an die­sem Tag mit der Air Force One viel­leicht zu ei­nem sei­ner Golf­plät­ze oder röt­lich be­leuch­te­ten Ca­si­nos flie­gen.

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