HANS ul­rich Obrist

Das Magazin - - N° 47 — 24. November 2018 - HANS UL­RICH OBRIST ist künst­le­ri­scher Di­rek­tor der Ser­pen­ti­ne Gal­le­ries in Lon­don.

Das Tem­po­rä­re

Die Sa­che mit den schö­nen Din­gen ist, dass sie ir­gend­wann al­le wie­der ver­schwin­den. In mei­nem Fall gilt das vor al­lem für Ausstellungen. Man­che sind so gross­ar­tig, dass es ein­fach ein Jam­mer ist, wenn sie nach ei­ni­ger Zeit wie­der ab­ge­baut wer­den. So viel Zeit und Re­cher­che sind in je­de ein­zel­ne ge­flos­sen, da ist es dann grau­sam zu se­hen, wenn die Kunst­trans­por­teu­re und Zim­mer­män­ner kom­men und al­les weg­neh­men. Es gibt ein paar le­bens­er­hal­ten­de Mass­nah­men für Ausstellungen. Ver­län­ge­run­gen zum Bei­spiel oder Tour­ne­en. Aber auch die zö­gern das En­de nur hin­aus.

Seit ich Ausstellungen ma­che, den­ke ich dar­um dar­über nach, wie man sie dau­er­haf­ter ma­chen kann. Ka­ta­lo­ge sind ei­ne Mass­nah­me. Ein Be­gleit­pro­gramm mit Ge­sprä­chen, die auf­ge­zeich­net wer­den, ei­ne an­de­re. Und dann kam die Idee, Ausstellungen zu ma­chen, die zwar auf­hö­ren, aber im­mer wie­der neu be­gin­nen.

Mit dem Künst­ler Chris­ti­an Bol­tan­ski ha­be ich «Ta­ke Me (I’m Yours)» ent­wi­ckelt, ei­ne Schau mit drei Spiel­re­geln: Je­des Ob­jekt kann an­ge­fasst, mit­ge­nom­men oder um­ge­tauscht wer­den; es wer­den im­mer lo­ka­le Künst­ler be­rück­sich­tigt; und vor al­lem: Die Schau er­öff­net in re­gel­mäs­si­gen Ab­stän­den im­mer wie­der von Neu­em. Ei­ne zwei­te Aus­stel­lungs­rei­he sind die «Rooms». Zu­sam­men mit dem Ku­ra­tor Klaus Bie­sen­bach zei­gen wir le­ben­de Skulp­tu­ren, al­so Per­for­man­ces, die nicht ein­ma­lig sind, son­dern für die Dau­er der Aus­stel­lung je­den Tag von mor­gens bis abends durch­ge­hend zu se­hen sind, ei­ne je­de in ei­nem ei­ge­nen Raum. Be­gon­nen ha­ben wir 2011 mit «11 Rooms» und je­des Jahr ei­nen wei­te­ren Raum hin­zu­ge­fügt.

Aber na­tür­lich wird es auch da­mit ir­gend­wann ein En­de ha­ben. Nicht nur, dass bei «Ta­ke Me (I’m Yours)» die Gäs­te die Ex­po­na­te selbst aus dem Mu­se­um tra­gen und je­de Per­for­mance in den «Rooms» na­tür­lich ein we­nig an­ders und da­mit in­di­vi­du­ell ist – je­de Se­rie muss zu En­de ge­hen. Ge­gen die­se Lo­gik bin ich lei­der macht­los.

Des­halb ha­be ich mit dem Fil­me­ma­cher Heinz Pe­ter Schwer­fel im Auf­trag von Ar­te ei­ni­ge Ausstellungen do­ku­men­tiert, de­ren Ver­flüch­ti­gungs­ge­fahr be­son­ders hoch war – dar­un­ter, ne­ben In­stal­la­tio­nen von Jo­an Jo­nas und Phil­ip­pe Par­reno, auch die bei­den ge­nann­ten Pro­jek­te von mir.

Ich kann nur hof­fen, dass die­se Se­rie noch mög­lichst lan­ge wei­ter­ge­hen wird und wir vie­le, vie­le an­de­re Ausstellungen do­ku­men­tie­ren kön­nen. Da­mit, was schön ist, nicht schnö­de ver­schwin­det.

Oh Au­gen­blick, ver­wei­le doch! Xu Zhens Per­for­mance «In a Blink of an Eye» in der Aus­stel­lung «14 Rooms».

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