GERTA KEL­LER, GE­OR­GE STEINER

Das Magazin - - N° 48 — 1. Dezember 2018 - Finn Ca­no­ni­ca

In die­sem Heft por­trä­tie­ren wir die Pa­lä­on­to­lo­gin Gerta Kel­ler (Sei­te 8). Die For­sche­rin wuchs in der Schweiz auf, in ei­ner Fa­mi­lie mit zwölf Kin­dern. Als jun­ge Frau näh­te sie für ei­nen Pa­ri­ser Cou­turi­er Rock­säu­me, be­vor sie in die USA zog, ei­ne wis­sen­schaft­li­che Kar­rie­re be­gann und schliess­lich Pro­fes­so­rin in Prin­ce­ton wur­de. Selt­sa­mer­wei­se kam mir bei der Lek­tü­re des Tex­tes ein schma­les Buch in den Sinn. Ich ha­be in den letz­ten Jah­ren im­mer wie­der dar­in ge­le­sen, na­tür­lich, wie das bei je­dem gu­ten Buch der Fall ist, nicht im­mer al­les ver­stan­den. Das ist auch der Grund, wes­halb man ein Buch im­mer wie­der in die Hand nimmt: um bes­ser zu ver­ste­hen oder ein­fach an­ders zu ver­ste­hen – auch das hat ei­nen Wert.

Das Buch heisst «War­um Den­ken trau­rig macht». Ge­schrie­ben hat es der Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Ge­or­ge Steiner. Als ich es zum ers­ten Mal las, fiel mir nicht auf, dass es das gros­se Übel un­se­rer Zeit klar­macht: das stän­di­ge Ab­ge­lenkt­sein. Die­ses ner­vö­se Sprin­gen von ei­nem The­ma zum an­de­ren, die Un­fä­hig­keit, zu un­ter­schei­den zwi­schen ephe­me­ren Din­gen und sol­chen, die von Dau­er sind. Un­ser Den­ken – das schreibt Steiner in Sät­zen, die ei­nen me­lan­cho­lisch stim­men, weil sie so un­er­gründ­lich schön sind wie ein dunk­ler Teich – ist ge­prägt von gros­ser Un­ge­duld. Un­ge­duld dar­über, dass es eben manch­mal dau­ern kann, bis man ei­ne Sa­che wirk­lich ver­steht.

Ob Gerta Kel­ler das Buch ge­le­sen hat? Ich weiss es nicht. Nö­tig hat sie es be­stimmt nicht, die Frau weiss, was wirk­li­ches Den­ken be­deu­tet, schliess­lich hat sie Din­ge ge­se­hen, an die an­de­re nie­mals ge­dacht ha­ben: Kel­ler er­lang­te wis­sen­schaft­li­che Be­rühmt­heit, weil sie der so­ge­nann­ten Al­va­rez­hy­po­the­se wi­der­spricht, wo­nach die Di­no­sau­ri­er aus­ge­stor­ben sind als Fol­ge des Ein­schlags ei­nes gi­gan­ti­schen Me­teo­ri­ten. Kel­ler ent­wi­ckel­te da­ge­gen die Vul­kan­theo­rie und war da­mit lan­ge Zeit prak­tisch al­lein. Trau­rig scheint sie das nicht ge­macht zu ha­ben.

Zeu­gen­be­fra­gung: Die Pa­lä­on­to­lo­gin Gerta Kel­ler hat ei­ne der gröss­ten Kon­tro­ver­sen in der Ge­schich­te der Wis­sen­schaft aus­ge­löst.

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