En­de Le­gen­de: Die Di­no­sau­ri­er sind gar nicht we­gen ei­nes Me­teo­ri­ten­ein­schlags aus­ge­stor­ben.

Wie sind die Di­no­sau­ri­er aus­ge­stor­ben? Ei­ne Schwei­zer For­sche­rin hat den gröss­ten Streit in der Ge­schich­te der Pa­lä­on­to­lo­gie vom Zaun ge­bro­chen.

Das Magazin - - N° 48 — 1. Dezember 2018 - Von Bi­an­ca Bo­s­ker

REI­SE IN DIE VER­GAN­GEN­HEIT

Gerta Kel­ler er­war­te­te mich am Flug­ha­fen von Mum­bai, da­mit wir ge­mein­sam nach Hy­derabad wei­ter­flie­gen konn­ten. «Kei­ne Angst, Sie wer­den es über­le­ben», wa­ren ih­re ers­ten Wor­te an mich.

Ei­ne ei­gen­ar­ti­ge Be­grüs­sung. Bis da­hin hat­te ich die Ex­kur­si­on mit ei­ner drei­und­sieb­zig­jäh­ri­gen Pro­fes­so­rin für Geo­lo­gie und Pa­lä­on­to­lo­gie von der Uni­ver­si­tät Prin­ce­ton nicht als son­der­lich ris­kant ein­ge­schätzt. Kel­ler selbst wirk­te harm­los. Ei­ne zier­li­che La­dy mit ei­nem mat­ten, un­ge­stuf­ten Bob, an­ge­tan mit Wan­der­stie­feln und grau­er Trek­king­ho­se. Und was Da­men ge­wöhn­lich in der Hand­ta­sche ha­ben, schlepp­te sie in ei­ner Su­per­markt-kühl­ta­sche mit sich her­um.

Doch ich be­griff schnell, dass ih­re Be­grüs­sung durch­aus ih­ren Sinn hat­te. Wer sich wie Pro­fes­sor Kel­ler seit Jahr­zehn­ten mit Sze­na­ri­en des Mas­senster­bens be­fasst, zieht ir­gend­wann das Un­glück förm­lich an. Der an­dert­halb­stün­di­ge Flug nach Hy­derabad war noch nicht zu En­de, da kann­te ich ei­ne gan­ze Rei­he von Kel­lers Nah­tod-er­fah­run­gen. Ein­mal war die Ur­sa­che ei­ne He­pa­ti­tis (in Al­ge­ri­en wäh­rend ei­nes Staats­streichs), ein an­der­mal (in In­di­en) ei­ne Le­bens­mit­tel­ver­gif­tung. Und dann wa­ren da noch der aus­ser Kon­trol­le ge­ra­te­ne Bank­raub, bei dem sie an­ge­schos­sen wur­de, so­wie der Tag, an dem sie ver­such­te, sich sel­ber um­zu­brin­gen. Die­se Lis­te ist bei wei­tem nicht voll­stän­dig. Gerta Kel­ler hat in Dut­zen­den Län­dern geo­lo­gi­sche Un­ter­su­chun­gen durch­ge­führt und ih­re Hart­nä­ckig­keit mehr­mals bei­na­he mit dem Le­ben be­zahlt – sei es, dass sie zur Un­zeit ei­nem Pan­ther in die Que­re kam oder ei­ner Rie­sen­schlan­ge oder ei­nem auf­ge­brach­ten Mob wie in Hai­ti, von dem Volks­auf­stand in Me­xi­ko nicht zu re­den.

Nach der Darm­ge­schich­te hat­te sie sich vor­ge­nom­men, In­di­en nie wie­der zu be­tre­ten. An­de­rer­seits ist sie nicht der Typ, der ei­nem dro­hen­den De­sas­ter aus dem Weg geht, und so war sie nun doch nach Mum­bai ge­flo­gen– und hat­te sich schon vom Flug­zeu­ges­sen wie­der ei­ne Ma­gen­ver­stim­mung zu­ge­zo­gen.

Gerta Kel­ler war nach In­di­en ge­reist, um ei­ner Ka­ta­stro­phe nach­zu­spü­ren, die sie schon drei Jahr­zehn­te lang nicht los­liess: die Aus­lö­schung von drei Vier­teln des ir­di­schen Le­bens vor 66 Mil­lio­nen Jah­ren. Ein Su­per­in­fer­no, das, wie je­des Kind weiss, auch Pu­bli­kums­lieb­lin­ge wie die Di­no­sau­ri­er da­hin­raff­te. Mit auf die For­schungs­rei­se ge­hen wür­den drei Ver­bün­de­te Kel­lers: die Geo­lo­gen Thier­ry Adat­te von der Uni­ver­si­tät Lau­sanne, Sy­ed Kha­dri von der Sant Gadge Ba­ba Am­ra­va­ti Uni­ver­si­ty in Zen­tra­lin­di­en so­wie ihr Kol­le­ge Mi­ke Ed­dy aus Prin­ce­ton. Die drei hol­ten uns am Flug­ha­fen Hy­derabad in ei­nem Van oh­ne Si­cher­heits­gur­te ab, am Steu­er ein jun­ger Mann, der aus­sah, als gin­ge er noch zur Schu­le. Ge­mein­sam fuh-

ren wir in un­ser Ho­tel, das fünf St­un­den ent­fernt und so ab­seits lag, dass ich es auf der Kar­te kaum fin­den konn­te.

Aber es ist wohl al­les ei­ne Fra­ge der Per­spek­ti­ve. Wenn ich aus dem Au­to­fens­ter blick­te, ent­deck­te ich nichts als halb ver­hun­ger­te Kü­he und Reis­fel­der in Char­treu­se­grün, Kel­ler hin­ge­gen sah in al­lem den Schau­platz ei­nes ge­wal­ti­gen Mas­sa­kers. Und im­mer war sie auf der Su­che nach neu­en In­di­zi­en, die ih­re Hy­po­the­se über die Ur­sa­che des gros­sen Di­noster­bens stütz­ten und die gän­gi­ge Theo­rie vom Me­teo­ri­ten­ein­schlag wei­ter ent­kräf­te­ten. Die­sem Ar­ma­ged­donSze­na­rio zu­fol­ge star­ben die Di­no­sau­ri­er aus, nach­dem ein Me­teo­rit von fast zehn Ki­lo­me­tern Durch­mes­ser – das ist brei­ter, als der Mount Eve­r­est hoch ist – mit der Wucht von zehn Mil­li­ar­den Atom­bom­ben auf un­se­ren Pla­ne­ten krach­te. Der Ein­schlag ver­ur­sach­te ei­nen gi­gan­ti­schen Feu­er­ball, lös­te gross­flä­chi­ge Erd­be­ben und Tsu­na­mis aus und hüll­te den Erd­ball in jah­re­lan­ge er­sti­cken­de Dun­kel­heit. Bin­nen kür­zes­ter Zeit ver­wan­del­te der Ein­schlag un­se­re Er­de in ei­ne «alt­tes­ta­men­ta­ri­sche Höl­le», wie es ein Wis­sen­schaft­ler for­mu­lier­te.

Al­ler­dings hat­te die Wis­sen­schaft schon im­mer bi­zar­re Er­klä­run­gen für den plötz­li­chen Ab­gang der Di­no­sau­ri­er. Sie sei­en, hiess es, nach und nach an ih­rer Fress­sucht zu­grun­de ge­gan­gen, wo­mög­lich durch die Auf­nah­me von To­xi­nen. Viel­leicht hät­ten sie aber auch in ei­nem An­fall von ter­mi­na­ler Keusch­heit die Fort­pflan­zung ver­wei­gert. Oder aber ih­re Dumm­heit und ihr trä­ges Tem­pe­ra­ment sei­en selbst mit ei­nem prä­his­to­ri­schen Da­sein nicht mehr ver­ein­bar ge­we­sen – und der Tod aus exis­ten­zi­el­ler Lah­mar­schig­keit die un­ver­meid­li­che Fol­ge. Doch al­le die­se Theo­ri­en hat­ten sich mit ei­nem Schlag er­le­digt, als im Jahr 1980 der – be­reits mit dem No­bel­preis de­ko­rier­te – Phy­si­ker Lu­is Al­va­rez und drei Mit­strei­ter aus Ber­ke­ley in der Zeit­schrift «Sci­ence» be­rich­te­ten, dass sie an der geo­lo­gi­schen Grenz­schicht von Krei­de­zeit und Ter­ti­är ei­ne ano­mal ho­he Men­ge an Fos­si­li­en und Iri­di­um ent­deckt hat­ten. Iri­di­um ist ein sel­te­nes sil­ber­weis­ses Ele­ment tief aus den Ein­ge­wei­den von Pla­ne­ten, und das ge­mein­sa­me Vor­kom­men von Iri­di­um und Fos­si­li­en lie­fer­te des Rät­sels Lö­sung: Ein Me­teo­rit war auf die Er­de ge­knallt und hat­te da­bei iri­di­um­hal­ti­gen Staub gleich­mäs­sig über den Glo­bus ver­teilt, was ein Gross­teil der Le­be­we­sen nicht über­leb­te.

Die Hy­po­the­se schlug ein wie ei­ne, na ja, Bom­be, denn das mit dem aus­ser­ir­di­schen Kil­ler­bro­cken ver­stand selbst der Dümms­te. Es war zu­dem wie ein Jack­pot für Wis­sen­schafts­jour­na­lis­ten, die be­reits je­ne Über­sto­ry wit­ter­ten, wel­che Di­nos und Ali­ens zu ei­ner End­zeit­saga ver­band. Aber auch se­riö­se Wis­sen­schaft­ler nah­men in Re­kord­zeit die Spur auf, be­son­ders nach­dem 1991 das so­ge­nann­te Im­pakt­la­ger den hun­dert­acht­zig Ki­lo­me­ter brei­ten Ein­schlag­kra­ter na­he der me­xi­ka­ni­schen Ort­schaft Chic­xulub auf der Halb­in­sel Yu­ca­tán als Ort des Dra­mas iden­ti­fi­ziert hat­te. Chic­xulub, das war von nun an The Cra­ter of Doom, und Schul­buch­ver­la­ge wie Na­tur­kun­de­mu­se­en be­eil­ten sich, ihr Lehr­ma­te­ri­al auf den neus­ten Stand zu brin­gen. Der neu­es­te Stand lau­te­te: Ein Kil­ler­me­teo­rit hat die Di­nos vom An­ge­sicht der Er­de hin­weg­ge­fegt.

Die Im­pakt­theo­rie war die Ant­wort auf ein al­tes Pro­blem der Geo­wis­sen­schaf­ten und bot im wei­te­ren Ver­lauf ein ge­ra­de­zu herz­er­wär­men­des Bei­spiel für die In­te­gri­tät der wis­sen­schaft­li­chen Me­tho­de. Das State­ment ei­nes Pro­fes­sors für Pla­ne­to­lo­gie im Nach­rich­ten­ma­ga­zin «Time» war ty­pisch für die­se Hal­tung. «Mit der Im­pakt­theo­rie», be­haup­te­te der Ex­per­te, «sind wir so nah an der wis­sen­schaft­li­chen Ge­wiss­heit, wie man über­haupt nur kom­men kann.»

Al­le glaub­ten das. Aus­ser Gerta Kel­ler. «Das Gan­ze hört sich eher an wie ein Mär­chen: ‹Di­cker Klotz vom Him­mel fällt Di­no auf den Kopf, und, bumm, weg ist er.› Die Zu­ta­ten sind ja al­le sehr schön», er­klärt Kel­ler. «Das Dum­me ist nur: Die Ge­schich­te stimmt nicht.»

Wäh­rend die Mehr­heit ih­rer Kol­le­gen die Hy­po­the­se vom To­des­me­teo­ri­ten von Chic­xulub mehr oder we­ni­ger un­be­se­hen ak­zep­tier­te, wi­der­sprach Kel­ler en­er­gisch und po­si­tio­nier­te sich qua­si aus­ser­halb der wis­sen­schaft­li­chen Ge­mein­schaft. Ei­ne ein­sa­me Mah­ne­rin. Mit ei­ner wie ihr re­de­te man nicht mehr.

Kel­ler hat­te ei­ne Ge­gen­theo­rie. Sie lau­te­te: Das gros­se Ar­ten­ster­ben wur­de nicht durch ei­nen Me­teo­ri­ten aus­ge­löst, der zur fal­schen Zeit am fal­schen Ort war, son­dern durch den Aus­bruch ei­ner Rei­he von Su­per­vul­ka­nen im so­ge­nann­ten Dek­kan­trapp im west­li­chen In­di­en. (Trapp nennt man ei­ne trep­pen­ar­ti­ge Gesteins­for­ma­ti­on aus ur­sprüng­lich dünn­flüs­si­ger La­va.) Die Theo­rie wur­de 1978 pu­bli­ziert, aber von den meis­ten Wis­sen­schaft­lern schnell wie­der ad ac­ta ge­legt. Kel­lers neue­re Un­ter­su­chun­gen, mit et­li­chen Spe­zia­lis­ten in der gan­zen Welt durch­ge­führt und in Fach­pe­ri­odi­ka ver­öf­fent­licht, zwan­gen im­mer­hin ei­nen Teil ih­rer Fach­kol­le­gen, sich die Da­ten noch ein­mal vor­zu­neh­men.

Mehr noch, Kel­lers Wi­der­stand ge­gen die herr­schen­de Lehr­mei­nung ka­ta­pul­tier­te sie mit­ten ins Ge­tüm­mel ei­nes Wis­sen­schafts­streits, der in punc­to Dau­er und Hef­tig­keit sei­nes­glei­chen sucht. Kel­ler hat fest­ge­hal­ten, was ihr von an­de­ren Wis­sen­schaft­lern so al­les an den Kopf ge­wor­fen oder nach­ge­sagt wur­de: Ein «durch­trie­be­nes Biest» sei sie, mit­hin die «ge­fähr­lichs­te Frau der Welt», die ei­gent­lich «ge­stei­nigt und ver­brannt» ge­hör­te.

Nun ist das gros­se Ar­ten­ster­ben an der Krei­deTer­ti­är­gren­ze nicht ir­gend­ein ab­sei­ti­ges Spe­zi­al­the­ma, das ei­gent­lich kei­nen Men­schen in­ter­es­siert. Di­no­sau­ri­er sind das, was Pa­lä­on­to­lo­gen als «cha­ris­ma­ti­sche Su­per­fau­na» be­zeich­nen, will sa­gen: Sie sind se­xy. Freund­li­che Rie­sen, de­ren Aus­lö­schung kein füh­len­des Herz un­be­rührt lässt. Ihr Un­ter­gang nach 135 Mil­lio­nen Jah­ren un­an­ge­foch­te­ner Do­mi­nanz ent­hält viel­leicht auch die Ant­wort dar­auf, wie

wir un­ser ei­ge­nes En­de ver­hin­dern oder zu­min­dest ver­zö­gern kön­nen. Aber wie hat­te Kel­ler ge­sagt? «Die Zu­ta­ten sind ja al­le sehr schön. Das Dum­me ist nur: Die Ge­schich­te stimmt nicht.»

ME­TEO­RI­TEN-AL­VA­REZ

Im Lauf ih­rer vier­ein­halb Mil­li­ar­den Jah­re wäh­ren­den Exis­tenz hat die Er­de schon öf­ter ge­gen ih­re Be­woh­ner aus­ge­teilt. Fünf­mal kam es da­bei zu ei­nem Mas­senster­ben. Vor 700 Mil­lio­nen Jah­ren ver­ban­den sich die Ein­zel­ler zu Mehr­zel­lern. Vor 444 Mil­lio­nen Jah­ren wur­den fast al­le die­se Le­be­we­sen wie­der ver­nich­tet – die ers­te Apo­ka­lyp­se. Die Er­de er­hol­te sich, die ers­ten Fi­sche tauch­ten in den Mee­ren auf, am­phi­bi­sche Qua­dru­peden krab­bel­ten an Land, doch dann, vor 372 Mil­lio­nen Jah­ren, die nächs­te Ka­ta­stro­phe. Drei Vier­tel der da­ma­li­gen Le­be­we­sen star­ben. An­schlies­send ging es wie­der mehr als hun­dert Mil­lio­nen Jah­re lang gut. Die ers­ten Rep­ti­li­en be­sie­del­ten den Pla­ne­ten, leg­ten die ers­ten Ei­er mit har­ter Scha­le, wäh­rend Pflan­zen Sa­men ent­wi­ckel­ten. In den Ur­wäl­dern schwirr­ten Li­bel­len mit ei­ner Spann­wei­te von über ei­nem hal­ben Me­ter, Tau­send­füss­ler hat­ten die Län­ge von Per­so­nen­wa­gen. Dann, vor 252 Mil­lio­nen Jah­ren, be­gann aber­mals das gros­se Ster­ben. Am En­de wa­ren 96 Pro­zent sämt­li­cher Spe­zi­es ver­schwun­den. Die we­ni­gen Über­le­ben­den mach­ten wei­ter, ver­mehr­ten sich, bis, vor 201 Mil­lio­nen Jah­ren, er­neut die Hälf­te al­len ter­res­tri­schen Le­bens aus­ra­diert wur­de.

Das Zeit­al­ter der Di­no­sau­ri­er be­gann wäh­rend der Kon­ti­nen­tal­drift. Land­mas­sen, die seit Mil­lio­nen von Jah­ren den Su­per­kon­ti­nent Pan­gäa ge­bil­det hat­ten, trenn­ten sich, Ozea­ne ström­ten in die Ris­se ein – und mit ih­nen Schwäm­me, Haie, Schne­cken, Koral­len und Kro­ko­di­le. An Land herrsch­te über­wie­gend Ba­de­ho­sen­wet­ter. Bis zum 45. Brei­ten­grad Nord – das ist in et­wa die heu­ti­ge Gren­ze zwi­schen den USA und Ka­na­da – herrsch­te ein feuch­tes, sub­tro­pi­sches Kli­ma. Am eis­frei­en Nord­pol wuch­sen Kie­fern, Far­ne und di­ver­se Pal­men­ge­wäch­se. Der Ste­go­sau­rus (der mit dem Schild) hat­te sei­ne Zeit auf Er­den, starb aus und mach­te dem Ty­ran­no­sau­rus Platz. Nur um die Zei­t­räu­me zu ver­deut­li­chen: Ste­go­sau­rus und Ty­ran­no­sau­rus lie­gen zeit­lich wei­ter aus­ein­an­der (näm­lich 67 Mil­lio­nen Jah­re) als Ty­ran­no­sau­rus und Mensch (66 Mil­lio­nen). Es war ei­ne Epo­che der evo­lu­tio­nä­ren In­no­va­ti­on, wel­che nicht nur die ers­ten Blü­ten­pflan­zen her­vor­brach­te, son­dern auch die hö­he­ren Säu­ger (Pla­zen­ta­tie­re) so­wie die gröss­ten Land­le­be­we­sen, die je über den Pla­ne­ten tram­pel­ten. Dem Le­ben auf der Er­de ging es präch­tig, bis aber­mals et­was ge­schah, wo­mit kei­ner rech­nen konn­te. Zu­min­dest wenn man der Al­va­rez-theo­rie glaubt.

Die Di­nos hat­ten kei­ne Ah­nung, dass ihr En­de an ei­nem ein­zi­gen «schwar­zen Wo­che­n­en­de» be­sie­gelt war, und in­fol­ge­des­sen auch kei­ne Chan­ce, dem In­fer­no zu ent­ge­hen. Schon am dar­auf­fol­gen­den Mon­tag war die Sa­che im Prin­zip ge­lau­fen: Di­cker Klotz vom Him­mel fällt Di­no auf den Kopf, und, bumm, weg ist er. (Ar­ten hin­ge­gen, die das «schwar­ze Wo­che­n­en­de» und die Fol­gen über­stan­den, exis­tie­ren teil­wei­se bis heu­te, zum Bei­spiel Gink­go­bäu­me, Ma­gno­li­en, Ka­ker­la­ken, Kro­ko­di­le und Schild­krö­ten, von de­nen Kel­ler ei­ni­ge zu Hau­se hat.)

Der Al­va­rez-me­teo­rit war ein Ge­schenk an al­le Ka­tak­lys­men­theo­re­ti­ker, so nennt man je­ne, die da­von aus­ge­hen, dass die Ent­wick­lung auf der Er­de von de­sas­trö­sen Um­wäl­zun­gen mit an­schlies­sen­der Neu­schöp­fung ge­prägt ist. Es kann je­den tref­fen – je­der­zeit. Die An­hän­ger der Theo­rie ver­wei­sen da­bei auf die Fos­si­li­en von Land- und ma­ri­nen Le­be­we­sen, die, geo­lo­gisch ge­spro­chen, an ei­nem Tag noch vor­han­den wa­ren und am nächs­ten Tag nicht mehr. «Ei­ne der­art ab­rup­te To­tal­aus­lö­schung gab es zu­vor nie», sagt der Geo­wis­sen­schaft­ler Se­an Gulick von der Uni­ver­si­ty of Te­xas in Aus­tin. «Der geo­lo­gi­sche Be­fund er­gibt ei­nen Schnitt, wie mit dem Mes­ser ge­zo­gen.» Al­so ge­nau das, was so ein Me­teo­rit an­rich­tet.

Aus die­sem Grund traf Al­va­rez’ Me­teo­ri­ten­hy­po­the­se zu­nächst auch auf er­heb­li­chen Wi­der­stand aus der so­ge­nann­ten gra­dua­lis­ti­schen Denk­schu­le, wel­che die Evo­lu­ti­on als all­mäh­li­che Ent­wick­lung oh­ne grös­se­ren Knall­ef­fekt be­greift. Aus ih­ren Rei­hen kam auch Kel­ler.

An ei­ner Kon­fe­renz über glo­ba­le Ka­ta­stro­phen prä­sen­tier­te sie im Jahr 1988 die Er­geb­nis­se ih­rer drei­jäh­ri­gen Un­ter­su­chung ei­ner Gesteins­sek­ti­on im tu­ne­si­schen El Kef. Der Ort gilt un­ter Geo­wis­sen­schaft­lern als der ver­läss­lichs­te Pro­ben­lie­fe­rant in der Ex­tink­ti­ons­for­schung. Kel­ler kon­zen­trier­te sich in ih­rer Stu­die auf die Fos­si­li­en von Fo­ra­mi­ni­fe­ren, ein­zel­li­gen Mee­res­be­woh­nern. Leu­te, die die Tier­chen ken­nen, nen­nen sie lie­be­voll «Forams». (Und Kel­ler zählt selbst Plank­ton zu ih­ren al­ten Freun­den.) Da die­se Fos­si­li­en so zahl­reich und so gut er­hal­ten sind, die­nen sie Pa­lä­on­to­lo­gen gern als Kron­zeu­gen für das Wohl und We­he auch an­de­rer Le­be­we­sen.

Als Kel­ler die Pro­ben aus El Kef nä­her in Au­gen­schein nahm, fand sie kei­ner­lei Hin­weis auf ein «schwar­zes Wo­che­n­en­de», da­für Spu­ren ei­nes gan­zen schwar­zen Zeit­al­ters. Drei­hun­dert­tau­send Jah­re vor dem Ein­schlag des Al­va­rez-me­teo­ri­ten, so fand Kel­ler her­aus, ging es mit den Forams be­reits berg­ab. Sie ver­lo­ren mehr und mehr ih­re Wi­der­stands­kraft, und plötz­lich, ganz schnell, hat­te sich ih­re Zahl um ein Drit­tel ver­rin­gert. «Ich schloss dar­aus, dass für die­sen Schwund nicht nur ein ein­zi­ges Er­eig­nis ver­ant­wort­lich sein konn­te», er­klär­te sie mir. «Mehr woll­te ich auf die­ser Kon­fe­renz auch gar nicht sa­gen. Trotz­dem gab es gleich Tu­mul­te.»

Kel­ler war nicht ein­mal mit der Ein­lei­tung durch, als sie vom Fach­pu­bli­kum im Saal qua­si zer­ris­sen wur­de. Zwi­schen­ru­fe aus dem Pu­bli­kum hin­der­ten sie am Wei­ter­re­den: «Al­les Quatsch!» – «Sie ha­ben ja kei­ne Ah­nung!» – «Das ist so was von da­ne­ben!»

Be­lei­di­gun­gen be­glei­te­ten die De­bat­te (Stich­wort «Di­no­sau­ri­er­krieg») schon län­ger. Al­va­rez, der Va­ter der Me­teo­ri­ten­theo­rie, schlug seit je­her ei­nen hef­ti­gen Ton an, wenn es dar­um ging, sei­ne ei­ge­nen wis­sen­schaft­li­chen Gross­ta­ten ab­zu­fei­ern: Er flog zum Bei­spiel in der Bo­eing B-29 mit, die den Hi­ro­shi­m­a­bom­ber be­glei­te­te, oder ver­such­te, die ägyp­ti­schen Py­ra­mi­den zu rönt­gen auf der Su­che nach ver­steck­ten Gr­ab­kam­mern. Selbst der No­bel­preis für Phy­sik 1968 hat­te wohl sein Ego nicht be­frie­di­gen kön­nen. Im Ge­gen­teil, er nutz­te sei­nen Hel­den­sta­tus, um je­den Zweif­ler mit Hä­me zu über­gies­sen. «Bei al­ler Hoch­ach­tung für un­se­re Pa­lä­on­to­lo­gen», liess er ein­mal der «Ti­mes» ge­gen­über ver­lau­ten, «aber sie sind ein­fach kei­ne gu­ten Wis­sen­schaft­ler. Ei­gent­lich ha­ben sie mehr Ähn­lich­keit mit Brief­mar­ken­samm­lern.»

Und dass auch aus an­de­ren Dis­zi­pli­nen Wis­sen­schaft­ler in den Sau­rier­krieg ein­tra­ten, mach­te es nicht bes­ser, son­dern be­feu­er­te die Strei­tig­kei­ten zu­sätz­lich. Pa­lä­on­to­lo­gen be­äug­ten miss­bil­li­gend die neu da­zu­ge­stos­se­nen Phy­si­ker, auf der an­de­ren Sei­te mein­ten die Phy­si­ker, die Brief­mar­ken­samm­ler sei­en bloss nei­disch, weil an­de­re das Rät­sel des Welt­un­ter­gangs vor ih­nen ge­löst hat­ten. Wis­sen­schaft­li­che Me­tho­den und Stan­dards aus den di­ver­sen Fach­be­rei­chen wa­ren of­fen­bar nicht un­ter ei­nen Hut zu brin­gen. Wo Phy­si­ker auf Re­chen­mo­del­le setz­ten, ver­lang­ten Geo­lo­gen nach Mes­s­er­geb­nis­sen, die nur durch um­fang­rei­che Boh­run­gen zu er­brin­gen wa­ren. Selbst Spe­zia­lis­ten aus di­rek­ten Nach­bar­ge­bie­ten wie Geo­lo­gie und Pa­lä­on­to­lo­gie ge­rie­ten sich über die Schluss­fol­ge­run­gen aus ein und der­sel­ben Be­ob­ach­tung, ein und dem­sel­ben Da­ten­ma­te­ri­al in die Haa­re. Voll­zog sich der Un­ter­gang so vie­ler Spe­zi­es schnell (was zur Me­teo­ri­ten­theo­rie pass­te) oder lang­sam (wie die Gra­dua­lis­ten mein­ten)? In der Hoff­nung, end­lich ei­ne ge­mein­sa­me Ba­sis zu eta­blie­ren, ver­an­stal­te­ten Wis­sen­schaft­ler 1997 ei­nen Blind­test, in dem an sechs For­scher iden­ti­sche Fos­si­li­en­pro­ben zur Be­gut­ach­tung aus­ge­ge­ben wur­den. Doch die Er­geb­nis­se der Pro­ban­den spie­gel­ten letzt­lich nur die all­zu be­kann­ten Po­si­tio­nen – und die heil­lo­se Zer­strit­ten­heit der wis­sen­schaft­li­chen Ge­mein­de.

In­ner­halb der ein­zel­nen Dis­zi­pli­nen sah es kaum bes­ser aus. Sech­zig Jah­re lang zank­ten sich Geo­lo­gen, bis sie sich auf ei­ne ge­mein­sa­me Hal­tung zur Kon­ti­nen­tal­ver­schie­bung ge­ei­nigt hat­ten. Al­va­rez hin­ge­gen schaff­te es auf sei­ne Art, die Dis­kus­si­on bin­nen zwei Jah­ren zu be­en­den: «Es herrscht Ei­nig­keit dar­über, dass es den Me­teo­ri­ten­ein­schlag ge­ge­ben hat und dass er zur Aus­lö­schung ei­nes Gross­teils der Mee­res­fau­na ge­führt hat…», er­klär­te er 1982 in ei­nem Vor­trag.

Nach Al­va­rez’ Tod 1988, führ­ten sei­ne Nach­fol­ger den Kampf wei­ter – na­ment­lich sein Sohn Walter und ein nie­der­län­di­scher Geo­lo­ge na­mens Jan Smit, den Kel­ler ei­nen «cra­zy SOB» (son of a bitch) nennt und auf den ich noch zu spre­chen kom­men wer­de.

Je mehr Be­wei­se Gerta Kel­ler ge­gen die Me­teo­ri­ten­theo­rie sam­mel­te, des­to wü­ten­der wur­den die Atta­cken der Ver­fech­ter des Im­pakts. Kel­ler sei un­wis­sen­schaft­lich und un­ethisch, kurz: nichts wei­ter als ein «Quäl­geist». Kel­ler, die sich den Schneid nicht ab­kau­fen las­sen woll­te, hielt im glei­chen Ton da­ge­gen und schmäh­te ein­zel­ne Wi­der­sa­cher gern als «Heul­su­se», «pri­mi­ti­ve Schlä­ger­ty­pe» oder auch als «Do­nald Trump der Wis­sen­schaft».

«IMPAKTER» VS. «VULKANISTEN»

Kel­ler woll­te in In­di­en ver­schie­de­ne Gesteins­pro­ben sam­meln. Los ging es in Ba­sar, ei­nem stau­bi­gen 5800-See­len-nest in der Lan­des­mit­te, und die Ta­ge lie­fen im­mer gleich ab. Von mor­gens halb acht bis oft um Mit­ter­nacht schwärm­ten wir aus, um in ent­le­ge­nen St­ein­brü­chen Ma­te­ri­al zu si­chern. Auf den stun­den­lan­gen Fahr­ten war ich oft mit der gan­zen Un­gleich­zei­tig­keit die­ses Lan­des kon­fron­tiert, sah Frau­en mit Was­ser­krü­gen auf dem Kopf und hun­dert Me­ter wei­ter Schaf­hir­ten, die mit ih­ren Smart­pho­nes spiel­ten.

Die Geo­lo­gen such­ten nach so­ge­nann­ten «Auf­schlüs­sen» – al­so Stel­len, wo durch Ero­si­on, Bau­mass­nah­men oder tek­to­ni­sche Ak­ti­vi­tät tie­fe­re Gesteins­schich­ten frei­ge­legt sind –, die Aus­kunft über die geo­lo­gi­sche Ge­schich­te des Ter­rains ge­ben konn-

ten. Für je­man­den, der in Jahr­mil­lio­nen denkt, zeig­te sich Kel­ler da­bei oft er­staun­lich un­ge­dul­dig. Je­de Mi­nu­te, in der nichts Kon­kre­tes ge­schah, schien sie, die ne­ben mir auf dem Rück­sitz sass, per­sön­lich zu är­gern. «War­um geht das so lang­sam?», drän­gel­te sie, nach­dem sie ei­nen miss­bil­li­gen­den Blick auf den Ta­cho­me­ter des Wa­gens ge­wor­fen hat­te. Dass der Fah­rer im­mer wie­der auf die Ge­gen­fahr­bahn aus­scher­te, um an den lang­sa­me­ren Fahr­zeu­gen vor­bei­zu­kom­men, in­ter­es­sier­te sie nicht. «Soll ich viel­leicht aus­stei­gen und schie­ben?», sag­te sie. Doch selbst im länd­li­chen Raum war die Ver­kehrs­si­tua­ti­on, wie sie war – freie Bahn hat­te hier nie­mand. Des­halb wur­den von ihr als Ers­tes die Tee­pau­sen ge­stri­chen, und die Mahl­zei­ten nutz­te sie vor al­lem da­für, von ih­ren Kol­le­gen zu­ge­sag­te Ma­nu­skript­bei­trä­ge ein­zu­for­dern.

Kel­lers ei­ge­ne Pu­bli­ka­ti­ons­lis­te ent­hält mehr als 250 Ar­ti­kel, von de­nen sich über die Hälf­te mit der Wi­der­le­gung der Im­pakt­theo­rie be­fasst. Nach ih­rem 1988 er­schie­ne­nen Auf­satz über die Fo­ra­mi­ni­fe­ren in Tu­ne­si­en woll­te sie wis­sen, ob sich das gra­du­el­le Ex­tink­ti­ons­mus­ter, das sie in El Kef vor­ge­fun­den hat­te, auch an­ders­wo fest­stel­len liess. Zu die­sem Zweck un­ter­such­te sie Foram-po­pu­la­tio­nen an an­nä­hernd drei­hun­dert Or­ten rund um den Glo­bus, wo­bei sich ihr ers­ter Be­fund er­här­te­te: «kein Hin­weis auf ein plötz­li­ches Ar­ten­ster­ben». Statt­des­sen stiess sie auf An­zei­chen von zu­neh­men­dem Um­welt­stress, und dies be­reits 300 000 Jah­re vor dem Aus­ster­ben der be­tref­fen­den Spe­zi­es. Die Forams zum Bei­spiel wur­den nicht nur klei­ner und zah­len­mäs­sig we­ni­ger, auch ih­re Viel­falt litt – bis nur noch ei­ne Hand­voll Ar­ten üb­rig wa­ren. Die­se Er­geb­nis­se deck­ten sich mit Be­ob­ach­tun­gen, die vie­le Pa­lä­on­to­lo­gen für den­sel­ben Zei­t­raum bei Land­le­be­we­sen ge­macht hat­ten.

Und of­fen­bar, so Kel­lers Ver­dacht, war der Ein­schlag bei Chic­xulub auch nicht so zer­stö­re­risch, wie im­mer be­haup­tet wur­de. Zu­min­dest stiess sie in El Pe­ñón, west­lich des Ein­schlag­kra­ters, auf For­am­po­pu­la­tio­nen, die sich auch nach dem «schwar­zen Wo­che­n­en­de» noch bes­ter Ge­sund­heit er­freu­ten. So­gar pho­to­syn­the­ti­sche Le­be­we­sen, de­nen die dunk­le Staub­wol­ke ei­gent­lich hät­te das Licht rau­ben müs­sen, schei­nen das Er­eig­nis über­lebt zu ha­ben.

Und dann wa­ren da noch die vier vor­an­ge­gan­ge­nen Su­per­ka­ta­stro­phen. Kei­ne da­von ging auf ei­nen Im­pakt zu­rück, ob­wohl un­ser Pla­net im Ver­lauf der Erd­ge­schich­te dies­be­züg­lich ei­ni­ges weg­ste­cken muss­te.

Kel­ler fand auch das Ti­ming des Ein­schlags frag­wür­dig. Die «Impakter» kop­pel­ten seit je­her das Ar­ten­ster­ben zeit­lich an den Ein­schlag in Chic­xulub, ob­wohl nur der Zeit­punkt des Ar­ten­ster­bens weit­ge­hend fest­stand, näm­lich vor 66 Mil­lio­nen Jah­ren. Man schloss auf ei­nen Zu­sam­men­hang, weil die Ver­hee­run­gen des Ein­schlags so­fort wirk­sam ge­wor­den sein muss­ten, doch streng ge­nom­men han­del­te es sich um ei­nen Zir­kel­schluss. Des­halb mach­te sich Kel­ler 2002 da­ran zu un­ter­su­chen, ob bei­des tat­säch­lich zeit­gleich ge­schah. Bei Tief­boh­run­gen im Chic­xulub-kra­ter ent­deck­te sie ei­ne halb­me­ter­di­cke Kalk- und Se­di­ment­schicht, und zwar ge­nau zwi­schen dem Fall­out des Me­teo­ri­ten und dem Mas­sen­grab der Forams. Ei­ne Schicht, die Tau­sen­de Jah­re ge­braucht hat­te, um so dick zu wer­den. Da auch Boh­run­gen in Hai­ti, Te­xas und an­ders­wo in Me­xi­ko zu ähn­li­chen Re­sul­ta­ten ka­men, lag für Kel­ler die Fol­ge­rung na­he, dass der Me­teo­rit 200 000 Jah­re vor dem Ar­ten­ster­ben ein­ge­schla­gen sein muss­te und so un­mög­lich die Ur­sa­che da­für sein konn­te.

Was aber war dann die Ur­sa­che? Kel­ler fahn­de­te nach wei­te­ren Ver­däch­ti­gen. Es muss­te ei­ne Be­las­tungs­quel­le sein, die erst im Lauf von Hun­dert­tau­sen­den von Jah­ren zur töd­li­chen Ge­fahr wur­de, denn nur so liess sich der lan­ge To­des­kampf der Forams er­klä­ren: krank, aber noch nicht tot.

Es gab ei­nen viel­ver­spre­chen­den An­halts­punkt. Je­des frü­he­re Mas­senster­ben stand in en­gem Zu­sam­men­hang mit den Erup­tio­nen von Su­per­vul­ka­nen, die je­weils ei­ne Mil­li­on Jah­re an­dau­er­ten. Und das fünf­te Mas­senster­ben, wel­ches auch das En­de der Di­no­sau­ri­er be­deu­te­te, fiel zu­fäl­lig in die­sel­be Pe­ri­ode, in der ei­ner der gröss­ten Vul­ka­ne im Dek­kan-trapp er­wach­te. Wo­bei die Ge­fähr­lich­keit ei­nes Vul­kans nicht al­lein von sei­ner Grös­se ab­hängt, son­dern auch von der Fre­quenz sei­ner Erup­tio­nen. Die Er­de kann sich von den schlimms­ten Um­welt­ka­ta­stro­phen er­ho­len, es sei denn, sie tre­ten so häu­fig ein, dass sich

die Schä­den ad­die­ren und ir­gend­wann kei­ne Mög­lich­keit mehr zur Rück­kehr in den Nor­mal­zu­stand be­steht.

Der in­di­sche Dek­kan-trapp ent­stand durch die Frei­set­zung von ge­schätzt 1,2 Mil­lio­nen Ku­bik­ki­lo­me­tern La­va auf ei­nem Ge­biet von der drei­fa­chen Grös­se Frank­reichs.

Bis Mit­te der 1980er glaub­te man, die Erup­tio­nen der Dek­kan-vul­ka­ne hät­ten sich über Jahr­mil­lio­nen ver­teilt und sei­en in ih­rer In­ten­si­tät eher harm­los ge­we­sen. Ei­ne 1986 ver­öf­fent­lich­te Un­ter­su­chung kam zwar zu dem Schluss, dass das Zeit­fens­ter nur ei­ne Mil­li­on Jah­re weit war, al­ler­dings konn­te man im­mer noch kei­ne Ver­bin­dung zum Ar­ten­ster­ben her­stel­len. Erst Kel­lers 2008 ver­öf­fent­lich­te Ar­beit über den Vul­ka­nis­mus in der Re­gi­on lie­fer­te neu­es Ma­te­ri­al, das ei­nen Zu­sam­men­hang zu­min­dest mög­lich er­schei­nen liess. Für die Zeit un­mit­tel­bar vor dem Ar­ten­ster­ben do­ku­men­tier­te sie gi­gan­ti­sche La­va­strö­me, die un­mit­tel­bar un­ter jün­ge­ren Schich­ten la­gen – mit den ver­stei­ner­ten Über­res­ten von Le­be­we­sen, die erst nach der Apo­ka­lyp­se ent­stan­den. Mit ver­bes­ser­ten Da­tie­rungs­me­tho­den konn­ten Kel­ler und Kol­le­gen die Ak­ti­vi­tät der Dek­kan-vul­ka­ne so­gar auf 750 000 Jah­re ein­gren­zen. Zweck un­se­rer Rei­se war es nun, den Nach­weis zu er­brin­gen, dass die gröss­te und er­gie­bigs­te Erup­ti­on auf die letz­ten 60 000 Jah­re vor dem Ar­ten­ster­ben da­tiert wer­den konn­te. Die gros­se Fra­ge da­bei lau­te­te: Gab es ei­nen Zu­sam­men­hang zwi­schen den gröss­ten Erup­tio­nen in Dek­kan und ei­ner Zu­nah­me der welt­wei­ten Um­welt­be­las­tung bis zum Ar­ten­tod? Ba­sar liegt öst­lich ei­nes der höchs­ten Punk­te im Dek­kan-trapp, dort muss das Epi­zen­trum ge­we­sen sein. Kel­ler hat­te sich auch aus ei­nem an­de­ren Grund für Ba­sar ent­schie­den: die mäch­ti­gen Bas­alt­ab­la­ge­run­gen in der Ge­gend, stei­ner­ne Zeu­gen ei­nes gi­gan­ti­schen La­va­stroms, der dem Ar­ten­tod vor­aus­ging. Um dies zu be­wei­sen, muss­te sie al­ler­dings das Al­ter des Gesteins be­stim­men las­sen.

Auf ei­ner un­se­rer Ex­kur­sio­nen hielt un­ser Van ein­mal un­ver­mit­telt in der Keh­re ei­ner Ser­pen­ti­ne, und al­le spran­gen aus dem Wa­gen, um den durch die Stras­se ge­schaf­fe­nen Auf­schluss zu stu­die­ren. Ich ver­stand erst nicht, was so be­son­ders an der Stel­le sein soll­te. Über dem As­phalt er­hob sich hang­seits ei­ne me­ter­di­cke Schicht aus ei­nem hell­brau­nen Schot­ter­ma­te­ri­al, über­la­gert von ei­nem dün­nen meer­grü­nen Band aus weit­aus kom­pak­te­rem Fels­ge­stein. Dar­über wie­der­um war ein ro­sa Strei­fen zu er­ken­nen, der nach oben hin von brau­nen, mit weis­sem Wur­zel­werk durch­setz­ten Gesteins­bro­cken ab­ge­schlos­sen wur­de.

Kel­ler über­setz­te mir die ver­schie­de­nen Bo­den­schich­ten, als hand­le es sich um ei­nen Text in ei­ner mir un­be­kann­ten Spra­che. Sol­che Schich­tun­gen sind ge­wis­ser­mas­sen ein ver­ti­ka­les Ver­laufs­pro­to­koll, und der Ab­stand zwi­schen der Ge­röll­schicht und dem meer­grü­nen Band wei­ter oben gab ei­ne Span­ne von et­li­chen Hun­dert­tau­send Jah­ren wie­der. «Stel­len Sie sich vor, Sie könn­ten – von un­ten nach oben – durch die Zei­ten spa­zie­ren», sag­te sie und reich­te mir ein ab­ge­spreng­tes Stück aus je­nem meer­grü­nen Band. Dann deu­te­te sie auf ein win­zi­ges weis­ses Fos­sil, das dar­in steck­te wie ein ver­lo­re­ner Milch­zahn. Es war ein so­ge­nann­ter Tem­pes­tit, Trüm­mer­stück ei­ner Mu­schel, das einst durch ei­nen Sturm an un­se­rer heu­ti­gen Ser­pen­ti­ne ab­ge­legt wur­de. Die gan­ze Ge­gend lag viel­leicht ein­mal in ei­nem Meer, und die brau­nen Bro­cken über dem ro­sa Strei­fen be­stan­den aus La­va. Der ro­sa Strei­fen und die Mu­scheltrüm­mer wa­ren al­so das, was es hier gab, ehe der La­va­strom al­les be­deck­te. Wich­ti­ge Be­weis­stü­cke bei der Da­tie­rung der Erup­ti­on.

Geo­lo­gie ist ein Ge­biet, auf dem man der Mü­he Lohn nie­mals so­fort er­hält. Im Au­gen­blick konn­te selbst ein Van vol­ler Ex­per­ten über den Wert des Funds we­nig sa­gen, erst die La­bo­rana­ly­se wür­de Klar­heit brin­gen.

Als wir wie­der im Van sas­sen, be­rich­te­te mir Thier­ry Adat­te, Kel­lers For­scher­kol­le­ge aus Lau­sanne, von ei­ner Kon­fe­renz, in der es wie­der ein­mal um den be­lieb­ten Klas­si­ker ge­gan­gen war: Dek­kan­vul­ka­nis­mus-theo­rie ver­sus Im­pakt­hy­po­the­se, wer hat recht? Am En­de der Kon­fe­renz ha­be man die Teil­neh­mer um das Hand­zei­chen ge­be­ten – und, klar, Vul­ka­nis­mus ha­be mit 70:30 ge­won­nen. Spä­ter er­fuhr ich von dem Pa­lä­on­to­lo­gen Paul Wi­gnall (der für Im­pakt ge­stimmt hat­te), dass das Vo­tum 60:40 für die Im­pakt­theo­rie aus­ge­gan­gen sei, dass al­so die Me­teo­ri­ten-par­tei den Sieg da­von­ge­tra­gen ha­be.

DIE SCHWEI­ZER WUR­ZELN

Die lan­gen Au­to­fahr­ten bo­ten Kel­ler reich­lich Ge­le­gen­heit, von ih­ren ei­ge­nen Be­geg­nun­gen mit Tod und Un­ter­gang zu er­zäh­len.

Sie hat heu­te den Liech­ten­stei­ner, den Us-ame­ri­ka­ni­schen und den Schwei­zer Pass, und wie es da­zu kam, klingt wie aus ei­nem Mär­chen. Die Mut­ter ist die Äl­tes­te von zwölf Kin­dern ei­ner wohl­ha­ben­den liech­ten­stei­ni­schen Fa­mi­lie, die ihr Ver­mö­gen mit Ho­tels und Im­mo­bi­li­en ge­macht hat. Man trägt Mo­de aus Pa­ris und fährt zur Som­mer­fri­sche nach Ös­ter­reich. Doch der Clan ver­stösst die Mut­ter, nach­dem sie den Sohn ei­nes ein­fa­chen Wald­ar­bei­ters ehe­licht, des­sen höchs­ter Ehr­geiz der ei­ge­ne klei­ne Hof ist.

Das Paar aus Holz­fäl­lers­sohn und hö­he­rer Toch­ter passt ei­gent­lich nicht zu­sam­men, trotz­dem ver­schul­den sie sich, um end­lich die­sen klei­nen Hof in den Schwei­zer Al­pen zu kau­fen, wo sie mit ein paar Kü­hen, Scha­fen, En­ten, Ka­nin­chen und Ge­mü­se­an­bau ih­re Kin­der – eben­falls zwölf – er­näh­ren wol­len. Die klei­ne Gerta ist das sechs­te. Ge­bo­ren in Scha­an, Liech­ten­stein, wächst sie in Sa­lez SG auf. Im Dorf glau­ben die Leu­te noch an He­xen. Und der Va­ter sorgt da­für, dass al­le Kin­der mit an­pa­cken. Aber er ist da­bei so un­nach­gie­big, dass ein Nach­bar ihn ein­mal

bei der Gen­dar­me­rie an­zeigt. Je­den­falls ist die Not oft gross. Um we­nigs­tens ein biss­chen Fleisch auf den Tisch zu brin­gen, wird ein­mal so­gar ei­ne der Hof­kat­zen ge­schlach­tet. Und Ger­tas klei­ner Hund er­lei­det das­sel­be Schick­sal.

Gerta be­sucht die Re­al­schu­le in Früm­sen, wo der Leh­rer vier Klas­sen gleich­zei­tig un­ter­rich­tet. Doch das hat auch Vor­tei­le, weil es ihr er­laubt, die schwie­ri­ge­ren Auf­ga­ben der äl­te­ren Kin­der zu lö­sen. Ganz wie heu­te be­trach­tet sie sich als et­was Be­son­de­res. «Ich hat­te nie vie­le Freun­de, denn die an­de­ren wa­ren mir im­mer zu dumm», ge­steht sie. «Und die Schu­le? Na ja, ich war ein­fach gut, egal in wel­chem Fach.» Je­den­falls ver­schlingt sie je­des Buch, des­sen sie hab­haft wer­den kann, er­le­digt die Haus­auf­ga­ben für ih­re Ge­schwis­ter im Tausch ge­gen Haus­ar­beit und fin­det es un­ge­recht, dass Mäd­chen ko­chen und wa­schen müs­sen, wäh­rend die Jun­gen Ma­the und Phy­sik ler­nen dür­fen.

Mit zwölf möch­te sie un­be­dingt Arzt wer­den. Ihr Leh­rer, der die­sem Grös­sen­wahn ent­ge­gen­wir­ken will, ruft den Psy­cho­lo­gen, der mit dem Kind ei­nen Rohr­schach­test macht und Gerta Kel­ler an­sons­ten den gu­ten Rat gibt, sich als Toch­ter aus ar­mem Hau­se rea­lis­ti­sche­ren Zie­len zu­zu­wen­den. Kurz dar­auf wird ein Pries­ter im Hau­se Kel­ler vor­stel­lig. Die Mut­ter hat vor, Gerta in ein Klos­ter zu ste­cken, aber das Mäd­chen wei­gert sich. Zwei Jah­re spä­ter hat sie für ih­ren wei­te­ren Le­bens­weg nur die Wahl zwi­schen Haus­mäd­chen, Ver­käu­fe­rin oder Nä­he­rin. Sie geht bei ei­nem Schnei­der in Buchs SG in die Leh­re. Die Mut­ter hofft, dass sie so zu­min­dest die Klei­dung für ih­re Ge­schwis­ter fer­ti­gen kann. Ir­gend­wann näht sie Abend­klei­der für das Mo­de­haus Di­or und be­kommt da­für 25 Rap­pen die St­un­de.

In ih­rer Ju­gend plant sie ernst­haft, noch vor ih­rem drei­und­zwan­zigs­ten Le­bens­jahr zu ster­ben. Doch über ih­re Selbst­mord­ten­den­zen will sie mit mir nicht re­den. Ei­nen ganz all­ge­mei­nen Grund nennt sie zu­min­dest: die da­mals ge­ra­de­zu be­to­nier­te Schwei­zer Ge­sell­schaft, «wo die Mög­lich­kei­ten für ein Kind aus ar­mer Fa­mi­lie so be­grenzt wa­ren». Hin­zu kom­men se­xu­el­le Über­grif­fe und «die Art, wie Frau­en ge­ne­rell be­han­delt wur­den». «Im Grun­de war man nur ein Stück Fleisch», sagt sie mir. Sie ver­sucht es mit Schlaf­ta­blet­ten, was nicht klappt, nimmt sich da­nach aber vor, im­mer­hin so ge­fähr­lich wie mög­lich zu le­ben – und, wenn es sein soll, da­bei zu ster­ben. «Aber ir­gend­wie konn­te mich ein­fach nichts um­brin­gen», sag­te sie. «Nicht kom­plett je­den­falls.»

1964, im Al­ter von neun­zehn Jah­ren, schmeisst sie ih­re Ar­beit in Zü­rich hin und trampt ein hal­bes Jahr durch Spa­ni­en und Nord­afri­ka. An der Gren­ze zu Al­ge­ri­en wird sie fest­ge­hal­ten, Oberst Bo­u­me­di­en­ne hat sich gera­de an die Macht ge­putscht. Ihr ge­lingt es nicht nur, den Grenz­of­fi­zier zu be­zir­zen, sie be­kommt so­gar ei­nen per­sön­li­chen Be­schüt­zer an die Sei­te ge­stellt, ei­nen Dro­gen­schmugg­ler, der zu­fäl­lig den­sel­ ben Weg hat. Nach Al­ge­ri­en zieht sie wei­ter nach Grie­chen­land, Is­ra­el, in die ČSSR und nach Ös­ter­reich. Und dass sie Russ­land aus­lässt, liegt nur da­ran, dass sie sich in Al­ge­ri­en ei­ne He­pa­ti­tis ge­holt hat.

Ein Jahr spä­ter und wie­der ge­ne­sen, reist sie von Ge­nua nach Aus­tra­li­en. Wäh­rend der drei­wö­chi­gen See­rei­se kol­li­diert das Schiff mit sei­nem Schwes­ter­schiff, ge­rät im In­di­schen Oze­an in ei­nen Tai­fun und wird bei der An­kunft in Aus­tra­li­en hoch­ge­nom­men – als Ma­fiafrach­ter, der Waf­fen schmug­gel­te. Kaum auf aus­tra­li­schem Bo­den, ver­sucht ein Be­am­ter, die ge­lern­te Nä­he­rin an ei­nen Sweat­shop zu ver­kau­fen. Doch Ger­tas Eng­lisch ist bes­ser, als der kor­rup­te Be­am­te denkt, und sie kann sich weh­ren. Statt in ei­nem Höl­len­loch für Im­mi­gran­ten ar­bei­tet sie als Schwes­tern­hel­fe­rin und Kell­ne­rin.

Nach ei­nem Pick­nick auf Syd­neys Selbst­mör­der­k­lip­pe The Gap läuft sie zu­fäl­lig ei­nem flüch­ten­den Bank­räu­ber über den Weg, der ihr kalt­blü­tig in die Brust schiesst. Mit ei­nem Lun­gen­steck­schuss und zer­trüm­mer­ten Rip­pen lan­det sie auf der In­ten­siv­sta­ti­on. Un­ter der Schlag­zei­le «Frau grund­los nie­der­ge­schos­sen» zi­tiert der «Syd­ney Morning He­rald» ei­nen Zeu­gen, der bei ihr «kein Le­bens­zei­chen mehr» ge­se­hen ha­ben will. Und wie­der kommt ein Pries­ter, dies­mal um ihr die Ster­be­sa­kra­men­te zu spen­den. Zwi­schen Le­ben und Tod soll sie ih­re Sün­den be­ken­nen. Sie lehnt ab.

Spä­ter reist sie nach Asi­en, über Ka­li­for­ni­en will sie nach Süd­ame­ri­ka, bleibt aber in San Fran­cis­co hän­gen. Vier­und­zwan­zig ist sie da und will an die Uni­ver­si­tät. Bei der Ein­schrei­bung er­zählt sie, ihr Ma­tu­ra­zeug­nis bei ei­nem Brand ver­lo­ren zu ha­ben, man glaubt ihr. Spä­ter wech­selt sie an die San Fran­cis­co Sta­te Uni­ver­si­ty, wo sie An­thro­po­lo­gie im Haupt­fach be­legt, die ein­zi­ge Na­tur­wis­sen­schaft, zu der sie oh­ne Kennt­nis­nach­wei­se in Ma­the, Phy­sik oder Che­mie zu­ge­las­sen ist. Ein Geo­lo­gie­se­mi­nar weckt ihr In­ter­es­se an Ka­ta­stro­phen. Der Pro­fes­sor sagt ihr, wenn sie Stei­ne mö­ge und ger­ne rei­se, dann sei die Geo­lo­gie ge­nau das Rich­ti­ge. Sie er­in­nert sich so­gar an sei­ne Be­grün­dung: «Stei­ne gibt es über­all, und mit et­was Fan­ta­sie fin­den Sie im­mer ein For­schungs­pro­jekt, das ir­gend­wer fi­nan­ziert.»

Und so ist sie die Ers­te aus ih­rer Fa­mi­lie mit Uniab­schluss – und spä­ter die ers­te Frau, die an der St­an­ford in Geo­wis­sen­schaf­ten pro­mo­viert. Seit 1984 ge­hört sie zum Kol­le­gi­um der Prin­ce­ton Uni­ver­si­ty und ist der­zeit ei­ne von zwei or­dent­li­chen Pro­fes­so­rin­nen im De­part­ment Geo­wis­sen­schaf­ten. (Ei­ner Er­he­bung des Ame­ri­can Geo­sci­en­ces In­sti­tu­te zu­fol­ge sind 85 Pro­zent der Lehr­stüh­le männ­lich be­setzt.)

Kel­ler wid­met sich mit Hin­ga­be dem Welt­un­ter­gang. Auf mei­ne Fra­ge nach dem Yel­lows­to­ne­su­per­vul­kan, der an­geb­lich je­der­zeit hoch­ge­hen kann, mein­te sie nur: «Wie­so nicht? Wä­re doch lus­tig.» In ih­rem Uni­ver­sum ist ein In­fer­no kein Grund für Trau­rig­keit. Im Ge­gen­teil, der glo­ba­le Un­ter­gang rührt an Gr­und­fra­gen un­se­rer Exis­tenz: «Wo­her kom­men wir? War­um sind wir über­haupt auf der Er­de? Wenn

Sie ein­mal den gan­zen re­li­giö­sen Quatsch ab­zie­hen, lan­den Sie ziem­lich bald bei der Na­tur. Und wenn Sie wirk­lich ei­ne Ant­wort auf die­se Fra­gen wol­len, müs­sen Sie die Ge­schich­te die­ser Na­tur stu­die­ren.»

Kri­ti­ker wer­fen ihr Selbst­herr­lich­keit vor, doch auf un­se­rer Rei­se ha­be ich sie an­ders er­lebt. Um ihr «Ver­mächt­nis» macht sie sich kei­nen Kopf. Und sie macht sich auch kei­ne Il­lu­sio­nen, was von 44 000 Jah­ren mensch­li­cher Zi­vi­li­sa­ti­on üb­rig blei­ben wird. «Ich glau­be, wenn wir uns in den kom­men­den Jahr­tau­sen­den er­folg­reich aus­ge­rot­tet ha­ben, hin­ter­las­sen wir: gar nichts.»

Ihr Blick schweift hin­aus auf ei­ne Land­schaft aus 66 Mil­lio­nen Jah­re al­ten Bas­alt­trüm­mern. Von Hy­derabad flie­gen wir ins Zen­trum des Dek­kan-pla­teaus. «Ich mei­ne, 44 000 Jah­re, das ist, erd­ge­schicht­lich be­trach­tet, ei­ne Se­kun­de. Ei­ne Na­no­se­kun­de. Und wer soll­te auch un­se­re Über­res­te fin­den?»

EIN BILD VON DER APO­KA­LYP­SE

Am 8. Ju­ni 1783 stand Rauch über den La­ki-kra­tern auf Is­land. Dann riss die Er­de auf – «wie der Ra­chen ei­nes Tiers, das sei­ne Beu­te zer­reisst», wie der Pfar­rer Jón St­ein­gríms­son in sei­nem be­rühm­ten Ta­ge­buch no­tiert. «Ei­ne Flut­wel­le aus Feu­er floss mit der Ge­schwin­dig­keit ei­nes Schmelz­was­ser­stroms da­hin …» Die Vul­kan­spal­te spie mas­sen­haft Schwe­fel, Flu­or, Fluss­säu­re in die At­mo­sphä­re und hüll­te ganz Eu­ro­pa in den Gestank von fau­len Ei­ern. Die Asche­wol­ken wa­ren so dicht, dass die Son­ne da­hin­ter ver­schwand und man im Frei­en kein ge­druck­tes Wort mehr ent­zif­fern konn­te.

Die Zer­stö­rung be­gann un­ver­züg­lich. Sau­rer Re­gen ver­brann­te al­les Grün, ver­ätz­te un­ge­schütz­te Haut und ver­gif­te­te die ge­sam­te Ve­ge­ta­ti­on. Mensch und Tier lit­ten un­ter Ge­lenk­ver­än­de­run­gen, Ske­let­ter­wei­chung, ge­schwol­le­nen, ris­si­gen Gau­men und ei­ner Ver­di­ckung der äus­se­ren Kno­chen­schicht, al­les Sym­pto­me ei­ner Fluo­ridver­gif­tung. Acht Ta­ge nach der Erup­ti­on setz­te dann das gros­se Ster­ben auf Is­land ein. Mehr als sech­zig Pro­zent des Vieh­be­stands gin­gen in­ner­halb des ers­ten Jah­res zu­grun­de, von den Men­schen star­ben zwan­zig Pro­zent. Und das Elend brei­te­te sich wei­ter aus. Benjamin Fran­klin re­gis­trier­te Dau­er­ne­bel über wei­ten Tei­len von Nord­ame­ri­ka, wäh­rend In­di­en, Chi­na und Ägyp­ten von schwe­ren Dür­ren heim­ge­sucht wur­den. Ex­tre­me Nied­rig­tem­pe­ra­tu­ren läu­te­ten auch in Eu­ro­pa ein «Jahr oh­ne Som­mer» ein, in dem Ern­ten ver­dorr­ten und Blät­ter fie­len wie sonst erst im Herbst. Die nach­fol­gen­de Hun­gers­not dau­er­te drei Jah­re und gilt bei His­to­ri­kern als Mit­aus­lö­ser der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on.

«Aber La­ki ist ge­wis­ser­mas­sen nur die Kurz­fas­sung des­sen, was der Dek­kan-trapp an­rich­te­te», sag­te mir Kel­ler. Durch die La­ki-kra­ter tra­ten et­wa 5,3 Ku­bik­ki­lo­me­ter La­va aus, das ge­sam­te För­der­pro­dukt von Dek­kan be­trug gut und gern 1,2 Mil­lio­nen Ku­bik­ki­lo­me­ter. Um an den Aus­gangs­punkt des Un­heils zu kom­men, fuh­ren wir fünf St­un­den zu­rück nach Hy­derabad, sas­sen an­schlies­send an­dert­halb St­un­den im Flie­ger nach Pu­ne und da­nach noch ein­mal drei St­un­den im Au­to. Aber dann: Was für ei­ne Land­schaft! Drei­tau­sen­der aus rei­nem Bas­alt, so weit das Au­ge reicht! Selbst Geo­lo­gen, die schon oft im Dek­kan-trapp ge­we­sen sind, ver­schlägt es bei die­sem An­blick je­des Mal die Spra­che.

Kel­ler liess den Van an ei­ner Stel­le stop­pen, an der die Geo­lo­gen schon zwei­mal Gesteins­pro­ben ge­nom­men hat­ten. Am Fuss ei­nes Auf­schlus­ses mit wel­len­ar­ti­gen Bas­alt­säu­len strei­chel­te sie lie­be­voll über ei­ne ro­te po­cki­ge Ader, die aus­sah wie Schorf. Die­se Schicht, so Kel­ler, mar­kiert ge­wis­ser­mas­sen den letz­ten Mo­ment vor dem Ar­ten­ster­ben. Kel­lers Mit­ar­bei­ter hat­ten das Al­ter der Schicht be­stimmt und fest­ge­stellt, dass sie nur we­ni­ge Zehn­tau­send Jah­re vor dem gröss­ten und töd­lichs­ten Knall im Dek­kan-trapp ent­stan­den war.

Über Kel­lers Schreib­tisch in Prin­ce­ton hängt ei­ne Il­lus­tra­ti­on, die ih­re Vor­stel­lung von die­ser Apo­ka­lyp­se ziem­lich ge­nau wie­der­gibt: der To­des­kampf der Di­no­sau­ri­er vor ei­ner Ku­lis­se aus ver­kohl­ten Bäu­men und tau­send klei­nen Brand­her­den. Die Di­nos er­bre­chen grün­li­chen Schleim, wäh­rend aus ei­ner dia­go­na­len Erd­spal­te im Hin­ter­grund das heis­se Mag­ma bro­delt und pech­schwar­ze Rauch­fon­tä­nen in den Him­mel schiessen. Kel­lers For­schun­gen zu­fol­ge ver-

wüs­te­ten die La­va­strö­me des Dek­kan-trapps zwar «nur» den in­di­schen Sub­kon­ti­nent, doch der Mix aus Asche, gif­ti­gen Ele­men­ten wie Qu­eck­sil­ber und Blei so­wie ver­schie­de­nen Ga­sen (Schwe­fel, Methan, Flu­or, Chlor, CO2) wan­der­te um die gan­ze Welt und brach­te den Tod noch in den hin­ters­ten Win­kel. Qu­eck­sil­ber und Blei hät­ten sich wie ein to­xi­sches Lei­chen­tuch über gan­ze Öko­sys­te­me ge­legt und al­le Le­be­we­sen mit ih­ren Nah­rungs­quel­len ver­gif­tet. Die Schwe­fel-ae­ro­so­le in der At­mo­sphä­re hät­ten erst das Kli­ma ab­ge­kühlt und spä­ter – als sau­rer Nie­der­schlag – Ozea­ne ver­ödet und al­le Flo­ra zer­stört, die den Tie­ren ein­mal das Über­le­ben si­cher­te. Die Kom­bi­na­ti­on aus CO2 und Methan liess die Luft­tem­pe­ra­tur um 25 Grad an­stei­gen eben­so den Säu­re­ge­halt der Ozea­ne, wor­un­ter Plank­ton und an­de­re Forams lit­ten.

Die Ge­schich­te, die Kel­ler im Dek­kan-trapp ent­deckt hat, wird von Gestein auf der gan­zen Welt be­stä­tigt. Sie und ih­re Mit­strei­ter ha­ben Be­wei­se für ei­nen Kli­ma­wan­del und ei­nen dra­ma­ti­schen An­stieg der Qu­eck­sil­ber­kon­zen­tra­ti­on in der At­mo­sphä­re ge­fun­den – bei­des ist ty­pisch für Vul­ka­nis­mus. An­de­re ha­ben er­höh­te Schwe­fel- und Chl­or­ge­hal­te fest­ge­stellt, auch dies deu­tet auf ei­ne Um­welt­ver­gif­tung durch vul­ka­ni­sche Ga­se.

DER STREIT GEHT WEI­TER

«Trotz­dem liegt sie mit ih­rer Schluss­fol­ge­rung da­ne­ben», er­klärt mir Jan Smit, Pro­fes­sor für theo­re­ti­sche Phy­sik an der Uni­ver­si­tät Ams­ter­dam. Selbst nach vier­zig Jah­ren er­bit­ter­ter Strei­te­rei sind sich die bei­den Sei­ten nicht ein­mal in den grund­le­gen­den Fak­ten ei­nig. Smit und an­de­re Impakter wi­der­spre­chen Kel­lers Sze­na­rio in vie­len Punk­ten. Zum Bei­spiel sei das Ar­ten­ster­ben qua­si «über Nacht» ein­ge­tre­ten, viel zu schnell für ein paar in­di­sche Vul­ka­ne. Den Dek­kan­vul­ka­nis­mus ha­be es zu­dem über Hun­dert­tau­sen­de von Jah­ren ge­ge­ben – lan­ge Zeit oh­ne töd­li­che Fol­gen für die Tier- und Pflan­zen­welt auf der Er­de. Die Impakter ver­wei­sen zu­dem dar­auf, dass die gröss­ten Erup­tio­nen in Dek­kan nach dem Ar­ten­ster­ben statt­ge­fun­den hät­ten – al­so zu spät, um die­ses Ar­ten­ster­ben be­wirkt zu ha­ben. Ihr Knül­ler aber be­steht dar­in, dass sie den Zeit­punkt des As­te­ro­iden­ein­schlags wei­ter ein­gren­zen konn­ten – auf 32 000 Jah­re ge­nau.

An­de­re be­mü­hen sich, ir­gend­wie ei­nen Mit­tel­weg zwi­schen den ver­fein­de­ten Theo­ri­en zu fin­den. Da­zu ge­hört der Geo­chro­no­lo­ge Paul Ren­ne von der Uni­ver­si­tät Ber­ke­ley. Sein Team hat jüngst ver­sucht, die Vul­ka­nis­mus- mit der Im­pakt­theo­rie zu ver­bin­den – in­dem sie den Ein­schlag in Chic­xulub als Aus­lö­ser von Erd­be­ben be­trach­ten, wel­che ih­rer­seits zu be­son­ders hef­ti­gen Erup­tio­nen im Dek­kan-trapp ge­führt hät­ten. Doch Kel­ler will da­von nichts hö­ren. «Das geht ja nun gar nicht», sagt sie. «Die wol­len nur die Im­pakt­theo­rie ret­ten – mit ein paar Ab­stri­chen.» Man könn­te mei­nen, die gröss­te Ge­mein­sam­keit zwi­schen Vulkanisten und Im­pak­tern be­ste­he in der Wahl der Be­lei­di­gun­gen, mit de­nen sie sich be­har­ken. Je­de Sei­te wirft der an­de­ren vor, Da­ten zu igno­rie­ren. So sagt Kel­ler über ei­nen Im­pakt-kol­le­gen: «Er hört ein­fach nicht zu, wenn wir ihm Be­wei­se vor­le­gen, die sei­nem Glau­ben wi­der­spre­chen.» Wäh­rend Alan Hil­de­brand, ein pro­mi­nen­ter Impakter, über Kel­ler sagt: «Die Frau guckt ein­fach nicht auf die Da­ten.» Im­mer wie­der ist von «Un­wis­sen­schaft­lich­keit» die Re­de. «Mit Wis­sen­schaft ha­ben die­se Leu­te ei­gent­lich gar nichts am Hut, eher mit ei­ner Art Re­li­gi­on», schimpft Kel­ler. Ein Kom­pli­ment, das Jan Smit gern zu­rück­gibt, da man Kel­lers Ar­bei­ten «ja kaum als wis­sen­schaft­lich be­zeich­nen» kön­ne. Ver­na­gelt ist eben im­mer nur der an­de­re. Und Schluss ist erst, wenn der Feind end­lich ins Gras beisst. Ei­ne Si­tua­ti­on, die der fran­zö­si­sche Geo­phy­si­ker und Vul­ka­nist Vin­cent Cour­til­lot in An­leh­nung an Max Planck fol­gen­der­mas­sen zu­sam­men­fasst: «Man über­zeugt kei­ne al­ten Leu­te mit neu­en Ide­en. Man kann nur dar­auf hof­fen, dass sie ir­gend­wann ster­ben.» Jan Smit aus Ams­ter­dam kann ihm da nur bei­pflich­ten: «Ru­he ist erst, wenn sie al­le aus­ge­stor­ben sind.»

Bei all den Zwis­tig­kei­ten kann man sich fra­gen, wie je ei­ne Ent­schei­dung zu­stan­de kom­men soll. «Per Mehr­heits­vo­tum» klingt erst ein­mal ver­lo­ckend, ist aber un­zu­ver­läs­sig und über­dies un­wis­sen­schaft­lich, denn die Mehr­heit hat nicht au­to­ma­tisch recht. 2010 un­ter­zeich­ne­ten 41 Wis­sen­schaft­ler aus der gan­zen Welt in der Zeit­schrift «Sci­ence» ein öf­fent­li­ches State­ment im Sin­ne der Im­pakt­theo­rie. Nach Wür­di­gung des ge­sam­ten wis­sen­schaft­li­chen Ma­te­ri­als sei dies wohl der Wahr­heit letz­ter Schluss – Fall er­le­digt. Dar­auf­hin schrie­ben Dut­zen­de Geo­lo­gen, Pa­lä­on­to­lo­gen und Bio­lo­gen an die Re­dak­ti­on und mel­de­ten erns­te me­tho­di­sche Zwei­fel an die­ser Art der Wahr­heits­fin­dung an. Of­fen­bar ist selbst ein ein­stim­mi­ger Be­schluss noch lan­ge kein wis­sen­schaft­li­cher Be­weis.

DAS EN­DE VON AL­LEM

Kel­lers Be­ses­sen­heit von St­ei­nen und den Ge­schich­ten, die Stei­ne er­zäh­len kön­nen, ha­ben da­zu ge­führt, dass sie sich zugleich in Ver­gan­gen­heit, Ge­gen­wart und Zu­kunft auf­hält. Und dann sitzt sie mit uns in die­sem Van und kurvt durch die smog­ver­han­ge­nen Ber­ge na­he Pu­ne. Die zer­klüf­te­ten Käm­me sind aber viel zu dra­ma­tisch, als dass sie da­bei nicht vor Au­gen hät­te, was hier vor 66 Mil­lio­nen Jah­ren ge­schah, als der in­di­sche Sub­kon­ti­nent mit ei­nem phä­no­me­na­len Feu­er­werk aus Gas, Asche und La­va zer­riss. Dass die mensch­li­che Spe­zi­es der­einst von den­sel­ben Sub­stan­zen wie je­nen aus dem Dek­kan-trapp er­le­digt wird, hält sie für sehr wahr­schein­lich.

Kel­ler zu­fol­ge bla­sen wir näm­lich die­sel­ben Gift­stof­fe in den Ät­her, die vor Zei­ten die Di­no­sau­ri­er ge­tö­tet ha­ben: Schwe­fel, CO2 und Qu­eck­sil­ber. Die­se

könn­ten dann das nächs­te Mas­senster­ben aus­lö­sen – die men­schen­ge­mach­te Su­per­ka­ta­stro­phe. «Ob durch Dek­kan-vul­ka­nis­mus oder durch die Ver­bren­nung fos­si­ler Roh­stof­fe, der Ef­fekt ist der­sel­be», sagt sie.

Kel­ler sieht schwarz für un­se­re Zu­kunft. Die Mee­re ver­sau­ern, die Durch­schnitts­tem­pe­ra­tu­ren stei­gen, eben­so die Be­las­tung durch Qu­eck­sil­ber. Zahl­rei­che Spe­zi­es sind schon heu­te ge­fähr­det – wie sei­ner­zeit ih­re ge­lieb­ten Forams. Gleich, ob der Dek­kan-vul­ka­nis­mus wirk­lich der letz­te Grund für das Mas­senster­ben war, auf je­den Fall zeigt das Bei­spiel, wie ein Öko­sys­tem auf Schad­stof­fe re­agiert. Soll­te Kel­lers Theo­rie aber zu­tref­fen, kön­nen die Aus­sich­ten für die Spe­zi­es Mensch auf­grund der ex­or­bi­tan­ten Zahl nicht­vul­ka­ni­scher Dreck­schleu­dern auf der Welt nur düs­ter sein.

Die Me­teo­ri­ten­theo­rie hat die Mensch­heit an die Vor­stel­lung ge­wöhnt, dass das En­de schnell und spek­ta­ku­lär sein wird, ei­ne letz­te Su­per­show vor der lan­gen Nacht. Doch Kel­lers Vi­si­on vom sechs­ten Welt­un­ter­gang geht an­ders. Bei ihr do­mi­nie­ren die Par­al­le­len zum Dek­kan-vul­ka­nis­mus, wo das En­de schlei­chend kommt und bei dem be­grenz­ten men­sch­li­chen Zeit­be­griff fast nicht zu er­ken­nen ist. «Tat­säch­lich be­fin­den wir uns schon mit­ten in un­se­rem ei­ge­nen To­des­kampf», er­klär­te sie mir. «Wir mer­ken es bloss nicht, weil al­les so lang­sam geht.»

Doch ein Hauch die­ses To­des weh­te uns an, als wir ei­nes Nach­mit­tags ei­nen St­ein­bruch be­such­ten, der sich fast 25 Ki­lo­me­ter durch die Land­schaft ge­fres­sen hat. Ei­ne Land­schaft, die aus­sah wie aus­ge­wei­det. In der Fer­ne ein Berg, so gut wie ab­ge­sä­belt, da­vor ei­ne un­na­tür­lich vier­ecki­ge, gi­gan­ti­sche Gru­be. Rings­um Er­he­bun­gen in den Far­ben Oran­ge, Vio­lett, Rot und Rauch­gelb, auf de­nen Tief­la­der Staub auf­wir­bel­ten. Was wir hier se­hen, sag­te Mi­ke Ed­dy, Kel­lers Kol­le­ge aus Prin­ce­ton, sei­en Ab­raum­hal­den. Das wert­lo­se Se­di­ment, das die Bag­ger erst aus dem Weg schaf­fen muss­ten, um an die ju­ras­si­schen Koh­le­f­lö­ze zu ge­lan­gen, die vor 145 Mil­lio­nen Jah­ren ein­mal ein Sumpf ge­we­sen sind.

Der An­blick gab Kel­ler zu den­ken, aber wie­der­um an­ders, als man sel­ber den­ken wür­de. Das nächs­te Mas­senster­ben war für sie oh­ne­hin ab­ge­hakt. Kel­ler sah be­reits die Geo­lo­gen, die ei­nes fer­nen Ta­ges die­se Ge­gend un­ter­su­chen wür­den. Und die die Welt nicht mehr ver­stan­den, weil hier die be­kann­ten Erd­schich­ten al­le durch­ein­an­der­la­gen und die geo­lo­gi­sche Lo­gik ir­gend­wie kei­ne Gül­tig­keit mehr hat­te.

«Ir­gend­wer wird sich das an­se­hen», sag­te Ed­dy «und sich fra­gen, was denn mit uns pas­siert ist.»

«Wir wa­ren zu blöd und ha­ben uns sel­ber um­ge­bracht», er­wi­der­te Kel­ler, «wir ha­ben die Welt be­herrscht und sind ge­stor­ben.»

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