«Muss ich in ei­ne Kli­nik?» Und an­de­re Fra­gen an ei­nen Psych­ia­ter, die man sonst eher goo­gelt.

Hilft Sport ge­gen De­pres­sio­nen? Ma­chen Smart­pho­nes krank? Bin ich ver­rückt? Un­se­re Au­to­rin hat ei­nem Psych­ia­ter die Fra­gen ge­stellt, die wir aus Scham sonst bloss goo­geln.

Das Magazin - - N° 48 — 1. Dezember 2018 - Von ni­na kunz

Re­né Brid­ler ist seit zehn Jah­ren ärzt­li­cher Di­rek­tor im Sa­na­to­ri­um Kilch­berg. Er emp­fängt mich in sei­nem Bü­ro, spek­ta­ku­lä­rer Blick auf den Zü­rich­see, setzt sich auf sein Le­der­so­fa. Er sagt, er sei ein we­nig ner­vös, weil ja er sonst der­je­ni­ge sei, der die Fra­gen stellt. Ich sa­ge ihm, ich sei auch ein we­nig ner­vös.

Das Ma­ga­zin: Darf ich Ih­nen zum Start ei­ni­ge ganz prak­ti­sche Fra­gen stel­len?

Un­be­dingt!

Wo­her weiss ich, ob ich zu ei­nem Psych­ia­ter oder Psy­cho­lo­gen soll­te?

Das ist Ih­re ei­ge­ne Ein­schät­zung. Wenn Ihr Lei­den gross ge­nug ist und Sie da­von aus­ge­hen, dass es psy­chisch be­dingt ist, dann wer­den Sie den Schritt wohl wa­gen.

Soll ich den Ar­beit­ge­ber in­for­mie­ren, wenn ich psy­chisch an­ge­schla­gen bin?

(über­legt) Die­se Fra­ge kommt häu­fig. Die­se Ent­schei­dung ist hoch sub­jek­tiv. Wenn das Ver­hält­nis zum Ar­beit­ge­ber gut ist, kann so ein Ge­spräch ent­las­tend sein. Wenn das Ver­hält­nis zum Ar­beit­ge­ber schwie­rig ist und er mich zum Bei­spiel noch nie zu­vor ge­fragt hat, wie es mir geht, wür­de ich da­von ab­ra­ten.

In­zwi­schen gibt es Dut­zen­de The­ra­pie­for­men: Psy­cho­ana­ly­se, Malthe­ra­pie, Ge­sprächs­the­ra­pie, Be­we­gungs­the­ra­pie. Wie weiss ich, was zu mir passt?

Aus­pro­bie­ren.

Wel­che Fra­ge stel­len Sie Pa­ti­en­ten bei ei­nem ers­ten Tref­fen im­mer?

Gu­ten Tag, Sie ha­ben sich bei mir an­ge­mel­det. Was kann ich für Sie tun?

Was sind die häu­figs­ten drei Lei­den bei Ih­ren Pa­ti­en­tin­nen und Pa­ti­en­ten?

Schlaf­pro­ble­me, de­pres­si­ve Be­schwer­den und Ängs­te vor dem Ver­sa­gen. Die Angst, nicht zu ge­nü­gen, ist viel häu­fi­ger als zum Bei­spiel die, von Ali­ens ver­folgt zu wer­den.

Wel­ches sind die vier häu­figs­ten Dia­gno­sen am Sa­na­to­ri­um Kilch­berg?

De­pres­si­on, Ängs­te, Such­ter­kran­kun­gen und psy­cho­ti­sche Stö­run­gen.

Es gibt das la­tei­ni­sche Sprich­wort «Mens sa­na in cor­po­re sa­no» – über­setzt: In ei­nem ge­sun­den Kör­per lebt ein ge­sun­der Geist. Stimmt das?

Ja. Sport för­dert die Ge­sund­heit und wirkt an­ti­de­pres­siv. Wer sich be­wegt, nimmt sich als ak­ti­ven Part wahr – was wie­der­um po­si­ti­ve Ge­füh­le aus­löst. Es gibt un­zäh­li­ge Stu­di­en zu den Pro­zes­sen, die da­bei im Hirn ab­lau­fen – aber für mich als Kli­ni­ker reicht, dass ein Zu­sam­men­hang zwi­schen Be­we­gung und Wohl­be­fin­den be­steht.

Kön­nen wir psy­chisch hei­len, so wie Kno­chen wie­der zu­sam­men­wach­sen?

Ja! Und der Ver­gleich ist pas­send. Nach ei­nem Bruch ist der Kno­chen nicht mehr wie zu­vor. Es gibt dann ein Nar­ben­ge­we­be, das man auch nach dreis­sig Jah­ren noch sieht. Bei der Psy­che ge­nau­so. Es gibt ei­ne un­sicht­ba­re Nar­be, die zur Stär­ke wer­den kann.

Laut ei­ner Stu­die des Ro­bert-koch-in­sti­tuts ho­len sich zwei Drit­tel der Leu­te mit de­pres­si­ven Be­schwer­den kei­ne Hil­fe, weil sich die Be­trof­fe­nen schä­men.

Das deckt sich lei­der mit mei­nen Er­fah­run­gen.

Was macht die Men­schen heu­te krank?

Vie­le Pro­ble­me – in­klu­si­ve mei­ne – ha­ben ei­ne nar­ziss­ti­sche Kom­po­nen­te. Das Stre­ben nach Leis­tung und An­se­hen – das so tief in un­se­rer Ge­sell­schaft ver­an­kert ist – birgt vie­le Ge­fah­ren für die Psy­che, da wir un­ser Glück von Din­gen ab­hän­gig ma­chen, die uns wie­der ent­glei­ten kön­nen. Auch nicht gera­de hilf­reich sind die so­zia­len Me­di­en. Da sind wir mit dem Kopf im­mer bei den an­dern statt bei uns selbst. Das tol­le Le­ben fin­det bei den an­de­ren statt; die­ser Irr­glau­be kann de­pri­mie­ren.

Was brau­chen wir, um psy­chisch ge­sund zu sein?

Viel da­von, was gut­tut, und we­nig vom Ge­gen­teil. Sprich: Em­pa­thie, Acht­sam­keit, Dank­bar­keit. Ver­zicht auf Hass, Ra­che und Gier. Hob­bys, Sport. Wir brau­chen ei­nen aus­ge­wo­ge­nen Ta­ges­rhyth­mus, Zeit zum Nach­den­ken. Viel­leicht Re­li­gi­on. Den Mut, uns im All­tag nicht drän­gen zu las­sen und Kon­flik­te an­zu­ge­hen. Ab und zu ein Glas Wein.

Was tun Sie, um psy­chisch ge­sund zu blei­ben?

Mir hel­fen Me­di­ta­ti­on und der Ge­dan­ke: Das Le­ben ist hier und jetzt, sonst nir­gends.

Ha­ben Sie schon ein­mal an Ih­rem Ver­stand ge­zwei­felt?

Frag­los ja. Wer nie an sei­nem Ver­stand zwei­felt, ist mir ver­däch­tig. Das Kenn­zei­chen schwe­rer psy­chi­scher Kri­sen ist ja gera­de das Feh­len von selbst­kri­ti­scher Dis­tan­ziert­heit, die ei­nen das ei­ge­ne Füh­len und Den­ken hin­ter­fra­gen lässt.

Gibt es Men­schen, die be­son­ders an­fäl­lig sind für psy­chi­sche Krank­hei­ten?

Ja. Wenn Men­schen als Kin­der se­xu­el­le Ge­walt er­le­ben oder ver­nach­läs­sigt wer­den, ist das ein ho­her Ri­si­ko­fak­tor. Ge­fähr­det sind auch Leu­te, die ge­ne­tisch be­las­tet sind, den Sui­zid ei­nes An­ge­hö­ri­gen er­lebt ha­ben oder über lan­ge Zeit psy­cho­tro­pe Sub­stan­zen kon­su­mie­ren. Can­na­bis ist in Be­zug auf Psy­cho­se nicht ganz oh­ne. Aber kei­ner die­ser Fak­to­ren be­deu­tet zwin­gend ei­ne Er­kran­kung.

Scha­den die Smart­pho­nes und die stän­di­ge Reiz­über­flu­tung der Psy­che?

Da mas­se ich mir kei­ne Ant­wort an, denn der Mensch ist un­glaub­lich ad­ap­tier­fä­hig und resi­li­ent. Man muss sich das ein­mal vor­stel­len: Vor hun­dert­fünf­zig Jah­ren gab es noch Per­so­nen, die an der so­ge­nann­ten Ge­schwin­dig­keits­krank­heit lit­ten, weil sie mit dem Zug – sprich mit Tem­po 30 km/h – von Zü­rich nach Ba­den fuh­ren.

Wie wür­den Sie ei­nem Kind er­klä­ren, was die Psych­ia­trie ist?

Ein Spi­tal, das sich um Men­schen küm­mert, die nicht mehr wei­ter­wis­sen. Man­che trin­ken zu viel Al­ko­hol oder wer­den to­tal wü­tend. An­de­re se­hen kei­nen Sinn mehr im Le­ben oder glau­ben, bö­se Mäch­te wür­den sie be­herr­schen. Für die­se Leu­te ha­ben wir ver­schie­de­ne The­ra­pi­en be­reit. Ein­zel­ge­sprä­che, Me­di­ka­men­te, Sport, Kunst.

Was ist das Ziel ei­nes Kli­nik­auf­ent­hal­tes?

Dass der Mensch Dis­tanz schaf­fen kann zu sei­ner Kri­se und sein Le­ben im an­ge­stamm­ten Um­feld wie­der auf­neh­men kann. Nicht kom­plett an­ders als zu­vor, aber auch nicht ge­nau gleich. Das Um­feld führt im­mer wie­der zu Kon­flik­ten, weil die Fa­mi­lie, der Chef oder die Be­hör­den an­de­re Vor­stel­lun­gen ha­ben.

Wel­ches Me­di­ka­ment wird bei Ih­nen am Sa­na­to­ri­um Kilch­berg am häu­figs­ten ver­schrie­ben?

Ich kann kein kon­kre­tes Prä­pa­rat nen­nen, da die Me­di­ka­ti­on in­di­vi­du­ell an­ge­passt wird. Aber von den Grup­pen her: An­ti­de­pres­si­va und angst­lö­sen­de Tran­qui­li­zer.

Bin ich Ih­rer Mei­nung nach ver­rückt, wenn ich an Ali­ens glau­be?

Nein, ab­so­lut nicht.

Und wenn ich glau­be, dass in mir ein bö­ses Un­ge­heu­er lebt?

Für sich al­lein ge­nom­men, ist das nicht pa­tho­lo­gisch.

Wie ver­rückt muss mei­ne Sicht auf die Welt denn sein, da­mit ich als ver­rückt gel­te?

Schwie­ri­ge Fra­ge. Ei­ne ge­ne­rel­le Ant­wort kann ich Ih­nen nicht ge­ben. Auf Ihr Bei­spiel be­zo­gen, wür­de ich Sie fra­gen: Wie neh­men Sie die­ses Un­ge­heu­er wahr? Kom­mu­ni­zie­ren Sie mit ihm? Seit wann lebt es in Ih­nen? Wenn im Ge­spräch her­aus­kommt, dass Sie die­ses Mons­ter eher me­ta­pho­risch mei­nen, wä­re das un­pro­ble­ma­tisch. Falls aber her­aus­kommt, dass Sie un­ter die­sem Un­ge­heu­er lei­den, kom­men wir dem Pa­tho­lo­gi­schen schon et­was nä­her.

Wie de­fi­nie­ren Sie ei­nen psy­chisch «kran­ken» Men­schen?

In der Kli­nik stüt­zen wir uns auf zwei Sys­te­me: die ICD-10 [In­ter­na­tio­nal Clas­si­fi­ca­ti­on of Di­sea­ses] der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on und das Ma­nu­al der Ame­ri­ka­ni­schen Psych­ia­trie-ge­sell­schaft. Bei bei­den be­ste­hen Dia­gno­sen aus ei­ner Grup­pe von Sym­pto­men, die äus­ser­lich be­ob­acht­bar oder in­ner­lich er­leb­bar sind. Zu­dem müs­sen sie ei­ne dia­gnos­ti­sche Schwel­le über­schrei­ten. Doch wo die­se liegt, ist ge­sell­schaft­lich kon­stru­iert.

Die Vor­stel­lung, dass Wahn­sinn bloss ein ge­sell­schaft­li­ches Kon­strukt ist, kennt man aus der An­ti-psych­ia­trie­be­we­gung der 1960er-jah­re. Das aber aus­ge­rech­net von Ih­nen zu hö­ren, über­rascht.

Schau­en Sie, Krank­hei­ten ha­ben ei­ner­seits ei­nen bio­me­di­zi­ni­schen Teil, den man er­for­schen und ent­de­cken kann. An­de­rer­seits sind sie auch Er­fin­dun­gen, da sie zwin­gend ei­nen Norm­be­griff brau­chen.

Wie mei­nen Sie das?

Neh­men wir ein Bei­spiel. Es gibt Din­ge, da macht es uns die Norm ein­fach: Ein Au­ge, das nicht mehr sieht, ist dys­funk­tio­nal, ein Herz, das nach ei­nem In­farkt nur noch halb pumpt, ist dys­funk­tio­nal. Aber im Be­reich der Ge­füh­le? Wo ist da die Norm? Die Psych­ia­trie ist prä­dis­po­niert da­für, wan­del­ba­re Wer­te ein­zu­schleu­sen.

Kön­nen Sie denn um­ge­kehrt ein Bei­spiel ge­ben für ei­ne glas­kla­re Pa­tho­lo­gie?

Lei­der nein. Die Kri­te­ri­en für die Pa­tho­lo­gie – das ge­mein­sa­me Auf­tre­ten von Sym­pto­men und die Dys­funk­tio­na­li­tät – sind kei­ne pu­re Wis­sen­schaft. Viel­leicht lei­den Sie an ei­ner De­pres­si­on, doch von aus­sen be­trach­tet funk­tio­nie­ren Sie. Oder Sie hö­ren ei­ne Stim­me, die Ih­nen sagt: «Steh auf den Bür­k­li­platz und reg­le den Ver­kehr!» Ih­nen geht es gut, aber Sie gel­ten als ver­rückt, weil man heu­te nicht ein­fach auf dem Bür­k­li­platz steht und den Ver­kehr re­gelt.

Was ist das Ver­rück­tes­te, das Sie in Ih­rer Kar­rie­re je er­lebt ha­ben?

Da kommt mir ein Pa­ti­ent in den Sinn, der über­zeugt war, in ei­ner Un­ter­was­ser­welt ei­ne wich­ti­ge Funk­ti­on zu über­neh­men.

Wer­den wir in fünf­zig Jah­ren ge­nau­so un­gläu­big auf die heu­ti­gen Dia­gno­sen zu­rück­schau­en wie heu­te auf den Fakt, dass Ho­mo­se­xua­li­tät ein­mal als Krank­heit galt?

Nur we­nig von dem, was wir heu­te glau­ben, wird in fünf­zig Jah­ren noch Be­stand ha­ben. Wenn ich be­ob­ach­te, wie die Dia­gno­sen kom­men und ge­hen, dann kommt mir das – ent­schul­di­gen Sie die Wort­wahl – vor wie auf ei­nem Ba­sar. Heu­te gilt es zum Bei­spiel als in­ak­zep­ta­bel, wenn Jungs zap­pe­lig sind. Wir spre­chen von ADHD und ge­ben Ri­ta­lin. Vor fünf­zig Jah­ren hät­te man ein­fach ge­sagt: Ach, die sol­len sich rich­tig aus­to­ben.

Das ist ziem­lich er­nüch­ternd.

Ich fin­de die­se De­bat­ten ab­surd. Als das DSM-5 [Dia­gnostic and Sta­tis­ti­cal Ma­nu­al of Men­tal Dis­or­ders] ent­wi­ckelt wur­de, dis­ku­tier­te die Fach­welt zum Bei­spiel, wie aus­ge­prägt Trau­er sein muss, da­mit sie pa­tho­lo­gisch ist. Da ka­men tat­säch­lich Ex­per­ten zu­sam­men und über­leg­ten sich: Wie lan­ge muss die Trau­er sein? Wel­che Sym­pto­me muss sie auf­wei­sen? Aber das war an­schei­nend nö­tig, da die Trau­er in un­se­rer Ge­sell­schaft nicht mehr ri­tua­li­siert wird, Be­trof­fe­ne oft al­lein sind und ih­nen ein Zu­gang ge­schaf­fen wer­den muss­te zum Ge­sund­heits­sys­tem.

Könn­te man das Dia­gno­sen-di­lem­ma nicht aus der Welt räu­men, in­dem man zum Bei­spiel sagt: Se­ro­to­nin­wert XY be­deu­tet de­pres­siv? Die Hirn­for­schung hat in den letz­ten Jah­ren ja ge­wal­ti­ge Fort­schrit­te ge­macht.

Ich kann den Wunsch ver­ste­hen, Dia­gno­sen mess­bar zu ma­chen. Aber die Idee, vom Se­ro­to­nin auf see­li­sches Lei­den zu schlies­sen, ist ab­surd. Ers­tens müss­te man für die Mes­sung ir­gend­wie ins Hirn oder ins Rü­cken­mark ein­drin­gen – was hoch in­va­siv ist. Und zwei­tens konn­te die For­schung bis­her kaum be­le­gen, ob und wie kör­per­li­che Bo­ten­stof­fe mit psy­chi­schem Lei­den zu­sam­men­hän­gen. Um psy­chi­sche Kri­sen zu ver­ste­hen, braucht es die Spra­che und den Aus­tausch.

Aber Psy­cho­phar­ma­ka grei­fen doch auch in die Hirn­che­mie ein.

Schon, aber die Aus­wir­kung ist see­lisch. Als Arzt be­ob­ach­te ich zum Bei­spiel, wie Ta­blet­ten in Not­si­tua­tio­nen be­ru­hi­gen oder den Schlaf zu­rück­ge­ben. Ich se­he den Men­schen. Es gibt kein Hirn­are­al, das für «Pa­tho­lo­gie» zu­stän­dig ist. Wenn ein Pa­ti­ent Stim­men hört, sind die Hirn­area­le für das Spre­chen und das Hö­ren ak­tiv. Das ist über­haupt nicht pa­tho­lo­gisch, nur der Zeit­punkt der Ak­ti­vie­rung ist un­üb­lich.

Glau­ben Sie, dass es et­was Un­sicht­ba­res, et­was Nicht­fass­ba­res gibt, das un­ser Sein be­stimmt – aber nie­mals in ei­nem La­bor ge­mes­sen wer­den kann?

Ein Hirn kommt sel­ten al­lein in die Sprech­stun­de, meist bringt es «sei­nen» Men­schen mit. Da­her: ja. Schliess­lich fin­de ich mich mit mei­nen Pa­ti­en­tin­nen und Pa­ti­en­ten auf der Ebe­ne der Spra­che, der Ge­dan­ken und des Geis­tes.

Re­den wir noch über die Ge­schich­te der Psych­ia­trie. Schaut man sich die­se an, kommt ei­nem das Schau­dern. Vor 1950 wur­den Schi­zo­phre­nie-pa­ti­en­ten zum Bei­spiel noch in Dau­er­nar­ko­se ver­setzt, und De­pres­si­ve wur­den mit Elek­tro­schocks oh­ne Nar­ko­se be­han­delt …

Da nen­nen Sie noch ver­gleichs­wei­se harm­lo­se Bei­spie­le! Vie­les war the­ra­peu­ti­sche Hilf­lo­sig­keit, an­de­res so­zia­le Kon­trol­le im Di­enst der Eu­ge­nik.

Was ist der wich­tigs­te Wan­del, der sich auf dem Weg zur mo­der­nen Psych­ia­trie voll­zo­gen hat?

Et­was vom Wich­ti­gen ist in mei­nen Au­gen die Be­zie­hung zwi­schen Pa­ti­en­ten und The­ra­peu­ten. Frü­her war das Ver­hält­nis su­per­pa­ter­na­lis­tisch. Die Ärz­te wa­ren der Mei­nung, sie wüss­ten al­lein, was gut ist für die Er­krank­ten. Heu­te hö­ren wir zu, stre­ben ei­nen part­ner­schaft­li­chen Um­gang an, bei dem man die Pa­ti­en­ten als Ex­per­ten für ih­re ei­ge­ne Pro­ble­ma­tik sieht und im Ide­al­fall zu ei­nem so­ge­nann­ten sha­red de­ci­si­on ma­king kommt.

Auf­grund die­ser Ver­gan­gen­heit, mei­ne ich, gibt es noch im­mer ei­ne ge­wis­se Skep­sis ge­gen­über der Psych­ia­trie. Wel­ches Vor­ur­teil stört Sie am meis­ten?

(über­legt lan­ge) Pein­lich, dass mir jetzt nicht gleich et­was in den Sinn kommt! Frü­her hat es ja den Vor­wurf ge­ge­ben: Ein­mal drin, im­mer drin. Heu­te ist der Auf­ent­halt bei uns – über sämt­li­che Sta­tio­nen hin­weg – im Schnitt 24 Ta­ge. Und der Vor­wurf ist jetzt eher, dass wir die Leu­te zu rasch, al­so noch krank wie­der «raus­schmeis­sen». Vor al­lem von An­ge­hö­ri­gen kommt der Ruf, die Kli­nik soll wie­der mehr in Rich­tung to­ta­le In­sti­tu­ti­on, to­ta­le Kon­trol­le ge­hen. Da­mit ha­de­re ich.

Wenn Sie schon das Stich­wort «to­ta­le In­sti­tu­ti­on» brin­gen, müs­sen wir über Mi­chel Fou­cault re­den. Der Phi­lo­soph präg­te ja die Idee, dass die Psych­ia­trie ein Ge­fäng­nis sei, das un­er­wünsch­te Leu­te aus der Ge­sell­schaft aus­grenzt. Da­mit hat er nicht ganz un­recht, oder?

Über­haupt nicht! Die Psych­ia­trie hat in ih­rer Ge­schich­te im­mer Men­schen aus­ge­grenzt. Das darf man nicht schön­re­den. Sie war da­bei auch nicht bloss aus­füh­ren­de In­stanz, son­dern hat aus Ei­gen­an­trieb ge­han­delt – et­wa bei der Eu­ge­nik in den 1930ern.

Man könn­te sa­gen: Auch Sie lei­ten ein Ge­fäng­nis.

Ja, wir über­neh­men Funk­tio­nen der Po­li­zei, der so­zia­len Kon­trol­le. Es gibt Pa­ti­en­ten, die ge­gen ih­ren Wil­len bei uns sind. Gleich­zei­tig ha­ben wir ein the­ra­peu­ti­sches An­lie­gen, das wir sehr ernst neh­men – ein gros­ses Di­lem­ma.

Wie sieht Zwang in der mo­der­nen Psych­ia­trie aus?

Der mo­der­ne Zwang, wenn Sie so wol­len, kennt drei For­men. Die für­sor­ge­ri­sche Un­ter­brin­gung, FU, bei der Sie Ih­ren Auf­ent­halts­ort wie in der Haft nicht frei wäh­len kön­nen. Dann gibt es das Iso­lier­zim­mer. Die drit­te Form ist ei­ne Me­di­ka­ti­on ge­gen Ih­ren Wil­len.

Aus Neu­gier­de: Was müss­te ich an­stel­len, da­mit mich die Po­li­zei ab­holt und zwangs­mäs­sig in die Kli­nik ein­lie­fert?

Sie könn­ten akut sui­zid­ge­fähr­det sein, über­do­sie­ren, Wahn­ge­dan­ken ha­ben oder kei­ne Nah­rung mehr zu sich neh­men. Aber es kommt auch drauf an, wo Sie le­ben und wo der Not­fall­arzt die Gren­ze zieht. Die Pra­xis ist ex­trem he­te­ro­gen. In Ba­sel-stadt kom­men von 100 Men­schen 10 per für­sor­ge­ri­scher Un­ter­brin­gung in die Kli­nik, im Kan­ton Zü­rich sind es 25.

Ver­rückt.

Zwang folgt kei­nem bio­lo­gi­schen Ge­setz, er ist nicht me­di­zi­nisch, son­dern ge­sell­schaft­lich nor­miert. Die Psych­ia­trie führt aus, was die Ge­sell­schaft will.

Aber es wird doch ir­gend­wel­che Kri­te­ri­en ge­ben, da­mit es zur FU kommt.

Im Ar­ti­kel 426 des Zi­vil­ge­setz­bu­ches steht: «Ei­ne Per­son, die an ei­ner psy­chi­schen Stö­rung oder an geis­ti­ger Be­hin­de­rung lei­det oder schwer ver­wahr­lost ist, darf in ei­ner ge­eig­ne­ten Ein­rich­tung un­ter­ge­bracht wer­den, wenn die nö­ti­ge Be­hand­lung oder Be­treu­ung nicht an­ders er­fol­gen kann.» Für ei­ne Frei­heits­ent­zie­hung ist das sehr va­ge for­mu­liert!

War­um?

In der Schweiz kann al­lein auf­grund ei­ner ärzt­li­chen Ein­schät­zung ein Mensch bis zu sechs Wo­chen in der Kli­nik be­hal­ten wer­den, oh­ne Ge­richts­be­schluss. Zu­dem müs­sen wir Pfle­ger, Rich­ter, Ärz­te, Po­li­zis­ten und The­ra­peu­ten in Per­so­nal­uni­on sein und ent­schei­den, was ver­hält­nis­mäs­sig ist. Das fin­de ich un­mög­lich. Schliess­lich ist Zwang ei­ne Re­ak­ti­on der Ge­sell­schaft auf nicht to­le­rier­tes Ver­hal­ten. Er dient der so­zia­len Kon­trol­le, ist nor­ma­tiv und be­ruht auf ge­sell­schaft­li­chen Wert­vor­stel­lun­gen. His­to­risch ge­se­hen, ist das die hoch ge­fähr­li­che Sei­te der Psych­ia­trie. Schrei­ben Sie das dick und fett!

Und was er­war­tet mich als Pa­ti­en­tin, wenn ich per FU ein­ge­wie­sen wer­de?

Dann lie­fert sie meist die Sa­ni­tät, ge­le­gent­lich die Po­li­zei in Hand­schel­len hier ab. Ei­ni­ge Pa­ti­en­ten sind schläf­rig, weil der Not­fall­arzt be­reits ein Me­di­ka­ment ver­ab­reicht hat. Manch­mal ste­hen die Pa­ti­en­ten aber auch un­ter Dro­gen und ma­chen Ra­dau. Bei der FU ken­nen wir das gan­ze Spek­trum: von film­reif bis völ­lig un­dra­ma­tisch.

Schon krass, wie die Au­to­no­mie ein­ge­schränkt wird.

Der Ethi­ker Gio­van­ni Maio be­zeich­net das als of­fe­ne Wun­de der Psych­ia­trie. Wir sind in ei­nem Di­lem­ma. War­um müs­sen Pfle­ge­per­so­nen Pa­ti­en­ten über­wäl­ti­gen? Das darf sonst nur die Po­li­zei. In der Psych­ia­trie gel­ten ei­ge­ne Ge­set­ze. Es wer­den Din­ge er­war­tet, die sonst un­denk­bar wä­ren. Das ist ver­rückt.

Wo sind für Sie die Gren­zen des Zwangs?

Schwie­rig. Die Schwei­ze­ri­sche Aka­de­mie der Me­di­zi­ni­schen Wis­sen­schaf­ten sagt: Zwang muss Ul­ti­ma Ra­tio sein und darf die Wür­de ei­nes Men­schen nicht tan­gie­ren – aber Ent­schul­di­gung, das geht ja gar nicht. Ich bin ge­gen die­se Be­griffs­po­li­tur.

Zum Schluss noch ein ganz an­de­res The­ma: Burn-out. Was sagt die­se Er­kran­kung über un­se­re Zeit aus?

Burn-out ist ei­ne Mo­de­dia­gno­se, weil sie ei­nen Stig­ma-frei­en Zu­gang zu Hil­fe er­mög­licht – im Sin­ne von: «Ich ha­be viel ge­leis­tet, dar­um bin ich nun aus­ge­brannt.» Kli­nisch ist Burn-out kei­ne Ka­te­go­rie, dia­gnos­ti­ziert wird meist ei­ne schwe­re De­pres­si­on.

Sie stel­len aus­ge­brann­te Leu­te so weit wie­der her, dass sie wie­der funk­tio­nie­ren, und schi­cken sie zu­rück in die krank ma­chen­de Ar­beits­welt. Ist das nicht frus­trie­rend?

Nein, denn wir ha­ben das Wohl des Ein­zel­nen im Au­ge. Wir kön­nen ja nichts da­ran än­dern, dass der Job in un­se­rer Ge­sell­schaft ei­ne ho­he Be­deu­tung hat. Aber weil das so ist, be­mü­hen wir uns, die ge­sell­schaft­li­che Teil­ha­be un­se­rer Pa­ti­en­ten so zu stär­ken, dass sie nicht auch noch ih­re Ar­beit und ihr so­zia­les Netz­werk ver­lie­ren. Der Kli­nik­auf­ent­halt ist ein re­pa­ra­ti­ver Mecha­nis­mus, kei­ne Ge­sell­schafts­kri­tik.

Müss­te die Psych­ia­trie nicht die Ar­beit­ge­ber in die Man­gel neh­men und sa­gen: Hey, eu­re Mit­ar­bei­ten­den wer­den krank, wenn sie so viel leis­ten?

Ei­gent­lich ja. Aber ich bin skep­tisch, ob die Psych­ia­trie der rich­ti­ge Ort ist, um Ge­sund­heits­för­de­rung zu be­trei­ben. Kli­ni­ker sind schlech­te Pro­phy­lak­ti­ker.

Ha­ben Sie denn gar kei­ne Bot­schaft an die Ge­sell­schaft?

Na­tür­lich könn­te ich et­was sa­gen wie: Wir soll­ten den Stel­len­wert von Leis­tung hin­ter­fra­gen – aber so ein Ap­pell wä­re zehn Num­mern zu gross für mich.

Dann halt ein prak­ti­scher Tipp, zehn Num­mern klei­ner.

Es ist wich­tig, dass Men­schen bei der Ar­beit ei­ne An­lauf­stel­le ha­ben und mit je­man­dem re­den kön­nen, be­vor Feu­er im Dach ist.

Sie ar­bei­ten seit über zwan­zig Jah­ren als Psych­ia­ter. Was ha­ben Sie von Ih­ren Pa­ti­en­ten über das Le­ben ge­lernt?

Enorm viel! Ich ha­be Men­schen ge­trof­fen, die schwers­te Kri­sen durch­ge­macht und ei­nen Weg ge­fun­den ha­ben, mit ih­ren Be­schwer­den zu le­ben. Die­se Men­schen ha­ben mir ge­zeigt, wie wich­tig Be­schei­den­heit ist – und wie vor­sich­tig ich sein muss, wenn ich zu wis­sen mei­ne, was für an­de­re gut ist.

Dr. Re­né Brid­ler

ist ärzt­li­cher Di­rek­tor des Sa­na­to­ri­ums Kilch­berg – ei­ne der äl­tes­ten Schwei­zer Kli­ni­ken für Men­schen mit psy­chi­schen Er­kran­kun­gen. Ge­grün­det 1867, hat die Kli­nik ei­ne be­weg­te Ge­schich­te: Ei­ni­ge Da­da­is­ten lies­sen sich hier im Ers­ten Welt­krieg krank­schrei­ben, um dem Front­ein­satz zu ent­ge­hen, und wäh­rend des Ns-re­gimes bot die Kli­nik Jü­din­nen und Ju­den ein Exil.

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