Ja­kob Tan­ner Über Er­in­ne­rungs­kul­tur

Das Magazin - - N° 48 — 1. Dezember 2018 - Ja­kob Tan­ner

Seit dem 18. Jahr­hun­dert ver­steht man Nach­for­schun­gen dar­über, was frü­her war und wie es zum Heu­te kam, als ei­ne wis­sen­schaft­li­che Auf­ga­be. Die in der Auf­klä­rung auf­kom­men­de Ge­schichts­wis­sen­schaft er­wei­ter­te und ver­än­der­te das Bild der Ver­gan­gen­heit. Zwar ge­lan­gen His­to­ri­ke­rin­nen und His­to­ri­ker oft zu ab­wei­chen­den In­ter­pre­ta­tio­nen, doch ih­re Darstel­lun­gen ba­sie­ren auf Fak­ten und ei­nem an­er­kann­ten pro­fes­sio­nel­len Hand­werk. Da­durch un­ter­schei­den sie sich von fik­tio­na­ler Li­te­ra­tur.

Ge­schich­te war und ist al­ler­dings nie nur Sa­che der Wis­sen­schaft. Sie wur­de viel­mehr stets auch po­li­tisch prak­ti­ziert. Der Mit­tel­al­ter­his­to­ri­ker Guy P. Mar­chal präg­te 2006 den Be­griff «Ge­brauchs­ge­schich­te» und de­fi­niert die­se «als je­ne Ge­schich­te, die im­mer wie­der zum Ein­satz kommt, um ei­ge­ne Po­si­tio­nen his­to­risch zu le­gi­ti­mie­ren». So wird Ge­schich­te als Re­tro­pro­jek­ti­on von «Wunsch- und Wahn­vor­stel­lun­gen» zum Me­di­um der Po­li­tik. Par­tei­en so­wie Be­we­gun­gen rin­gen um Deu­tungs­ho­heit; sie in­ter­pre­tie­ren Ge­schich­te in ih­rem Sin­ne, um In­ter­es­sen durch­zu­set­zen.

Die Schweiz, die sich seit den 1870er-jah­ren als «his­to­ri­sche Wil­lens­na­ti­on» zu be­grei­fen lern­te, war an­fäl­lig für die Er­wei­te­rung der ge­brauchs­ge­schicht­li­chen Kampf­zo­ne. Frei­sin­ni­ge und Ka­tho­lisch-kon­ser­va­ti­ve foch­ten ei­nen Kul­tur­kampf aus, was ei­ne ge­sam­teid­ge­nös­si­sche Er­in­ne­rungs­kul­tur ver­un­mög­lich­te. 1886 kam es dann erst­mals zu ei­nem lan­des­über­grei­fen­den Ge­den­ken an­läss­lich der 500-Jahr­fei­er der Schlacht bei Sem­pach. Der zum Woh­le des Va­ter­lan­des ster­ben­de Ar­nold von Win­kel­ried stieg zur na­tio­na­len In­te­gra­ti­ons­fi­gur auf, was ihn nicht da­ran hin­der­te, als Klas­sen­kämp­fer ak­tiv zu wer­den. Die da­mals jun­ge Ar­bei­ter­be­we­gung sah näm­lich in den hoch zu Ross an­tre­ten­den Rit­tern die aus­beu­te­ri­sche Ka­pi­ta­lis­ten­klas­se und iden­ti­fi­zier­te sich mit den tap­fer kämp­fen­den (Eid-)ge­nos­sen. Zugleich war die Fra­ge vi­ru­lent, wen Wil­helm Tells Pfeil tref­fen könn­te. Da muss­ten sich nicht nur «frem­de Vög­te», son­dern auch die ei­ge­ne Re­gie­rung in Acht neh­men.

Die­se Streik­kul­tur be­ruh­te auf ge­mein­sa­men Na­tio­nal­my­then, die si­tua­tiv sehr ver­schie­den ge­deu­tet wur­den. Mit dem Ers­ten Welt­krieg, der auch ein gi­gan­ti­scher Pro­pa­gan­da­krieg war, setz­ten sich welt­weit neue Stra­te­gi­en der Des­in­for­ma­ti­on durch. Es ging nicht mehr dar­um, die ver­lo­cken­de­re Ge­schich­te zu ha­ben, son­dern dar­um, feind­li­che Na­tio­nen mit Ge­rüch­ten und Ver­schwö­rungs­theo­ri­en zu dä­mo­ni­sie­ren. Ei­ne ers­te Blü­te­zeit von Fa­ke News setz­te ein. In der Schweiz wur­de der Lan­des­streik vom No­vem­ber 1918, der aus den so­zia­len Span­nun­gen der Kriegs­jah­re her­vor­ging und durch pro­vo­kan­te Trup­pen­auf­ge­bo­te aus­ge­löst wur­de, zum bol­sche­wis­ti­schen Putsch­ver­such hoch­sti­li­siert. Mit düs­te­ren, an­ti­se­mi­tisch an­ge­rei­cher­ten Draht­zie­her-the­sen wur­de die Lin­ke über den Zwei­ten Welt­krieg hin­aus stig­ma­ti­siert.

Seit den 1960er-jah­ren griff die Ge­schichts­schrei­bung sol­che Ideo­lo­gie­kom­ple­xe an und ver­trau­te auf die kor­ro­si­ve Kraft der kri­ti­schen Wis­sen­schaft. Man hat­te die Hoff­nung, die na­tio­nal­my­tho­lo­gi­schen Ne­bel­ge­bie­te könn­ten mit un­ent­weg­tem For­schungs­ein­satz ge­lich­tet wer­den. Die Be­har­rungs­kräf­te der Ge­brauchs­ge­schich­te wur­den un­ter­schätzt. Und es fehl­te ei­ne Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen My­then, die, als sol­che ge­nom­men, Er­kennt­nis­po­ten­zi­al auf­wei­sen, und schlich­ten Fehl­mel­dun­gen und Falsch­be­haup­tun­gen, die die po­li­ti­schen Dis­kus­sio­nen ver­gif­ten. In­zwi­schen tri­um­phiert ei­ne ag­gres­si­ve Ge­brauchs­ge­schich­te, die Fa­ke News ver­brei­tet und nicht nur Lü­gen re­cy­cliert, son­dern im­mer ver­rück­te­re kon­spi­ra­ti­ve Plots aus­heckt. Pio­nier­haft da­für ste­hen die Us-fil­me von Di­nesh D’sou­za «Hil­la­ry’s Ame­ri­ca» (2016) und «De­ath of a Na­ti­on» (2018). Ei­ne stüm­per­haf­te Montage wird hier zur Su­per­waf­fe, mit wel­cher der in­ne­re Feind be­siegt wer­den soll. Die Ge­schichts­wis­sen­schaft kann sol­che Pro­pa­gan­da­ma­schi­nen nicht stop­pen. Sie hat aber kei­nen Grund zu ver­za­gen, denn es gibt in den USA und vie­len an­de­ren Län­dern, so auch in der Schweiz, nach wie vor le­ben­di­ge Er­in­ne­rungs­kul­tu­ren so­wie ein In­ter­es­se an his­to­ri­schem Zu­sam­men­hangs­wis­sen, das die­sem ideo­lo­gisch-po­pu­lis­ti­schen Druck­auf­bau stand­hal­ten kann.

JA­KOB TAN­NER ist eme­ri­tier­ter Pro­fes­sor für Ge­schich­te an der Uni­ver­si­tät Zü­rich.

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