hans ul­rich obrist Shang­hai­ex­press

Das Magazin - - N° 48 — 1. Dezember 2018 - HANS UL­RICH OBRIST ist künst­le­ri­scher Di­rek­tor der Ser­pen­ti­ne Gal­le­ries in Lon­don.

Als ich vor 22 Jah­ren zum ers­ten Mal nach Shang­hai kam, ha­be ich ver­geb­lich nach ei­nem ein­zi­gen Mu­se­um, nach ei­ner ein­zi­gen Aus­stel­lung zeit­ge­nös­si­scher Kunst ge­sucht. Es gab – nichts. Um et­was über die Kunst­sze­ne zu er­fah­ren, muss­te man ent­we­der in die Uni­ver­si­tät fah­ren und mit den Stu­den­ten spre­chen. Oder man ging ins Port­man-ho­tel.

Dort hat­te sich im sel­ben Jahr ei­ne klei­ne Ga­le­rie na­mens Shang­hart ein­ge­rich­tet, in ei­nem Flur im zwei­ten Stock, des­sen Wän­de der Ho­te­lier dem Ga­le­ris­ten über­liess. Die­ser ist ein Schwei­zer, Lo­renz Helb­ling, und sei­ne Ga­le­rie in­zwi­schen ei­ne der gröss­ten Chi­nas. Wenn man heu­te als Be­su­cher in Shang­hai Kunst er­le­ben will, hat man we­nig Mü­he. Ich rei­se sehr re­gel­mäs­sig nach Chi­na und Shang­hai und hat­te die­ses Mal drei vol­le Ta­ge ein­ge­plant, aber es ist mir in die­ser Zeit nicht ge­lun­gen, mir all die neu­en Kun­stor­te an­zu­se­hen, die al­lein in den letz­ten Jah­ren ent­stan­den sind.

Bin­nen kür­zes­ter Zeit ist Shang­hai zur Kunst­me­tro­po­le des Lan­des ge­wor­den und hat auch Pe­king ab­ge­hängt. Si­cher­lich steu­ert der Staat in ei­nem Land wie Chi­na mehr als an an­de­ren Or­ten, wo Kunst­zen­tren ent­ste­hen, aber die Grün­de sind kom­ple­xer. Zu ih­nen dürf­ten die Prei­se und die Woh­nungs- und Ate­li­er­not in Pe­king ge­hö­ren, was es jun­gen Künst­lern nicht er­laubt, dort zu ar­bei­ten – auch wur­den vie­le Ate­liers ab­ge­ris­sen. Mit den Künst­lern ka­men die Ga­le­ri­en nach Shang­hai, ka­men die Samm­ler und mit ih­nen die Pri­vat­mu­se­en, die hier mo­nat­lich aus dem Bo­den spries­sen. Der Auf­stieg Shang­hais äh­nelt je­nem der meis­ten an­de­ren gros­sen Kunst­zen­tren, wie man zu­letzt be­son­ders in Mai­land be­ob­ach­ten konn­te. Was sich un­ter­schei­det, ist die schie­re Men­ge. Die bei­den vor vier Jah­ren er­öff­ne­ten Pri­vat­häu­ser Yuz Mu­se­um und Long Mu­se­um ge­hö­ren schon zum Es­ta­blish­ment ne­ben dem noch neue­ren Oil Tank Art Cen­ter, der Fo­sun Foun­da­ti­on, dem Rock­bund Art Mu­se­um und den zahl­lo­sen klei­ne­ren In­sti­tu­tio­nen und Ga­le­ri­en. Auch die Fon­da­zio­ne Pra­da hat ein Mu­se­um ein­ge­rich­tet, in ei­nem his­to­ri­schen und wun­der­schön re­stau­rier­ten Ge­bäu­de.

Und das al­les soll ja erst der An­fang sein. Denn Shang­hai plant vor sei­nen To­ren ei­ne Kunst-stadt für Hun­dert­tau­sen­de Ein­woh­ner. Die In­fra­struk­tur wird sich kom­plett nach den Be­dürf­nis­sen der Kunst­pro­duk­ti­on und -aus­stel­lung rich­ten, und zu­min­dest zah­len­mäs­sig wird sie die un­an­ge­foch­te­ne Kunst­me­tro­po­le der Welt sein. Wenn es so weit ist, wer­de ich mir ganz si­cher mehr Zeit neh­men als die drei Ta­ge.

Das Mu­se­ums­wachs­tum Shang­hais als ra­sant zu be­zeich­nen, wä­re un­ter­trie­ben. Das Long Mu­se­um von 2014 ge­hört längst zum Es­ta­blish­ment.

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