max küng Lie­ber Chris von Rohr

Das Magazin - - N° 48 — 1. Dezember 2018 - Max Küng MAX KÜNG ist Re­por­ter bei« Das Ma­ga­zin »; Il­lus­tra­ti­on SATOSHI HA­SHI­MO­TO

Es gibt sie noch, die gros­sen Rät­sel die­ser Welt. Wes­halb et­wa ein Le­bens­mit­tel­pro­du­zent ei­ne ab­ge­pack­te Va­ria­ti­on von Fisch­pro­duk­ten (mit zwei Sau­cen) «Rauchlachs Sym­pho­nie» nennt, das mag ja noch ir­gend­wie schlüs­sig sein, auch wenn man nach dem Öff­nen der Ver­pa­ckung lan­ge hin­hö­ren kann: Der Lachs macht kei­nen Mucks. Auch die Meer­ret­ti­chund die Senf­sau­ce blei­ben stumm. Kryp­ti­scher hin­ge­gen ist, wes­halb ein ge­schei­bel­ter Hin­ter­schin­ken vom Zucht­schwein «Vi­val­di» ge­nannt wird. Und wes­halb heisst der Vor­der­schin­ken dann nicht «Rach­ma­ni­now»? Und der Speck «Stock­hau­sen»?

Mu­sik und Ku­li­na­rik ha­ben oft mit­ein­an­der zu tun, auch wenn sie nichts mit­ein­an­der zu tun ha­ben. Ges­tern et­wa hör­te ich ei­ne So­na­te ei­nes ita­lie­ni­schen Kom­po­nis­ten na­mens Pie­tro Gnoc­chi (1689–1775) – an Gor­gon­zo­la­sau­ce aber dach­te ich da­bei nicht, noch nicht ein­mal an But­ter und Sal­bei.

Ich war un­ter­wegs, im Zug, auf ei­ner Rei­se zu ei­nem Ort, an dem ich noch nie zu­vor ge­we­sen war. Denn es gibt sie noch, die Fle­cken, die ei­nem un­be­kannt sind, die man je­doch ein­mal im Le­ben be­su­chen möch­te. Die Rei­se führ­te mich nach Bern, wo ich in ei­nen kür­ze­ren Zug um­stieg, um in La Chaux­de-fonds in ei­nen noch kür­ze­ren Zug zu stei­gen, der aus ei­nem Wa­gen bloss be­stand.

Schwar­ze Pfer­de stan­den im dich­ten Ne­bel, et­was auf­wärts ging die Fahrt, durch ei­nen Tun­nel, dann ab­wärts. Reif lag auf den Fel­dern und den von Tro­cken­mau­ern durch­zo­ge­nen Wei­den, die Fich­ten wa­ren auch ganz bleich an­zu­se­hen. Es ist ei­ne wil­de Land­schaft, in die mich der Trieb­wa­gen der Schmal­spur­bahn zog, hin­ein in ein Tal vol­ler Moo­re, ein Ther­mo­me­ter leuch­te­te rot an ei­ner Fas­sa­de: «–4°».

Der Zug hält bloss auf Ver­lan­gen, sir­rend fuhr er wei­ter, ver­schwand im Fog. Ich zog den Reiss­ver­schluss des Win­ter­man­tels hoch. Als wä­re ich selbst ei­ne Lok, dampf­be­trie­ben, wur­de mein Atem zu bald schwin­den­den Schwa­den, so ging es in das Dorf, wel­ches das Ziel mei­ner Rei­se war: La Sa­gne, 966 Ein­woh­ner, ge­le­gen in ei­nem Hoch­tal im Neu­en­bur­ger Ju­ra, ei­ne Ort­schaft, die mir bis da­hin gänz­lich un­be­kannt war – und hier­her kam ich, um ei­ne La­sa­gne zu es­sen, denn dies hat­te ich noch nie zu­vor ge­tan: in La Sa­gne ei­ne La­sa­gne es­sen.

Mit­ten im Dorf steht das Re­stau­rant, das auch ein Ho­tel ist und so heisst wie ein Fuss­bal­ler der Young Boys: Von Ber­gen. Das Ho­tel je­doch ist et­was äl­ter als der Ball­sport­ler: 1871 wur­de es er­baut. Von aus­sen ein Bi­jou. Von in­nen eben­falls. Die Wirts­stu­be war gut be­sucht; Hand­wer­ker dis­ku­tier­ten am run­den Stamm­tisch über ih­ren Bie­ren, ge­müt­lich sass es sich in der Wär­me, auf ei­ner Krei­de­ta­fel stand «Un re­pas sans vin c’est com­me un jour sans so­leil. Bon AP­PE­TIT!» Als ich aus dem Fens­ter blick­te, da war der Ne­bel so dick, dass er bei­na­he die Bä­cke­rei auf der an­de­ren Stras­sen­sei­te ver­hüll­te.

Ei­ne La­sa­gne stand nicht auf der Kar­te des Re­stau­rants von Ber­gen. Da­für aber gab es ein Mit­tags­me­nü für 17 Fran­ken mit Sa­lat und Des­sert. Der Haupt­gang: ein Tel­ler mit ge­koch­tem Bein­schin­ken (der nicht nach ei­nem Kom­po­nis­ten be­nannt war, son­dern ein­fach bloss Jam­bon hiess) und ei­ne Rös­ti von gran­dio­ser Knusp­rig­keit. Das Al­ler­bes­te war das Des­sert: ein süss­sal­zi­ger Ku­chen mit Rahm. Für das Ei­ner­li Pi­not noir aus der Re­gi­on nahm man 4.80. In die­sem Ho­tel, so dach­te ich, könn­te man es gut ei­ne Wei­le aus­hal­ten. Zu­frie­den trat ich nach dem Mit­tag­es­sen zu­rück in die Kno­chen­klap­per­käl­te, be­sah et­was das Dorf, bald zog der Zug mich zu­rück Rich­tung Zu­hau­se. Ich weiss nicht vie­le Din­ge, zwei aber schon: Ich war an ei­nem Ort ge­we­sen, an dem ich zu­vor noch nie ge­we­sen war; und ich wür­de bald dort­hin zu­rück­keh­ren, nach La Sa­gne, wo es kei­ne La­sa­gne gibt, da­für ziem­lich viel Ru­he und Ein­sam­keit.

Sie fra­gen sich si­cher, lie­ber Chris von Rohr: «Und was hat das mit mir zu tun?» Nun, auf der Rück­fahrt durch­quer­ten wir spä­ter ei­ne Stadt, und als ich aus dem Zug­fens­ter blick­te, da dach­te ich: «Was ist das denn für ein Ort? Er ist mir völ­lig fremd und un­be­kannt. Hier bin ich auch noch nie ge­we­sen. Gibt es da­für ei­nen Grund? Oder gibt es eben kei­nen Grund – und das ist der Grund?» Dann sah ich das Bahn­hofs­schild: «So­lo­thurn» stand dort.

Lie­ber Gruss, Max Küng

PS Song zum The­ma: «Events in Den­se Fog» von Bri­an Eno vom Al­bum «Mu­sic for Films», 1978.

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