ein Tag im le­ben ei­ner kur­di­schen Jour­na­lis­tin

Das Magazin - - N° 48 — 1. Dezember 2018 - Pro­to­koll MI­RI­AM SU­TER, Über­set­zung UGUR GÜLTEKIN Bild PRI­VAT

Wäh­rend mei­ner Zeit in der Tran­sit­zo­ne am Zürcher Flug­ha­fen ha­be ich kein ein­zi­ges Mal den Him­mel ge­se­hen. Ich bin aus der Tür­kei ge­flüch­tet, weil mir dort für mei­ne Ar­beit als kur­di­sche Jour­na­lis­tin bis zu zwan­zig Jah­ren Haft dro­hen, und lan­de­te nach ei­ner Odys­see mit Zwi­schen­halt in Bra­si­li­en in der Schweiz. Hier kommst du erst mal in die Tran­sit­zo­ne. Der ein­zi­ge Kon­takt mit Men­schen, den ich wäh­rend der zwan­zig Ta­ge dort hat­te, war mit an­de­ren Ge­flüch­te­ten – vor al­lem aus Nord­sy­ri­en und Afri­ka – und im Rau­cher­raum mit in­ter­na­tio­na­len Pas­sa­gie­ren. Das war aber schwie­rig für mich, da ich nicht so gut Eng­lisch oder Deutsch spre­che. Den­noch ha­be ich ver­sucht, mit die­sen Men­schen ins Ge­spräch zu kom­men, um zu­min­dest ein biss­chen so et­was wie ei­nen All­tag zu ha­ben. Die Tran­sit­zo­ne wird als ei­ne Art Auf­fang­sta­ti­on für Ge­flüch­te­te be­schrie­ben, aber ei­gent­lich ist es ein Ge­fäng­nis. Mein Han­dy und mein Lap­top ha­be ich erst nach zehn Ta­gen zu­rück­er­hal­ten, erst dann konn­te ich mei­ne Fa­mi­lie kon­tak­tie­ren und ih­nen er­zäh­len, wo ich über­haupt bin. Mei­ne An­wäl­tin brach­te mir Bü­cher, und ich ha­be viel ge­le­sen und vor al­lem ge­schrie­ben, mei­ne Zeit dort do­ku­men­tiert. Das hat mich be­stärkt durch­zu­hal­ten.

Als ich in der Schweiz an­kam, wur­de bei mir ei­ne post­trau­ma­ti­sche Be­las­tungs­stö­rung fest­ge­stellt. Das hat un­ter an­de­rem da­mit zu tun, dass ich in der Tür­kei be­reits im Ge­fäng- nis war und spä­ter, wäh­rend mei­ner Zeit in Bra­si­li­en, ei­nen tät­li­chen Über­griff er­leb­te. In der Tran­sit­zo­ne am Zürcher Flug­ha­fen hat­te ich aber kei­nen rich­ti­gen Zu­gang zu psy­cho­lo­gi­scher Be­treu­ung. Ein­mal pro Wo­che konn­te ich auf mei­ne Bit­te hin mit je­man­dem spre­chen, das war aber eher ein Kri­sen­ma­nage­ment als ei­ne The­ra­pie. Die Psy­cho­lo­gin war wohl­wol­lend, sie hat mir aber auch ge­sagt, dass un­se­re Ge­sprä­che kei­nen Ein­fluss auf mei­nen Asyl­an­trag ha­ben wer­den. Dass ich trau­ma­ti­siert bin, wird am Ent­scheid al­so nichts än­dern – mein An­trag ist nach wie vor hän­gig.

Der Ge­dan­ke, nun mein gan­zes Le­ben lang nicht mehr in die Tür­kei zu­rück­keh­ren zu kön­nen, ist mir fast un­er­träg­lich. Doch in der Tür­kei müss­te ich so­fort ins Ge­fäng­nis. Da­bei ha­be ich nie Ge­walt an­ge­wen­det, ich war nie be­waff­net, ich ha­be nur ge­schrie­ben. Ge­nau des­halb floh ich: Ich ste­he für die Frei­heit ein.

Vor kur­zem wur­de das Haus mei­ner Mut­ter in der Tür­kei von der Po­li­zei durch­sucht. Sie frag­ten nach mir, ob­wohl sie wis­sen, dass ich in der Schweiz bin. Sie ha­ben mei­ne Mut­ter be­droht und auch den Men­schen in un­se­rer Nach­bar­schaft ein Fo­to von mir ge­zeigt und sie über mich be­fragt. In mei­nen Au­gen ist das der Ver­such, mei­ne Fa­mi­lie als Fa­mi­lie ei­ner an­geb­li­chen Ver­rä­te­rin hin­zu­stel­len und so in der Nach­bar­schaft zu iso­lie­ren.

Für mei­ne Mut­ter ist das sehr be­las­tend, weil mein Bru­der zur­zeit auch nicht bei mei­ner Fa­mi­lie ist. Er war Stu­dent in Istan­bul und nahm im­mer wie­der an De­mons­tra­tio­nen teil, zum Bei­spiel am 1. Mai oder am Welt­frau­en­tag. Da­für be­kam er sechs Jah­re Ge­fäng­nis. Da hat er sich ent­schie­den, mit den kur­di­schen Volks­ver­tei­di­gungs­ein­hei­ten YPG an die Front zu zie­hen – in den Sy­ri­en­krieg. Des­halb sind mei­ne El­tern dank­bar da­für, dass we­nigs­tens ich in Si­cher­heit bin. Das Exil hier in der Schweiz ist al­so, so ab­surd es ist, ein Se­gen.

Jetzt le­be ich in ei­ner Flücht­lings­woh­nung in Zü­rich, zu­sam­men mit an­de­ren Kur­din­nen. Mein gröss­tes Ziel ist es jetzt, Deutsch zu ler­nen. Ich ken­ne je­den ein­zel­nen Gra­tis­kurs in der Stadt, die be­such­te ich in der ers­ten Zeit. Nun ge­he ich fünf­mal pro Wo­che in die Mi­gros Klub­schu­le. Oft büff­le ich da­nach noch zu Hau­se, denn ich will wie­der als Jour­na­lis­tin ar­bei­ten. Aus­ser­dem will ich die Spra­che ler­nen, da­mit ich den Men­schen hier da­von er­zäh­len kann, was in der Tür­kei pas­siert. Und ich will von den Schwei­ze­rin­nen und Schwei­zern er­fah­ren, wie sie die Welt se­hen.

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