Die Müt­ter der ver­lo­re­nen Kin­der. Von

Tau­sen­de Töch­ter und söh­ne wur­den auf der Flucht aus zen­tral­ame­ri­ka in die Usa ge­fan­gen, ver­ge­wal­tigt, ver­sklavt. ih­re El­tern zie­hen los, um sie zu su­chen.

Das Magazin - - N° 49 — 8. Dezember 2018 - Jan chris­toph Wiech­mann

pi­lar es­co­bar er­in­nert sich gut an den tag, an dem ih­re toch­ter ol­ga ver­schwand. es war ein neb­li­ger mor­gen im ok­to­ber, der kühl­schrank war leer, und im schlaf­zim­mer brüll­te ei­ner von ol­gas zwei­jäh­ri­gen zwil­lin­gen, die noch die Brust be­ka­men.

ol­ga (28) sag­te, sie ge­he wie üb­lich zur Ar­beit, in die maqui­la, ei­ne die­ser gross­fa­bri­ken, in de­nen hon­du­ra­ner elek­tro­ge­rä­te für us-un­ter­neh­men pro­du­zie­ren – zu ei­nem st­un­den­lohn von 65 Cent. ge­nug, um nicht zu ver­hun­gern, aber zu we­nig für ein le­ben mit fünf kin­dern und mut­ter.

Die Aus­sichts­lo­sig­keit war ein grund für ol­gas flucht nach Ame­ri­ka – ge­nau­so wie für tau­sen­de flücht­lin­ge der ka­ra­wa­ne, die ge­ra­de in der me­xi­ka­ni­schen gross­stadt ti­jua­na an der gren­ze zu den usa an­kommt.

was ol­ga ih­rer mut­ter nicht sag­te: ein gang­mit­glied aus ih­rem vier­tel hat­te am vor­tag an­ge­kün­digt, sie zu tö­ten, weil sie zeu­gin ei­nes raub­über­falls ge­wor­den war.

ol­gas mut­ter pi­lar steht am herd ih­rer bau­fäl­li­gen stein­hüt­te am rand von el pro­g­re­so, der fünft­gröss­ten stadt von hon­du­ras. Aus ih­rem vier­tel Co­lo­nia Car­los ro­ber­to rei­na, ei­nem erd­hü­gel aus leich­ten Be­hau­sun­gen und en­gen gas­sen, ist ei­ne keim­zel­le der flucht ge­wor­den. von hier kom­men vie­le der 500000 flücht­lin­ge, die sich je­des jahr rich­tung usa auf­ma­chen. nur et­was mehr als die hälf­te schafft es bis zur gren­ze. pi­lar (61) ist ei­ne seh­ni­ge, schon al­ters­schwa­che frau, die ein zim­mer mit ih­ren fünf en­keln teilt. «seit ol­gas ver­schwin­den bin ich oma, opa, mut­ter, va­ter in ei­nem», sagt pi­lar. «und Auf­pas­se­rin. mei­ne en­kel las­se ich nicht raus, das ist zu ge­fähr­lich.»

wie zum Be­weis pa­trouil­lie­ren vor ih­rer tür mit­glie­der der gang ms-13, die den Be­such von frem­den im vier­tel ge­nau über­wa­chen. pi­lar blickt kurz ängst­lich auf, backt aber auf ei­ner grill­plat­te wei­ter tor­til­las, die sie ge­mein­sam mit ih­ren en­keln ver­kauft. «von den we­ni­gen ein­nah­men – 200 Dol­lar im mo­nat – muss ich noch 50 Dol­lar als schutz­gel­der an die Ban­den ab­ge­ben», sagt sie bit­ter. es ist das ge­schäfts­mo­dell der ma­fia in hon­du­ras: nicht die we­ni­gen rei­chen aus­neh­men, son­dern die vie­len Ar­men.

Dies ist der zwei­te grund für die flucht der men­schen. sie sind eben nicht kri­mi­nel­le, wie Do­nald trump be­haup­tet. sie flie­hen vor den kri­mi­nel­len.

nach dem Ba­cken macht sich pi­lar es­co­bar auf den weg ins zen­trum zur or­ga­ni­sa­ti­on Co­f­a­mi­pro – ko­mi­tee der fa­mi­li­en ver­schwun­de­ner mi­gran­ten. sie trifft dort auf an­de­re müt­ter, die ein ähn­li­ches schick­sal er­lei­den. Da ist le­ti­cia mar­tí­nez (60), de­ren toch­ter mer­za schon vor vier­zehn jah­ren auf dem weg in die usa ent­führt wur­de. und An­ge­la Aran­de, de­ren toch­ter hil­da eben­falls auf der flucht ver­schwand.

sol­che schick­sa­le sind der haupt­grund, war­um flücht­lin­ge der­zeit zu­sam­men un­ter­wegs sind – im schutz ei­ner gros­sen grup­pe, ei­ner ka­ra­wa­ne.

Die nach­rich­ten von den ka­ra­wa­nen ma­chen den müt­tern mut. Die flücht­lin­ge, von de­nen sie ei­ni­ge ken­nen, ha­ben of­fen­bar oh­ne gros­se zwi­schen­fäl­le die gren­ze er­reicht. nun brau­chen sie ge­duld, um das mo­na­te­lan­ge Asyl­ver­fah­ren durch­zu­ste­hen.

ih­re ei­ge­nen töch­ter hat­ten das glück nicht. Drei wo­chen nach ol­gas Auf­bruch im ok­to­ber 2009 er­hielt pi­lar ei­nen An­ruf: «ma­ma, ich bin in ta­pa­chu­la, im sü­den me­xi­kos. ich muss­te ge­hen, die gang woll­te mich tö­ten. ich konn­te dir nichts sa­gen, um dich nicht zu ge­fähr­den. ich ar­bei­te hier, um die flucht in die usa zu be­zah­len. ich schi­cke euch geld.»

«Das war ihr letz­ter An­ruf», er­zählt pi­lar. «zwei mo­na­te lang schick­te sie geld. Da­nach: stil­le.»

Auch le­ti­cia mar­tí­nez er­hielt noch ei­ne nach­richt ih­rer toch­ter mer­za, aber sie war noch rät­sel­haf­ter: «ma­ma, ich bin in ver­a­cruz, me­xi­ko. los ze­tas ha­ben mich.» – «ich wuss­te da­mals nicht ein­mal, was die ze­tas sind», sagt le­ti­cia. «erst dann fand ich her­aus: ein Dro­gen­kar­tell, das zu­dem flücht­lin­ge zur pro­sti­tu­ti­on zwingt.»

Auch An­ge­la Aran­de er­fuhr et­was von ih­rer toch­ter hil­da, je­doch eben­so kryp­tisch: «ich bin im ge­fäng­nis, ma­ma. sie hal­ten mich für ei­ne schwer­ver­bre­che­rin.»

Die müt­ter fan­den her­aus, dass vie­le mi­gran­ten auf mys­te­riö­se wei­se ver­schwin­den, 580 al­lein aus dem gross­raum el pro­g­re­so. ins­ge­samt sind seit 2006 zwi­schen 70 000 und 120 000 ver­schwun­den. Die müt­ter er­fuh­ren zu­dem, dass es kei­ne hil­fe von kon­su­la­ten oder der po­li­zei gibt, dass sie nur ei­ne Chan­ce ha­ben: sie müs­sen ihr schick­sal selbst in die hand neh­men.

so be­schlos­sen sie: wir bil­den ei­ne ei­ge­ne ka­ra­wa­ne, um ge­mein­sam un­se­re kin­der zu su­chen. in der grup­pe sind wir stär­ker und si­cher. sie trie­ben spen­den auf, char­ter­ten ei­nen Bus und ga­ben ih­rer su­che ei­nen na­men: ka­ra­wa­ne der hoff­nung. 4000 ki­lo­me­ter durch me­xi­ko. 10 Bun­des­staa­ten. 22 städ­te. 38 müt­ter und 12 vä­ter. und ei­ne gros­se fra­ge: wie fin­den wir im nar­co-staat me­xi­ko un­se­re ver­schwun­de­nen kin­der?

Die Su­che

es ist ein son­ni­ger tag im no­vem­ber, als die müt­ter me­xi­ko-stadt er­rei­chen. Die haupt­stadt, auf 2250 me­ter hö­he ge­le­gen, er­schlägt sie, zwan­zig mil­lio­nen ein­woh­ner. sie ist zu ge­wal­tig, als dass sie ih­re kin­der fin­den könn­ten; zu ver­wir­rend das la­by­rinth der gas­sen, zu end­los die mög­lich­kei­ten. Den­noch bin­den sie sich pla­ka­te um den kör­per. sie ver­tei­len hand­zet­tel mit fo­tos und na­men ih­rer kin­der. sie klap­pern flücht­lings­un­ter­künf­te ab.

le­ti­cia mar­tí­nez hat vom ro­ten kreuz er­fah­ren, dass ih­re toch­ter mer­za un­ter dem na­men so­fia im rot­licht­vier­tel la mer­ced wo­mög­lich als zwangs­pro­sti­tu­ier­te ar­bei­tet. Die ze­tas hät­ten ein z in ih­re haut ge­ritzt – als zei­chen, dass sie ih­nen ge­hö­re. es ist

das schick­sal vie­ler weib­li­cher flücht­lin­ge: ver­ge­wal­tigt von Ban­den und po­li­zis­ten, ge­hal­ten als sex­ar­bei­te­rin­nen in Bor­del­len und kel­lern.

«ich kann es mir nicht vor­stel­len», sagt le­ti­cia. «mer­za war ein so gu­tes mäd­chen, im­mer hilfs­be­reit, sie ar­bei­te­te in ei­ner näh­fa­brik und teil­te das ge­halt mit mir. sie woll­te, dass es uns bes­ser geht, des­halb die flucht. ich stimm­te zu und woll­te der­weil ih­re drei kin­der gross­zie­hen.»

ins rot­licht­vier­tel be­glei­tet das ro­te kreuz le­ti­cia nicht – zu ge­fähr­lich. la mer­ced, fin­det sie her­aus, ist ein ge­wühl aus markt­stän­den und Bars, mit pro­sti­tu­ier­ten al­ler klas­sen und je­des Al­ters, wie auf ei­nem Vieh­markt, kon­trol­liert von gangs und kor­rup­ten po­li­zis­ten. «ich wer­de sie an den Au­gen er­ken­nen», sagt le­ti­cia. «je­de mut­ter er­kennt ih­re toch­ter.»

Doch in die Bor­del­le wird sie nicht rein­ge­las­sen, die zu­häl­ter sind feind­se­lig. sie muss sich schnell ein­ge­ste­hen: «es ist ein le­bens­werk, mei­ne toch­ter zu fin­den. Aber ich wer­de wei­ter­su­chen. ich brau­che die Wahr­heit. Auch wenn sie tot sein soll­te – ich muss ru­he fin­den.»

Wür­den sie die flucht noch ein­mal zu­las­sen?, fra­gen wir.

«nein, lie­ber hun­ger und die be­kann­ten ge­fah­ren in hon­du­ras als die un­be­kann­ten ge­fah­ren un­ter­wegs.»

nach 1600 ki­lo­me­tern er­reicht die ka­ra­wa­ne per Bus za­ca­te­cas, nörd­lich von me­xi­ko-stadt. Die müt­ter steu­ern je­den ort ge­mein­sam an. ei­ne für al­le, al­le für ei­ne, ist ihr mot­to. in za­ca­te­cas, so ha­ben sie er­fah­ren, soll ei­ne hil­da aus hon­du­ras im ge­fäng­nis sit­zen. ih­re mut­ter, An­ge­la Aran­de, be­kommt ei­ne st­un­de mit der mut­mass­li­chen toch­ter. und tat­säch­lich ist es ih­re hil­da. kaum wie­der­zu­er­ken­nen, aus­ge­zehrt und blass, aber sie lebt.

Bei­de wei­nen lan­ge vor er­leich­te­rung und Angst. «ich wur­de bei ei­ner raz­zia ent­führt und von po­li­zis­ten ge­fol­tert», er­zählt hil­da ih­rer mut­ter. «sie hiel­ten mich für ei­ne Ban­den­füh­re­rin, die an­geb­lich Dro­gen und men­schen schmug­gelt. Bis zum ge­richts­pro­zess kann es noch jah­re dau­ern.»

sol­che fal­schen Be­schul­di­gun­gen sind ei­ne häu­fig an­ge­wand­te me­tho­de der me­xi­ka­ni­schen po­li­zei, um die er­folgs­sta­tis­tik auf­zu­bes­sern und die tat­säch­li­chen Ver­bre­cher zu schüt­zen. Da­für eig­net sich nie­mand bes­ser als ar­me mi­gran­ten.

Als An­ge­la das ge­fäng­nis ver­lässt, neh­men die an­de­ren müt­ter sie in die Ar­me. We­nigs­tens ei­ne ih­rer töch­ter ist am le­ben. ei­ne gu­te nach­richt in­mit­ten der tra­gö­di­en.

in der ka­ra­wa­ne hal­ten die frau­en zu­sam­men. sie über­nach­ten ge­mein­sam in flücht­lings­la­gern und ju­gend­her­ber­gen. sie su­chen in rot­licht­vier­teln und ge­fäng­nis­sen. «Wir sind in­zwi­schen mehr fa­mi­lie als un­se­re ei­ge­nen fa­mi­li­en», sagt le­ti­cia.

zwi­schen­durch gibt es im­mer mal wie­der gu­te nach­rich­ten. Cle­men­ti­na mur­cia fin­det in gua­da­la­ja­ra ih­ren sohn mau­ro, der sich aus scham nicht ge­mel­det hat­te, weil er kein geld schi­cken konn­te. ihr äl­te­rer sohn jor­ge aber bleibt ver­schol­len. ma­ría in­és gar­cía aus el sal­va­dor ent­deckt ih­ren sohn im hoch­si­cher­heits­ge­fäng­nis Al­ti­pla­no. er wur­de von ei­nem Dro­gen­kar­tell ge­zwun­gen, als schmugg­ler zu ar­bei­ten, ei­ne eben­falls weit­ver­brei­te­te me­tho­de.

Roh­stoff Mensch

ei­ne flucht­ge­schich­te er­scheint furcht­ba­rer als die an­de­re. me­xi­ko ist für die mi­gran­ten wie ein tü­cki­sches meer, ei­ne ge­gend un­end­li­cher ge­fah­ren, die zu be­wäl­ti­gen nur ei­ne grup­pe ver­mag. flücht­lin­ge aus zen­tral­ame­ri­ka bil­den hier die un­ter­klas­se der un­ter­klas­se. selbst in ih­rer schutz­lo­sen Ar­mut sind sie für das or­ga­ni­sier­te Ver­bre­chen von nut­zen – als sex­skla­ven und als Dro­gen­schmugg­ler, als roh­stoff mensch.

Über­trof­fen wird dies in sei­ner per­ver­si­on nur von dem men­schen­ver­ach­ten­den us-prä­si­den­ten, der die­se op­fer als «Ver­bre­cher» de­kla­riert, als «ter­ro­ris­ten» und – in ei­nem An­satz fa­schis­to­ider ter­mi­no­lo­gie – «mensch­li­chen Ab­schaum», um mit die­ser lü­ge Wah­len zu ge­win­nen.

ge­gen en­de der ka­ra­wa­ne, nach drei Wo­chen, er­rei­chen die müt­ter wie­der den Bun­des­staat Chia­pas im sü­den me­xi­kos. pi­lar hat hin­wei­se dar­auf be­kom­men, dass ih­re toch­ter ol­ga noch am le­ben sei. Übe­r­all in den städ­ten hängt sie hand­zet­tel und pla­ka­te auf. «ge­sucht: ol­ga edel­mi­ra ro­me­ro me­di­na, 35, ver­schwun­den seit 2009.» Bis ei­ne frau sagt: «ich ken­ne die. sie lebt mit ei­nem sal­va­do­ria­ner in mei­ner stras­se in tuxt­la.»

um zwölf uhr mit­tags ar­ran­gie­ren sie ei­ne Be­geg­nung in ei­nem ho­tel im zen­trum. Al­le müt­ter sind da­bei. Die son­ne brennt, aus laut­spre­chern er­klingt sal­sa; es hat et­was von ei­nem show­down. Da taucht ol­ga mit zwei kin­dern und ei­nem mann auf, den sie als ih­ren part­ner vor­stellt. mut­ter und toch­ter fal­len sich wei­nend in die Ar­me. end­lich, so scheint es, ein hap­py end.

sie hat sich ver­än­dert, stellt pi­lar fest, schnell ge­al­tert, run­der, das ge­sicht ge­schwol­len, aber es ist ih­re ol­ga.

«ich ha­be zwei wei­te­re kin­der», sagt ol­ga, «und schau – ich bin wie­der schwan­ger. schon im sechs­ten mo­nat.»

«War­um hast du dich nie ge­mel­det?», fragt pi­lar. «ich hat­te al­le num­mern ver­lo­ren.»

«ich ha­be übe­r­all in el pro­g­re­so nach dir ge­sucht, im lei­chen­schau­haus, im kran­ken­haus, auf müll­hal­den. es heisst, dass nar­cos ih­re op­fer ver­bren­nen.»

«es tut mir leid.» ol­ga weint bit­ter­lich. «Wie geht es den kin­dern?», fragt sie schuld­be­wusst.

pi­lar er­zählt, dass die zwil­lin­ge elf sind und der Äl­tes­te, os­car, es auch nach Ame­ri­ka ver­sucht hat, aber ge­schei­tert ist. ol­ga weint nun oh­ne un­ter­bre­chung. «haupt­sa­che, es geht dir gut», sagt pi­lar. Aber es geht ihr nicht gut. Der mann an ih­rer sei­te agiert wie ein Auf­pas­ser. nach ei­ner st­un­de be­fiehlt er barsch auf­zu­bre­chen. in ei­nem stil­len mo­ment auf dem flur

sagt ol­gas klei­ner sohn: «er schlägt ma­ma. sie weint stän­dig.» ol­ga er­wi­dert: «lüg nicht.» Dann muss sie ge­hen. Pi­lar bleibt trau­rig zu­rück. er­schöpft lässt sie sich in ein so­fa fal­len. sie sagt: «ich ha­be gleich ge­merkt, dass sie nicht frei­wil­lig mit dem kerl zu­sam­men­lebt.»

Wei­te­re Re­cher­chen der müt­ter er­ge­ben: Der mann setzt ol­ga un­ter Dro­gen und lässt sie an­schaf­fen. es han­delt sich um ei­ne ma­tri­mo­nio ser­vil – ei­ne skla­vi­sche ehe –, nichts an­de­res als zwangs­pro­sti­tu­ti­on. Die op­fer sind vor al­lem flücht­lin­ge. sie sind skla­vin­nen zu hau­se und Pro­sti­tu­ier­te für das ein­kom­men.

«Wir wol­len ver­su­chen, ihn fest­neh­men zu las­sen», sagt Pi­lar spä­ter. «Aber das ist me­xi­ko.»

seit­dem hat sie nichts mehr von ol­ga ge­hört. Die han­dy­num­mer ist ab­ge­mel­det. in dem haus in Tuxt­la lebt sie nicht mehr.

nach drei Wo­chen und 4000 ki­lo­me­tern keh­ren die müt­ter nach hau­se zu­rück. sie ha­ben sich ver­än­dert. «Wir sind krie­ge­rin­nen ge­wor­den», sa­gen sie. sie ha­ben das schick­sal von sie­ben kin­dern er­mit­telt. Aber kei­nes konn­ten sie mit nach hau­se brin­gen.

Hil­da

zu­rück in el Pro­g­re­so tref­fen sich die müt­ter fast täg­lich in ih­rem Bü­ro im zen­trum. «je­der mensch ist ein mi­grant», steht auf ei­nem schild am ein­gang. in­zwi­schen um­fasst ih­re grup­pe acht­zig frau­en, zu­dem Psy­cho­lo­gen und An­wäl­te. Ro­sa nel­ly san­tos, die An­füh­re­rin, hat ei­ne ei­ge­ne Ra­dio­sen­dung, in der sie die fäl­le der Ver­schwun­de­nen vor­stellt. sie selbst hat ih­ren nef­fen nach vie­len jah­ren ge­fun­den, in Ti­jua­na, an der Us-gren­ze.

Die müt­ter be­rei­ten die nächs­te ka­ra­wa­ne vor. sie beu­gen sich über land­kar­ten, auf de­nen die flücht­lings­rou­ten ein­ge­zeich­net sind und die stand­or­te der mas­sa­ker wie je­nes in san fer­nan­do, wo die ze­tas 193 men­schen tö­te­ten.

Ro­sa nel­ly er­klärt ge­ra­de ih­re stra­te­gie, als sie ei­nen An­ruf er­hält. Plötz­lich schreit sie durch den Raum: «ei­ne Über­le­ben­de! sie ist schon auf dem heim­weg. es ist hil­da.»

Am nächs­ten mor­gen bre­chen zehn müt­ter in zwei Au­tos auf Rich­tung in­land. sie fah­ren durch schier end­lo­se Plan­ta­gen von Öl­pal­men, vor­bei an sl­ums und ver­wais­ten fa­b­ri­ken. nach zwei st­un­den er­rei­chen sie ei­ne klei­ne hüt­te aus ze­ment­blö­cken: das zu­hau­se von hil­das mut­ter, An­ge­la Aran­de.

Da sitzt sie tat­säch­lich: hil­da Ri­acel­li (33). Die ers­te Ver­schwun­de­ne, die wie­der zu hau­se ist. ei­ne Über­le­ben­de. ei­ne klei­ne schma­le frau mit lan­gen schwar­zen haa­ren, der kör­per aus­ge­zehrt, be­nutzt von hun­der­ten män­nern, wie sie spä­ter sa­gen wird. Auf der schul­ter trägt sie die Tat­toos ih­rer drei kin­der sa­mir, noe­lia und sa­mu­el, heu­te elf, drei­zehn und sech­zehn jah­re alt.

«in die­ser ers­ten nacht ha­ben mei­ne kin­der und ich wie schwein­chen zu­sam­men ge­schla­fen», sagt hil­da als ers­tes. «eng an­ein­an­der­ge­ku­schelt.» Die müt­ter set­zen sich im halb­kreis um sie her­um und bli­cken sie ge­bannt an. hil­das Über­le­ben stei­gert ih­re ei­ge­nen hoff­nun­gen. sie ha­ben es­sen mit­ge­bracht und ver­an­stal­ten ein klei­nes fest­mahl.

hil­da hockt sich auf ei­ne Bank und er­zählt ih­re ge­schich­te. sie sei vor sechs jah­ren bei ei­ner Raz­zia fest­ge­nom­men und im kel­ler der me­xi­ka­ni­schen Po­li­zei acht­zehn st­un­den lang ver­hört wor­den. «sie fol­ter­ten mich, auch mit Wa­ter­boar­ding. sie sag­ten: Wir tö­ten dich, wenn du nicht zu­gibst, dass du die kom­pli­zin des kar­tell­bos­ses bist. ich sag­te: ihr müsst mich ver­wech­seln. Dann tö­tet mich eben.»

«kei­ne hil­fe vom kon­su­lat?», fragt ei­ne mut­ter. «nichts.»

«Von der jus­tiz?»

«in me­xi­ko geht von Po­li­zei und jus­tiz für uns flücht­lin­ge ge­nau­so viel ge­fahr aus wie von den Ban­den.»

«Wie bist du frei­ge­kom­men?»

«Das ha­be ich euch zu ver­dan­ken», ant­wor­tet hil­da. «eu­re ka­ra­wa­ne hat ge­hol­fen. Der Druck. Die Be­rich­te. für die er­mitt­lungs­be­hör­den hat­te ich wohl kei­nen nut­zen mehr.»

ih­re mut­ter An­ge­la geht im­mer wie­der un­gläu­big zu ihr hin und um­armt sie. ihr Va­ter, ein Bau­er, steht ab­seits. er er­trägt die grau­sa­men De­tails der ge­schich­te nicht.

spä­ter am nach­mit­tag wirft sich hil­da er­schöpft auf ein Bett, um sich her­um die fo­tos ih­rer kind­heit, die ih­re mut­ter ihr brach­te.

Und jetzt? erst mal aus­ru­hen?, fra­gen wir sie. «nein. ich ha­be mich im knast ge­nug aus­ge­ruht. ich ha­be viel ge­le­sen. Den ‹Don Qui­jo­te› et­wa zwan­zig mal. ich wä­re gern san­cho Pan­za.»

Da bricht sie zum ers­ten mal zu­sam­men. sie weint in ihr kis­sen. «ich ha­be sechs jah­re nicht ge­weint», sagt sie. «ich woll­te mir mei­nen stolz be­wah­ren.»

Was hast du jetzt vor?

«ich muss drin­gend geld ver­die­nen für mei­ne kin­der und el­tern. Dann will ich zu­rück nach me­xi­ko, um den staat zu ver­kla­gen. es gab nie ei­nen Pro­zess. sie ha­ben mir sechs jah­re mei­nes le­bens ge­raubt.»

mit­te no­vem­ber spre­chen wir sie am Te­le­fon ein letz­tes mal. Wie sind die ers­ten Wo­chen ge­lau­fen?, fra­gen wir.

Da sagt sie: «ich zie­he los. in die USA. Aber dies­mal in der ka­ra­wa­ne. ich ha­be die Be­rich­te ge­se­hen. nichts wird mich auf­hal­ten, auch nicht Do­nald Trump.» lässt dei­ne mut­ter das zu? hil­da reicht das han­dy wei­ter an ih­re mut­ter An­ge­la, die nach kur­zem zö­gern sagt: «in der ka­ra­wa­ne schon. Da ist sie si­cher. hier gibt es für uns kei­ne zu­kunft.»

in Cle­men­ti­na Mur­ci­as Haus im hon­du­ra­ni­schen san Pe­dro su­la, ei­ner der ge­walt­tä­tigs­ten städ­te der Welt, hän­gen die Bil­der der ver­schol­le­nen söh­ne Jor­ge (oben links) und Mau­ro (un­ten, zwei­tes Fo­to von links).

Auch Cle­men­ti­na mur­cia mach­te sich mit der ka­ra­wa­ne der hoff­nung auf, ih­re söh­ne zu su­chen. im me­xi­ka­ni­schen gua­da­la­ja­ra fand sie mau­ro. ihr zwei­ter sohn, jor­ge, bleibt un­auf­find­bar.

neun jah­re nach ol­gas ver­schwin­den fin­det ih­re mut­ter sie wie­der. ol­ga lebt in me­xi­ko in ei­ner ma­tri­mo­nio ser­vil. zu hau­se ist sie skla­vin, für das ein­kom­men muss sie sich pro­sti­tu­ie­ren. mit ih­rem mann, der sie prü­gelt, hat sie wie­der zwei kin­der.

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