phil­ipp Lo­ser Über op­por­tu­nis­mus in der po­li­tik

Das Magazin - - N° 49 — 8. Dezember 2018 - PHIL­IPP Lo­ser PHIL­IPP LO­SER ist «Ma­ga­zin»-ko­lum­nist und Re­dak­tor des «Ta­ges-an­zei­gers».

Klei­ner Aus­zug aus zwei Par­tei­pa­pie­ren, der Lieb­lings­lek­tü­re po­li­tisch in­ter­es­sier­ter Zeit­ge­nos­sen: «Die Ver­tei­di­gung un­se­rer In­ter­es­sen ver­läuft über die Zu­sam­men­ar­beit. Die At­trak­ti­vi­tät der Schweiz als Platt­form für in­ter­na­tio­na­le Or­ga­ni­sa­tio­nen in Genf ist zu ver­bes­sern.» Das steht im Pro­gramm der FDP. «Die Schweiz kann die Si­tua­ti­on nicht al­lein ver­bes­sern: Die in­ter­na­tio­na­le Ko­ope­ra­ti­on, vor al­lem mit der EU, ist un­er­läss­lich und muss ver­stärkt wer­den.» Das liess die CVP vor drei Jah­ren ver­lau­ten, es war ge­ra­de Flücht­lings­kri­se.

Pa­pier ist ge­dul­dig, schon klar. Doch es sind eben nicht Ne­ben­säch­lich­kei­ten, die da fest­ge­hal­ten wer­den. Es gibt we­ni­ge The­men, in de­nen sich die po­li­ti­schen Kräf­te in der Schweiz – mit Aus­nah­me der SVP na­tür­lich – der­mas­sen ei­nig sind: Die Schweiz ist ein klei­nes Land mit­ten in Eu­ro­pa. Flo­rie­ren­de in­ter­na­tio­na­le Be­zie­hun­gen sind die Vor­aus­set­zung für den Er­folg un­se­res Lan­des.

Mul­ti­la­te­ra­lis­mus, die­ses sper­ri­ge Un­ge­tüm von ei­nem Wort, ist der Kern des Schwei­zer Han­delns: in der Wirt­schafts­po­li­tik, in der Mi­gra­ti­ons­po­li­tik, in der Aus­sen­po­li­tik.

Die De­bat­te rund um den Unomi­gra­ti­ons­pakt zeigt nun, wie we­nig es manch­mal braucht, da­mit die bür­ger­li­che Mit­te sich von die­sen Grund­sät­zen ent­fernt. Oh­ne Not, aus pu­rem Op­por­tu­nis­mus. Der Mi­gra­ti­ons­pakt folgt im Kern den glei­chen Grund­sät­zen wie er­folg­rei­che Schwei­zer Po­li­tik: Gros­se Pro­ble­me kön­nen nur ge­mein­sam ge­löst wer­den. Wie hat die FDP ge­meint? «Die Ver­tei­di­gung un­se­rer In­ter­es­sen ver­läuft über die Zu­sam­men­ar­beit.»

Das se­hen nicht al­le so: Die Kri­tik am Pakt hat ih­ren Ur­sprung in rechts­ex­tre­men Krei­sen in Ös­ter­reich und Deutsch­land, wo «Mul­ti­la­te­ra­lis­mus» nicht ein­fach nur ein sper­ri­ges Wort ist, son­dern ei­ne Aus­ge­burt der Höl­le. Werk­zeug der «Glo­ba­lis­ten», um die Welt gleich zu ma­chen, Gren­zen ab­zu­schaf­fen und die Bür­ger zu ent­rech­ten.

Dass die SVP auf die Kri­tik an die­sem Mi­gra­ti­ons­pakt ein­ge­stie­gen ist, ent­spricht den Prin­zi­pi­en der Par­tei. Die SVP ist die Par­tei des na­tio­na­len Son­der­falls und nicht der in­ter­na­tio­na­len Zu­sam­men­ar­beit. Dass sie da­bei Hil­fe aus dem rest­li­chen bür­ger­li­chen La­ger er­hal­ten halt, ist al­ler­dings nicht nach­voll­zieh­bar. Mi­gra­ti­ons­po­li­ti­ker der FDP und CVP über­neh­men nicht nur die Rhe­to­rik ih­rer Svp-kol­le­gen, son­dern auch de­ren Lo­gik: Wir kön­nen das bes­ser al­lein.

Ih­re Ar­gu­men­ta­ti­on ist da­bei bes­tens­falls wack­lig. Aus ei­ner Ver­ein­ba­rung über Mi­gra­ti­on, die of­fi­zi­ell «recht­lich un­ver­bind­lich» ist, wird in der Dar­stel­lung der Svp-hilfs­kräf­te ei­ne Welt­po­li­zei, die mög­lichst vie­le Flücht­lin­ge in die Schweiz lot­sen will («mi­gra­ti­ons­för­dernd» nennt Fd­p­stän­de­rat Phil­ipp Müller den Pakt) und dann auch noch be­stimmt, wie wir mit die­sen Flücht­lin­gen um­zu­ge­hen ha­ben. Dass der Pakt un­miss­ver­ständ­lich fest­hält, dass je­der Staat das Recht be­hält, sei­ne ei­ge­ne Mi­gra­ti­ons­po­li­tik zu be­stim­men, wird zwar ge­le­sen, aber nicht ge­glaubt. Weil man «so ein Ge­fühl hat», dass das nicht stim­men kann. Weil man den Fak­ten nicht traut. So ar­gu­men­tie­ren Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker.

War­um das al­les? War­um sind so vie­le Bür­ger­li­che ge­willt, ei­ser­ne Grund­sät­ze der Schwei­zer Po­li­tik zu op­fern, den in­ter­na­tio­na­len Stand­ort Genf zu schwä­chen und sich Nach­tei­le bei künf­ti­gen Ver­hand­lun­gen zu Rück­über­nah­me­ab­kom­men mit an­de­ren Län­dern ein­zu­han­deln? Das kön­nen sie sel­ber gar nicht so ge­nau sa­gen, denn eben: Es ist halt so ein Ge­fühl. Er sei im Mo­ment da­ge­gen, den Pakt zu un­ter­zeich­nen, sag­te der Fdp-stän­de­rat Da­mi­an Müller in der De­bat­te der Win­ter­ses­si­on. «We­gen der in­nen­po­li­ti­schen Stim­mung.»

Aha. Wenn es die «Stim­mung» ver­langt, dann ar­gu­men­tiert man auch mal an den ei­ge­nen Grund­sät­zen vor­bei und wirft das ei­ge­ne Par­tei­pro­gramm über Bord. Kann man so ma­chen. Müss­te man aber nicht.

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