hans ul­rich obrist Mei­ne le­se­lis­te

Das Magazin - - N° 49 — 8. Dezember 2018 - HANS UL­RICH OBRIST ist künst­le­ri­scher Di­rek­tor der Ser­pen­ti­ne Gal­le­ries in Lon­don.

Weih­nach­ten naht. Und dar­um will ich Ih­nen ein paar Bü­cher nen­nen, die ich in den letz­ten Mo­na­ten ge­le­sen ha­be und die mir be­son­ders in Er­in­ne­rung ge­blie­ben sind. Viel­leicht ist ja was für Sie oder die Men­schen, die Sie be­schen­ken wol­len, da­bei.

Die von mir über al­le Mas­sen ver­ehr­te Künst­le­rin und Dich­te­rin Etel Ad­nan hat mit «Sur­ge» – zu Deutsch: Wo­ge oder An­stieg – ei­ne Samm­lung bril­lan­ter Apho­ris­men vor­ge­legt. Man muss we­der Al­pi­nist noch Lin­gu­ist sein, um zu ver­ste­hen, was sie meint, wenn sie schreibt: «Ber­ge sind Spra­chen, und Spra­chen sind Ber­ge.» Der kon­go­le­si­sche Au­tor Alain Ma­banck­ou ist ei­ner der bes­ten Er­zäh­ler, die wir ha­ben. Die meis­ten sei­ner Ro­ma­ne, zu­letzt «Die Lich­ter von Po­in­te-noi­re», sind ins Deut­sche über­setzt wor­den, sein neu­es­ter, «Les ci­go­gnes sont im­mor­tel­les (Die Stör­che sind un­sterb­lich) noch nicht. Kunst­voll kon­den­siert er die Gros­ser­zäh­lun­gen von Ko­lo­nia­lis­mus und Bür­ger­krieg in ei­ne in­ti­me Fa­mi­li­en­sa­ga. Um Afri­ka geht es auch in «La vie sans fards» (Das Le­ben, un­ge­schminkt). In ih­rer be­reits 2012 er­schie­ne­nen Au­to­bio­gra­fie er­zählt die gros­se Ma­ry­se Con­dé von ih­rer Ju­gend im ka­ri­bi­schen Gua­de­lou­pe, wo die Nach­wir­kun­gen des Ko­lo­nia­lis­mus min­des­tens eben­so hef­tig zu spü­ren sind wie im Kon­go. Mich fas­zi­nie­ren die ka­ri­bi­schen In­seln, auf de­nen sich, zwi­schen Al­ter und Neu­er Welt, die Kul­tu­ren so bunt und so frucht­bar mi­schen wie nir­gends sonst.

Der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Ber­nard Stieg­ler fes­tigt mit sei­nem neu­es­ten Buch sei­nen Ruf, ein wür­di­ger Nach­fol­ger Jac­ques Der­ri­das zu sein. Wäh­rend sich vie­le Den­ker noch mit Be­griff und Phä­no­men des An­thro­po­zäns – dem vom Men­schen ge­präg­ten Erd­zeit­al­ter – ab­ar­bei­ten, denkt Stieg­ler in «The Ne­g­an­thro­po­ce­ne» be­reits dar­über nach, wie wir da wie­der her­aus­kom­men. Der Tech-theo­re­ti­ker Ja­mes Brid­le da­ge­gen ana­ly­siert in «New Dark Age», dass uns die Di­gi­ta­li­sie­rung kei­nes­wegs die Au­gen für die wei­te Welt öff­net, son­dern uns in ei­ner gi­gan­ti­schen Fil­ter-bub­b­le geis­tig in ein neu­es Mit­tel­al­ter be­för­dert.

Schliess­lich ein Buch, das über­haupt nicht neu ist und von mir schon vie­le, vie­le Ma­le ver­schlun­gen wur­de, erst kürz­lich wie­der: Carl See­ligs «Wan­de­run­gen mit Ro­bert Wal­ser». Nä­her ist dem noch im­mer un­ter­schätz­ten Wal­ser, der zu den ganz gros­sen Schrift­stel­lern des 20. Jahr­hun­derts ge­hört, noch kei­ner ge­kom­men. Wenn es et­was gibt, was mich an dem Buch stört, dann der Um­stand, dass ich nicht das Pri­vi­leg hat­te, we­nigs­tens ein­mal mit Wal­ser we­nigs­tens ei­nen klei­nen Spa­zier­gang zu ma­chen.

Re­den ist Sil­ber, Le­sen ist Gold.Un­ser Au­tor bei ei­ner sei­ner Haupt­be­schäf­ti­gun­gen.

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