ein tag im Le­ben von Til­ke Judd

Das Magazin - - N° 49 — 8. Dezember 2018 - Pro­to­koll Eli­sa­beth Pörn­ba­cher bild Pri­vat

Mir hilft Goog­le be­reits beim start in den tag: ich ste­he um 7.50 Uhr auf und früh­stü­cke mit mei­nen bei­den Kin­dern. sie müs­sen um neun in der Kin­der­ta­ges­stät­te sein, dar­um sa­ge ich dem Goog­le as­sis­tant oft: «stell den ti­mer auf fünf Mi­nu­ten.» Das hilft uns, recht­zei­tig aus dem haus zu kom­men. Mei­ne Kin­der wur­den vor drei Jah­ren ge­bo­ren – sie sind gleich alt wie der Goog­le as­sis­tant.

ich bin Pro­dukt­ma­na­ge­rin für Goog­le as­sis­tant, der spra­che er­kennt und antworten auf Fra­gen ge­ben kann. in Zu­kunft soll er Mus­ter im ta­ges­ab­lauf sei­ner nut­zer er­ken­nen und vor­schlä­ge ma­chen. ich zum bei­spiel ge­he je­den Di­ens­tag­abend mit mei­nem Mann es­sen. Wir möch­ten den as­sis­tant so weit brin­gen, dass er fragt: «am Di­ens­tag­abend ist die­se ver­an­stal­tung – soll ich Kar­ten re­ser­vie­ren?» Oder: «soll ich ei­nen tisch in die­sem re­stau­rant bu­chen?»

Mein schreib­tisch steht im drit­ten stock im Ge­bäu­de auf dem hür­li­mann-are­al, in je­der Eta­ge gibt es ei­ne Mi­kro­kü­che, in der man sich gra­tis Es­sen ho­len kann und in der ein Whi­te­board hängt, an das wir ide­en schrei­ben kön­nen. ich kann gar nicht mehr den­ken oh­ne ei­nen stift in der hand und ein Whi­te­board.

Wenn ich mal te­le­fo­nie­ren oder al­lein ar­bei­ten will, kann ich mich in ei­ne Gon­del set­zen. auf un­se­rer Eta­ge ste­hen al­te Fahr­ka­bi­nen ei­ner seil­bahn, die wir für Mee­tings nut­zen. Mein tag be­steht vor al­lem aus Mee­tings und E-mails schrei­ben. Um 18 Uhr wacht Ka­li­for­ni­en auf, da ha­be ich meist vi­deo­kon­fe­ren­zen mit den Goog­lern in ame­ri­ka.

Was ich an mei­nem Job lie­be: ich ar­bei­te an der Zu­kunft, in ei­ner Fir­ma mit klu­gen leu­ten. ich ent­schei­de mit, wie der Goog­le as­sis­tant aus­sieht, wie er funk­tio­niert. Er soll mir per­sön­li­che re­sul­ta­te ge­ben, ge­nau wie ein rich­ti­ger as­sis­tent. bei­spiels­wei­se soll Goog­le mir auf die Fra­ge «Wann geht mein Flug mor­gen?» ei­ne an­de­re ant­wort ge­ben als dir. Wenn je­mand an­de­res mei­nen as­sis­tant be­nutzt, soll er kei­nen Zu­griff auf mei­ne pri­va­ten ter­mi­ne oder Fo­tos be­kom­men.

angst vor der Zu­kunft ha­be ich nicht. Goog­le ist kein in­tel­li­gen­tes We­sen, das mein le­ben re­giert. Wir ste­hen am an­fang der Ent­wick­lung. noch kämpft der Goog­le as­sis­tant da­mit, mei­nen Ka­len­der zu ver­ste­hen.

Um 19.30 Uhr ma­che ich mich auf den Weg nach hau­se. Wenn ich star­te, sa­ge ich Goog­le: «broad­cast, ich bin auf dem heim­weg, ich bin in fünf Mi­nu­ten da.» Dann hört mei­ne Fa­mi­lie zu hau­se mei­ne stim­me über Goog­le ho­me. Mein Mann ist dann be­reits zu hau­se, weil er ortsunabhängig ar­bei­ten kann. auch mei­ne Kin­der sind da­heim, die nan­ny holt sie von der Ki­ta. Wenn ich zu hau­se an­kom­me, es­sen wir zu­sam­men – oft su­che ich auf Goog­le nach re­zep­ten, sa­ge: «spiel ein lied von beyon­cé» oder fra­ge: «Wie hört sich ein Ein­horn an?» Goog­le ho­me spielt dann ein Wie­hern. Mei­ne Kin­der lie­ben es.

Ge­gen 21.30 Uhr brin­gen wir die Kin­der ins bett, und ab 22 Uhr ha­ben mein Mann und ich Zeit für uns.

in der schweiz füh­le ich mich zu hau­se, auch wenn ich manch­mal mei­ne El­tern und mei­ne zwei schwes­tern ver­mis­se, die ich nur zwei-, drei­mal im Jahr se­he.

Mein netz­werk, das sind vor al­lem Goog­ler. ich ha­be auch ei­nen schwei­zer Freund, den ich von mei­nem stu­di­um am Mas­sa­chu­setts in­sti­tu­te of technology ken­ne. Mei­ne Kin­der ge­hen bald in den Kin­der­gar­ten, das ist ei­ne gu­te Mög­lich­keit, mit schwei­zer Fa­mi­li­en in Kon­takt zu kom­men. Fir­men­in­tern gibt es auch ei­nen sprach­kurs für schwei­zer­deutsch. ich kann nur ein paar Wör­ter, et­wa «Grüe­zi mit­en­and» oder «ich möch­te gern ein stück scho­ko­la­de­küch­lein».

am Wo­che­n­en­de sind wir oft am see, ge­hen wan­dern oder er­kun­den die schweiz und ge­nies­sen die Zeit oh­ne in­ter­net. am Wo­che­n­en­de wa­ren wir in Gr­in­del­wald: «Goog­le, zeig mir mei­ne Fo­tos von Gr­in­del­wald.»

ge­bo­ren in ka­na­da und auf­ge­wach­sen in den USA, kam vor sie­ben Jah­ren mit ih­rem Mann nach Zü­rich, wo sie für Goog­le ar­bei­tet.

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