von Lia Chla­chi­d­ze

Das Magazin - - Contents - ein tag im le­ben

Je­den Mor­gen set­ze ich mich auf mei­nen Bal­kon, hö­re die Vö­gel zwit­schern und schnup­pe­re an mei­nen Ro­sen­stau­den. Dann füt­te­re ich die Hüh­ner und küm­me­re mich um den Gar­ten. Was idyl­lisch klingt, ist es in Wahr­heit nicht: 200 Me­ter von mei­nem Haus ent­fernt sieht man St­a­chel­draht. Der mar­kiert die Li­nie, die Ge­or­gi­en von Süd­os­se­ti­en trennt. Die­se Re­gi­on, die völ­ker­recht­lich im­mer noch zu Ge­or­gi­en ge­hört, ist seit dem Krieg 2008 von Russ­land be­setzt. Die süd­os­se­ti­sche Haupt­stadt Zchin­wa­li, wo ich ge­bo­ren und auf­ge­wach­sen bin, kann ich von mei­nem Haus im ge­or­gi­schen Dorf Er­g­ne­ti aus se­hen – doch zu­rück kann ich nicht mehr.

Die Ok­ku­pa­ti­ons­li­nie ist nicht übe­r­all klar mar­kiert, es kommt im­mer wie­der vor, dass je­mand un­wis­sent­lich zu weit geht und ein­fach er­schos­sen wird. Auch wenn der Krieg vor­bei ist, hö­ren wir im­mer wie­der Schüs­se in der Nacht oder se­hen rus­si­sche He­li­ko­pter über un­ser Haus flie­gen. Das er­in­nert mich je­des Mal wie­der an je­ne Nacht im Au­gust, als der Krieg aus­brach und wir in den Kel­ler hin­un­ter­rann­ten, ich, mei­ne zwei Söh­ne und die Nach­barn. Die­ser Kel­ler hat uns das Le­ben ge­ret­tet, denn un­ser Haus wur­de von Mo­lo­to­wcock­tails ge­trof­fen. Der gan­ze ers­te Stock brann­te aus, nur die Grund­mau­ern blie­ben ste­hen.

Wir muss­ten flie­hen, fan­den Zuflucht bei Freun­den in der Haupt­stadt Tif­lis. Erst ein Jahr spä­ter konn­ten wir zu­rück – und stan­den vor ei­nem Scher­ben­hau­fen. Das Haus war stark ge­plün­dert wor­den, im Gar­ten be­fan­den sich drei­zehn schar­fe Mi­nen. Wäh­rend der Re­no­va­ti­on leb­ten wir in ei­ner klei­nen Hüt­te in der Nä­he. Die Re­gie­rung half uns kein biss­chen. Im­mer­hin er­hiel­ten wir Hil­fe von NGOS, und ich wur­de zum Glück von mei­nen Söh­nen und mei­nen Nach­barn un­ter­stützt. Mein Ehe­mann ist tot, er kam im Os­se­ti­en­krieg in den 1990er-jah­ren ums Le­ben, als Süd­os­se­ti­en für die Un­ab­hän­gig­keit von Ge­or­gi­en kämpf­te.

Doch selbst als wir das Haus re­no­viert hat­ten, dau­er­te es lan­ge, bis der All­tag wie­der ein­kehr­te. Es gab kei­ne In­fra­struk­tur mehr, kein Was­ser, kein Strom, der Markt war ge­schlos­sen. Nur um ein Brot zu kau­fen, muss­te man bis in die dreis­sig Ki­lo­me­ter ent­fern­te Stadt Go­ri fah­ren. Nun ist der All­tag zwar zu­rück, doch der Krieg hat mein Le­ben in zwei Ab­schnit­te ge­teilt.

Da­vor war mein Le­ben sehr in­ter­es­sant, ich hat­te ein Man­dat der OSZE in Zchin­wa­li und soll­te als Re­por­te­rin über den seit Jah­ren herr­schen­den ge­or­gisch-os­se­ti­schen Kon­flikt be­rich­ten. Doch jetzt ist al­les an­ders, die Si­tua­ti­on ist wie fest­ge­fro­ren, die Re­gie­rung tut nichts. Und die Zeit spielt ge­gen uns: Die jün­ge­ren Ge­ne­ra­tio­nen iden­ti­fi­zie­ren sich nicht mehr mit Süd­os­se­ti­en: Es ist ih­nen ganz egal, ob es zu Ge­or­gi­en oder Russ­land ge­hört.

Mir ist es aber wich­tig, dass der Krieg nicht ver­ges­sen wird. Des­halb ha­be ich letz­tes Jahr im Kel­ler mei­nes Hau­ses ein klei­nes Mu­se­um er­öff­net. Es zeigt Ge­gen­stän­de von uns und un­se­ren Nach­barn, die ich nach dem Krieg ge­fun­den ha­be: ver­kohl­te Pup­pen, durch die Hit­ze ge­schmol­ze­ne Glas­fla­schen, die al­te Mi­li­tär­uni­form mei­nes Man­nes, Bom­ben­tei­le aus un­se­rem Gar­ten. Um­ge­ben von die­sen Ge­gen­stän­den, den­ke ich über den Krieg nach, ver­su­che ihn aus ver­schie­de­nen Blick­win­keln zu be­trach­ten. Je­den Tag kom­me ich hier­her, se­he nach dem Rech­ten, emp­fan­ge mehr­mals pro Wo­che Be­su­cher und er­zäh­le ih­nen mei­ne Ge­schich­te, die auch die jün­ge­re Ge­schich­te mei­nes Lan­des ist.

Na­tür­lich geht das Le­ben wei­ter. Ich ar­bei­te nun in Go­ri als Ge­mein­de­par­la­men­ta­rie­rin. Doch der Krieg hat uns al­le ver­än­dert. Wahr­schein­lich ge­nies­se ich je­den Mor­gen auf mei­nem Bal­kon des­halb so sehr, weil ich heu­te weiss, dass es kei­ne Ga­ran­tie da­für gibt, am nächs­ten Tag wie­der fried­lich zu er­wa­chen.

Je­den Abend dan­ke ich Gott für ei­nen Tag oh­ne Krieg.

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