Das Kreuz mit den Wer­ten

Das Magazin - - Contents - Ja­kob tan­ner

Kon­tro­ver­sen sind oft kom­pli­ziert. Das gilt ins­be­son­de­re für die Wer­te­de­bat­te. De­ren Prot­ago­nis­ten nei­gen näm­lich da­zu, die Wer­te, um die es ih­nen geht, in­nen- und aus­sen­po­li­tisch ge­gen­sätz­lich zu be­wer­ten. so stos­sen sei­ten­ver­setz­te Po­si­tio­nen kreuz­wei­se auf­ein­an­der. Das führt zu ei­ni­ger Kon­fu­si­on.

Was die in­nen­po­li­ti­sche Di­men­si­on be­trifft, so las­sen sich in vie­len Län­dern spiel­ar­ten ei­nes «Pe­gi­da­syn­droms» be­ob­ach­ten. nicht nur in Deutsch­land kon­tras­tie­ren die­se «pa­trio­ti­schen Eu­ro­pä­er ge­gen die is­la­mi­sie­rung des abend­lan­des» die Wer­te des Kreu­zes mit je­nen der Mond­si­chel und kon­fron­tie­ren das Chris­ten­tum mit dem is­lam. ne­ben die­ser re­li­gi­ös auf­ge­la­de­nen Ver­tei­di­gung ei­ner «Leit­kul­tur» gibt es an­de­re Va­ri­an­ten ei­ner Do­mi­nanz­be­haup­tung. Die Be­ru­fung auf ei­ne «Wer­te­ge­mein­schaft» ver­spricht kul­tu­rel­le Ho­mo­ge­ni­tät, Über­sicht­lich­keit und ge­bor­gen­heit. Die po­li­ti­sche Ener­gie rich­tet sich auf ab­gren­zung und grenz­si­che­rung. Um «un­se­re Wer­te» zu schüt­zen, müs­sen kul­tur­frem­de Ein­wan­de­rer fern­ge­hal­ten wer­den. in­te­gra­ti­on wird mit as­si­mi­la­ti­on gleich­ge­setzt, nach dem Mot­to: «Wenn es de­nen bei uns nicht passt, sol­len sie doch wie­der da­hin, wo sie her­kom­men und auch hin­ge­hö­ren.»

ge­gen die­se ab­wehr­hal­tung rich­tet sich ein stand­punkt, der ei­ne star­re Wer­te­fi­xie­rung aus zwei grün­den ab­lehnt: zum ei­nen ge­hen sei­ne Ver­tre­ter da­von aus, dass die Wer­te ei­ner mo­der­nen ge­sell­schaft we­der kon­sis­tent noch ein­deu­tig sind. nicht al­le ver­ste­hen das­sel­be un­ter Re­li­gi­on, nicht al­le sind re­li­gi­ös, nicht al­le ha­ben die­sel­ben Vor­stel­lun­gen von Pflich­ten und Ver­bind­lich­kei­ten, von Tu­gen­den und nor­men. Quer durch al­le kul­tu­rel­len grup­pen hin­durch gibt es ei­ne Viel­zahl bio­gra­fi­scher Pro­jek­te und er­stre­bens­wer­ter Exis­tenz­for­men. Kommt hin­zu, dass in­di­vi­du­el­le Lern­kur­ven und das Be­dürf­nis nach Tra­di­ti­ons­bin­dun­gen sehr un­ter­schied­lich aus­ge­prägt sind. zum an­dern wird im Be­schwö­ren von Wer­ten ei­ne kul­tu­rel­le Dis­tink­ti­ons­stra­te­gie ge­se­hen: Je­ne, die im­mer­zu «un­se­re Wer­te» hoch­hal­ten, ge­ra­ten in Ver­dacht, vor al­lem sich selbst auf­wer­ten zu wol­len. statt auf die­se Wei­se ei­ne mo­ra­li­sche Un­gleich­heit zu ver­tie­fen, wird die grund­sätz­li­che gleich­gül­tig­keit von Wert­ein­stel­lun­gen be­tont.

auf der aus­sen­po­li­ti­schen Ebe­ne prä­sen­tiert sich das Bild sei­ten­ver­kehrt. Es sind ge­ra­de je­ne, die im kon­kre­ten Um­gang mit an­de­ren Men­schen To­le­ranz ein­for­dern, die auf glo­ba­ler Ebe­ne auf das Ein­hal­ten uni­ver­sel­ler Wer­te po­chen. nicht die Mi­gra­ti­on ist dann das Pro­blem, son­dern die welt­wei­te Kluft in den Le­bens­be­din­gun­gen so­wie die asym­me­tri­sche und will­kür­li­che Ein­schrän­kung der glo­ba­len Per­so­nen­frei­zü­gig­keit durch staa­ten. auch wenn es auf die­se Her­aus­for­de­run­gen kei­ne ein­fa­chen ant­wor­ten gibt, so ist es doch wich­tig, sich für Men­schen­rech­te, für das Völ­ker­recht und für mul­ti­la­te­ra­le Lö­sungs­an­sät­ze zu en­ga­gie­ren – im Wis­sen dar­um, dass die Wer­te der UNO bzw. der «in­ter­na­tio­na­len ge­mein­schaft» all­zu häu­fig mit Füs­sen ge­tre­ten wer­den und nur schwer durch­setz­bar sind.

Dem­ge­gen­über wol­len an­hän­ger ei­ner na­tio­na­len oder eu­ro­päi­schen «Leit­kul­tur» mög­lichst we­nig völ­ker­recht­li­che und men­schen­recht­li­che Ver­pflich­tun­gen ein­ge­hen. sie ver­kün­den das En­de der «Ära der Wer­te» und spre­chen von schi­mä­ren, von de­nen man sich lie­ber schon heu­te als erst mor­gen ver­ab­schie­den soll. sie über­de­cken die­sen Wer­tere­la­ti­vis­mus mit dem Man­tra der ei­ge­nen kul­tu­rel­len Über­le­gen­heit.

Die­se Po­si­ti­ons­über­kreu­zung zeigt sich heu­te im streit um den Mi­gra­ti­ons­pakt der UNO, der ein Lack­mus­test für die Hal­tung ge­gen­über Wer­ten ist.

Wer «un­se­re Wer­te» ge­gen je­ne der «ver­ein­ten na­tio­nen» stellt, der wird ihn ab­leh­nen. Wer Letz­te­re hoch­hält, vor Ort hin­ge­gen die Dis­kus­si­on um Le­bens­for­men plu­ra­lis­tisch zu füh­ren ge­willt ist, wird ihn un­ter­stüt­zen. Dass die ab­leh­nungs­front und mit ihr ein kurz­sich­ti­ges La­men­to ge­gen ei­ne «idea­lis­ti­sche aus­sen­po­li­tik» welt­weit auf dem Vor­marsch sind, ist kein gu­tes zei­chen.

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