Die neu­en Welt­be­herr­scher

Das Magazin - - Contents - ben Moo­re

Die durch­schnitt­li­che le­bens­dau­er ei­ner säu­ge­tier­art be­trägt we­ni­ger als ei­ne Mil­li­on jah­re. Wer wird uns al­so an der spit­ze der sprich­wört­li­chen nah­rungs­ket­te er­set­zen, wenn wir in Kür­ze dem «Dooms­day-ar­gu­ment» aus mei­ner vor­letz­ten Ko­lum­ne zum op­fer fal­len?

in ei­ner ver­gan­ge­nen Mo­nat ver­öf­fent­lich­ten stu­die wur­de be­kannt, dass ge­rad­schna­bel­krä­hen Werk­zeu­ge mit meh­re­ren Kom­po­nen­ten bau­en kön­nen. Men­schen­kin­der brau­chen jah­re, um die­se Fä­hig­keit zu er­ler­nen, aber die­se Krä­hen kom­bi­nie­ren Werk­zeu­ge, um kom­ple­xe pro­ble­me zu lö­sen und ob­jek­te zu an­ti­zi­pie­ren, die sie noch nie ge­se­hen ha­ben. Dies ist die glei­che Krä­hen­art, die bieg­sa­mes Ma­te­ri­al zu ha­ken for­men kann, um an nah­rung zu kom­men – ei­ne Fä­hig­keit, die un­se­re Vor­fah­ren erst vor et­wa 30 000 jah­ren ent­wi­ckelt ha­ben. Doch so schlau die­se Krä­hen auch sind, ich den­ke, das Feh­len von hän­den schränkt ihr po­ten­zi­al, bald un­se­ren pla­ne­ten zu be­herr­schen, deut­lich ein.

auch Kra­ken sind äus­serst ge­schickt. sie kön­nen ih­re ar­me un­ab­hän­gig von­ein­an­der über ein neu­ro­na­les netz­werk steu­ern, durch Farb­wech­sel mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren, Din­ge zur Tar­nung sam­meln, sich ei­nen Un­ter­schlupf bau­en, rät­sel lö­sen und aus irr­gär­ten her­aus­fin­den. Wä­re ih­re Dna nicht ein­deu­tig ir­disch, ich hiel­te sie für aus­ser­ir­di­sche. Del­fi­ne sind eben­falls sehr schlau, aber sie ha­ben sich schon vor lan­ger zeit vom land zu­rück­ge­zo­gen und le­ben – wie die Kra­ken – im Meer. ele­fan­ten ha­ben grös­se­re ge­hir­ne als Men­schen, ver­fü­gen über selbst­wahr­neh­mung und ein­füh­lungs­ver­mö­gen. Doch ob­wohl ih­re rüs­sel be­mer­kens­wert viel­sei­tig sind, ist es schwie­rig, mit nur ei­nem be­weg­li­chen glied ein Feu­er zu ma­chen.

ein gu­ter Kan­di­dat für die neue Welt­herr­schaft wä­re wohl eher ei­ne spe­zi­es, die uns na­he ist. an­fang die­ses jah­res stell­te man fest, dass ei­ne iso­lier­te grup­pe in pa­na­ma le­ben­der af­fen in die st­ein­zeit ein­ge­tre­ten ist, wäh­rend ei­ne schim­pan­sen­art im se­ne­gal da­bei be­ob­ach­tet wur­de, wie sie schar­fe holz­spee­re für die jagd her­stell­te. Un­se­re gat­tung ho­mo trat vor et­wa drei Mil­lio­nen jah­ren in die st­ein­zeit ein, und wir leb­ten bis vor 10 000 jah­ren als jä­ger und samm­ler. Die pa­na­ma-af­fen und auch die se­ne­ga­le­si­schen schim­pan­sen ste­hen al­so noch ziem­lich am an­fang.

es gibt je­doch ei­ne spe­zi­es, bei der die in­di­vi­du­el­le in­tel­li­genz nicht über­wäl­ti­gend ist, die aber im Kol­lek­tiv be­reits das sta­di­um über­schrit­ten hat, in dem sich der Mensch vor 10 000 jah­ren be­fand. Be­reits vor Mil­lio­nen von jah­ren ent­wi­ckel­ten amei­sen Fä­hig­kei­ten, die de­nen neo­li­thi­scher Men­schen äh­neln – sied­lungs­bau, auf­recht­er­hal­tung der so­zia­len ord­nung, al­tru­is­ti­sches Ver­hal­ten und land­wirt­schaft. amei­sen bau­en kom­ple­xe un­ter­ir­di­sche städ­te mit au­to­bah­nen, lüf­tungs­ka­nä­len, Baum­schu­len, land­wirt­schaft­li­chen ge­bie­ten und ab­fall­ka­nä­len. sie do­mes­ti­zie­ren Blatt­läu­se, hü­ten sie wie scha­fe und schüt­zen sie vor raub­tie­ren, wäh­rend sie für ih­re süs­sen se­kre­te «ge­mol­ken» wer­den. amei­sen sind uns zah­len­mäs­sig be­reits um ei­nen Fak­tor von ei­ner Mil­li­on über­le­gen und wer­den wahr­schein­lich je­de Kli­ma­ka­ta­stro­phe über­le­ben, die wir der Welt an­tun kön­nen. ich kann mir gut vor­stel­len, dass aus­ser­ir­di­sche, die un­se­ren pla­ne­ten be­su­chen, zu­erst ei­ne au­di­enz bei den amei­sen­kö­ni­gin­nen ver­lan­gen wer­den.

Ben Moo­re ist pro­fes­sor für astro­phy­sik an der Uni­ver­si­tät zü­rich.

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