Lie­ber Klum­pen

Das Magazin - - Contents - Max küng

«Das Mes­ser am Hals», so sagt man gern, um ei­nen Druck aus­zu­drü­cken, un­ter dem man steht. Auch ich ver­wen­de die­se Wen­dung gern, denn sie be­schreibt vor­treff­lich, wie ich am bes­ten ar­bei­te. Oder: Wie ich über­haupt nur ar­bei­ten kann, denn ein je­der Text kommt auf den letz­ten Drü­cker. Nun aber hat­te ich tat­säch­lich das Mes­ser am Hals.

Weisst du, wes­halb die Haa­re der Men­schen so schön glän­zen? Es ist der Talg, pro­du­ziert von ei­ner Drü­se. Doch kann es vor­kom­men, dass ei­ne sol­che Drü­se ver­stopft. Die Talg­pro­duk­ti­on aber läuft wei­ter und wei­ter – und so ent­steht ei­ne Talg­zys­te im Un­ter­haut­zell­ge­we­be, ein so­ge­nann­tes At­herom. Das ist wei­ter nicht schlimm, aus­ser es ent­zün­det sich. So ge­sche­hen bei mir, am Hals, al­so lag ich bald beim Der­ma­to­lo­gen auf dem Schra­gen und hör­te ihn zu sei­ner As­sis­ten­tin sa­gen: «Die 11er-klin­ge, bit­te.» Das Blut floss, bald spritz­te der Ei­ter, und ich kann sa­gen: Es war echt schmerz­haft, als der Dok­tor das At­herom her­aus­drück­te, äch­zend, mit wil­der Kraft, lä­chelnd zeig­te er es mir dann: ein weiss­li­cher Klum­pen von wäch­ser­nem Glanz. Ja, ein wah­rer Klum­pen von ei­nem Klum­pen war das, fas­zi­nie­rend an­zu­se­hen – aber ich ass an die­sem Tag nichts zu Mit­tag.

Apro­pos Mit­tag­es­sen: In Bos­wil war ich, ei­nem Ort im Aar­gaui­schen, im mitt­le­ren Bünz­tal. Per Zu­fall war ich dort, sass im Re­stau­rant Ter­mi­nus, ei­ner Dorf­beiz, in der noch ge­raucht wird und der Stamm­tisch mit­ten­drin steht. Im Ter­mi­nus gibt man sich welt­of­fen: Für Fe­bru­ar ist ein Thai­buf­fet à dis­cre­ti­on an­ge­kün­digt («Thai­frau Mee wird zu­sam­men mit An­ne Lüthy ko­chen»), die Spe­zia­li­tät des Hau­ses ist der Ta­ta­ren­hut (mit Rind­fleisch aus Uru­gu­ay), und der Pan­gasi­us für die Fischch­nus­per­li kommt wohl nicht aus dem na­hen Hall­wi­ler­see.

We­ni­ger welt­freund­lich ist der Ge­mein­de­schrei­ber des Dor­fes, du hast si­cher von ihm ge­hört. Er schrieb auf Face­book, man sol­le Frem­de aus dem Land prü­geln und Ver­ge­wal­ti­ger er­schies­sen (er nennt es die «9-mm-imp­fung»: «An die Wand stel­len und ih­nen ei­ne sau­be­re 9-mm-imp­fung ver­pas­sen !!!! Tut nicht weh, ist ef­fi­zi­ent und nach­hal­tig»). Auch ge­gen Asy­lan­ten hetz­te er. Als die Sa­che pu­blik wur­de, ging kein Auf­schrei des Ent­set­zens durchs Dorf, im Ge­gen­teil: Al­le schei­nen es gut zu fin­den, dass end­lich mal ei­ner öf­fent­lich ver­kün­det hat, was vie­le nur den­ken. Auch die Leu­te, die im Re­stau­rant Ter­mi­nus hock­ten, als ich dort zu Mit­tag ass. Der «Blick» lag auf dem Stamm­tisch, ei­ner klopf­te mit dem Fin­ger auf die Ti­tel­sei­te, wo das Bild des exe­ku­ti­ons­gei­len Ge­mein­de­schrei­bers prang­te. Er sag­te laut: «Recht hat er!» Im Chor be­jah­ten die an­de­ren am Tisch. Und: «Darf man denn nicht mehr sa­gen, was man denkt?» Und: «Ist doch gut für Bos­wil! Jetzt re­det man über uns. Bald kom­men Tou­ris­ten!» Und als es dann um ei­nen ging, der sich in den Me­di­en kri­tisch zum Ge­ba­ren des Ge­mein­de­schrei­bers ge­äus­sert hat­te, ei­nen lin­ken Po­li­ti­ker, sag­te ei­ner am Stamm­tisch: «Sei­ne Mut­ter hat sich ja um­ge­bracht, ist vor den Zug ge­gan­gen.» Und ein an­de­rer er­wi­der­te schnell: «Scha­de, ist der Sohn nicht auch vor den Zug ge­gan­gen.» Dann lach­ten sie.

Nicht weit von Bos­wil liegt Fahr­wan­gen. Am Sü­den­de des Dor­fes gibt es den Richt­platz – heu­te ein un­schein­ba­res Plätz­chen mit ei­nem plät­schern­den Brun­nen («kein Trink­was­ser», warnt ein Schild). Der Na­me kommt nicht von un­ge­fähr: Frü­her gab es hier ei­nen Gal­gen und meh­re­re Richt­plät­ze, wo Ver­ur­teil­ten Köp­fe und an­de­re Glied­mas­sen ab­ge­schla­gen wur­den. Hier al­so hat­te so manch ein Sün­der das Mes­ser am Hals. Viel­leicht kom­men die Bos­wi­ler ja bald her­über über den Nie­sen­berg und rich­ten den Hin­rich­tungs­platz wie­der her, so wie er mal war. Ob­wohl: In Bos­wil gä­be es da­für ja auch die ei­ne oder an­de­re hüb­sche Ecke. Ei­ner der Ver­kehrs­krei­sel bö­te sich et­wa an. An Frei­wil­li­gen zum Auf­bau und Be­trieb ei­nes funk­tio­nie­ren­den Richt­plat­zes wird je­den­falls be­stimmt kein Man­gel herr­schen.

Mit Gruss und bes­ten Wün­schen für ein be­sinn­li­ches Weih­nachts­fest, Max

PS Song zum The­ma: «Youth Against Fa­scism», So­nic Youth, vom Al­bum «Dir­ty», 1992.

PPS Das Wap­pen von Bos­wil zeigt ei­nen gol­de­nen Si­chel­mond. Jahr­hun­der­te­lang stritt man, ob er zu­o­der ab­neh­mend sei. Die Leu­te wur­den schier ver­rückt dar­ob. Doch 2001 hat der Ge­mein­de­rat be­schlos­sen: Er ist zu­neh­mend.

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