VON MA­SCHA KALÉKO

Aus­ge­wählt von Ja­na Hen­sel

Das Magazin - - Der Kleine Unterschied -

Je­de Emi­gra­ti­ons­wel­le ist ver­schie­den, je­de Mi­gran­ten­grup­pe hat ih­re ganz ei­ge­ne Ge­schich­te. In ei­nem aber sind sich al­le gleich: Die Men­schen ha­ben – manch­mal nur für ei­ne ge­wis­se Zeit, manch­mal für im­mer – ih­re Hei­mat ver­lo­ren.

Die jü­di­sche Dich­te­rin Ma­scha Kaléko, 1907 in Ga­li­zi­en ge­bo­ren, muss­te 1938 Berlin ver­las­sen. Sie zog nach Ame­ri­ka, spä­ter ging sie nach Is­ra­el, schliess­lich starb sie 1975 in Zü­rich. Ih­re Hei­mat­lo­sig­keit aber hat sie je­des Mal mit­ge­nom­men, und sie hat, wo im­mer sie war, Ge­dich­te dar­über ge­schrie­ben. All­tags­ge­dich­te, zar­te und we­ni­ger zar­te, lus­ti­ge und we­ni­ger lus­ti­ge. Ein­mal schrieb sie: «Zur Hei­mat er­kor ich mir die Lie­be.»

Ich ha­be die­ses Ge­dicht aus­ge­sucht, weil es in un­se­re Zeit passt. Es könn­te von heu­te sein, in Wahr­heit ist es wie al­le gu­ten Ge­dich­te na­tür­lich von heu­te. Wir in Deutsch­land re­den seit dem Som­mer 2015, als An­ge­la Mer­kel die Gren­zen für vie­le Tau­sen­de Flücht­lin­ge of­fen liess, wie­der viel über Hei­mat, wir ha­ben nun so­gar ein Hei­mat­mi­nis­te­ri­um. Ich glau­be nicht, dass das ir­gend­je­man­dem hilft. Ge­dich­te da­ge­gen kön­nen hel­fen.

Und ich selbst, die ich mei­ne höch­stei­ge­ne und mit der von Ma­scha Kaléko kei­nes­falls zu ver­glei­chen­de Mi­gra­ti­ons­ge­schich­te ha­be – ich bin in der DDR ge­bo­ren, mir ist das Land, in dem ich auf­wuchs, ab­han­den­ge­kom­men, oh­ne dass ich es ver­las­sen muss­te –, ich fin­de in ih­rer Hei­mat­lo­sig­keit manch­mal mei­ne.

J A N A H E N S E L ist ei­ne deut­sche Au­to­rin. Zu­letzt ist von ihr der Ro­man «Kein­land» (Wall­stein) er­schie­nen.

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