VON JO­HANN WOLF­GANG VON GOE­THE

Aus­ge­wählt von Ar­nold Stad­ler

Das Magazin - - An Den Mond (ii. Fassung) -

Die Lie­be ist ein Glau­be, der die Ber­ge nicht ver­setzt.

Aber die­ses Ge­dicht hat das Le­ben im­mer wie­der leich­ter ge­macht, als es tat­säch­lich war. Es war zu­erst, vor drei­und­vier­zig Jah­ren, ich war acht­zehn, die zwei­te Fas­sung von die­ser le­bens­er­leich­tern­den, wenn nicht le­bens­ret­ten­den Qua­li­tät. Die Wor­te von «An den Mond» hat­ten Kraft und Ge­walt wie nur noch viel­leicht Ge­be­te oder Wor­te Got­tes in ei­nem aus­sichts­los er­schei­nen­den Fall. «An den Mond» hat ge­hol­fen – und zwar nicht so, dass ich be­kom­men hät­te, was ich woll­te, son­dern auf je­ne Wei­se des Ein­ver­stan­den­seins mit dem, was doch nicht zu än­dern ist, wie es «An den Mond» (und rühr­se­li­ger, aber fast so schön, «Die Fle­der­maus») fest­stellt.

«An den Mond» hat mich ge­trös­tet und ge­heilt. Es hat mich, wie schon sei­nen Ver­fas­ser, mit ei­nem wun­der­ba­ren Ge­le­gen­heits­ge­dicht ge­trös­tet. Mich mei­ner La­ge zu fü­gen, mich zu er­ge­ben, mich zu schi­cken: Das hat mir «An den Mond» ge­bracht. Die Wor­te ha­ben ei­nen Berg ver­setzt, und ich blieb. «An den Mond» ... es geht ja gar nicht um den Mond. Aus dem Mond an sich ma­che ich mir gar nichts. Doch we­he, das Ge­dicht hät­te «An Lu­na» ge­heis­sen!!

Klar, dass ich die­ses Ge­dicht bald aus­wen­dig kann­te, by heart, wie es so schön, weil ge­nau, auf Eng­lisch heisst. Es war die zwei­te Fas­sung mit ih­rem epi­schen, eben den Fluss nach­ah­men­den Flies­sen, mit ih­rem Ge­spräch zwi­schen Ich und Mond, Fluss und Flies­sen, das in der Quint­es­senz aus Se­lig­prei­sung und Nacht (so das let­ze Wort des Mond­ge­dichts) gip­felt, die ich, wie ein Le­bens­mit­tel, in mich auf­nahm. Die Welt – das wa­ren die an­de­ren; der Mond – das war der Freund, der mich trös­te­te; der Fluss – in ihm floss mei­ne gan­ze Ge­schich­te, mei­ne See­le, mein Ge­fild, wie gut mich der Dich­ter kann­te! Ge­wiss: In die­sem Ge­dicht ent­spricht der Dun­kel­heit der Welt, ih­rer Ver­ne­be­lung die Klar­heit des Au­gen­blicks der Er­kennt­nis (der ei­ge­nen La­ge). Ja, ich hat­te die­se Wor­te ad­op­tiert, als ob sie von mir wä­ren. Und nun? Die­ses Ge­dicht ist fast das Ein­zi­ge, was mir von je­ner Lie­be ge­blie­ben ist, fast wie in Brechts «Er­in­ne­rung an die Ma­rie A.». Ich hät­te je­ne Lie­be längst ver­ges­sen, wenn nicht «An den Mond» ge­we­sen wär. Doch in ei­nem Ge­dicht auf­ge­ho­ben, en­det sie nim­mer.

AR­NOLD STAD­LER ist Schrift­stel­ler, zu­letzt schrieb er denRo­man «Rausch­zeit» (S. Fischer).

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