VON GOTTFRIED BENN

Aus­ge­wählt von Flo­ri­an Il­lies

Das Magazin - - Epilog -

Le­sen Sie die­se Zei­len lang­sam, Wort für Wort, oder las­sen Sie sie – mit ga­ran­tiert ma­gi­scher Wir­kung – sich auf ei­ner al­ten Schall­plat­ten­auf­nah­me von Gottfried Benn vor­le­sen, dann kön­nen Sie füh­len, was Wor­te kön­nen, was Ly­rik ver­mag: fast al­les.

Am 17. Fe­bru­ar 1949 schrieb Benn die­sen «Epi­log», ei­ne Er­in­ne­rung ei­nes 63-Jäh­ri­gen an sei­ne Kind­heit im Pfarr­haus­gar­ten auf dem Lan­de, in der ver­ges­se­nen Ne­u­mark, am äus­sers­ten Rand des Rei­ches, «wo die Ebe­nen weit».

Man spürt, wie im In­nern des al­ten er­schöpf­ten Man­nes die Er­in­ne­run­gen ans Ufer des Be­wusst­seins schwap­pen wie Wel­len aus fer­nen, fast ver­sun­ke­nen Sphä­ren. Die Kind­heit ist das ein­zi­ge Pa­ra­dies, aus dem wir uns selbst ver­trie­ben ha­ben.

Ne­ben dem un­nach­ahm­li­chen Sing­sang der spä­ten Ly­rik Benns, ne­ben sei­nem Ver­mö­gen, bei je­dem Le­ser des­sen ei­ge­ne ver­schwom­me­ne Bil­der­fet­zen aus tiefs­ten Schich­ten her­vor­zau­bern zu kön­nen, ne­ben all­dem bleibt von die­sem Ge­dicht vor al­lem ein Wort: «rausch­be­reit». Nach fünf Jahr­zehn­ten der kurz­zei­ti­gen Räu­sche durch Ko­ka­in und Mor­phi­um, die er sich selbst und an­de­ren (als Arzt) ver­schaff­te, nach zwei Welt­krie­gen und zwei­hun­dert Ver­zweif­lun­gen, er­in­nert sich Benn des Ur­rau­sches: des Rau­sches, in den die Na­tur sich selbst zu ver­set­zen ver­mag.

Er denkt an die Rausch­be­reit­schaft des Flie­ders, die­ses lang­sa­me Auf­la­den der blau­li­la­far­be­nen Pracht in den Knos­pen, die er Jahr für Jahr ge­nau an sei­nem Kin­der­ge­burts­tag am 2. Mai er­le­ben durf­te – und die sich dann in we­ni­gen Ta­gen in ei­ner wil­den, duf­ten­den Ex­plo­si­on er­schöpft, vor der dem Dich­ter schau­ert.

«Ein­mal noch vorm Ver­gäng­nis blühn» – so wird Benn dann dich­ten, be­vor er 1956 stirbt, An­fang Ju­ni, als die wel­ken Blü­ten vom mü­den Flie­der fal­len. «Es ist ein Gar­ten, den ich manch­mal se­he», so wird er dann in­ner­lich ge­mur­melt ha­ben auf sei­nem To­ten­bett, blin­zelnd durch sei­ne halb ge­öff­ne­ten Li­der, in den un­end­li­chen Mi­nu­ten zwi­schen dem ver­lo­re­nen und dem er­sehn­ten Pa­ra­dies.

FLO­RI­AN IL­LIES («1913: Der Som­mer des Jahr­hun­derts») ist der de­si­gnier­te neue Ge­schäfts­füh­rer des Ro­wohlt Ver­lags.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.