«TO DO»

Aus­ge­wählt von Ni­na Kunz

Das Magazin - - To Do - VON MI­CHEL­LE ST­EIN­BECK

Ei­gent­lich ist an To-do-lis­ten ja nichts poe­tisch. Sie sind bru­ta­le De­fi­zit­auf­stel­lun­gen, an die wir uns klam­mern, um im All­tag so was wie Kon­trol­le zu emp­fin­den. Lie­ber Bul­let-points als gar kei­ne An­halts­punk­te!

To-do-lis­ten er­in­nern uns dar­an, was noch nicht ist, und im­mer kommt uns noch et­was in den Sinn, das fehlt: Aja, Bier­fla­schen re­cy­celn, Zü­ri-sä­cke kau­fen, die­se E-mail, je­ner An­ruf ... So ver­wan­delt sich un­ser All­tag zur Ab­hakungs-ma­schi­ne­rie, und stets hof­fen wir, dass es ir­gend­wann bes­ser wird. Doch was ist das Ziel? Wann ist al­les er­le­digt? Nie­mand weiss es.

Schau­en wir uns Mi­chel­le St­ein­becks Lis­te al­so et­was ge­nau­er an:

Sie will den Kör­per trim­men, den Kopf be­ru­hi­gen und Ord­nung ins Le­ben brin­gen («yo­ga», «spa­zie­ren», «auf­räu­men»). Aber sie tut das nicht zur Mus­se, son­dern bringt sich da­mit in Stel­lung, um Ge­dich­te zu schrei­ben – al­so was «Pro­duk­ti­ves» zu leis­ten, ge­nau­so wie es die taf­fe Work-li­fe-ba­lan­ce vor­schreibt. Aber der letz­te Punkt ist et­was über­ra­schend: «ge­dicht­band ab­sa­gen». Was ist da los?

Din­ge, die NICHT ge­macht wer­den sol­len, lau­fen dem Zweck der To­do-lis­te dia­me­tral ent­ge­gen. Aber bei St­ein­beck neh­men die Buch­sta­ben beim letz­ten Punkt so­gar am meis­ten Raum ein. Je we­ni­ger «ef­fi­zi­ent» die Auf­ga­be ist, des­to mehr Buch­sta­ben braucht sie. Die­ses Brei­ter­wer­den der Zei­len macht mich glück­lich, weil ich es als Me­ta­pher für die Zeit le­se. Denn pa­ra­do­xer­wei­se ist es ja so, dass Leu­te, die dau­er­be­schäf­tigt sind, im­mer das Ge­fühl ha­ben, die Zeit lau­fe ih­nen da­von – wäh­rend Leu­te, die ka­pi­tu­lie­ren und blau­ma­chen, mehr da­von ha­ben.

Ge­nau weil die Wor­te «ge­dicht­band ab­sa­gen» so sper­rig und breit auf dem Pa­pier ste­hen, ge­fällt mir das Ge­dicht so. Als Per­son, die selbst im­mer fünf­hun­dert Zet­tel da­bei­hat, auf de­nen tau­send Din­ge ste­hen, die noch er­le­digt wer­den soll­ten, ha­ben mich die­se sechs kur­zen Zei­len dar­an er­in­nert, wie trü­ge­risch die Idee ei­ner «ef­fi­zi­ent ge­nutz­ten Zeit» ist. Im Grun­de schrei­be ich To-do-lis­ten ja nur, um nie still­ste­hen und mich mit mir selbst aus­ein­an­der­set­zen zu müs­sen.

Ver­mut­lich hät­te ich aber ge­nau dann we­ni­ger Angst vor den Sinn­fra­gen, wenn ich auf­hö­ren wür­de, den Bul­let-points nach­zu­ja­gen.

Ich werds ver­su­chen.

Im neu­en Jahr. N I N A K U N Z ist «Ma­ga­zin»-ko­lum­nis­tin. Sie lebt in Zü­rich und liebt Mi­chel­le St­ein­beck.

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