«BLEI­BEN WILL ICH, WO ICH NIE GE­WE­SEN BIN»

Aus­ge­wählt von Jo­han­na Ador­ján

Das Magazin - - Bleiben Will Ich, Wo Ich Nie Gewesen Bin - VON THO­MAS BRASCH

Ge­dich­te spie­len in mei­nem Le­ben kei­ne Rol­le. Viel­leicht ent­de­cke ich sie ja noch, aber bis­her kom­me ich oh­ne sie aus, mir er­schliesst sich ihr Sinn nicht, war­um Wor­te, Sät­ze oh­ne Not in ein Kor­sett ste­cken? Ge­nau­so be­scheu­ert fin­de ich Bü­cher, die oh­ne den Buch­sta­ben «e» aus­kom­men, oder wel­che, die ganz oh­ne Ab­sät­ze oder Satz­zei­chen ge­schrie­ben sind. Was soll das? Was ist denn ge­gen ei­nen gut ge­setz­ten Punkt zu sa­gen?

Ei­ne Aus­nah­me. Es gibt ein Ge­dicht, von dem ich mich bes­ser ver­stan­den füh­le als von so ziem­lich al­lem auf die­ser Welt, Bü­cher und Men­schen ein­ge­schlos­sen. Es ist von Tho­mas Brasch und heisst: «Blei­ben will ich, wo ich nie ge­we­sen bin». Es ist ganz kurz, sie­ben Zei­len nur, die ers­te lau­tet: «Was ich ha­be, will ich nicht ver­lie­ren, aber», die zwei­te «wo ich bin will ich nicht blei­ben, aber» und so geht es wei­ter, im­mer ein trot­zi­ges «aber» als Cliff­han­ger hin­ten an­ge­hängt, ein un­barm­her­zi­ger Rei­gen an Wi­der­sprü­chen, die sich letzt­lich nicht auf­lö­sen, son­dern – «Blei­ben will ich, wo ich nie ge­we­sen bin» – er bleibt mit ei­ner für im­mer un­still­ba­ren Sehn­sucht zu­rück.

Im In­ter­net kann man Tho­mas Brasch die­ses Ge­dicht selbst vor­tra­gen se­hen be­zie­hungs­wei­se vor­le­sen, denn er kann es of­fen­bar nicht aus­wen­dig, guckt kein­mal von der Buch­sei­te hoch. Nur sech­zehn Se­kun­den dau­ert es, er liest zü­gig und ernst und sieht wahn­sin­nig gut aus da­bei, dunk­le Au­gen­brau­en, ex­pres­si­ver Mund, kein Dia­lekt. Ge­bo­ren wur­de er 1945 in En­g­land, wo sei­ne deut­schen jü­di­schen El­tern im Exil leb­ten. 1947 zog die Fa­mi­lie nach Ost­ber­lin. 1976 stell­te er ei­nen Aus­rei­se­an­trag, dem statt­ge­ge­ben wur­de, und leb­te fort­an im West­teil der Stadt. Er starb am 3. No­vem­ber 2001 an Herz­ver­sa­gen, wur­de nur sechs­und­fünf­zig Jah­re alt.

Zwei Ge­dicht­bän­de ha­be ich mir von ihm ge­kauft. Sind ein paar sehr gu­te Ge­dich­te drin, «Der schö­ne 27. No­vem­ber» zum Bei­spiel, das dem Tag im Jahr 1979 ein Denk­mal setzt, an dem die Deut­sche Post statt ei­nes wie­der­hol­ten To­nes das durch­ge­hen­de Tu­ten als Te­le­fon­frei­zei­chen ein­führ­te. (Letz­te Zei­le: «Wer sagt noch, hier än­de­re sich nichts.») Sei­ne jün­ge­re Schwes­ter Ma­ri­on Brasch hat ein schö­nes Buch über sei­ne, ih­re Fa­mi­lie ge­schrie­ben, «Ab jetzt ist Ru­he», an­de­re Bü­cher über ihn ha­be ich nicht ge­le­sen, auch kei­nen Do­ku­men­tar­film ge­se­hen, weil es kei­ne Rol­le für mich spielt, wer ge­nau die­ser Mensch war, der mich so gut kann­te und mir et­was ge­schenkt hat, oh­ne das ich mich ein­sa­mer füh­len wür­de auf die­ser Welt.

JO­HAN­NA Ador­já­nis­t­jour­na­lis­tin und Schrift­stel­le­rin. Zu­letzt schrieb sie den Ro­man «Ge­teil­tes Ver­gnü­gen» (Han­ser).

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