«DER AUS­REIS­SER»

VON TO­MAS TRAN­STRÖ­MER

Das Magazin - - Der Ausreisser - Aus­ge­wählt von Dirk Gie­sel­mann DIRK GIE­SEL­MANN ist Jour­na­list, er lebt in Berlin.

Wort­los nahm To­mas Tran­strö­mer 2011 den No­bel­preis aus den Hän­den Kö­nig Carl Gustafs ent­ge­gen. Zwan­zig Jah­re zu­vor hat­te ein Schlag­an­fall ihm die Fä­hig­keit zu spre­chen ge­raubt. Aber hät­te er et­was ge­sagt, wenn er ge­konnt hät­te?

Tran­strö­mer war der Schwei­ger der eu­ro­päi­schen Li­te­ra­tur. Ab­seits der Er­zäh­ler stand er in der Tür, nicht kom­mend, nicht ge­hend. Als ei­ner, dem die Spra­che so kost­bar war, dass er sie lie­ber für sich be­hielt.

Die 29 Buch­sta­ben des schwe­di­schen Al­pha­bets hü­te­te er wie ei­nen Schatz. Leg­te sie in im­mer neue Rei­hen, zu dritt, zu fünft, zu zehnt. Schloss sie wie­der weg, ver­schwen­de­te sie nie. «Ich ha­be so kärg­lich an euch ge­schrie­ben», no­tier­te er. «Doch was ich nicht schrei­ben konn­te, schwoll an wie ein alt­mo­di­sches Luft­schiff und glitt durch den Nacht­him­mel da­von.»

In den sech­zig Jah­ren sei­nes Schaf­fens hat er kaum 500 Sei­ten mit je­nen 29 Buch­sta­ben aus­ge­füllt. Doch je­des Stück ist ein Frak­tal: im Kleins­ten das Gröss­te ab­bil­dend, im­mer tie­fer wei­send bis hin­ein ins Mo­le­ku­la­re. To­mas Tran­strö­mer re­du­zier­te, was er zu sa­gen be­reit war, aufs Ma­xi­ma­le. So lan­ge, bis ein Buch­sta­be die gan­ze Welt ent­hielt.

Je ge­nau­er man die Fein­hei­ten ei­nes Küs­ten­ver­lau­fes misst, um­so län­ger wird die­ser. Auch die Mi­nia­tur «Der Aus­reis­ser» muss man im­mer wie­der le­sen, im­mer ge­nau­er und hin­ge­bungs­vol­ler, bis sie ih­re vol­le Sub­stanz zu er­ken­nen gibt: die Ge­schich­te ei­nes Ta­ges in Frei­heit, im Licht der Mit­ter­nachts­son­ne, des Le­bens schlecht­hin, so kurz es auch sein mag. Tran­strö­mer er­zählt sie, oh­ne sie zu er­zäh­len. Er schweigt und sagt doch al­les.

Da­mit steht er in ei­ner Rei­he mit den Meis­tern des Hai­ku wie Matsuo Bas­hō oder Yo­sa Bu­son. In un­se­ren Brei­ten ist er Fer­nan­do Pes­soa und Franz Kaf­ka noch am ähn­lichs­ten. Auch sie wa­ren Dich­ter des Für­sich­be­hal­tens: Pes­soa ver­senk­te Blatt für Blatt in ei­ner Holz­tru­he, Kaf­ka woll­te sei­nen Nach­lass ver­bren­nen las­sen. Tran­strö­mers Werk passt in ei­nen Band. Doch über je­der ra­ren Zei­le schwebt das alt­mo­di­sche Luft­schiff, be­la­den mit Nicht­ge­schrie­be­nem, be­la­den mit Schwei­gen. Un­end­lich leicht, un­end­lich schwer.

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