War­um ich Ge­dich­te schrei­be, die sich rei­men. Von tho­mas gsel­la

Das Magazin - - N° 51 — 22. Dezember 2018 -

1) War­um schrei­be ich?

Weil es Men­schen gibt, die glau­ben, dass ich bes­ser schrei­ben kann als sie selbst. Das mag stim­men, muss aber nicht, es ist ei­ne An­nah­me, ein Glau­be, und Leu­te, die die­sem Glau­ben an­hän­gen, be­zeich­nen sich selbst als Le­ser. Le­ser sind Leu­te, die an­de­re da­für be­zah­len, dass sie et­was schrei­ben, von dem die Le­ser glau­ben, dass sie es selbst nicht kön­nen. Le­ser kön­nen al­les aus­ser schrei­ben, Schrei­ber kön­nen nichts aus­ser schrei­ben. Ir­gend­wann zwi­schen zwan­zig und dreis­sig fällt es ei­nem auf: Huch, ich kann ja über­haupt nichts, ich muss Schrei­ber wer­den. Zum Glück ist es ein schö­ner Be­ruf. Man sitzt zu Hau­se her­um und denkt sich Sät­ze aus und hofft, dass die Le­ser den­ken: «Ja sa­gen­haft! So was könnt ich nie!» Die Le­ser sind die Gläu­bi­gen, der Schrei­ber ist der Pries­ter. So fing es ja auch an. Frü­her wa­ren Pries­ter die ers­ten Schreib­kun­di­gen, heu­te sind Schreib­kun­di­ge die letz­ten Pries­ter, und im­mer noch gilt: Al­le Schrift will hei­lig sein/drum darf sie nie lang­wei­lig sein.

Weil sie schnel­ler ge­hen als Bi­beln und de­ren un­ehe­li­che Kin­der, die Ro­ma­ne. Ei­ne Bi­bel zu schrei­ben, dau­ert Jahr­hun­der­te, Ro­ma­ne noch im­mer­hin Jah­re; Ge­dich­te sind oft blitz­schnell ge­macht. Ein Ideechen, ei­ne Form, ei­ne Tas­se Kaf­fee, fer­tig. Trotz­dem ha­ben Ge­dich­te ei­nen gu­ten Ruf. Das liegt nicht nur dar­an, dass vie­le Dich­te­rin­nen und Dich­ter aus­ge­spro­chen be­lieb­te Nach­na­men tra­gen wie et­wa Goe­the, Hes­se, Brecht, Jandl, May­rö­cker oder Ril­ke, nein, es liegt auch an der schu­li­schen Di­dak­tik. Die geht näm­lich da­von aus, dass Kin­der, die kei­ne Tex­te be­rühm­ter Schrei­ber aus­wen­dig auf­sa­gen kön­nen, spä­ter ei­nen Atom­krieg an­zet­teln. Wem aber ver­dan­ken sie, dass sie kei­ne Ro­ma­ne oder Sach­t­ex­te aus­wen­dig ler­nen müs­sen? Oh­ne Ge­dich­te wä­ren Schü­ler noch ver­zwei­fel­ter als eh schon, und aus Er­leich­te­rung schau­en sie ein Le­ben lang zu Dich­tern auf.

Ei­ne ers­te, heu­te zu Recht ver­schol­le­ne Fas­sung ei­nes Schil­ler-ge­dichts aus dem Jahr 1799 be­gann wie folgt:

Im Erd­man­tel fel­sen­fest Form aus Feu­er­lehm die Zeit drängt die Ar­bei­ter los­los macht hin die Wa­re soll heu­te raus schweiss­nass ha­ben Skla­ven zu sein der Trei­ber am En­de zu­frie­den mit Ruhm und Pro­fit sein Him­mel bricht auf

Kann man ma­chen; und doch war es zwei­fels­oh­ne ein Glücks­fall, dass Schil­lers Ver­le­ger Jo­hann Fried­rich Cot­ta die­se Fas­sung früh zu Ge­sicht be­kam und mit sei­nem dicks­ten Kor­rek­tur­stift auf dem Blatt ver­merk­te: «Viel zu mo­dern und so­zi­al­kri­tisch. Aus­ser­dem reimt es sich nicht. Das kannst du bes­ser.» Cot­ta täusch­te sich nicht. Kei­ne fünf Mi­nu­ten spä­ter prä­sen­tier­te Schil­ler dem ge­rühr­ten Ver­le­ger ei­ne zwei­te und bis heu­te gül­ti­ge Erststro­phe und setz­te auch gleich ei­nen Ti­tel dar­über:

Das Lied von der Glo­cke

Fest ge­mau­ert in der Er­den

Steht die Form, aus Lehm ge­brannt. Heu­te muss die Glo­cke wer­den, Frisch, Ge­sel­len! seid zur Hand. Von der Stir­ne heiss

Rin­nen muss der Schweiss,

Soll das Werk den Meis­ter lo­ben, Doch der Se­gen kommt von oben.

2) War­um schrei­be ich Ge­dich­te?

Na al­so. Ge­dich­te soll­ten näm­lich mehr sein als Pro­sa mit über­ner­vö­sen Zei­len­um­brü­chen, denn sie ha­ben ih­ren Ur­sprung im Lied und Sinn­spruch. Aber soll­ten Ge­dich­te über­haupt noch sein? «Nach Au­schwitz ein Ge­dicht zu schrei­ben, ist bar­ba­risch», schrieb 1949 der viel­leicht klügs­te Schrei­ber der Mensch­heit, Theo­dor W. Ador­no, und es dau­er­te fast zwan­zig Jah­re, bis der viel­leicht zweit-, na, sa­gen wir dritt­klügs­te Schrei­ber der Mensch­heit, Ro­bert Gern­hardt, dar­auf mit ei­nem Ge­dicht ant­wor­te­te, ei­nem ge­reim­ten na­tür­lich:

Fra­ge

Kann man nach zwei ver­lo­re­nen Krie­gen, Nach blu­ti­gen Schlach­ten, schreck­li­chen Sie­gen, Nach all dem Mor­den, all dem Ver­nich­ten, Kann man nach die­sen Zei­ten noch dich­ten? Die Ant­wort kann nur die fol­gen­de sein: Drei­mal NEIN!

3) War­um schrei­be ich Reim­ge­dich­te?

THO­MAS GSEL­LA ist der Haus­dich­ter von «Das Ma­ga­zin». Ach­tung, vor­mer­ken:

Am 27. März 2019 liest Gsel­la im Kos­mos in Zü­rich.

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