<< An den Mond >> von Jo­hann Wolf­gang von Goe­the, aus­ge­wahlt VON AR­NOLD STAD­LER

Das Magazin - - N° 51 — 22. Dezember 2018 - JO­HANN WOLF­GANG VON GOE­THE Aus: Ge­dich­te 1800–1832. Suhr­kamp Ver­lag, Frank­furt am Main 1988

Fül­lest wie­der Busch und Tal Still mit Ne­bel­glanz, Lö­sest end­lich auch ein­mal Mei­ne See­le ganz;

Brei­test über mein Ge­fild Lin­dernd dei­nen Blick, Wie des Freun­des Au­ge mild Über mein Ge­schick.

Je­den Nach­klang fühlt mein Herz Froh- und trü­ber Zeit,

Wand­le zwi­schen Freud’ und Schmerz In der Ein­sam­keit.

Flies­se, flies­se, lie­ber Fluss! Nim­mer werd’ ich froh; So ver­rausch­te Scherz und Kuss Und die Treue so.

Ich be­sass es doch ein­mal, was so köst­lich ist!

Dass man doch zu sei­ner Qu­al Nim­mer es ver­gisst!

Rau­sche, Fluss, das Tal ent­lang, Oh­ne Rast und Ruh, Rau­sche, flüst­re mei­nem Sang Me­lo­di­en zu!

Wenn du in der Win­ter­nacht Wü­tend über­schwillst Oder um die Früh­lings­pracht Jun­ger Knos­pen quillst.

Se­lig, wer sich vor der Welt Oh­ne Hass ver­schliesst, Ei­nen Freund am Bu­sen hält Und mit dem ge­niesst,

Was, von Men­schen nicht ge­wusst Oder nicht be­dacht,

Durch das La­by­rinth der Brust Wan­delt in der Nacht.

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