Une fem­me françai­se: Leï­la Sli­ma­ni, Schrift­stel­le­rin und Prä­si­den­ten­be­ra­te­rin. V o n an­na­bel­le Hirsch

Leï­la Sli­ma­ni ist Be­ra­te­rin des un­ter Druck ste­hen­den fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten und ei­ne her­aus­ra­gen­de Schrift­stel­le­rin.

Das Magazin - - N° 1/2 — 12. Januar 2019 - text An­na­bel­le Hirsch

En­de November, im Omo­tesan­do-vier­tel von To­kio. Leï­la Sli­ma­ni sitzt im be­stick­ten schwar­zen Samt­kleid in ei­nem Pri­vat­raum ei­nes tra­di­tio­nel­len ja­pa­ni­schen Re­stau­rants und spielt rei­nes Ent­zü­cken nach: Sie reisst ih­re dun­kel­brau­nen Au­gen weit auf, spitzt die ro­ten Lip­pen, we­delt mit den Hän­den auf­ge­regt in der Luft her­um und kreischt: «Ich liiie­be Ih­re Bü­cher!»

Et­wa so ha­be die Ste­war­dess ihr vor­hin ih­re hel­le Be­geis­te­rung be­kun­det, sagt sie und nippt am Sa­ke. Und dann ha­be die Da­me auch noch ei­ne Kol­le­gin da­zu­ge­holt und auf sie ge­zeigt: «Das ist Leï­la Sli­ma­ni!!!»

Die­se Auf­merk­sam­keit, wie sie nor­ma­ler­wei­se eher Schau­spie­le­rin­nen, Sän­ge­rin­nen oder Tv-mo­de­ra­to­rin­nen als Schrift­stel­le­rin­nen zu­teil wird, scheint die fran­ko-ma­rok­ka­ni­sche Schrift­stel­le­rin we­der be­son­ders zu ver­wun­dern noch son­der­lich stolz zu ma­chen. Sie wirkt schlicht amü­siert. So wie Sli­ma­ni, die we­sent­lich son­ni­ger ist, als es ih­re von Leid und Tod und Schmerz er­zäh­len­den Bü­cher ver­mu­ten las­sen, über­haupt sehr vie­les zu amü­sie­ren scheint: Erst vor ein paar St­un­den ist sie in Ja­pans Haupt­stadt an­ge­kom­men, doch von Mü­dig­keit oder Stress be­merkt man bei ihr, wie so oft, nichts. Sie sitzt da und strahlt und re­det und trinkt und lacht.

Das ers­te Mal be­geg­ne­te ich Leï­la Sli­ma­ni im Fe­bru­ar vor knapp vier Jah­ren in Ber­lin. Da­mals war sie drei­und­dreis­sig, hat­te gera­de ih­ren ers­ten Ro­man ver­öf­fent­licht – den in Frank­reich viel be­ach­te­ten und im Mai end­lich auf Deutsch er­schei­nen­den «Dans le jar­din de l’og­re» («All das zu ver­lie­ren»), die Ge­schich­te ei­ner Nym­pho­ma­nin – und sag­te, wäh­rend sie in den ver­rauch­ten Raum der Tra­di­ti­ons­beiz «Die­ner Tat­ter­sall» schau­te, so schö­ne Din­ge wie: «Das Tol­le am Schrift­stel­ler­sein ist doch, dass man sich ein­fach nur ir­gend­wo hin­set­zen und Leu­te be­ob­ach­ten muss. Je­de Ges­te er­zählt ei­ne Ge­schich­te.» Nach ein paar klei­nen Bie­ren beich­te­te sie auch, dass es sie manch­mal ängs­ti­ge, die Mut­ter des klei­nen Émi­le zu sein, nur liess sie sich da­von nicht läh­men. Knapp ein­ein­halb Jah­re spä­ter, da war sie gera­de mit ih­rem zwei­ten Kind, ih­rer Toch­ter Sel­ma, schwan­ger, ge­wann sie für ih­ren zwei­ten Ro­man – «Dann schlaf auch du», in dem sie all die Ängs­te des Mut­ter­seins sub­til ver­ar­bei­te­te – den be­rühm­ten Prix Gon­court als zwölf­te Frau in der mitt­ler­wei­le 115­jäh­ri­gen Ge­schich­te die­ses wich­tigs­ten fran­zö­si­schen Li­te­ra­tur­prei­ses. Und wur­de damit qua­si über Nacht ein Star.

Ih­re Ge­schich­te des Kin­der­mäd­chens Loui­se, das ei­nes Ta­ges die zwei Kin­der, die es hü­ten soll, um­bringt, ver­kauf­te sich in Frank­reich knapp 800 000mal und wur­de in cir­ca vier­zig Spra­chen über­setzt. Zu­letzt kam die ame­ri­ka­ni­sche Ver­si­on un­ter dem Ti­tel «Lul­la­by» her­aus und si­cher­te sich ei­nen Platz auf der Best­sel­ler­lis­te der «Washington Post», was we­ni­gen nicht ame­ri­ka­ni­schen Wer­ken ge­lingt. «Ei­ne Sel­ten­heit», be­stä­tig­te Pen­gu­in­ver­le­ger John Si­ci­lia­no in ei­nem In­ter­view: Seit Stieg Lars­son und sei­ner Mill­en­ni­um­tri­lo­gie ha­be man so et­was nicht mehr ge­se­hen. Kein Wun­der da­her, dass sich seit Sli­ma­nis Durch­bruch nicht nur die Li­te­ra­tur­welt um sie reisst: Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron mach­te sie im Jahr nach dem Preis zu sei­ner per­sön­li­chen Be­auf­trag­ten für die Fran­ko­pho­nie; Ex­first­la­dy Mi­chel­le Oba­ma wün­sche sie sich, mun­kelt man, als Mo­de­ra­to­rin für die Pa­ri­ser Prä­sen­ta­ti­on ih­res ei­ge­nen Buchs, «Be­co­m­ing»; sie ist im Ge­spräch mit Re­gis­seu­ren wie Micha­el Ha­n­eke und mit Pro­duk­ti­ons­fir­men wie Net­flix. Und Mo­de­häu­ser wie Cha­nel und Dior klei­den sie für Events ein, denn Sli­ma­ni ist über­all – in Can­nes, beim ame­ri­ka­ni­schen Film­fes­ti­val von De­au­vil­le, bei den Cé­sars oder bei Li­te­ra­tur­preis­ver­lei­hun­gen.

Wenn man mit ihr te­le­fo­niert, be­fin­det sie sich meist in ei­nem Ta­xi, im Haus­flur nach draus­sen, auf dem Weg zum Flug­ha­fen oder zur Schu­le ih­res Soh­nes. Wenn man mit ihr SMS tauscht, ist sie in Dä­ne­mark, Ar­me­ni­en, Süd­ame­ri­ka, in den USA, in Finn­land. Oder in To­kio, wie jetzt. Und wenn sie nun so vor ei­nem sitzt und in ih­rem ra­san­ten Rhyth­mus aus ih­rem ra­san­ten Le­ben er­zählt, dann reist man mit ihr ge­dank­lich ein­mal rund um die Welt. Gera­de zum Bei­spiel kurz nach Je­re­wan, wo­hin sie Ma­cron ei­ni­ge Wo­chen zu­vor als Fran­ko­pho­nie­be­auf­trag­te be­glei­tet hat­te: Sie er­zählt von ei­ner prä­si­dia­len Tanz­ein­la­ge – Em­ma­nu­el und Bri­git­te und Jus­tin Tru­deau hät­ten wild das Tanz­bein ge­schwun­gen –, ein lus­ti­ger Abend. Viel mehr darf sie von sol­chen Tref­fen aber nicht erzählen: Di­plo­ma­tie ver­pflich­tet. Nur so viel: Sie hält das, was sie da seit gut ei­nem Jahr im Auf­trag des Prä­si­den­ten tut, das heisst, das Image der fran­zö­si­schen Spra­che zu ent­stau­ben, qua­si «sexy» zu ma­chen, für sehr sinn­voll. Sie hat das Ge­fühl, damit et­was zu ver­än­dern. Und das ist ihr wich­tig.

Die Spra­che ist ei­ne Macht

Ei­gent­lich hat­te Ma­cron ihr kurz nach sei­nem Amts­an­tritt 2017 den Pos­ten der Kul­tur­mi­nis­te­rin an­ge­bo­ten, doch Leï­la Sli­ma­ni sag­te dan­kend ab. War­um? «Weil ich Schrift­stel­le­rin bin. Mir ist mei­ne Freiheit hei­lig. Aus­ser­dem wä­re ich da­für wirk­lich nicht be­son­ders qua­li­fi­ziert ge­we­sen.» Für die Fran­ko­pho­nie hin­ge­gen ist sie, die als Toch­ter ei­nes Ban­kiers und ei­ner Hno-ärz­tin im ma­rok­ka­ni­schen Ra­bat auf­wuchs, auf ei­ne fran­zö­si­sche Schu­le ging und zu Hau­se nur Fran­zö­sisch sprach, be­vor sie mit sieb­zehn zum Stu­die­ren nach Pa­ris ging, sehr qua­li­fi­ziert: «In Ma­rok­ko, über­haupt im Ma­ghreb, geht die Be­zie­hung zur fran­zö­si­schen Spra­che ver­lo­ren. Sie wird po­li­tisch aus­ge­legt: Fran­zö­sisch ist heu­te für vie­le die Spra­che der Eli­te, der Un­ter­drü­ckung und der Ko­lo­ni­sie­rung. Ich hal­te die­se Ideo­lo­gi­sie­rung für sehr ge­fähr­lich, zu­mal uns das Fran­zö­si­sche auch viel Gu­tes und Schö­nes ge­bracht hat. Des­halb möch­te ich das wie­der um­dre­hen, die an­de­ren Aspek­te her­aus­keh­ren: Spra­che ist auch Kul­tur, Freiheit, Traum, Lie­be.» Und, wie Sli­ma­ni vor ein paar Mo­na­ten in der Ru­brik «Lunch with» in der «Fi­nan­ci­al Ti­mes» er­klär­te: Spra­che ist auch ei­ne Waf­fe. «Sich aus­drü­cken zu kön­nen, ist ei­ne Macht», sag­te sie dem Jour­na­lis­ten Si­mon Ku­per, der von ih­rer Eleganz ganz be­tört schien. In ih­rem Fall ist das so­gar dop­pelt wahr. Denn mäch­tig ist sie.

Wie auch die jüngs­te Dezember­aus­ga­be der fran­zö­si­schen «Va­ni­ty Fair» fest­stell­te: Un­ter den «fünf­zig ein­fluss­reichs­ten Fran­zo­sen welt­weit», dar­un­ter Un­ter­neh­mer, For­scher, Po­li­ti­ker, An­wäl­te, be­legt Leï­la Sli­ma­ni den zwei­ten Platz – nach ih­rem Fast­na­mens­vet­ter He­di Sli­ma­ne, dem neu­en Chef­de­si­gner von Céline, und vor dem Fuss­bal­ler Ky­li­an Mbap­pé. Em­ma­nu­el Ma­cron, der schon vor der für ihn de­sas­trö­sen «Gelb­wes­ten»­kri­se ein un­ge­heu­res Po­pu­la­ri­täts­tief ver­bucht hat­te, ran­giert in die­ser Lis­te nur auf Platz fünf. Apro­pos, was denkt Sli­ma­ni, die an der Pa­ri­ser Eli­te­schu­le Sci­en­ces Po Po­li­tik stu­diert hat, über die Gelb­wes­ten? «Na ja», sagt sie, «mir scheint, bei den Gelb­wes­ten fin­den sehr vie­le sehr un­ter­schied­li­che An­lie­gen zu­sam­men. Man­che da­von sind le­gi­tim und ab­so­lut nach­voll­zieh­bar, an­de­re

zei­gen ras­sis­ti­sche Ten­den­zen, die ich ver­ur­tei­le.» Da­mals be­gan­nen die Pro­tes­te erst. In­zwi­schen hält Sli­ma­ni, als wir uns En­de Dezember noch ein­mal tref­fen und über die Be­we­gung spre­chen, ei­ni­ge For­de­run­gen schlicht für un­rea­lis­tisch. Et­wa die «Ma­cron dé­mis­si­on» – «wen wol­len sie denn statt­des­sen?», fragt sie.

Nun könn­te man mei­nen, hier spricht je­mand, der sei­nem Vor­ge­setz­ten, in die­sem Fall dem fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten, treu er­ge­ben ist. Doch wür­de man Leï­la Sli­ma­ni mit die­ser Ein­schät­zung voll­kom­men ver­ken­nen: Wenn ihr et­was nicht passt, wenn sie et­was falsch oder un­ge­recht fin­det, dann sagt sie es – egal, wie staats­tra­gend, be­rühmt oder ge­fähr­lich ihr Ge­gen­über ist. Oder, um es mit den Wor­ten ei­nes Freun­des, des Schrift­stel­lers Olivier Gu­ez, zu sa­gen: «Leï­la ist wahr­schein­lich die frei­es­te Per­son, die ich ken­ne. In die­sem Mi­lieu, dem von Pa­ris, dem der Li­te­ra­tur, wo sich je­der zu schüt­zen und zu po­si­tio­nie­ren ver­sucht, ist das sehr sel­ten. Sie sagt im­mer ge­nau, was sie denkt. Selbst wenn es un­be­quem ist.»

So kri­ti­sier­te sie den fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten zum Bei­spiel An­fang November öf­fent­lich, als sie in «Le Mon­de» schrieb: «Em­ma­nu­el Ma­cron hät­te die Mi­gran­ten mit mehr Nach­druck ver­tei­di­gen kön­nen.» Es ging um ei­nen Zwi­schen­fall wäh­rend der Ge­denk­fei­er in Ver­dun: Ein Kriegs­ve­te­ran frag­te den Prä­si­den­ten, wann er die il­le­ga­len Ein­wan­de­rer end­lich aus dem Land schmeis­sen wer­de. Ma­cron hät­te ant­wor­ten müs­sen, man kön­ne Men­schen nicht mit ei­nem Be­griff ab­stem­peln, hät­te er­klä­ren müs­sen, dass die Fra­ge der Im­mi­gra­ti­on kom­ple­xer ist, be­fand Sli­ma­ni. Und wies dar­auf hin, dass ras­sis­ti­sche, xe­no­pho­be, is­lam­feind­li­che Äus­se­run­gen in Frank­reich zu­neh­men und es Auf­ga­be des Prä­si­den­ten sei, ent­schlos­sen da­ge­gen­zu­hal­ten. Die­se For­de­rung ver­tritt sie, ob­wohl sie selbst, wie sie bei ver­schie­de­nen Ge­le­gen­hei­ten be­ton­te, ras­sis­ti­sche An­fein­dun­gen nie er­lebt hat: «Ich bin al­ler­dings ei­ne Pri­vi­le­gier­te.» Sol­che Kri­tik än­de­re je­doch nichts an ih­rem Re­spekt für den Prä­si­den­ten, sagt sie an dem Abend in To­kio, er wie­der­um neh­me es ihr nicht übel. Er sei sich bei ih­rer Er­nen­nung im Kla­ren dar­über ge­we­sen, dass sie sich den Mund nicht ver­bie­ten lässt. Von nie­man­dem. Schliess­lich ha­be sie sich noch nie ei­nen Maul­korb an­le­gen las­sen. Als sie et­wa vier Jah­re alt war, so geht die Fa­mi­li­en­le­gen­de, soll sie ein­mal ver­kün­det ha­ben: «Das ist mein Mund, ich sa­ge damit, was ich will.» Und so hält sie das bis heu­te. Zum Bei­spiel, wenn sie sich nach den Pa­ri­ser An­schlä­gen vom 13. November 2015 nicht scheut, ei­nen Ar­ti­kel mit dem Ti­tel «In­te­gris­ten, ich has­se euch!» zu schrei­ben. Oder wenn sie ein Buch, «Sex und Lü­gen», über die se­xu­el­le Mi­se­re der Frau­en in Ma­rok­ko ver­fasst und sich damit für man­che zu ei­ner Ver­rä­te­rin macht: «In Ma­rok­ko bin ich für man­che ein ‹Boun­ty›: aus­sen braun, in­nen weiss. Sie mei­nen, ich ver­ra­te mein Land, um den Leu­ten in Frank­reich zu ge­fal­len. Sol­len sie das ru­hig den­ken, das ist mir voll­kom­men egal.»

Das Recht, nicht be­läs­tigt zu wer­den

Die Idee für die­sen Es­say, in dem sie Frau­en, jun­ge und alte, he­te­ro­se­xu­el­le und les­bi­sche, zu Wort kom­men lässt, um über ihr Ver­hält­nis zu Se­xua­li­tät und Lie­be zu spre­chen, kam ihr, als sie mit ih­rem ers­ten Ro­man durch Ma­rok­ko tour­te: «Da­mals ka­men die Frau­en zu mir und er­zähl­ten mir spon­tan ih­re Ge­schich­ten. Es war er­schüt­ternd. Na­tür­lich wuss­te ich aus ei­ge­ner Er­fah­rung, dass ei­ne freie Se­xua­li­tät in Ma­rok­ko nicht mög­lich ist, das Aus­mass des Leids, der Angst, der Scham und vor al­lem all die­ser Lü­gen war mir aber da­mals nicht klar. Des­halb woll­te ich die­sen Frau­en ei­ne Stim­me ge­ben.»

Das Tol­le an Leï­la sei, sagt der al­ge­ri­sche Schrift­stel­ler Ka­mel Daoud, der mit ihr be­freun­det ist, am Te­le­fon, dass sie sich nicht ein­sper­ren las­se: «Sie hat es ge­schafft, ei­ne Form von Uni­ver­sa­li­tät zu er­lan­gen. Sie lässt sich nicht mit ein­fa­chen Ka­te­go­ri­en, et­wa ‹ma­ghre­bi­ni­sche Schrift­stel­le­rin› fas­sen. Ko­lo­nia­lis­mus, Post­ko­lo­nia­lis­mus, all das spielt bei ihr im Grun­de gar kei­ne Rol­le, sie ist da­von voll­kom­men frei. Für Au­to­ren aus dem Sü­den wie uns ist das ex­trem schwie­rig. Sie aber hat es ge­schafft, da­für be­wun­de­re ich sie sehr.»

Tat­säch­lich ist es un­mög­lich, Leï­la Sli­ma­ni in ei­ne Schub­la­de zu ste­cken. Ih­re Auf­merk­sam­keit, ihr In­ter­es­se gilt dem Heu­te, das eben­so die il­le­ga­len

«In Ma­rok­ko mei­nen man­che, ich ver­ra­te mein Land, um den Leu­ten in Frank­reich zu ge­fal­len. Sol­len sie das ru­hig den­ken.»

Ein­wan­de­rer wie die Frau­en aus Ma­rok­ko wie die Frau­en um sie her­um in Pa­ris um­fasst. So war sie auch die Ers­te, die An­fang des ver­gan­ge­nen Jah­res auf den viel dis­ku­tier­ten of­fe­nen Brief von Ca­the­ri­ne De­neuve, Ca­the­ri­ne Mil­let und 98 an­de­ren Frau­en ant­wor­te­te, als die­se als Re­ak­ti­on auf die #Metoode­bat­te für das «Recht, be­läs­tigt zu wer­den» plä­dier­ten: «Ich be­ste­he auf mein Recht, nicht be­läs­tigt zu wer­den», schrieb Sli­ma­ni im Ja­nu­ar 2018 in der Ta­ges­zei­tung «Li­bé­ra­ti­on». «Ich bin kei­ne klei­ne, fra­gi­le Sa­che. Ich bit­te nicht dar­um, be­schützt zu wer­den, son­dern po­che auf mein Recht auf Si­cher­heit und Re­spekt.» Und wei­ter: «Mein Sohn wird, so hof­fe ich, ein frei­er Mann wer­den. Nicht frei, auf­dring­lich zu sein, son­dern frei, sich als et­was an­de­res als ein von un­kon­trol­lier­ba­ren Trie­ben be­herrsch­tes Raub­tier zu de­fi­nie­ren.» Man spre­che sie bis heu­te dar­auf an, sagt sie, dies­mal et­was er­staunt. Selbst als sie im Som­mer in den USA durch die Uni­ver­si­tä­ten tour­te, sei­en im­mer wie­der Frau­en auf sie zu­ge­kom­men, um über die­sen Kom­men­tar zu re­den. «Ko­misch, oder?»

Ei­gent­lich nicht. Schliess­lich hat sich Leï­la Sli­ma­ni in letz­ter Zeit, auch durch Kom­men­ta­re wie die­sen, zu mehr als ei­ner Schrift­stel­le­rin, auch zu mehr als ei­nem Li­te­ra­tur-pop­star ent­wi­ckelt. «Va­ni­ty Fair» er­klär­te sie zu ei­nem neu­en Ty­pus der en­ga­gier­ten Frau. Und auch wenn der Ge­dan­ke, sie sei ei­ne neue Ma­ri­an­ne, das Zei­chen für ein be­frie­de­tes Frank­reich, in An­be­tracht der Nach­rich­ten­la­ge mehr nach Wunsch­den­ken als nach Rea­li­tät klingt, stimmt doch zu­min­dest so viel: Sie füllt als Fi­gur und durch das, was sie schreibt, ei­ne in den letz­ten drei Jah­ren auf­ge­bro­che­ne Lü­cke.

Ei­ne, die von bis­he­ri­gen fran­zö­si­schen Li­te­ra­tur­stars wie Mi­chel Hou­el­l­e­becq, der im ame­ri­ka­ni­schen Ma­ga­zin «Har­per’s» erst neu­lich wie­der ge­nüss­lich sei­nen Ni­hi­lis­mus aus­brei­te­te, nicht ge­füllt wer­den kann. Weil sie von Im­mi­gra­ti­on, von An­ders­sein, vom Frau­sein, vom Mut­ter­sein, von Kos­mo­po­li­tis­mus han­delt. Al­les The­men, die Sli­ma­ni auf ganz na­tür­li­che Wei­se an­spricht. Denn zu­min­dest das hat sie, vom Ta­lent ein­mal ab­ge­se­hen, mit ei­nem Schrift­stel­ler wie Hou­el­l­e­becq ge­mein: Sie fasst mit ih­ren Ro­ma­nen und Es­says Din­ge in Wor­te, die wir bis da­hin höchs­tens dif­fus spür­ten, be­nennt Pro­ble­me der Ge­gen­wart, noch be­vor sie al­len klar er­schei­nen. So er­klär­te die Ju­ry im November 2016, als man ihr den Prix Gon­court über­reich­te, der Preis zeich­ne nor­ma­ler­wei­se Bü­cher über die Ver­gan­gen­heit aus, dies­mal aber zie­le er auf die ab­so­lu­te Ge­gen­wart.

Denn selbst­ver­ständ­lich geht es in «Dann schlaf auch du» – dem Ro­man, dem ein rea­ler Fall in Up­town New York zu­grun­de liegt – nicht ein­fach um ei­ne Nan­ny, die zwei Kin­der er­mor­det, auch wenn ei­ni­ge Län­der, dar­un­ter Ja­pan und die USA, ihn der Ein­fach­heit hal­ber als Thril­ler ver­mark­ten. Nach dem Knall­ef­fekt des ers­ten Sat­zes «Das Ba­by ist tot», den Sli­ma­ni be­wusst setz­te, geht es um so­zia­le Un­ge­rech­tig­keit, um Feh­ler, die pri­vi­le­gier­te Men­schen wie das El­tern­paar im Kon­takt mit An­ge­stell­ten ma­chen, und vor al­lem, wie im­mer bei die­ser Au­to­rin, die sich ex­pli­zit als Fe­mi­nis­tin ver­steht, um die Si­tua­ti­on der Frau.

«Mich hat die Öko­no­mie der weib­li­chen Ar­beit in­ter­es­siert: Damit ei­ne Frau ar­bei­ten kann, muss ei­ne an­de­re, ei­ne schlech­ter be­zahl­te, meist im­mi­grier­te, auf ih­re Kin­der auf­pas­sen, sonst funk­tio­niert das Sys­tem nicht mehr.» Die Last, die auf den Müt­tern liegt, auch sie wird in die­sem Ro­man im­mer wie­der zwi­schen den Zei­len an­ge­spro­chen: Wä­re die Mut­ter nicht so ego­is­tisch ge­we­sen und ar­bei­ten ge­gan­gen, wä­re das al­les nicht pas­siert, sa­gen die Nach­barn, wo­ge­gen es kei­nen stört, dass der Va­ter ar­bei­ten geht. Es ist ein Druck, den Sli­ma­ni selbst kennt, auch wenn sie das Glück hat, ei­nen Mann zu ha­ben, der nach der Ge­burt ih­rer Toch­ter Sel­ma den Job kün­dig­te, um sich um sie zu küm­mern, wäh­rend Leï­la durch die Welt tourt. Trotz­dem: «So­bald man Mut­ter wird, fühlt man sich per­ma­nent schul­dig. Wenn man zu viel ar­bei­tet, ist man ei­ne schlech­te Mut­ter, wenn man zu we­nig ar­bei­tet, ei­ne schlech­te An­ge­stell­te. Man kann es nicht rich­tig ma­chen, es ist furcht­bar. Plötz­lich sa­gen dir al­le, was du zu tun hast. Selbst mei­ne Mut­ter, die mich da­zu er­zo­gen hat, frei und un­ab­hän­gig zu sein, mach­te mir auf ein­mal Stress.»

Sli­ma­nis Trau­ma

Über ih­re El­tern, be­son­ders über ih­ren Va­ter Oth­man Sli­ma­ni, spricht sie erst seit kur­zem. Sei­ne Ge­schich­te ist ihr Trau­ma, das al­les be­stimmt: Als sie drei­zehn Jah­re alt war, wur­de er, der ehe­ma­li­ge Wirt­schafts­mi­nis­ter und Prä­si­dent der CIH Bank, in ei­nen Fi­nanz­skan­dal ver­wi­ckelt und war­te­te jah­re­lang auf ein Ur­teil. Er ha­be nie dar­über ge­spro­chen, sagt sie, nur still und mit viel Wür­de dar­auf ge­war­tet, dass die Sa­che ge­klärt und er frei­ge­spro­chen wür­de. Doch dann warf man ihn 2001 ins Ge­fäng­nis. Drei Jah­re spä­ter, als Sli­ma­ni schon in Pa­ris stu­dier­te, starb er an Lun­gen­krebs – sie glaubt, an Trau­er: «Ma­rok­ko hat noch sechs Jah­re nach sei­nem Tod ge­war­tet, bis 2010, um ihn end­lich von den An­schul­di­gun­gen frei­zu­spre­chen und sich öf­fent­lich zu ent­schul­di­gen.»

Der Tod ih­res Va­ters, so denkt Je­an-ma­rie La­cla­ve­ti­ne, ihr Men­tor und Lek­tor beim Ver­lag Galli­mard, sei ein Grund­mo­tor ih­res Schrei­bens: Der Schock über das plötz­li­che En­de der Kind­heit, das Ge­fühl der Un­ge­rech­tig­keit und der Macht­lo­sig­keit sei für die­se Schwär­ze, die Dun­kel­heit, die in all ih­ren Bü­chern hin­ter der Ein­fach­heit ih­res Tons lie­ge, ver­ant­wort­lich. Sli­ma­ni selbst sag­te im März 2018 in «Le Mon­de», der frü­he Tod ih­res Va­ters ha­be sie voll­kom­men ent­hemmt: Nie hät­te sie ge­schrie­ben, was sie ge­schrie­ben hat, wür­de er noch le­ben.

Ihr ers­ter ver­öf­fent­lich­ter Ro­man et­wa – «Dans le jar­din de l’og­re», in dem sie vom Le­ben und Lei­den der Nym­pho­ma­nin Adè­le er­zählt – wür­de sonst wahr­schein­lich nicht exis­tie­ren. Sli­ma­ni sagt, was sie in­ter­es­sie­re, sei­en die dunk­len Trie­be der Men­schen, aus­ser­halb der ge­sell­schaft­li­chen Nor­men und Re­geln. An­fangs ha­be sie nicht ge­wusst, un­ter wel­cher Sucht ih­re Prot­ago­nis­tin lei­den soll, sie ha­be es mit Al­ko­hol, Dro­gen, Spiel ver­sucht, aber so wirk­lich klap­pen woll­te es nicht, im­mer ha­be dar­an et­was falsch ge­klun­gen: «Dann sah ich im Fern­se­hen ei­ne Do­ku­men­ta­ti­on über Do­mi­ni­que Strauss-kahn, und da wuss­te ich, das muss es sein: dass die Hel­din ei­ne Sex­sucht ha­ben muss.»

Es sei sehr schwer, über Sex zu schrei­ben, sagt sie, man müs­se sehr ehrlich und sehr ge­nau sein, damit es nicht lä­cher­lich wird und zu ei­nem Kli­schee ver­kommt. Ge­hol­fen hat ihr da­bei ihr Lek­tor La­cla­ve­ti­ne. Denn im Ge­gen­satz zu vie­len an­de­ren fran­zö­si­schen Au­to­ren, die – an­ders als Ame­ri­ka­ner – nie­mals ei­nen Schreib­kurs be­su­chen wür­den und ger­ne tun, als sei das Schrei­ben gott­ge­ge­ben, gibt Sli­ma­ni gern zu, dass sie Start­hil­fe brauch­te. «Ich ha­be im­mer ge­sagt: Ir­gend­wann schrei­be ich ei­nen Ro­man, ir­gend­wann schrei­be ich ei­nen Ro­man. Mit dreis­sig ha­be ich mich dann hin­ge­setzt und ei­nen ge­schrie­ben, nur war der lei­der sehr schlecht.» Nach­dem die­ser ers­te Ver­such von al­len Ver­la­gen ab­ge­lehnt wur­de, schenk­ten ihr Mann und ih­re Mut­ter ihr ei­nen Schreib­kurs bei Galli­mard. Dort ent­deck­te La­cla­ve­ti­ne Sli­ma­nis Ta­lent und er­mu­tig­te sie da­zu, den Text zu schrei­ben, der «Dans le jar­din de l’og­re» wer­den soll­te.

Zwei Jah­re spä­ter warf man sie mit die­sem Buch in die so­ge­nann­te «Ren­trée lit­tér­ai­re», den Lö­wen­kä­fig der fran­zö­si­schen Li­te­ra­tur, in dem jähr­lich Hun­der­te De­bü­tan­ten zer­fleischt wer­den. Doch das Buch hat­te Er­folg, man be­merk­te sie, dar­auf folg­te «Chan­son douce». Und der Rest ist Ge­schich­te.

Heu­te fliegt Sli­ma­ni mit drei klei­nen No­tiz­bü­chern durch die Welt: ei­nes für den nächs­ten Ro­man, ei­nes für ih­re Film­pro­jek­te, ei­nes für Es­says und Ge­dan­ken. Ob sie, die sie­ben­und­dreis­sig­jäh­ri­ge Frau, die zwei­fa­che Mut­ter, die Ma­cron-be­ra­te­rin, der Pop­star der fran­zö­si­schen Li­te­ra­tur, heu­te das Le­ben lebt, von dem sie als Kind träum­te, das möch­te ich noch wis­sen, be­vor ich sie in die neon­blin­ken­de Nacht von To­kio ent­las­se. «Als ich ein klei­nes Mäd­chen war, frag­te mich mein Va­ter ein­mal, was ich wer­den möch­te, wenn ich gross bin. Ich sag­te: Ich will da­für be­zahlt wer­den zu den­ken. Heu­te darf ich ge­nau das ma­chen. Al­so na­tür­lich, ganz ein­deu­tig: Ja!»

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