ni­na Kunz Über den Net­flix-fort­schritt

Das Magazin - - N° 1/2 — 12. Januar 2019 - Ni­na Kunz

Wenn mich im Stu­di­um was ge­stört hat, dann Ge­org Wil­helm Fried­rich He­gel – ge­bo­ren 1770, ge­stor­ben 1831, der selbst­ge­fäl­ligs­te al­ler deut­schen Phi­lo­so­phen.

Ge­nervt hat mich aber nicht er als Per­son , son­dern sei­ne Vor­stel­lung da­von, was «Fort­schritt» be­deu­te. Er glaub­te näm­lich, his­to­ri­scher Fort­schritt sei gleich­zu­set­zen mit ei­nem Pfeil, der li­ne­ar nach oben zeigt. Er war über­zeugt, dass der Mensch einst ein Skla­ve war, es dann im­mer bes­ser wur­de und am End­punkt die­ser Ent­wick­lung nun der mo­der­ne, auf­ge­klär­te Mann steht – al­so He­gel selbst.

Das schien mir pro­ble­ma­tisch, denn He­gel braucht die­se Fort­schritts­idee auch, um zu er­klä­ren, war­um an­seit

de­re «Völ­ker» auf die­ser Ska­la noch wei­ter un­ten ste­hen – und wes­halb das deut­sche Bil­dungs­bür­ger­tum die Kro­ne der Schöp­fung ist. Ne­ben die­sem chau­vi­nis­ti­schen Eu­ro­zen­tris­mus fand ich es auch im­mer schwie­rig, dass sein Fort­schritts­nar­ra­tiv al­les Ge­gen­wär­ti­ge au­to­ma­tisch als bes­ser be­trach­tet. Wer sagt denn, dass Gen­tech­nik und Hy­per­ka­pi­ta­lis­mus gut sind, nur weil es sie jetzt gibt?

Kurz­um: Ich glau­be, dass die­ser li­nea­re Fort­schritts­pfeil zu eng ge­dacht ist für die Kom­ple­xi­tät der Mensch­heits­ge­schich­te – und viel zu we­nig Raum lässt für Selbst­kri­tik. ABER – und jetzt kommt das Ent­schei­den­de: In ei­nem Punkt muss ich G. W. F. He­gel ab­so­lut recht ge­ben mit sei­ner Die­Welt­wird­im­mer­nur­bes­ser­vor­stel­lung – näm­lich dann, wenn es um die Haupt­fi­gu­ren in Fern­seh­se­ri­en geht.

Denn je­des Mal, wenn ich mich bei Net­flix ein­log­ge und mich durch die Aus­wahl der Shows scrol­le, den­ke ich: Yes, end­lich hats da Vor­bil­der! Als ich ein Te­enager war, gab es in die­sen Se­ri­en eben lei­der nichts zu se­hen als ka­li­for­ni­sche Schön­hei­ten. Sie hies­sen Ma­ris­sa Co­oper («The O. C.»), Buf­fy Sum­mers («Buf­fy») und Se­re­na van der Wood­sen («Gos­sip Girl»). Und so kam mir gar nicht in den Sinn, dass die Welt aus et­was an­de­rem be­ste­hen könn­te als aus dün­nen, weis­sen Frau­en.

Die Fi­gu­ren im heu­ti­gen Net­fli­xU­ni­ver­sum könn­ten kaum an­ders sein: Da ha­ben wir ei­nen blin­den Su­per­hel­den, der in New York Gangs­ter­bos­se ver­prü­gelt («Da­re­de­vil»), de­pres­si­ve Te­enager, die ler­nen, über ih­re Ge­füh­le zu re­den («13 Rea­sons Why»), ei­ne jun­ge He­xe, die an ih­rer High­school ei­nen fe­mi­nis­ti­schen Ver­ein grün­det («The Chil­ling Ad­ven­tures of Sa­b­ri­na»), ei­ne gries­grä­mi­ge Pri­vat­de­tek­ti­vin, die taf­fer ist als al­le Po­li­zis­ten («Jes­si­ca Jo­nes») – und wenn die Bür­ger­meis­te­rin ei­ne La­ti­na ist oder ei­ne Lie­bes­be­zie­hung ho­mo­se­xu­ell («Ri­ver­da­le»), ist das nicht mehr der Re­de wert (wäh­rend ei­ne les­bi­sche Be­zie­hung frü­her selbst der Plot war).

Wenn ich die­se Se­ri­en schaue, den­ke ich: Ge­nau das hät­te ich als Te­enager ge­braucht. Ei­ne In­stanz, die mir zeigt, dass es nicht nur ei­ne Art gibt, zu lie­ben und zu le­ben – son­dern

Illustrationen ALEX­AN­DRA COMPAIN-TISSIER vie­le! Und nein: Die Viel­falt in Net­fli­xSe­ri­en wird die Welt nicht ret­ten. Aber sie ist de­fi­ni­tiv ein Fort­schritt. NI­NA KUNZ ist His­to­ri­ke­rin und Jour­na­lis­tin.

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