ni­k­laus pe­ter Zum Zwing­li-ju­bi­lä­um

Das Magazin - - N° 1/2 — 12. Januar 2019 - Ni­k­laus Pe­ter

Erich Käst­ner ka­ri­kier­te das grosse Goe­the­ju­bi­lä­um des Jah­res 1949 als Der­by, als ein «olym­pi­sches Flach­ren­nen» über «die klas­si­sche 200-JahrStre­cke». Die gan­ze deut­sche Kul­tur hal­te nun den Atem an, nach dem Start­schuss schon saus­ten die Fe­dern, Ro­ta­ti­ons­ma­schi­nen gin­gen in die ers­te Kur­ve, Mi­kro­fo­ne glüh­ten: «Was da nicht al­les mit­läuft …» Sin­ni­ge und un­sin­ni­ge Bü­cher kä­men auf den Markt: «Goe­the als …» und «Goe­the und …», ei­ne Re­pro­duk­ti­on von «Da­vids Goe­the­büs­te für den ge­bil­de­ten Haus­halt» samt zu­ge­hö­ri­gem Büs­ten­hal­ter «Mar­ke Frau von St­ein» sei­en im Fach­ge­schäft er­hält­lich!

Nun, man muss schon sa­gen, da sind die Start­be­din­gun­gen für das dies­jäh­ri­ge 500-Jah­re­ju­bi­lä­um «Huld­rych Zwing­li am Gross­müns­ter» be­deu­tend schwie­ri­ge­re. Nie­mand hält mehr den Atem an. Denn nach der deut­schen Re­for­ma­ti­ons­de­ka­de mit Lu­ther vor­wärts und Lu­ther rück­wärts, nach der auch hier­zu­lan­de zwar nicht gera­de sil­ves­ter­lauf­mäs­si­gen, aber doch be­acht­li­chen Mo­bi­li­sie­rung des Jah­res 2017 und unserer Ver­wun­de­rung dar­ über, wer da «nicht al­les mit­läuft», zei­gen sich Ma­te­ri­al­er­mü­dun­gen: Wenn Zwing­lis ju­bi­la­to­ri­sche Qua­li­fi­ka­ti­on vor al­lem da­rin ge­se­hen wird, dass er Würs­te ass und «ein Le­be­mann» war (die Schwän­ge­rung ei­ner Frau noch als Zö­li­batär sah er selbst als schuld­haf­tes Ver­ge­hen an), so fragt man sich: Wä­re hier nicht et­was zür­che­ri­sche Zu­rück­hal­tung und zwinglia­ni­sches Ar­beits­ethos («lasst uns die Ta­ges­ar­beit tun») ein­fach bes­ser als über­dehn­tes Ju­bi­lie­ren?

Das Schö­ne am bald an­lau­fen­den Zwing­li­film von Ste­fan Haupt ist, dass er oh­ne Ju­bi­lie­ren aus­kommt, dass er an kei­nem Hel­den­epos bas­telt wie noch das un­säg­li­che Zwing­liDenk­mal hin­ter der Was­ser­kir­che. Die­ser Film ver­zich­tet auf al­le fal­schen Ak­tua­li­sie­run­gen, auf viel­sa­gen­de Sei­ten­bli­cke nach die­ser oder je­ner Kli­en­tel. Hier wird Zwing­li als re­li­gi­ös wie so­zi­al wa­cher, dis­pu­ta­ti­ons­freu­di­ger, als po­li­tisch den­ken­der und als mu­ti­ger Mensch ge­zeigt, der mit an­de­ren zu­sam­men in Zü­rich ei­ne Re­form­be­we­gung in Gang bringt, die vie­les zum Gu­ten ver­än­dert und da­bei auch ei­ni­ges zer­bro­chen hat. Und üb­ri­gens nicht nur hier­zu­lan­de – son­dern mit welt­wei­ten Wir­kun­gen. Da die Dreh­buch­au­to­rin Si­mo­ne Schmid und der Re­gis­seur Ste­fan Haupt die Film­sto­ry auch aus der Per­spek­ti­ve von Zwing­lis Frau Anna Rein­hart erzählen, kom­men je­ne Ver­här­tun­gen und Ein­sei­tig­kei­ten in den Blick, die in dem kur­zen Le­ben Zwing­lis lei­der nicht fehl­ten.

Zwing­li selbst sagt in ei­ner für die Re­for­ma­ti­on ent­schei­den­den Pre­digt, man müs­se «das ed­le An­ge­sicht Chris­ti, das von be­las­ten­der mensch­li­cher Über­lie­fe­rung über­tüncht, ent­stellt und ver­schmiert wor­den ist, wie­der rei­ni­gen und säu­bern». Das ist den Zürcher Fil­me­ma­chern im Hin­blick auf Zwing­lis ei­ge­nes Ge­sicht gut ge­lun­gen: Die gröbs­ten Vor­ur­tei­le, Über­ma­lun­gen und Ver­ein­nah­mun­gen wer­den es künf­tig be­deu­tend schwe­rer ha­ben – man hat wie­der ein men­sch­li­ches Ge­sicht vor Au­gen. Am 17. Ja­nu­ar läuft der Zwing­li­film an, las­sen Sie sich mo­bi­li­sie­ren, und schau­en Sie ihn an.

NI­K­LAUS PE­TER ist Pfar­rer am Frau­müns­ter in Zü­rich.

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