ein tag im le­ben von Nathalie Clau­de

Das Magazin - - N° 1/2 — 12. Januar 2019 - Protokoll MI­RI­AM LENZ Bild PRI­VAT

Ich war in den Som­mer­fe­ri­en, da er­hielt ich ei­nen An­ruf. Ei­ne An­fra­ge, ob ich als Bern­deutsch-coach für ei­ne Schwei­zer Krimiserie ar­bei­ten wol­le. Ich sag­te so­fort zu, ob­wohl ich da­vor für lan­ge Zeit we­nig mit die­sem Dia­lekt zu tun ge­habt hat­te. Ich le­be seit über zwan­zig Jah­ren nicht mehr in Bern, nicht ein­mal mehr in der Schweiz. Ich ha­be in Ame­ri­ka Ge­sang stu­diert und woh­ne in­zwi­schen in Ber­lin. Dort ar­bei­te ich als Sprech­coach und ha­be mehr mit Eng­lisch zu tun als mit Bern­deutsch.

Ich moch­te das Dreh­buch für «Wil­der» von An­fang an. Und ei­ni­gen Schau­spie­lern, dar­un­ter der Bas­ler Haupt­dar­stel­le­rin Sarah Spa­le, Bern­deutsch bei­zu­brin­gen, reiz­te mich. Je mehr ich mich mit mei­ner Mut­ter­spra­che be­schäf­tig­te, des­to tie­fer wur­de das Ge­fühl für mei­ne Her­kunft. Mei­ne El­tern stam­men bei­de aus der Stadt Bern – und klin­gen dem­ent­spre­chend. Das heisst, ganz an­ders als die Leu­te im Em­men­tal, wo sie da­mals mit uns Kin­dern hin­zo­gen. Die Langnau­er fan­den mich ein doo­fes Stadt­mäd­chen, doch mei­ne El­tern ha­ben im­mer Wert auf ei­ne schö­ne Spra­che ge­legt. Über­haupt auf Spra­chen. Mei­ne Fa­mi­lie ist sehr fran­ko­phil, da­her war die Mehr­spra­chig­keit schon im­mer ein Teil von mir.

In­spi­riert durch mei­ne Ar­beit für «Wil­der», be­gann ich, bern­deut­sche Songs zu schrei­ben. Das letz­te Mal, dass ich das pro­biert hat­te, liegt über zwan­zig Jah­re zu­rück, noch be­vor ich nach Ame­ri­ka aus­ge­wan­dert bin. Ge­lun­gen ist es mir nicht. Im Ge­gen­teil, ich ha­be da­mals kom­plett den Schirm zu­ge­macht und ge­dacht, nein, kei­ne Chan­ce, das ist nur pein­lich, ich kann nicht in Mun­d­art tex­ten. Auf Eng­lisch und Deutsch schrei­be ich schon lan­ge, aber Bern­deutsch? Das kam wirk­lich erst über die Ar­beit an «Wil­der» wie­der: die­se Lust dar­auf. Und jetzt bin ich to­tal süch­tig da­nach. Ko­mi­scher­wei­se spru­deln die bern­deut­schen Songs auf ein­mal nur so aus mir raus, ich kann es nicht er­klä­ren.

Das Bern­deutsch ist dem Eng­li­schen sehr nah. Wir ha­ben glei­che Di­phthon­ge, ähn­li­che Me­lo­di­en, ben­ding no­tes. Im Bern­deutsch ist es zum Bei­spiel nor­mal, dass wir Vo­kal­klän­ge lang zie­hen. Wir sa­gen so was wie «neeee­ei», «äuääää», das ist es, was ich mit Me­lo­die mei­ne. Im Eng­li­schen ist es gleich – auch beim Ge­sang. Das ist ein ganz wich­ti­ger Grund, war­um es leich­ter ist, auf Bern­deutsch zu sin­gen als et­wa auf Hoch­deutsch. Da­zu kommt, dass Bern­deutsch ganz star­ke, alte oder lus­ti­ge Aus­drü­cke hat. Die Spra­che ist sehr bild­haft, das eig­net sich na­tür­lich zum Schrei­ben von Song­tex­ten sehr gut. Ich wür­de am liebs­ten der gan­zen Welt bei­brin­gen, wie schön Bern­deutsch ist. Und da ist es kein Wi­der­spruch, dass ich auch deut­sche Songs und im Fe­bru­ar ein Buch mit dem Ti­tel «Ak­zent­frei Deutsch spre­chen» ver­öf­fent­li­che.

Mein ers­tes bern­deut­sches Al­bum ist in Ar­beit. Ich ent­wick­le es mit dem Pro­du­zen­ten Ralf Gold­kind zu­sam­men, er ist ein hoch­ka­rä­ti­ger Pro­fi, der schon mit den Fan­tas­ti­schen Vier ge­ar­bei­tet hat.

Durch die An­fra­ge für «Wil­der» ha­be ich al­so zu mei­nen bern­deut­schen Wur­zeln zu­rück­ge­fun­den; die zwei­te Staf­fel ist ab­ge­dreht.

Und durch die Ar­beit an mei­nem neu­en Al­bum ist auch die Freu­de am Mu­sik­ma­chen zu­rück­ge­kehrt. Min­des­tens was die Spra­che an­geht, bin ich mir sehr be­wusst, wo ich her­kom­me. Das si mini Roots.

NATHALIE CLAU­DE (47) hat­dank der Krimiserie «Wil­der» zu ih­ren bern­deut­schen Wur­zeln zu­rück­ge­fun­den. Und zur Mu­sik.

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