Max Küng Lie­bes neu­es Jahr

Das Magazin - - N° 1/2 — 12. Januar 2019 - MAXKÜNGis­tRe port er bei« Das Ma­ga­zin »; Illustration SATOSHI HASHIMOTO

An der Bus­hal­te­stel­le stand ich, dach­te dar­über nach, was ich mir die­ses Jahr zum Ge­burts­tag wün­schen soll­te, denn bald steht der vor der Tür. Wäh­rend ich so dach­te, die Ge­dan­ken wie ein Gu­lasch bei nied­ri­ger Tem­pe­ra­tur sim­mer­ten, da sah ich mit dem lin­ken Au­ge den Bus ein­fah­ren, der mich in mein Bü­ro brin­gen wür­de, mit dem rech­ten Au­ge aber sah ich et­was an­de­res: ei­ne Mut­ter, ei­nen Kin­der­wa­gen schie­bend, ein­hän­dig, da­zu te­le­fo­nie­rend. Et­was fiel aus dem Kin­der­wa­gen, et­was Klei­nes, Grü­nes, wohl ein Spiel­zeug­au­to. Der Bus blink­te, ver­lang­sam­te sei­ne Fahrt. Die Mut­ter ging wei­ter. Am Bo­den lag leuch­tend grün das Spiel­zeug­au­to. «He!», rief ich der Mut­ter zu, doch sie hör­te mich nicht, stapf­te te­le­fo­nie­rend wei­ter, kon­den­sie­ren­der Atem kam aus ih­rem Mund, sie sah aus wie ein dampf­be­trie­be­ner Ro­bo­ter. Der Bus hielt, pfup­fend öff­ne­ten sich die Tü­ren, Leu­te stie­gen aus. Die Mut­ter mit dem Kin­der­wa­gen ent­schwand. Ich war in ei­nem Di­lem­ma: Soll­te ich ein­stei­gen und ins Bü­ro fah­ren, oder soll­te ich das Spiel­zeug­au­to auf­he­ben und der Mut­ter hin­ter­her­lau­fen?

Ich ent­schied mich für Letz­te­res (nur kurz er­wog ich ei­ne drit­te Mög­lich­keit: das Spiel­zeug­au­to ein­ste­cken, als Be­loh­nung qua­si für den An­satz der Ab­sicht der gu­ten Tat, dann in den Bus stei­gen). Ei­lig ging ich die Schrit­te zum Spiel­zeug­au­to, bück­te mich, hob es auf (es war ein grü­ner Por­sche), rann­te der Mut­ter hin­ter­her (te­le­fo­nie­ren­de Müt­ter mit Kin­der­wa­gen kön­nen er­staun­lich schnell sein), hol­te sie ein.

Schla­fend lag der Bub im Wa­gen, was mich et­was nei­disch mach­te, nicht dass ich mei­ne Kind­heit ver­mis­se, aber schla­fend in ei­nem Wa­gen her­um­ge­scho­ben zu wer­den – vor al­lem win­ters –, den Leib in ei­nen wär­men­den Sack ge­hüllt, wie ein Würst­chen im Teig ... Nun ja, im Al­ter kommt das ja viel­leicht dann wie­der. Dem Bu­ben muss­te das Au­to aus der Hand ge­fal­len sein. Si­cher­lich hat­te er es fest um­klam­mert, wie ein Klein­od, sein Ein und Al­les, dann aber kam der grosse Meister Schlaf über das Kind, wel­ches sich ihm er­gab, die Schwer­kraft tat den Rest. Die Na­sen­lö­cher des Bu­ben glänz­ten vor Rotz, die Ba­cken wa­ren ro­sig, den Kopf hielt er schräg, wo­von moch­te er träu­men? Die Mut­ter klemm­te ihr Han­dy zwi­schen Ohr und Schul­ter, griff has­tig das Au­to, nick­te kurz dan­kend, wei­ter­te­le­fo­nie­rend ging sie ei­lig wei­ter. Dann war sie weg, so wie auch der Bus weg war, ich sah ihn noch um die Ecke bie­gen, blin­kend, als ob er mir zu­zwin­ker­te.

In den kal­ten Him­mel spä­hend, dach­te ich: Zu schön, wür­de es jetzt zu schnei­en be­gin­nen. Aber es be­gann nicht zu schnei­en, es sah eher nach Re­gen aus. Ich ging zu­rück zum War­te­häus­chen und blick­te auf mei­ne Uhr, dann auf den Fahr­plan, nes­tel­te dann mein Han­dy aus dem Ho­sen­sack (um die ge­naue Zeit zu ha­ben, denn Arm­band­uh­ren sind ja hübsch an­zu­ se­hen, sel­ten je­doch se­kun­den­prä­zis). In acht Mi­nu­ten kä­me der nächste Bus. Acht Mi­nu­ten spä­ter als ge­dacht wür­de ich al­so im Bü­ro an­kom­men. Acht Mi­nu­ten ei­nes Ar­beits­ta­ges, die mir feh­len wür­den. Acht Mi­nu­ten wä­ren ein hal­ber Satz die­ses Brie­fes hier – ein hal­ber Satz, der am En­de nicht ge­schrie­ben wä­re, der feh­len wür­de. Auch für die Gruss­for­mel und das Post­skrip­tum die­ses Brie­fes an das neue Jahr wür­de es wohl nicht rei­chen.

Als ich auf den nächs­ten Bus war­te­te, da dach­te ich: Ich hat­te nicht die Welt ge­ret­tet, nicht die Welt als Gan­zes, aber ei­nen klei­nen Teil da­von. Hät­te das Kind den grü­nen Por­sche nach dem Er­wa­chen nicht mehr in sei­nen Hän­den vor­ge­fun­den, es wä­re si­cher­lich sehr trau­rig ge­we­sen. Hät­te ge­weint, ge­lit­ten, wä­re viel­leicht nie über die­sen Ver­lust hin­weg­ge­kom­men. Wä­re viel­leicht spä­ter kri­mi­nell ge­wor­den des­we­gen. Ein Fuss­ballhoo­li­gan. Dro­gen­süch­tig. Wer weiss. Ich hat­te den Lauf der Din­ge ver­än­dert, in­dem ich sei­ne Kon­ti­nui­tät be­wahr­te. Ich hat­te Gu­tes ge­tan, ob­wohl ich acht Mi­nu­ten ver­lor, oh ja, das hat­te ich. Und je län­ger ich dar­über nach­dach­te, des­to schö­ner er­schien mir der Ge­dan­ke: Ich hat­te Gu­tes ge­tan.

Ja, lie­bes neu­es Jahr, ich woll­te dir die­se Ge­schich­te kurz erzählen, damit du weisst, dass ich das Herz auf dem rech­ten Fleck ha­be, nicht bloss an mich selbst den­ke, son­dern auch an die an­de­ren Men­schen, so klein sie auch sein mö­gen – und mir des­halb ein rich­tig fet­tes Ge­burts­tags­ge­schenk zu­steht. Ich den­ke, das ha­be ich mir ver­dient. Was ich mir wün­sche? Nun, das ist ganz ein­fach! Hast du was zu schrei­ben? Gut! Al­so, ich wün­sche mir ein mass­ge­fer

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