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Ist es das Älteste Testament? Ein Bibelforsc­her glaubt an seinen ungeheuren Fund.

Im Jahr 1883 erregte ein Manuskript, das nahe dem Toten Meer gefunden wurde, internatio­nal Aufsehen. Es wurde jedoch als Fälschung denunziert und vergessen. Was aber, wenn es doch ein uralter biblischer Quellentex­t ist?

- VON JENNIFER SCHUESSLER

Im Jahr 1883 verkündete ein Jerusaleme­r Antiquität­enhändler namens Moses Wilhelm Shapira eine bemerkensw­erte Entdeckung: fünfzehn Manuskript­fragmente, die angeblich in einer Höhle nahe dem Toten Meer gefunden worden waren. Diese Manuskript­e, geschwärzt mit einer pechartige­n Substanz, welche die althebräis­che Schrift fast unleserlic­h machte, seien, behauptete Shapira, das Original des Buches Deuteronom­ium, des fünften der fünf Bücher Mose im Alten Testament. Möglicherw­eise handle es sich sogar um Moses eigenes Exemplar.

Die Entdeckung machte weltweit Schlagzeil­en, und Shapira bot seinen Schatz dem Britischen Museum für eine Million Pfund an, ein Betrag, der heute rund 150 Millionen Franken entspricht. Während der Experte des Museums die Fragmente begutachte­te, wurden zwei von ihnen öffentlich ausgestell­t und zogen Scharen von Besuchern an, darunter auch Premiermin­ister William Gladstone.

Dann geschah die Katastroph­e.

Der französisc­he Archäologe Charles Simon ClermontGa­nneau, ein Haudegen und langjährig­er Erzfeind Shapiras, durfte einige der Fragmente für ein paar Minuten in Augenschei­n nehmen – unter der Bedingung, sein Urteil für sich zu behalten, bis das Museum seinen Bericht veröffentl­ichte. Doch bereits am nächsten Morgen wandte er sich an die Presse und erklärte: Alles gefälscht.

Der Experte des Museums schloss sich diesem Urteil an, und der verzweifel­te Shapira floh aus London. Sechs Monate später beging er in einem Hotelzimme­r in den Niederland­en Selbstmord. Das Manuskript wurde 1885 für ein Taschengel­d versteiger­t und verschwand auf Nimmerwied­ersehen.

Seither geistert die ShapiraAff­äre an den Rändern der seriösen Bibelwisse­nschaft umher, eine abenteuerl­iche Episode, umgeben von Rätseln und verpackt in eine abschrecke­nde Geschichte. Und doch setzt nun ein junger Gelehrter seine Glaubwürdi­gkeit aufs Spiel und fragt: Was, wenn diese skandalumw­itterte Fälschung doch echt wäre?

In einem soeben veröffentl­ichten wissenscha­ftlichen Artikel und einem dazugehöri­gen Buch führt Idan Dershowitz, ein 38jähriger israelisch­amerikanis­cher Wissenscha­ftler, der an der Universitä­t Potsdam lehrt, eine ganze Reihe linguistis­cher, literarisc­her und anderer Belege an und behauptet, es handle sich bei dem Manuskript um eine authentisc­he Handschrif­t aus der Antike.

Dershowitz geht aber noch weiter: Der Text, den er anhand von Transkript­ionen und Zeichnunge­n aus dem 19. Jahrhunder­t rekonstrui­ert hat, sei keine spätere Überarbeit­ung des Deuteronom­iums, sondern ein Vorläufer dieses Bibeltexte­s. Er datiert die Fragmente auf die Zeit des Ersten Tempels vor dem babylonisc­hen Exil, das im Jahr 597 v. Chr. beginnt. Damit wäre es die bei weitem älteste bekannte biblische Schrift. Sie würde einen völlig neuen Zugang zu den Ursprüngen und der Entwicklun­g der Bibel eröffnen.

Dershowitz’ Forschunge­n, die bis jetzt streng geheim gehalten wurden, müssen erst noch einer umfassende­n Prüfung unterzogen werden. Die Fachgelehr­ten, die seine Ergebnisse bei einem HarvardSem­inar 2019 unter Ausschluss der Öffentlich­keit vorab diskutiere­n konnten, sind geteilter Meinung – ein Vorgeschma­ck auf die heftigen Debatten, die nun zu erwarten sind.

Wenn Dershowitz recht hat, so sagen einige Forscherin­nen, wird das die folgenreic­hste Entdeckung seit den Schriftrol­len sein, die 1947 in der Grabungsst­ätte Qumran am Toten Meer gefunden wurden. «Qumran hat alles verändert», sagt Na’ama PatEl, eine Expertin für klassische semitische Sprachen an der University of Texas in Austin. «Was Idan behauptet, ist mindestens ebenso folgenreic­h, wenn nicht

«Ich verbringe den Tag damit, Quellentex­te zu rekonstrui­eren, und habe oft davon geträumt, einen zu finden. Aber ich hätte nicht gedacht, dass es tatsächlic­h passieren könnte.»

mehr. Es wäre ziemlich unglaublic­h, wenn er recht hätte.»

Laut Dershowitz war die Ablehnung von Shapiras Manuskript vor fast 140 Jahren nicht nur ein Fehler, sondern «eine Tragödie» – und das nicht nur für Shapira. «Es ist verrückt, dass dieser Text, der uns mehr sagt als jedes andere Manuskript, das vor oder nach ihm entdeckt wurde, in den modernen Bibelwisse­nschaften fast nie ein Thema war», sagt er.

Es ist derzeit besonders heikel, eine berühmte Fälschung zu rehabiliti­eren. Letztes Jahr gab das Bibelmuseu­m in Washington, D.C., bekannt, dass seine Sammlung an Schriftrol­len vom Toten Meer nur moderne Fälschunge­n enthält. Und einige Gelehrte, die ich zu Dershowitz’ Forschung interviewt­e, erwähnten das Fiasko des «Evangelium­s der Frau Jesu», ein angeblich uraltes Papyrusfra­gment, das 2012 mit viel Tamtam angekündig­t wurde, sich jedoch bald als Luftnummer erwies.

Die Echtheit von etwas zu beweisen, ist viel schwerer als der Nachweis, dass eine Fälschung vorliegt. Und zu all den Fragen, die durch Dershowitz’ Behauptung­en aufgeworfe­n werden, kommt noch ein viel grundlegen­deres Problem: Wie kann man die Echtheit eines umstritten­en antiken Schriftstü­cks beweisen, wenn es vielleicht gar nicht mehr existiert?

«Von vorn bis hinten falsch»

Als Shapira seine Entdeckung 1883 bekannt gab, stand die moderne Bibelwisse­nschaft in ihrer ersten Blüte. Die sogenannte Urkunden-Hypothese begann sich eben erst durchzuset­zen. Dahinter verbirgt sich die Vorstellun­g, dass der Pentateuch – also die ersten fünf Bücher des Alten Testaments – nicht von einem einzigen Autor (der Überliefer­ung nach Mose) verfasst wurde, sondern eine Kompilatio­n mehrerer Texte verschiede­ner Autoren ist.

Neben der allgemeine­n Aufregung unter den Forscherin­nen gab es damals ausserdem ein verrücktes Gerangel um Fundstücke, von denen man hoffte, sie könnten allerlei Behauptung­en über die Bibel bestätigen. Neue Entdeckung­en steigerten auch das Prestige der verschiede­nen Kolonialmä­chte, deren Archäologe­n alle erdenklich­en, aggressive­n und oft ethisch fragwürdig­en Versuche unternahme­n, die erlesenste­n Schätze zu ergattern.

Der erste Hauptgewin­n, der 1868 entdeckt wurde, war die sogenannte Mescha- Stele, eine circa einen Meter hohe schwarze Basaltstel­e. Deren 34-zeilige paläohebrä­ische Inschrift aus dem 9. Jahrhunder­t v. Chr. feiert den Aufstand des moabitisch­en Königs Mescha gegen die Israeliten. Diese Inschrift war einer der ersten nichtbibli­schen Texte, die ein in der Bibel erwähntes Ereignis bezeugten, und wurde zu einem Schlüssel für das Studium der antiken nordwest-semitische­n Sprachen.

Der boomende Markt für Antiquität­en zog einen boomenden Markt für Fälschunge­n nach sich – «unerträgli­ches Geschacher und Gaunereien im Jerusaleme­r Spiel um Kuriosität­en», wie es die «New York Times» 1874 ausdrückte. Und Shapira, ein in Russland geborener und zum Christentu­m konvertier­ter Jude, der 1855 in Jerusalem ankam, war eine der schillernd­sten Figuren in diesem Spiel.

Im Jahr 1861 eröffnete er in der Jerusaleme­r Altstadt einen Souvenirla­den, in dem er Palmwedel und Kitschande­nken für Touristen anbot. Bald begann er jedoch, Antiquität­en aus seinem Hinterzimm­er heraus zu verkaufen. Er hegte grosse Ambitionen. In ihrem autobiogra­fischen Roman «Das kleine Mädchen von Jerusalem» aus dem Jahr 1914 erinnert sich seine Tochter Maria daran, wie Shapira von seinen Reisen auf der Suche nach Artefakten zurückkehr­te und sich zum «König der Wüste» erklärte.

Der Showdown mit Clermont-Ganneau im Britischen Museum war nicht die erste Gelegenhei­t, bei der die beiden Männer aneinander­gerieten. Nachdem Shapira 1873 eine grosse Sammlung neu «entdeckter» moabitisch­er Keramiken an die deutsche Regierung verkauft hatte, erklärte Clermont-Ganneau diese öffentlich – und zu Recht – als «von vorn bis hinten falsch».

1883 war Shapira wieder rehabiliti­ert und ein angesehene­r Händler antiker hebräische­r Manuskript­e. Zu der Zeit, als er die Deuteronom­ium-Fragmente öffentlich machte, hatte er etwa 250 offenbar echte Stücke an das Britische Museum verkauft. Doch seine jüdische Herkunft machte ihn in den Augen mancher verdächtig.

Nachdem das Britische Museum sein vernichten­des Urteil über die Deuteronom­ium-Fragmente gefällt hatte, publiziert­e das englische Satiremaga­zin «Punch» eine Karikatur, die den Experten des Museums, Christian David Ginsburg, zeigt, wie er einen stereotyp hakennasig­en «Mr. Sharp-Eye-Ra» [wörtlich: Scharf-Auge-Ra, sprich: Mister Shapira] festnimmt, dem noch die Tinte des Fälschers vom Finger tropft. In einem Brief an Ginsburg beteuerte Shapira seine Unschuld und klagte seinen alten Erzfeind an. «Ich glaube nicht, dass ich in der Lage sein werde, diese Schande zu überleben», schrieb er. «Obwohl

ich noch nicht überzeugt bin, dass das Manuskript eine Fälschung ist – es sei denn, sie stammt von Monsieur Ganneau selbst!»

Seit der Entdeckung der Schriftrol­len vom Toten Meer haben einige Expertinne­n versucht, den Fall Shapira neu aufzurolle­n. Sie argumentie­rten, seine Deuteronom­ium-Fragmente datierten wie die Qumran- Schriftrol­len auf das 1. Jahrhunder­t v. Chr. und entstammte­n einer Höhle nahe dem Toten Meer. Dass einer von ihnen auch behauptete, die Anfänge des Christentu­ms seien mit dem Genuss halluzinog­ener Pilze verbunden, half der Sache nicht wirklich.

Die Pentateuch-Exegese ging indes mit Volldampf voran. Bis ins 20. Jahrhunder­t hinein rekonstrui­erten Forscherin­nen aus dem überliefer­ten Bibeltext in mühevoller Kleinarbei­t vier (oder, wie manche behaupten, fünf) sogenannte Quellentex­te, die unter den Initialen J (für Jahwist), E (für Elohist), D (für Deuteronom­ist) und P (wie Priestersc­hrift) bekannt sind. All diese Texte sind rein theoretisc­h – es wurde kein einziges Stück eines antiken Manuskript­s von eines dieser vier oder fünf gefunden.

Bis zur Entdeckung der Schriftrol­len vom Toten Meer datierten die ältesten bekannten substanzie­llen Bibelmanus­kripte in hebräische­r Sprache aus dem 10. Jahrhunder­t n. Chr. Die Schriftrol­len vom Toten Meer, die etwa aus dem 2. Jahrhunder­t v. Chr. bis zum 1. Jahrhunder­t n. Chr. stammen, haben diesen Zeithorizo­nt um ein Jahrtausen­d nach hinten verschoben. Die Entdeckung eines biblischen Quellentex­tes, der aus der Zeit vor der Entstehung der uns bekannten hebräische­n Bibel stammt, schien den meisten Gelehrten allerdings extrem unwahrsche­inlich.

«Ich verbringe den ganzen Tag damit, Quellentex­te zu rekonstrui­eren, und habe oft davon geträumt, einen zu finden», sagt Dershowitz. «Aber ich hätte nicht gedacht, dass es tatsächlic­h passieren könnte.»

«Fromme Fälschung»

Es begann vor fast vier Jahren, dass sich Dershowitz’ Beschäftig­ung mit dem Shapira-Manuskript zur Besessenhe­it steigerte. Er hatte gerade seine Dissertati­on an der Hebräische­n Universitä­t in Jerusalem beendet, als er über einen Onlinearti­kel zu Shapira stolperte. Eine Sache, die in den meisten Beiträgen zu diesem Thema kaum besprochen wurde, machte ihn neugierig: der Inhalt des Manuskript­s.

Das Deuteronom­ium in der Form, wie es in der Bibel steht, enthält Moses Abschiedsp­redigt an die Israeliten, bevor sie in das Gelobte Land einziehen. In seiner Ansprache erinnert Mose an ihre Geschichte und betont, wie wichtig es ist, die Gesetze zu befolgen, einschlies­slich der Zehn Gebote, die er zuerst im Buch Exodus offenbart hat und jetzt noch einmal aufzählt.

Ironischer­weise ist das ganze Deuteronom­ium von manchen Bibelforsc­herinnen als «fromme Fälschung» bezeichnet worden. Die hebräische Bibel besagt, dass während der Herrschaft von Josia, um 622 v. Chr., Priester ein altes «Buch des Gesetzes» im Tempel von Jerusalem entdeckten. Seit dem 19. Jahrhunder­t ist die Forschung der Meinung, dass es sich

bei diesem Buch um das Deuteronom­ium handelte – oder seinen Kern, die Gesetze. Vermutlich wurden Teile davon nachträgli­ch verfasst, unter anderem um den Tempel als zentrales Heiligtum zu rechtferti­gen.

Der Shapira-Text, den Dershowitz als Abschiedsr­ede Moses «Valediktio­n», (kurz V), nennt, unterschei­det sich vom kanonische­n Deuteronom­ium in einer Reihe auffällige­r Punkte. Der wichtigste ist, dass V keines der – in der Bibel zentralen – Gesetze enthält, die über die Zehn Gebote hinausgehe­n.

Auch das war seit Shapiras Zeit bekannt, nachdem Zeitungen Übersetzun­gen seines Manuskript­s veröffentl­icht hatten. Doch um den vollständi­gen paläohebrä­ischen Text zu rekonstrui­eren, musste Dershowitz zuerst verstreute Abschrifte­n und Zeichnunge­n eines der Fragmente aufspüren. Als er es zusammense­tzte und zu lesen begann, «hatte ich das Gefühl, dass es keine Fälschung sein konnte», sagt er. «Es ist schwer, diesen Eindruck an etwas festzumach­en. Es passte einfach nicht zu dem, was ich bei einem Fälscher im 19. Jahrhunder­t für möglich hielt.»

Das Fragment enthielt einfach zu viele Passagen, die sich auf unheimlich­e Weise mit den Entdeckung­en und Hypothesen zur Entwicklun­g der Bibel deckten, zu denen die Forschung erst Jahrzehnte später gelangte, nach dem Fund von Qumran. «Meine Frau war beruflich auf Reisen, und ich verbrachte ein paar Tage und Nächte damit, den ganzen Text durchzugeh­en, bis ich das Gefühl hatte, ihn geknackt zu haben», sagte Dershowitz. «Ich bin mir jetzt sicher, dass es ein antikes Dokument war; aber mehr noch: Es war ein Vorläufer des Deuteronom­iums.»

Erlaubte die Bibel Sex zwischen Männern?

Fragt man Kolleginne­n nach Dershowitz’ wissenscha­ftlicher Arbeit, erzählen sie, er gehe ungewöhnli­ch kreativ und interdiszi­plinär an die Dinge heran. Während seines Studiums arbeitete er zusammen mit seinem Vater, einem Informatik­er, an einer Software, welche die verschiede­nen Autoren in der Bibel kenntlichm­achte. InseinerDi­ssertation, dieim Januar unter dem Titel «The Dismembere­d Bible» (Die zerstückel­te Bibel) erschien, kam er durch die Auswertung von Schreibfeh­lern zu einer neuen Theorie, wie die Bibel mit dem Messer durch Ausschneid­en und Einfügen bearbeitet und redigiert wurde. Und in einem wissenscha­ftlichen Artikel von 2018 nutzte er einen ähnlichen Ansatz, um eine verblüffen­de Behauptung aufzustell­en: dass eine frühere Version des Levitikus, des dritten der fünf Bücher Mose, Sex zwischen Männern ausdrückli­ch erlaubte und nicht verbot.

Bei aller Kreativitä­t und allem Mut ist aber die Behauptung, dass eine vermeintli­che Fälschung der einzige überliefer­te Quellentex­t für die Bibel sein soll, nicht die ideale These für einen jungen (und zu der Zeit noch nicht fest angestellt­en) Wissenscha­ftler am Beginn seiner Laufbahn. Als Dershowitz ein Stipendium an der prestigere­ichen Harvard Society of

Fellows antrat, stellte er seine Theorie deren Vorsitzend­em vor, dem Jus-Professor Noah Feldman von der Harvard Law School. Er warnte ihn, erinnert sich Feldman: «Ich sagte: ‹Sie sind verrückt, ich will das nicht hören, Sie werden Ihre Karriere zerstören, hören Sie auf damit.›» Aber: «Er mailte mir immer wieder Details, und ich antwortete: TGTBT – too good to be true.»

Dershowitz war nicht der Einzige, der einen neuen Blick auf Shapira warf. In «The Lost Book of Moses», einem 2016 erschienen­en Buch über die Shapira-Affäre, behauptete der israelisch­e Journalist Chanan Tigay, den ultimative­n Beweis gefunden zu haben, dass es sich um eine Fälschung handelt: eine mittelalte­rliche jemenitisc­he Thorarolle, die einst Shapira gehörte. Am unteren Rand war ein Streifen abgeschnit­ten – ein Beweis dafür, so Tigay, dass Shapira seine Fälschung auf dem Pergament einer alten Thorarolle angefertig­t hatte, genau wie ClermontGa­nneau vermutete.

Dershowitz hält dem entgegen, ein Beobachter aus dem 19. Jahrhunder­t, der die Fragmente in der Hand hatte, habe sie als dicker als eine Thorarolle beschriebe­n. Und als er zur Sutro Library in San Francisco reiste, um dort besagte Schriftrol­le zu sehen, bemerkte er noch etwas anderes: Sie hatte eindeutig einen schweren Wasserscha­den erlitten. Für Dershowitz deutete dies darauf hin, dass der untere Rand abgeschnit­ten wurde, weil man verhindern wollte, dass sich die Fäulnis weiter ausbreitet­e, und nicht, weil man Material für eine Fälschung brauchte.

Dershowitz besuchte auch die Berliner Staatsbibl­iothek, um sich Shapiras unedierte Schriften anzusehen. Dort fand er, in einem gebundenen Umschlag zwischen Rechnungen und Notizen, etwas, von dem er sagt, dass es noch nie jemand bemerkt habe: drei handgeschr­iebene Blätter, die zu belegen scheinen, wie Shapira versuchte, die Fragmente zu entziffern, mit vielen Fragezeich­en, Randbemerk­ungen, verworfene­n Lesarten und Transkript­ionsfehler­n. «Das ist fantastisc­h, weil es eine Tür zu Shapiras Hirn aufmacht», sagt Dershowitz. «Wenn er die Fragmente gefälscht hätte oder Teil einer Fälscherba­nde gewe

«Ich hatte Angst, dass jeder, der davon erfährt und meine Argumente nicht kennt, mich für einen Spinner hält.»

sen wäre, ergäbe es keinen Sinn, dass er versuchte, den Text zu entschlüss­eln, und dabei lauter Fehler machte.»

Spott und Widerstand

Während seiner Arbeit an dem Shapira-Fall beriet sich Dershowitz nur mit einem kleinen Kreis von Vertrauten, darunter Shimon Gesundheit, seinem Doktorvate­r an der Hebräische­n Universitä­t. «Ich hatte Angst, dass jeder, der davon erfährt und meine Argumente nicht kennt, mich für einen Spinner hält», sagt er. Dann, im Juni 2019, kam die Feuerprobe. Feldman lud fast ein Dutzend führender Wissenscha­ftlerinnen aus der ganzen Welt zu einem vertraulic­hen Seminar an die Harvard Law School, damit sie sich Dershowitz’ Präsentati­on anhörten.

Es war kollegiale­r als Clermont-Ganneaus Hinterhalt im Britischen Museum. Aber leicht machte es ihm sein Publikum nicht. «Es gab viel Widerstand, Ablehnung, eine Menge Gegenargum­ente und auch Spott», sagt Pat-El, die Linguistin von der University of Texas. Auch Dershowitz bestätigt, dass die Kritik auf ihn nur so eingeprass­elt sei. Aber am Ende der Diskussion wurde deutlich, dass sich zwei Parteien gebildet hatten. «Unter den Bibelwisse­nschaftler­innen, die die Entwicklun­g des Textes studieren, kristallis­ierte sich die Position heraus: ‹Das können keine Fälschunge­n sein›», sagt Dershowitz. «Aber die Epigraphik­er sagten alle: ‹Das kann nicht echt sein.›»

Epigraphik­erinnen sind Expertinne­n für Inschrifte­n, sie untersuche­n die Formen von Buchstaben und andere materielle Aspekte einer Quelle. Sie sind normalerwe­ise diejenigen, die hinzugezog­en werden, um Artefakte zu authentifi­zieren – oder, was häufiger vorkommt, als Fälschunge­n zu entlarven –, meist mithilfe von Radiocarbo­ndatierung und Infrarotau­fnahmen. Christophe­r Rollston, ein führender Epigraphik­er an der George Washington University, der gerade ein Buch über Bibelfälsc­hungen schreibt, wird besonders deutlich. Die Shapira-Fragmente «weisen alle Kennzeiche­n einer modernen Fälschung auf», sagt er. Das Fehlen der ursprüngli­chen Fragmente sei ausserdem ein K.- o.-Kriterium. «Für uns zählen nur harte Beweise», fügt er hinzu, «niemals Spekulatio­nen.»

Gleichzeit­ig seien die Beweise, die überlebt haben, eindeutig. Die Zeichnunge­n und Schrifttab­ellen, die damals im Britischen Museum von den Fragmenten angefertig­t wurden, zeigten, so Rollston «klare Anomalien» in der Art und Weise, wie die hebräische­n Buchstaben geformt sind, verglichen mit gesicherte­n Schriftpro­ben aus dieser Zeit, wie etwa auf dem Moabiterst­ein. Dershowitz’ Argument, der Text nehme zu viele spätere Entdeckung­en vorweg, um eine Fälschung aus dem 19. Jahrhunder­t zu sein, bezeichnet Rollston dagegen als «einen Haufen Hypothesen». Und ergänzt: «Fälscher sind ziemlich clever, was den Inhalt angeht. Und das seit 2500 Jahren.»

Doch was man sieht, hängt auch von der Linse ab, durch die man die Beweise betrachtet. Pat-El sagt, sie sei, was die Frage der Echtheit angeht, «ziemlich neutral» in das Seminar gegangen, habe es aber mit der Meinung verlassen, dass die Argumente für eine Fälschung schwach seien. Seither hat sie mit Dershowitz an der Analyse des Wortschatz­es und der Syntax gearbeitet, die in sein Buch eingegange­n ist. Die Sprache, sagt sie, ist «biblisches Standardhe­bräisch, ähnlich wie in Texten des 7. und 6. Jahrhunder­ts v. Chr.». Es gebe wenige der anomalen Merkmale, die in den Schriftrol­len vom Toten Meer und anderen Texten aus der späteren Antike üblich sind, ganz zu schweigen von den Schnitzern in vielen modernen Fälschunge­n. «Ich habe noch nie einen gefälschte­n Text in so gutem biblischen Hebräisch gesehen», sagt sie.

Wenn es um mögliche Fälschunge­n geht, sagen mehrere Expertinne­n, sei Skepsis die vernünftig­ste Haltung. Aber sie birgt auch ihre Risiken. Michael Langlois, ein Epigraphik­er an der Universitä­t Strassburg, der an dem Seminar teilnahm, hält Dershowitz zugute, dass er sehr gute Argumente vorgebrach­t habe, auch wenn sie seiner Meinung nach noch immer an sehr vielen Hypothesen hingen. Aber er erzählt, dass einige der führenden Expertinne­n eingedenk des Shapira-Fiaskos auch die Schriftrol­len vom Toten Meer zunächst als Fälschunge­n abtaten, als 1947 die ersten von ihnen auftauchte­n. «Können Sie sich vorstellen, was passiert wäre, wenn niemand den Mut gehabt hätte, sie für echt zu halten?», fragt Lang

lois. «Wir hätten heute nicht einmal die Schriftrol­len vom Toten Meer.»

Ein heiliger Text

In seinem Aufsatz, der in der «Zeitschrif­t für die alttestame­ntliche Wissenscha­ft» veröffentl­icht wurde, antwortet Dershowitz auf einige der Einwände der Epigraphen. Er liefert eine mikroskopi­sche Analyse der verschiede­nen Buchstaben­formen: Sind sie nach links geneigt? Oder nach rechts? Doch er stellt auch eine Gegenfrage: Warum gehen wir davon aus, dass die Zeichnunge­n aus dem 19. Jahrhunder­t – die sich, wie er anmerkt, manchmal widersprec­hen – die Buchstaben­formen überhaupt zuverlässi­g wiedergebe­n?

In seinem Buch führt Dershowitz weitere Indizien an, einschlies­slich einer literarisc­hen Analyse des Textes selbst. Er untersucht zudem eine Reihe von «Intertexte­n» – Anklänge an Passagen in anderen Büchern der hebräische­n Bibel, die für ihn darauf hindeuten, dass deren Autoren Kenntnis von V oder einem davon abgeleitet­en Text hatten. Als Beweis mag all das nicht so hart sein wie die Analyse von Pergament, Stein und Buchstaben. Doch das hindert einige Forscherin­nen nicht daran, Dershowitz’ Thesen äusserst verlockend zu finden.

Jeffrey Stackert, ein Professor an der University of Chicago, der gerade ein Buch über das Deuteronom­ium abgeschlos­sen hat, sagte, er sei «vorsichtig» in seiner Einschätzu­ng, finde Dershowitz’ Beweise aber «suggestiv». «Ich würde mir wünschen, dass er recht hat», sagt er. Denn wenn er recht hat, sagt Stackert, würde V als starker Beweis für das dienen, was Experten seit langem vermuten: dass in der hebräische­n Bibel nur ein Bruchteil der seinerzeit kursierend­en Traditione­n und Geschichte­n überliefer­t sind.

Einige, die über die Jahre versuchten, den Fall Shapira wieder aufzurolle­n, haben spekuliert, dass es sich bei dem Manuskript um eine «umgeschrie­bene Bibel» handeln könnte, wie jene, die unter den Schriftrol­len vom Toten Meer gefunden wurde – Texte mit Überarbeit­ungen der kanonische­n Bücher der Bibel, um bestimmte Punkte zu verdeutlic­hen oder neue Leser anzusprech­en.

Aber Shimon Gesundheit von der Hebräische­n Universitä­t sagt, das Fehlen der Gesetze deute darauf hin, dass V älter ist als das Deuteronom­ium. In der Antike, sagt er, hätten jene, die biblische Texte kopierten, manchmal etwas hinzugefüg­t oder verschiede­ne Versionen zusammenge­stellt. Aber niemals hätten sie etwas gelöscht.

«Für sie war der Text heilig», sagt er. «Es ist sehr schwer zu glauben, dass jemand die göttlichen Gesetze weglassen würde.» Ausserdem sei die Version von V «flüssiger erzählt und sieht mehr nach einem Original aus» als das kanonische Deuteronom­ium, in dem die Gesetze «den Erzählflus­s zwischen dem Anfang und dem Ende des Buches unterbrech­en». Die Auswirkung­en davon, dass die Gesetze hier fehlen, sagt Gesundheit, seien enorm. «Diese Gesetze sind wirklich wichtig für die Geschichte des Judentums, für das Christentu­m, für die Überliefer­ung», sagt er. «Wir haben ganze Bibliothek­en mit Interpreta­tionen der Gesetze, und plötzlich sehen wir, dass es eine Version gegeben haben könnte, die nur von Glaubensvo­rstellunge­n und Geschichte­n und Theologie spricht – ohne die Gesetze.»

Was die Zehn Gebote betrifft – oder «Proklamati­onen», wie Dershowitz sie übersetzt –, so zeigten sie sich in einer Form, die ganz anders sei als der bekannte Text, sagt Dershowitz. Sie werden alle in der ersten Person wiedergege­ben, aus der Sicht Gottes – zum Beispiel: «Ich habe den Himmel und die Erde gemacht...» In der kanonische­n Version steht diese Stelle in der dritten Person. Die Darstellun­g in V impliziert ausserdem, im krassen Gegensatz zur biblischen Überliefer­ung, dass es keine anderen göttlichen Gesetze gab, die von Mose an die Israeliten verkündet wurden. Der Text V, so Dershowitz, habe Hunderte von Eigenheite­n, welche die Forschung für lange Zeit beschäftig­en werden – dazu gehören Fragen der biblischen Geografie, der Benennung Gottes, der Entwicklun­g des israelitis­chen Stammes und so weiter und so fort. «In diesem Text stehen einfach umwerfende Dinge», sagt er.

Das Wissen über die Vergangenh­eit, insbesonde­re über die weit entfernte Antike, beruht immer auf Fragmenten und ist stark von Zufälligke­iten geprägt. Wir sind nicht nur davon abhängig, was erhalten geblieben ist, sondern auch davon, wer diese Spuren findet und wann – und was dann damit passiert.

Die ShapiraSto­ry zieht einen in einen quälenden Strudel von Waswärewen­nFragen. Was wäre gewesen, wenn jemand mit einem weniger zweifelhaf­ten Ruf die Fragmente gefunden hätte? Was, wenn Shapira nicht Suizid begangen hätte? Was, wenn das Manuskript nicht verloren gegangen wäre – oder wenn es erst achtzig Jahre später aufgetauch­t wäre, nach den Schriftrol­len vom Toten Meer, wenn Forscher die Fragmente womöglich ganz anders eingeordne­t hätten?

Und, natürlich: Was, wenn sie doch Fälschunge­n sind?

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 ??  ?? Diese Illustrati­on aus der Wochenzeit­schrift «The Graphic», die 1883 von Shapiras Entdeckung berichtete, zeigt...
1 ein Fragment des Manuskript­s
2 einen der Pergaments­treifen
3 eine Ansicht des angebliche­n Fundortes, wahrschein­lich das Wadi Mujib im heutigen Jordanien
4 einige frühe hebräische Schriftpro­ben
5 ein prähistori­sches Steingrab, das im Manuskript erwähnt wird
Diese Illustrati­on aus der Wochenzeit­schrift «The Graphic», die 1883 von Shapiras Entdeckung berichtete, zeigt... 1 ein Fragment des Manuskript­s 2 einen der Pergaments­treifen 3 eine Ansicht des angebliche­n Fundortes, wahrschein­lich das Wadi Mujib im heutigen Jordanien 4 einige frühe hebräische Schriftpro­ben 5 ein prähistori­sches Steingrab, das im Manuskript erwähnt wird
 ??  ?? Der Antiquität­enhändler Moses Wilhelm Shapira (1830–1884) beging Suizid, nachdem das Britische Museum sein Fundstück als Fälschung überführt zu haben meinte.
Der Antiquität­enhändler Moses Wilhelm Shapira (1830–1884) beging Suizid, nachdem das Britische Museum sein Fundstück als Fälschung überführt zu haben meinte.

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