Ma­cron malt ein düs­te­res Bild von Eu­ro­pas Zu­kunft

Frank­reichs Prä­si­dent ruft ein­dring­lich da­zu auf, Eu­ro­pas Sou­ve­rä­ni­tät zu ver­tei­di­gen.

Der Bund - - AUSLAND - Stephan Is­ra­el Brüs­sel

An­ge­kün­digt war ei­ne gros­se Re­de zur «Zu­kunft Eu­ro­pas». Doch das Bild, das Em­ma­nu­el Ma­cron mal­te, war dann sehr düs­ter. So düs­ter, dass man sich fra­gen konn­te, ob die­ses Eu­ro­pa über­haupt ei­ne Zu­kunft hat. Gleich zum Auf­takt sei­nes Auf­tritts vor dem Eu-par­la­ment sprach Frank­reichs Prä­si­dent von ei­nem «Bür­ger­krieg» zwi­schen li­be­ra­len und il­li­be­ra­len Ide­en in Eu­ro­pa. Und von ei­nem Kon­ti­nent, der um­zin­gelt ist von au­to­ri­tä­ren Re­gi­men.

Doch Em­ma­nu­el Ma­cron ist kei­ner, der auf­gibt: «Ich möch­te nicht zu ei­ner Ge­ne­ra­ti­on der Schlaf­wand­ler ge­hö­ren», sag­te er. Eu­ro­pas De­mo­kra­tie sei an­ge­sichts der Wir­ren in der Welt die Trumpf­kar­te, die es zu ver­tei­di­gen gel­te. «Ge­gen­über dem Au­to­ri­ta­ris­mus, der uns übe­r­all um­gibt, ist die Ant­wort nicht die au­to­ri­tä­re De­mo­kra­tie, son­dern die Au­to­ri­tät der De­mo­kra­tie», mahn­te Ma­cron. Und er brauch­te die Na­men der Län­der gar nicht zu nen­nen: Es sind Russ­land und Chi­na, aber auch ein un­be­re­chen­ba­rer Us-prä­si­dent, die Eu­ro­pa und die mul­ti­la­te­ra­le Wel­t­ord­nung her­aus­for­dern.

Von in­nen stel­len il­li­be­ra­le De­mo­kra­ten in Un­garn, Tsche­chi­en oder Po­len Grund­rech­te, Rechts­staat und Ge­wal­ten­tei­lung in­fra­ge. Em­ma­nu­el Ma­cron plä­dier­te für ei­ne neue «eu­ro­päi­sche Sou­ve­rä­ni­tät». Die­se soll die na­tio­na­le Sou­ve­rä­ni­tät nicht er­set­zen, son­dern er­gän­zen. Es ist die Idee ei­nes Eu­ro­pas, das die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger ge­gen­über der Un­ord­nung auf die­ser Welt be­schüt­zen soll. Es ist ei­ne EU, die dort zur Stel­le ist, wo die ein­zel­nen Na­tio­nal­staa­ten sich nicht be­haup­ten könn­ten. Et­wa beim Kampf ge­gen den Kli­ma­wan­del, ge­gen den in­ter­na­tio­na­len Terrorismu­s oder bei der Mi­gra­ti­on.

Em­ma­nu­el Ma­cron knüpft hier an sein Be­kennt­nis für ein star­kes Eu­ro­pa an, das er im Wahl­kampf und bei sei­nem Amts­an­tritt vor ei­nem Jahr ab­ge­legt hat­te. Er be­kam da­mals viel Ap­plaus auch in an­de­ren Haupt­städ­ten der Mit­glieds­staa­ten. Schliess­lich hat­te der ju­gend­li­che Senk­recht­star­ter Ma­ri­ne Le Pen be­siegt, Frank­reichs Rechts­na­tio­na­lis­tin. Kurz da­nach ge­wan­nen pro­eu­ro­päi­sche Par­tei­en in den Nie­der­lan­den die Wah­len und wie­sen den Po­pu­lis­ten Geert Wil­ders in die Schran­ken.

Ein Gross­teil der Eu­ro­pä­er at­me­te auf. Ge­tra­gen von die­sem fri­schen Elan, prä­sen­tier­te Em­ma­nu­el Ma­cron letz­ten Herbst bei ei­ner Eu­ro­pa­re­de an der Uni­ver­si­tät Sor­bon­ne ein gan­zes Pa­ket von Mass­nah­men mit dem Ziel, das Ver­trau­en der Eu­ro­pä­er zu­rück­zu­ge­win­nen. Da­zu ge­hör­ten et­wa ei­ne Co2­steu­er, trans­na­tio­na­le Lis­ten für die Eu­ro­pa­wah­len und vor al­lem ei­ne stär­ke­re In­te­gra­ti­on der Eu­ro­zo­ne. Seit­her ist der Elan weit­ge­hend ver­flo­gen. In Ös­ter­reich ist der kon­ser­va­ti­ve Se­bas­ti­an Kurz in­zwi­schen ei­ne Ko­ali­ti­on mit der rechts­ex­tre­men FPÖ ein­ge­gan­gen. In Ita­li­en ha­ben die Po­pu­lis­ten von der 5-Stern­be­we­gung und der Le­ga die Wah­len ge­won­nen. Und in Budapest tri­um­phier­te Vik­tor Orban mit sei­ner Kam­pa­gne ge­gen Brüs­sel und Mi­gran­ten. Schwe­rer wiegt aber wahr­schein­lich, dass in Deutsch­land die Re­gie­rungs­bil­dung so lan­ge ge­dau­ert hat. Das Zeit­fens­ter für Re­for­men bis zu den Eu­ro­pa­wah­len in ei­nem Jahr war oh­ne­hin nicht gross.

Aus Ber­lin sind nun wi­der­sprüch­li­che Tö­ne zu Ma­crons Re­for­men zu hö­ren. Mor­gen Don­ners­tag soll Frank­reichs Prä­si­dent in Ber­lin mit Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel kon­fe­rie­ren. Viel­leicht herrscht da­nach mehr Klar­heit. Vor dem nächs­ten Eu-gip­fel im Ju­ni, an dem die Re­form der Eu­ro­zo­ne be­schlos­sen wer­den soll, ist zu­dem ein deutsch­fran­zö­si­sches Mi­nis­ter­tref­fen ge­plant. Ma­cron hat sei­ne ehr­gei­zi­gen Plä­ne aber oh­ne­hin schon zu­rück­ge­nom­men. Ges­tern vor den Eu­ro­pa­par­la­men­ta­ri­ern sprach er je­den­falls nicht mehr von ei­nem EUFi­nanz­mi­nis­ter oder ei­nem ei­ge­nen Haus­halt für die Eu­ro­zo­ne. Er wä­re schon mit ei­ner Bud­get­li­nie im be­ste­hen­den Eu-haus­halt und ei­ner Stär­kung der Ban­ken­uni­on zu­frie­den.

Den Eu­ro­pä­ern den Puls füh­len

Ma­cron ist zwar nicht we­ni­ger alar­mis­tisch, aber be­schei­de­ner ge­wor­den. Im ers­ten Jahr hat er auf eu­ro­päi­scher Ebe­ne ei­ne Ver­schär­fung der so­ge­nann­ten Ent­sen­de­richt­li­nie be­zie­hungs­wei­se der Re­geln ge­gen So­zi­al­dum­ping er­reicht. Die EU hat auch un­ter fran­zö­si­schem Druck ih­re In­stru­men­te ge­gen Bil­lig­kon­kur­renz aus Asi­en ge­schärft. Und der Start der Ver­tei­di­gungs­uni­on mit mehr ge­mein­sa­mer For­schung und Rüs­tungs­be­schaf­fung ist eben­falls ein Schritt in Ma­crons Rich­tung.

Im Hin­blick auf die Eu­ro­pa­wah­len im Mai 2019 will Ma­cron nun zu­erst in so­ge­nann­ten Bür­ger­kon­sul­ta­tio­nen den Puls füh­len. «Wir kön­nen uns heu­te nicht mehr wie ges­tern wei­gern, über Eu­ro­pa zu re­den», sag­te Ma­cron. Die na­tio­na­len Re­gie­run­gen dürf­ten nicht län­ger Brüs­sel als Sün­den­bock be­nut­zen für al­les, was schief­lau­fe. Nö­tig sei ei­ne «Wie­der­ge­burt Eu­ro­pas». Es dür­fe kei­nen Rück­zug auf na­tio­na­le Ego­is­men ge­ben, Grä­ben zwi­schen Nord und Süd, Ost und West müss­ten über­wun­den wer­den. Der fran­zö­si­sche Prä­si­dent rief da­zu auf, die «ver­gif­te­te De­bat­te» über die Um­ver­tei­lung von Flücht­lin­gen in der EU zu über­win­den. Er prä­sen­tier­te den neu­en Vor­schlag, Ge­mein­den mit fi­nan­zi­el­len An­rei­zen zu un­ter­stüt­zen, wenn sie sich bei der Auf­nah­me und der In­te­gra­ti­on von Flücht­lin­gen en­ga­gie­ren.

Wer­bung mach­te Ma­cron auch für sei­nen Vor­schlag ei­ner Di­gi­tal­steu­er, da­mit Face­book, Goog­le und die an­de­ren end­lich dort Ab­ga­ben ent­rich­ten, wo sie Ge­win­ne ma­chen. Das wä­re ein klei­ner Schritt für Eu­ro­pa, sei­ne Sou­ve­rä­ni­tät ge­gen­über den gros­sen Us-kon­zer­nen zu be­haup­ten. Doch der Vor­stoss dürf­te am Wi­der­stand von Luxemburg, Ir­land und den Nie­der­lan­den schei­tern. Das fran­zö­si­sche Pres­ti­ge­pro­jekt trans­na­tio­na­ler Lis­ten für die Eu­ro­pa­wah­len hat das Eu-par­la­ment hin­ge­gen schon im Keim er­stickt. Der Weg bis zur eu­ro­päi­schen Sou­ve­rä­ni­tät ist des­halb noch weit und stei­nig.

Ma­cron will «Eu­ro­pas Wie­der­ge­burt». Die Re­gie­run­gen dürf­ten nicht län­ger Brüs­sel als Sün­den­bock be­nut­zen.

Fo­to: Keysto­ne

Ma­cron will mit ei­nem star­ken Eu­ro­pa die glo­ba­len Pro­ble­me an­ge­hen.

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