Der ein­sa­me Eu­ro­pä­er

Der Bund - - AUSLAND -

Em­ma­nu­el Ma­cron hat recht. Die Eu­ro­pä­er kön­nen ihr Le­bens­mo­dell nur ge­mein­sam be­wah­ren. Der fran­zö­si­sche Prä­si­dent hat vor dem Eu-par­la­ment nicht oh­ne Grund alar­mis­ti­sche Tö­ne an­ge­schla­gen. Die EU und letzt­lich auch die Schweiz als In­sel mit­ten­drin sind stra­te­gisch ge­spro­chen in ei­ner un­ge­müt­li­chen La­ge. Der Kon­ti­nent als Oa­se der li­be­ra­len De­mo­kra­ti­en ist in Ge­fahr. Nicht nur Rus­sen und Chi­ne­sen ha­ben ein In­ter­es­se, die Eu-staa­ten aus­ein­an­der­zu­di­vi­die­ren, die Eu­ro­pä­er zu schwä­chen.

Auch auf die USA un­ter ei­nem Do­nald Trump ist nur noch be­schränkt Ver­lass. Selbst in­ner­halb der EU wächst die au­to­ri­tä­re Ver­su­chung, wie die Ent­wick­lung von Un­garn über Po­len bis nach Tsche­chi­en zeigt. So­gar im Grün­dungs­land Ita­li­en hat zu­letzt ei­ne Mehr­heit für po­pu­lis­ti­sche Par­tei­en ge­stimmt. Zum Le­bens­mo­dell der Eu­ro­pä­er ge­hö­ren Frei­heit, De­mo­kra­tie und Rechts­staat. Nicht zu ver­ges­sen ein So­zi­al­staat, der die auf an­de­ren Kon­ti­nen­ten üb­li­che Un­gleich­heit zu­min­dest ab­fe­dert.

Da­mit die­ses Mo­dell be­wahrt und den An­for­de­run­gen der Zeit an­ge­passt wer­den kann, bräuch­te es ei­nen Ruck. Ei­ne Be­sin­nung dar­auf, wo die Ge­mein­sam­kei­ten sind. Ma­cron will den Na­tio­nal­staat nicht ab­schaf­fen, son­dern im Ge­gen­teil mit ei­ner über­ge­ord­ne­ten eu­ro­päi­schen Sou­ve­rä­ni­tät stär­ken. Denn nur ge­mein­sam sind die Eu­ro­pä­er beim Han­del, bei der Mi­gra­ti­on oder beim Da­ten­schutz sou­ve­rän.

Da­für steht Em­ma­nu­el Ma­cron. Bis­her wird der fran­zö­si­sche Prä­si­dent aber von sei­nen Re­gie­rungs­kol­le­gin­nen und ­kol­le­gen in an­de­ren Eu-staa­ten im Stich ge­las­sen. Die Nord­eu­ro­pä­er wol­len nicht mehr zah­len, wenn in ei­nem Jahr die Bri­ten aus­tre­ten. Die Ost­eu­ro­pä­er wol­len Geld, aber kei­ne Asyl­be­wer­ber, und sie wol­len vor al­lem die Sü­d­eu­ro­pä­er mit dem Mi­gra­ti­ons­pro­blem al­lein­las­sen. Selbst aus Ber­lin hört man bis­her mehr Vor­be­halt als Un­ter­stüt­zung, wenn es et­wa um die Re­form der Eu­ro­zo­ne geht. Da­bei wä­re die­se drin­gend nö­tig, da­mit die nächs­te Kri­se nicht doch noch die Eu­ro­zo­ne zer­reisst. Es bräuch­te mehr als ei­nen Em­ma­nu­el Ma­cron, um die Eu­ro­pä­er vor sich selbst und dem wach­sen­den Au­to­ri­ta­ris­mus zu ret­ten.

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