Prin­zip «Brems­klotz» oder «Ra­sen­mä­her»?

Die Wirt­schaft for­dert von der Po­li­tik we­ni­ger Re­geln und Vor­schrif­ten. Die Re­zep­te der bür­ger­li­chen Par­tei­en un­ter­schei­den sich in ih­rer Ra­di­ka­li­tät. Aber das Grund­pro­blem bleibt: Die Ur­sa­chen der Re­gu­lie­rung las­sen sich kaum be­sei­ti­gen.

Der Bund - - SCHWEIZ - Ra­phae­la Bir­rer

Un­nö­ti­ge sta­tis­ti­sche Er­he­bun­gen. Kom­pli­zier­te öf­fent­li­che Aus­schrei­bun­gen. Auf­wen­di­ge Über­nah­men von Eu-richt­li­ni­en. De­tail­lier­te Ar­beits­zeit­er­fas­sung. Über sol­che Re­gu­lie­run­gen be­kla­gen sich die Un­ter­neh­men in der Schweiz am häu­figs­ten. Und es wer­de im­mer schlim­mer – mit je­der neu­en Vor­schrift stie­gen die Fix­kos­ten für die Fir­men, heisst es in der Wirt­schaft. Ei­ne Kpmg­stu­die im Auf­trag des Ge­wer­be­ver­bands schätzt die Kos­ten der staat­li­chen Re­gu­lie­run­gen für die KMU auf rund 50 Mil­li­ar­den Fran­ken pro Jahr. Das ent­spricht 10 Pro­zent des Wirt­schafts­leis­tung.

Jetzt will die Wirt­schaft den Druck auf die Po­li­tik er­hö­hen. Am zwei­ten Zu­rich Eco­no­mic Im­pul­se (ZEI) tref­fen sich heu­te in Rüsch­li­kon Ver­tre­ter von KMU und Gross­kon­zer­nen mit den Spit­zen der bür­ger­li­chen Par­tei­en, um Stra­te­gi­en zur De­re­gu­lie­rung zu be­spre­chen. Ne­ben den Prä­si­den­ten von FDP, SVP und CVP hört sich auch Fdp-bun­des­rat Igna­zio Cas­sis die Sor­gen der Wirt­schaft an.

Der Te­nor bei den teil­neh­men­den Fir­men sei ein­deu­tig, sagt Zei-grün­de­rin Co­ri­ne Ble­si: Die Re­gu­lie­rungs­dich­te in der Schweiz er­schwe­re die In­no­va­ti­on. Von der Po­li­tik wünsch­ten sich die Un­ter­neh­men mehr Zu­rück­hal­tung bei der Eta­b­lie­rung neu­er Vor­schrif­ten, so Ble­si.

Kei­ne ge­mein­sa­me Stra­te­gie

An­ge­spro­chen sind vor­ab die bür­ger­li­chen Par­tei­en. Doch die­se tun sich schwer da­mit, ei­ne ge­mein­sa­me De­re­gu­lie­rungs­stra­te­gie zu ent­wi­ckeln – und das An­lie­gen so­mit mehr­heits­fä­hig zu ma­chen.

Für die FDP, de­ren Bü­ro­kra­tiestop­pinitia­ti­ve 2012 man­gels Un­ter­schrif­ten schei­ter­te, ist das The­ma heu­te nicht we­ni­ger zen­tral als da­mals. Par­tei­che­fin Pe­tra Gös­si lis­tet spon­tan ei­ne gan­ze A4-sei­te Vor­stös­se da­zu auf, die aus ih­rer Frak­ti­on zur­zeit hän­gig sind. Die Klam­mer um all die For­de­run­gen in ver­schie­de­nen Dos­siers: we­ni­ger Auf­wand, ver­ein­fach­te Ab­läu­fe. Und dar­über steht für die FDP ei­ne Stra­te­gie, die sich als Prin­zip «Brems­klotz» um­schrei­ben lies­se. «Wir wol­len, dass Bü­ro­kra­tie­mons­ter im Ge­setz­ge­bungs­ver­fah­ren künf­tig frü­her er­kannt wer­den», sagt Gös­si. Des­halb for­dert die FDP zum Bei­spiel ei­ne un­ab­hän­gi­ge Kon­troll­stel­le, wel­che die Re­gu­lie­rungs­kos­ten ei­nes Ge­set­zes oder ei­ner Ver­ord­nung über­prüft und ver­öf­fent­licht. Heu­te liegt dies in der Kom­pe­tenz von Bun­des­rat und Ver­wal­tung. Die­se Kon­troll­stel­le soll zu­dem nach dem Wil­len des Frei­sinns auch be­ste­hen­de Re­gu­lie­run­gen prü­fen und re­du­zie­ren – nicht nur aus ei­ge­nem Im­puls, son­dern auch auf­grund von Ein­ga­ben aus der Be­völ­ke­rung oder der Wirt­schaft. Und schliess­lich soll ei­ne Re­gu­lie­rungs­brem­se ein­ge­führt wer­den: Be­tref­fen die Aus­wir­kun­gen ei­ner Vor­la­ge mehr als 10000 Un­ter­neh­men oder über­schrei­ten sie ei­ne be­stimm­te Kos­ten­schwel­le, muss die­se dem qua­li­fi­zier­ten Mehr in der Ge­samt­ab­stim­mung im Par­la­ment un­ter­stellt wer­den. Der Na­tio­nal­rat hat die Frak­ti­ons­mo­ti­on im Fe­bru­ar als Er­strat an­ge­nom­men. Sie sei den KMU ein An­lie­gen, sagt Ge­wer­be­ver­bands­di­rek­tor und Fdp-na­tio­nal­rat Hans-ul­rich Big­ler: «Es ist wich­tig, dass Ge­set­zes­pro­jek­te ein Preis­schild ha­ben.»

Ra­di­ka­ler ist die SVP. Un­ter Wirt­schafts­vor­den­ke­rin Mag­da­le­na Mar­tullo­blo­cher fährt sie ei­ne Stra­te­gie, die sich als Prin­zip «Ra­sen­mä­her» um­schrei­ben lies­se. Die Par­tei will für je­den neu­en Er­lass ei­nen be­ste­hen­den mit ver­gleich­ba­ren Re­gu­lie­rungs­fol­ge­kos­ten ab­schaf­fen – «one in, one out» heisst die Lo­sung. Als Er­las­se sol­len nicht nur Ge­set­ze, son­dern auch ein­zel­ne Ar­ti­kel, Ver­ord­nun­gen oder in­ter­na­tio­na­le Ver­trä­ge gel­ten. Ei­ne ent­spre­chen­de par­la­men­ta­ri­sche In­itia­ti­ve von Hans-ue­li Vogt hat den Na­tio­nal­rat letz­ten Som­mer knapp pas­siert; im Ju­ni kommt sie in den Stän­de­rat.

Doch Mar­tul­lo-blo­cher will noch wei­ter ge­hen: Sie for­dert, dass pro Er­lass zwei Er­las­se mit ver­gleich­ba­ren Kos­ten­fol­gen auf­ge­ho­ben wer­den müs­sen. Und weil ih­re Mo­ti­on im Fe­bru­ar ab­ge­lehnt wor­den war, reich­te sie kur­zer­hand noch ein­mal ei­nen gleich­lau­ten­den Vor­stoss ein. Den bür­ger­li­chen Par­tei­en in der Schweiz feh­le bis­lang der Mut, doch Län­der wie Deutsch­land, Frank­reich oder Gross­bri­tan­ni­en hät­ten ähn­li­che Re­gu­lie­rungs­brem­sen ein­ge­führt – und da­mit Mil­li­ar­den ge­spart, ar­gu­men­tiert Mar­tul­lo-blo­cher. Die Sv­pfor­de­rung hat nicht ein­mal die Hälf­te der Fdp-frak­ti­on über­zeugt, und in der CVP do­mi­nier­te die Ab­leh­nung.

Die Mit­schuld der Par­tei­en

Auch Vogt ist über­zeugt, dass der «Über­re­gu­lie­rung» nur bei­zu­kom­men sei, wenn ri­go­ros bei der Ver­wal­tung an­ge­setzt wer­de: «Ein De­par­te­ment soll ein neu­es Ge­setz nur aus­ar­bei­ten dür­fen, wenn es gleich­zei­tig ei­nen Vor­schlag macht, wo ei­nes ge­stri­chen wer­den könn­te.» Er räumt aber ein, dass nicht nur die In­ter­na­tio­na­li­sie­rung des Rechts, son­dern auch die Par­tei­en selbst Trei­ber der Re­gu­lie­rung sei­en. «Je­de er­ach­tet ih­re An­lie­gen als so wich­tig, dass sie neue Ge­set­ze da­für ver­langt.» Und auch die Wirt­schaft ru­fe re­gel­mäs­sig nach neu­en Re­geln, wenn die­se ein­zel­nen Bran­chen Vor­tei­le ver­schaff­ten.

Cvp-prä­si­dent Ger­hard Pfis­ter, der die Vor­stös­se aus den Rei­hen der SVP un­ter­stützt hat, or­tet das Pro­blem glei­chen­orts. «Al­le Par­tei­en sind ge­gen Über­re­gu­lie­rung, aber al­le Par­tei­en ha­ben The­men oder Pro­jek­te, mit de­nen sie da­zu bei­tra­gen.» Ge­ra­de die SVP sei in der Mi­gra­ti­on durch­aus für stren­ge­re Re­geln, auch wenn die­se der Wirt­schaft scha­de­ten. Und die FDP ha­be bei der Um­set­zung der Zu­wan­de­rungs­in­itia­ti­ve eben­falls «über­re­gu­liert». Es ist die­ses Pa­ra­dox, an dem die Be­kämp­fung des breit an­er­kann­ten Pro­blems auch künf­tig schei­tern dürf­te.

Fo­to: Mar­tin Rüts­chi (Keysto­ne)

Mo­na­te­lang mit Aus­schrei­bun­gen be­schäf­tigt: Mit­ar­bei­ter in der Pro­duk­ti­on von Ae­bi.

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