Der Rhein­glet­scher war hier nie im Spiel

Le­ser­brief Glet­scher legt der Au­to­bahn ei­nen Stein in den Weg, «Bund» vom 16. April

Der Bund - - MEINUNGEN -

Der Be­richt über den spek­ta­ku­lä­ren Find­ling bei der Au­to­bahn­aus­fahrt Muri be­darf ei­ni­ger Be­rich­ti­gun­gen und Er­gän­zun­gen. Es war ein­deu­tig der Aare­glet­scher, wel­cher den aus Grim­sel­gra­nit be­ste­hen­den Find­ling hier ab­setz­te. Es stimmt, dass in der Ge­gend von Bern auch der von Wes­ten kom­men­de Rho­ne­glet­scher ak­tiv war. Aber der Rhein­glet­scher war hier nie im Spiel.

Der im Be­richt er­wähn­te, noch viel grös­se­re «Lue­gi­bo­den­block» im Hab­kern­tal ist kein Find­ling, son­dern ein Re­likt aus den Zei­ten der Ge­birgs­bil­dung vor der Eis­zeit. Der gröss­te Find­ling in der Ge­gend von Bern war bis­her der «Mung­ge­s­tei» in Stett­len. Er ist mit ei­ner Ku­ba­tur von gut 150 Ku­bik­me­tern und ei­nem Ge­wicht von ge­gen 400 Ton­nen et­wa gleich gross wie der Stein von Muri. Er kam 1986 beim Bau des Zi­vil­schutz­zen­trums zum Vor­schein und wur­de im April 1987 durch die Fir­ma Lo­sin­ger In­ter­na­tio­nal aus der Tie­fe ge­ho­ben. Da­zu be­durf­te es ei­nes enor­men Auf­wands mit hy­drau­li­schen Pres­sen. Aber der Block konn­te da­durch beim Park­platz Blei­che­s­tras­se für die Nach­welt er­hal­ten wer­den. Der gröss­te ech­te Find­ling des Kan­tons Bern ist je­doch die «Tü­fels­bur­di» auf dem Jo­li­mont.

Dass man frü­her über die Her­kunft der Find­lin­ge die wil­des­ten Theo­ri­en hat­te (die Eis­zeit­theo­rie ent­stand erst nach 1830) und auch den Teu­fel ins Spiel brach­te, hat Goe­the in sei­nem Faust 2. Teil (4. Akt, 1. Sze­ne) in un­über­treff­li­cher Wei­se zum Aus­druck ge­bracht.

Der Be­griff Me­ga­lith («Gross-stein») schliess­lich ge­hört nicht in die Geo­lo­gie, son­dern in die Archäo­lo­gie: Es sind die zu Grab- oder Kult­zwe­cken von Men­schen­hand ver­scho­be­nen oder auf­ge­rich­te­ten Rie­sen­blö­cke (Hü­nen­grä­ber, St­ein­krei­se). Oft, aber nicht im­mer, sind es Find­lin­ge.

Ger­hart Wa­gner, Stett­len

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