Der gi­gan­ti­sche Do­ping­s­umpf

Er­mitt­ler sol­len Tau­sen­de auf­fäl­li­ge Be­fun­de auf­ge­spürt ha­ben. In rund 60 Sport­ver­bän­den. Im Fo­kus: Bi­ath­lon und die WM 2017.

Der Bund - - SPORT - Tho­mas Kist­ner

Der Bi­ath­lon-welt­ver­band (IBU) löst sich ge­ra­de in sei­ne Ein­zel­tei­le auf, ös­ter­rei­chi­sche Straf­be­hör­den er­mit­teln zu zwei bri­san­ten The­men­kom­ple­xen: Do­ping und Kor­rup­ti­on. Vor ei­ni­gen Ta­gen gab es Raz­zi­en am Ibu-haupt­sitz in Salz­burg, da­zu in Bay­ern und in Nor­we­gen; im Fo­kus der Er­mitt­lun­gen ste­hen die lang­jäh­ri­ge Ibu-spit­ze so­wie zehn wei­te­re Per­so­nen, de­nen an­ge­las­tet wird, mut­mass­li­che Do­ping­fäl­le ver­tuscht zu ha­ben. Und der or­ga­ni­sier­te Sport ver­folgt die Vor­gän­ge wie stets: mit ge­sam­mel­tem Schwei­gen.

Hin­ter den Ku­lis­sen dürf­ten die Ak­ti­vi­tä­ten in­des enorm sein. Der Schlag ge­gen die in­ter­na­tio­na­le Bi­ath­lon­füh­rung be­ruht auf der Vor­ar­beit ei­ner neu­en, bis­her er­staun­lich ei­gen­stän­dig wir­ken­den Er­mitt­lungs­ein­heit der Wel­tan­ti-do­ping-agen­tur (Wada): Die Ab­tei­lung In­tel­li­gence and In­ves­ti­ga­ti­ons (I&I) er­hielt im Herbst 2017, wohl über ei­nen Whist­leb­lo­wer, die so­ge­nann­te Lims-da­ten­bank des Mos­kau­er Do­ping­la­bors zu­ge­spielt – zur Aus­wer­tung: ei­nen Da­ten­satz mit al­len dort ge­fer­tig­ten Do­ping­pro­ben seit 2012. Dar­un­ter ge­wiss vie­le, aber nicht nur rus­si­sche Ath­le­ten.

Schon im No­vem­ber wa­ren die Er­mitt­ler un­ter Lei­tung des frü­he­ren bay­ri­schen Po­li­zei­fahn­ders Günter Youn­ger so weit, ein 16-sei­ti­ges Dos­sier zu den Miss­stän­den in der Ski­jä­ger-welt her­aus­zu­ge­ben – an die für die IBU zu­stän­di­gen Be­hör­den in Ös­ter­reich.

Das ist nur die Spit­ze des Eis­ber­ges. Tat­säch­lich fan­den die Er­mitt­ler rund 9000 auf­fäl­li­ge Be­fun­de qu­er durch die Sport­welt. Die Wada woll­te die­se Grös­sen­ord­nung we­der be­stä­ti­gen noch de­men­tie­ren. Mit­ge­teilt hat sie aber ei­ne an­de­re Di­men­si­on der weit­flä­chi­gen Phar­ma­ver­seu­chung: «Rund 60 in­ter­na­tio­na­le Ver­bän­de» um­fas­se der gan­ze Sumpf.

Die Fra­gen um Olym­pia 2018

60 Ver­bän­de, Win­ter- wie Som­mer­sport­ar­ten – da stellt sich die Fra­ge, wel­che Dis­zi­pli­nen ei­gent­lich nicht be­trof­fen sind. Neu ist das aber nur für die Öf­fent­lich­keit – die be­trof­fe­nen Spit­zen­ver­bän­de, so die Wada wei­ter, wüss­ten schon seit gut vier Mo­na­ten da­von. «Das I&i-team hat sich am 17. De­zem­ber 2017 mit den in­ter­na­tio­na­len Ver­bän­den, dem In­ter­na­tio­na­len Olym­pi­schen Ko­mi­tee und dem In­ter­na­tio­na­len Pa­ralym­pic-ko­mi­tee ge­trof­fen, um ih­nen Lims-da­ten aus dem Mos­kau­er La­bor zu ge­ben, die Urin­pro­ben mit auf­fäl­li­gen Be­fun­den ent­hiel­ten. Die­se Or­ga­ni­sa­tio­nen un­ter­su­chen nun al­le Da­ten, und das I&i-team er­war­tet ih­re Schluss­fol­ge­run­gen, ob sie Fäl­le ge­gen Ath­le­ten ein­brin­gen wol­len.»

60 in­ter­na­tio­na­le Ver­bän­de schla­gen sich al­so seit De­zem­ber mit bri­san­ten Do­ping­da­ten in ih­ren Sport­ar­ten her­um – bis­her in al­ler Stil­le. Ob­wohl ja in die­ser Zeit, im Fe­bru­ar 2018, auch die Olym­pi­schen Win­ter­spie­le in Pyeong­chang statt­fan­den. Das wirft neue Fra­gen auf: Nah­men dort Ak­teu­re teil, die man auf­grund der im De­zem­ber von der Wada vor­ge­leg­ten Da­ten schon hät­te sper­ren kön­nen?

Die Wie­ner Be­hör­den­spre­che­rin In­grid Ma­schl-clau­sen ver­weist dar­auf, dass die Do­pin­ger­mitt­lun­gen ne­ben den bei­den Ibu-spit­zen­leu­ten, Prä­si­dent An­ders Bes­se­berg (Nor­we­gen) und Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Nicole Resch (Deutsch­land), auch «Be­treu­er und Sport­ler des rus­si­schen Bi­ath­lon­teams we­gen der An­wen­dung ver­bo­te­ner Sub­stan­zen be­zie­hungs­wei­se Me­tho­den zum Zweck des Do­pings» be­tref­fen. Im Fo­kus der Er­mitt­ler ist die Bi­ath­lon-wm 2017 im ös­ter­rei­chi­schen Hoch­fil­zen.

Al­le Fra­gen of­fen – wie stets, wenn sich der Spit­zen­sport mit sei­nem Sys­tem­pro­blem her­um­schlägt. Auch der Do­ping­skan­dal um Bes­se­berg und Resch kö­chelt vor sich hin. Es ver­dich­ten sich die Hin­wei­se, dass Bes­se­berg und sei­ne Ge­treue ein Dop­pel­le­ben an der Ver­bands­spit­ze ge­führt ha­ben könn­ten.

Zwar wei­sen sie Fehl­ver­hal­ten zu­rück, doch die im Wada-report dar­ge­leg­te Ver­dachts­la­ge passt zu sehr vie­lem, was aus dem Ar­beits­um­feld der IBU dringt. Dem­nach soll Resch, die das Ge­ne­ral­se­kre­ta­ri­at 2008 aus der As­sis­ten­ten­rol­le über­nahm, in der Zen­tra­le ei­ne im­mer um­fas­sen­de­re Allein­kon­trol­le aus­ge­übt ha­ben – ge­ra­de auch im Um­gang mit Do­ping­fra­gen.

Die Ab­stim­mung pro Russ­land

Die Wada-er­mitt­ler se­hen die Deut­sche, der auch das Blut­pass-pro­gramm un­ter­stand, als «star­ke Ver­tei­di­ge­rin rus­si­scher In­ter­es­sen»; sie ha­be «fast au­to­no­me Kon­trol­le» über den An­ti-do­ping­be­reich aus­ge­übt – so steht es im Report für die Be­hör­den. Und Bes­se­berg? Auch hier stützt das Dos­sier vie­le In­si­der­be­rich­te. Die Re­de ist von Stim­men­käu­fen, viel­zäh­li­gen Jagd­aus­flü­gen und no­to­ri­schen Es­cort-aben­teu­ern. Die­ser Teil der Af­fä­re dürf­te eben­so noch an sei­nem Be­ginn ste­hen wie an­de­re Kor­rup­ti­ons­fra­gen. So hat Bes­se­berg in sei­nem Ibu-vor­stand An­fang des Jah­res nur mit Mü­he die Be­stä­ti­gung durch­ge­boxt, dass das Welt­cup­fi­na­le im März, der rus­si­schen Do­ping-staats­af­fä­re zum Trotz, im rus­si­schen Tju­men statt­fand. In­si­der be­rich­ten von ei­nem 4:4-Vor­stands­vo­tum.

In die­ser Patt­si­tua­ti­on ha­be dann die Stim­me des Prä­si­den­ten den Aus­schlag ge­ge­ben. Ver­mel­det wur­de in­des, dass der Be­schluss in ei­nem de­mo­kra­ti­schen Pro­zess ge­fal­len sei. In­ter­es­sant könn­te das noch wer­den, weil im Wada-dos­sier – das sich ja ganz auf Zei­t­räu­me vor die­ser Tju­men-ab­stim­mung be­zieht – von Zah­lun­gen an «nicht be­kann­te» Ibu­vor­stän­de die Re­de ist, ab­ge­stuft von 25 000 bis 100 000 Dol­lar.

Dass die in der Bi­ath­lo­n­af­fä­re Be­schul­dig­ten ihr Schwei­gen bre­chen, ist vor­läu­fig so we­nig zu er­war­ten wie ein klä­ren­des Wort von­sei­ten der 60 in­ter­na­tio­na­len Ver­bän­de, die dis­kret mit ih­ren Da­ten ringen. Aber die Wada hat sich po­si­tio­niert. Sie will nicht ewig war­ten und not­falls dort auf Do­ping­ver­fah­ren drän­gen, wo Funk­tio­nä­re in be­währ­ter Ma­nier nach Aus­flüch­ten su­chen – um Pu­bli­kum und Geld­ge­ber nicht all­zu sehr zu ver­schre­cken. Die Geld­ge­ber sind aber jetzt un­mit­tel­bar in der Ver­ant­wor­tung. Gern wur­de ja be­tont, dass es har­te An­ti-do­ping-klau­seln in öf­fent­lich-recht­li­chen Tv-ver­trä­gen ge­be. Des­halb könn­te, was der Rad­sport einst er­lebt hat­te, dem­nächst auch den Winterspor­t er­fas­sen.

Fo­to: File Photo

Ei­ne Sport­art in Ver­ruf: Bi­ath­lon-wett­be­werb an den Olym­pi­schen Spie­len in Süd­ko­rea.

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