Der Va­ter irr­te sich

Ka­sim Nu­hu steht mit YB vor sei­nem ers­ten Ti­tel­ge­winn – und im Som­mer viel­leicht vor sei­nem nächs­ten Trans­fer. Der ver­meint­li­che Um­weg Schweiz ist für ihn zur Über­hol­spur ge­wor­den.

Der Bund - - SPORT - Mo­ritz Martha­ler

Es hat­te so gar nichts Hier­ar­chi­sches. Die bei­den fie­len sich um den Hals, der ei­ne freu­te sich, dass ihn der an­de­re wür­dig ver­tre­ten hat­te, dass ihm al­les nach Wunsch ge­glückt war. Ka­sim Nu­hu (22), Ab­wehr­turm, war am Sonn­tag nach dem 1:0 von YB ge­gen Zü­rich der ers­te Gra­tu­lant von Gregory Wü­th­rich (22), Ver­tei­di­ger­ta­lent. Ge­sperrt hat­te Nu­hu ge­fehlt, Wü­th­rich gab den Stell­ver­tre­ter, doch da­von war in die­sem Mo­ment nichts zu spü­ren.

Nu­hu aus Ku­ma­si, Gha­na, er­zählt fröh­lich, wie er mit Wü­th­rich aus dem Stei­ger­hu­bel, Büm­pliz, ger­ne über die ge­mein­sa­men Wur­zeln in Gha­na spricht, der Hei­mat von Nu­hu, der Hei­mat von Wü­th­richs Va­ter. Und ir­gend­wann sagt Nu­hu die­sen Satz, den wohl je­der Trai­ner am liebs­ten in di­cken Let­tern an die Ka­bi­nen­tür ma­len wür­de: «Ei­gent­lich möch­te ich mit all mei­nen Mit­spie­lern gleich­zei­tig auf dem Feld ste­hen.»

Ges­tern, heu­te, mor­gen

Die gu­te Stim­mung im Team trägt die Young Boys in die­sen Ta­gen mit zum Ti­tel, und es ist be­son­ders für die jun­gen, ta­len­tier­ten Fussballer aus Afri­ka wie Nu­hu oder Ro­ger As­salé ein viel­ver­spre­chen­der Früh­ling. YB ist für sie ein Tram­po­lin, es fe­dert sich ge­ra­de wun­der­bar leicht dar­auf, doch frü­her oder spä­ter wird auch Nu­hu ei­nen nächs­ten, gros­sen Sprung ma­chen. Nu­hu denkt an ges­tern und heu­te, er sagt, er den­ke we­ni­ger an mor­gen. An Ku­ma­si in Gha­na, wo er auf­ge­wach­sen ist und an die Win­kel­ried­stras­se im Brei­ten­rain, wo er wohnt. Aber nicht an Li­ver­pool, Chel­sea, Tot­ten­ham.

Es wä­re kei­ne Über­ra­schung, wür­de Nu­hu nach sei­nem Hö­hen­flug mit YB schon im Som­mer zu ei­nem Ver­ein die­ser Grös­sen­ord­nung wech­seln. Nach sei­ner An­kunft im Som­mer 2016 und ers­ten, noch zag­haf­te­ren Ein­sät­zen hat er sich auf die­se Sai­son hin zur idea­len Er­gän­zung von Ab­wehr­chef Ste­ve von Ber­gen ent­wi­ckelt. Dass der 1,90 Me­ter gros­se Hü­ne ein her­aus­ra­gen­der Kopf­ball­spie­ler ist, mag we­ni­ger über­ra­schen – dass er da­ge­gen über her­aus­ra­gen­de spie­le­ri­sche An­la­gen ver­fügt, hin­ge­gen schon. «Er fängt im­mer et­was an mit dem Ball», sagt sein Trai­ner Adi Hüt­ter über ihn, «und mit der Rou­ti­ne, die in die­ser Sai­son hin­zu­ge­kom­men ist, hat er auch enorm an Ru­he ge­won­nen.»

Es gab in die­ser Sai­son schon Mo­men­te, die ei­nen Ab­gang von Ka­sim Nu­hu be­reits im Win­ter zum The­ma mach­ten. Im Au­gust in der Qua­li­fi­ka­ti­on zur Cham­pi­ons Le­ague ge­gen ZSKA Mos­kau et­wa war Nu­hu der bes­te Mann auf dem Platz, er spiel­te über­ra­gend, na­he­zu per­fekt. Und über­lis­te­te in der 93.Mi­nu­te sei­nen ei­ge­nen Tor­wart Da­vid von Ball­moos mit ei­ner ku­rio­sen Kopf­ball­rück­ga­be zum 0:1 ins ei­ge­ne Tor. Mos­kau buch­te den Aus­wärts­tref­fer, im Rück­spiel war YB zu kei­ner Re­ak­ti­on mehr fä­hig. Doch schon da­mals be­stach der jun­ge Nu­hu durch sei­ne Lo­cker­heit, ana­ly­sier­te den Lap­sus erst se­ri­ös und er­zähl­te dann la­chend, was ihn aus sei­ner Hei­mat des­we­gen al­les für Re­ak­tio­nen er­reich­ten.

Dribb­lings als letz­ter Mann, aben­teu­er­li­che Aus­flü­ge, Dis­tanz­schüs­se – Spie­le mit Nu­hu wa­ren ge­ra­de in sei­nen An­fän­gen bei YB im­mer auch ein Draht­seil­akt. Heu­te sagt er: «Da­mals ha­ben mich al­le auf­ge­rich­tet. Es gab kei­nen ein­zi­gen Vor­wurf des­we­gen. Das war ein gu­tes Ge­fühl.» Das Miss­ge­schick hat­te sei­ne Trag­wei­te, aber be­stimmt war es für Nu­hu auch ei­ne Art Um­bruch in sei­ner Ge­schich­te bei YB. «Das hat ihn mit ge­formt», sagt Hüt­ter.

Brü­che gab es in der Ge­schich­te von Ka­sim Nu­hu schon frü­her. Als Ju­gend­li­cher ver­bot ihm sein Va­ter, es wie sein äl­te­rer Bru­der Ah­med auch mit Fussball zu ver­su­chen. Nu­hu, der jün­ge­re, trai­nier­te heim­lich – und stell­te dann mit 16 Jah­ren sei­nen Va­ter vor voll­ende­te Tat­sa­chen: Um­zug in ei­ne an­de­re Stadt, al­les auf die Kar­te Fussball. Das ging auf, Nu­hu schaff­te den Sprung nach Spa­ni­en, zu Le­ga­nés, und von dort wei­ter zu Mal­lor­ca.

«Ein Traum von mir», sagt Nu­hu über die Pri­me­ra Di­vi­si­on, der er so, in der zwei­ten spa­ni­schen Li­ga, ein biss­chen nä­her kam und die er als Kind im­mer im Fern­se­hen ver­folg­te. Genau­so wie ei­ne ar­gen­ti­ni­sche Te­le­no­ve­la, «kei­ne Ah­nung, war­um die bei uns lief», aber wohl des­we­gen lief es Nu­hu mit Spa­nisch auf An­hieb ziem­lich leicht. Zu nur sechs Ein­sät­zen kam Nu­hu, ein­mal er­ziel­te er ge­gen die zwei­te Mann­schaft von Bar­ce­lo­na zwei To­re.

«Bald, aber noch nicht jetzt»

Schliess­lich lan­de­te Ka­sim Nu­hu in Bern. «Ich wuss­te nichts über den Ver­ein, die Stadt. Und jetzt bin ich so glück­lich hier.» Am An­fang stand ein Leih­ver­trag, ver­gan­ge­nes Jahr hat er ei­nen Kon­trakt bis 2021 un­ter­schrie­ben. Vier­jah­res­ver­trä­ge sind ei­ne ris­kan­te Wet­te im mo­der­nen Fussball, für die Young Boys könn­te sie sich mit ei­ner zwei­stel­li­gen Mil­lio­nen­ab­lö­se im Som­mer mas­siv loh­nen.

Und für Ka­sim Nu­hu wird der ver­meint­li­che Um­weg wo­mög­lich zur ra­san­ten Über­hol­spur. Mit YB steht er vor sei­nem ers­ten Ti­tel­ge­winn – «die Ju­nio­ren­tro­phäe aus Gha­na zäh­le ich jetzt mal nicht da­zu». Dann will Nu­hu auch an mor­gen den­ken. «Bald, aber noch nicht jetzt», sagt er la­chend.

Fo­to: Ra­pha­el Mo­ser

Vom Draht­seil­akt zum si­che­ren Wert: Ka­sim Nu­hu hat bei den Young Boys ei­ne stei­le Ent­wick­lung hin­ter sich.

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