Ge­richt klärt heik­le Fra­ge der An­ony­mi­tät beim Kin­des­schutz

Ei­ne Mut­ter er­hält vor Ober­ge­richt recht: Sie darf er­fah­ren, wer bei der Kin­des- und Er­wach­se­nen­schutz­be­hör­de die Ver­mu­tung ge­äus­sert hat­te, ih­re Kin­der sei­en ge­fähr­det.

Der Bund - - BERN - Bri­git­te Wal­ser

Das Ober­ge­richt des Kan­tons Bern hat die Kin­des- und Er­wach­se­nen­schutz­be­hör­de (Kesb) Em­men­tal an­ge­wie­sen, ei­ner Mut­ter voll­stän­di­ge Ein­sicht in die Ak­ten über sie zu ge­wäh­ren. Die Mut­ter soll auch den Na­men je­ner Per­son er­fah­ren, die bei der Kesb ei­ne Ge­fähr­dungs­mel­dung ge­macht hat­te. Die Per­son hat­te der Kesb ge­gen­über die Be­fürch­tung ge­mel­det, dass die Mut­ter die Be­dürf­nis­se ih­rer Kin­der nicht wahr­neh­men kön­ne. Sie ver­lang­te, an­onym zu blei­ben: Mit ei­ner Of­fen­le­gung ih­rer Iden­ti­tät kön­ne sie nicht um­ge­hen.

Die Kesb ging der Mel­dung nach, konn­te aber kei­ne Kin­des­wohl­ge­fähr­dung fest­stel­len und kam zum Schluss, dass kei­ne Schutz­mass­nah­men nö­tig sei­en. Sie ge­währ­te der Mut­ter Ein­sicht in die Ak­ten, kam al­ler­dings der For­de­rung der mel­den­den Per­son nach und mach­te de­ren Na­men un­kennt­lich. Da­ge­gen wehr­te sich die Mut­ter. Sie ar­gu­men­tier­te, es sei schwie­rig, nicht zu wis­sen, von wem die Mel­dung stam­me. Es stö­re das Ver­trau­en und die Be­zie­hung zu Freun­den und Nach­barn. Das Ober­ge­richt kann dies nach­voll­zie­hen. Es gab der Mut­ter recht und kam in sei­ner Ab­wä­gung zum Schluss, dass das In­ter­es­se der mel­den­den Per­son an An­ony­mi­tät nicht hö­her sei als das In­ter­es­se der Mut­ter an der Kennt­nis die­ser Per­son. Das Ur­teil ist im Ja­nu­ar ge­fällt wor­den. Es ist in­zwi­schen rechts­kräf­tig.

Wie mit den An­ga­ben zu Per­so­nen um­zu­ge­hen ist, die der Kesb ei­ne Ge­fähr­dung mel­den, war auch The­ma ei­ner An­fra­ge von Zürcher Kan­tons­rä­ten. Vor­aus­ge­gan­gen war ein Vor­fall in ei­nem Schul­haus im Kan­ton Zü­rich, über den Me­di­en im ver­gan­ge­nen Herbst be­rich­tet hat­ten. Ei­ne Mut­ter war auf ei­ne Leh­re­rin los­ge­gan­gen. Bei ih­rem Kind hat­te die Kesb ei­ne Mass­nah­me er­grif­fen, die Schul­lei­tung hat­te vor­gän­gig ei­ne Ge­fähr­dungs­mel­dung ge­macht. In ei­ner An­fra­ge woll­ten die Kan­tons­rä­te wis­sen, wie Mel­de­stel­len oder mel­den­de Per­so­nen ge­schützt sei­en. Wenn es der Pra­xis ent­spre­che, dass bei Ge­fähr­dungs­mel­dun­gen die mel­den­de Per­son of­fen­ge­legt wer­de, be­ste­he die Ge­fahr, dass man aus Angst vor Re­pres­si­on weg­schaue und Lei­den in Kauf neh­me.

Recht auf fai­res Ver­fah­ren

Wie die Ber­ner Rich­ter, so hielt auch der Zürcher Re­gie­rungs­rat im Ja­nu­ar grund­sätz­lich fest: Die Kesb muss bei An­zei­chen ei­ner Ge­fähr­dung ak­tiv wer­den. Sie ist da­bei auf Mel­dun­gen von Pri­va­ten und Be­hör­den an­ge­wie­sen. Je­de Per­son kann ei­ne Mel­dung er­stat­ten. Ge­mäss dem Ober­ge­richt des Kan­tons Bern muss sie nicht über­prü­fen, ob das Kind tat­säch­lich im Sin­ne des Kin­des­schutz­rechts hilfs­be­dürf­tig ist. Das ab­zu­klä­ren sei Auf­ga­be der Kesb. Nur mut­wil­li­ge Mel­dun­gen oder sol­che wi­der bes­se­res Wis­sen könn­ten straf­recht­lich re­le­vant wer­den, so das Ge­richt. Die mel­den­de Per­son er­hält in der Re­gel aber kei­ne Ak­ten­ein­sicht. Mel­dun­gen an die Kesb kön­nen auch an­onym ein­ge­reicht wer­den. Das sei aber nicht sinn­voll, da kei­ne Rück­fra­gen mög­lich sei­en, hält der Zürcher Re­gie­rungs­rat fest. Ein­zel­ne Be­hör­den wei­sen dar­auf hin, dass an­ony­me Mel­dun­gen un­ter Um­stän­den nicht auf­ge­nom­men wer­den kön­nen.

Der Zürcher Re­gie­rungs­rat be­tont in sei­ner Ant­wort das Recht auf ein fai­res Ver­fah­ren: Be­trof­fe­ne müs­sen ih­re Sicht dar­le­gen kön­nen. Da­bei ist Ak­ten­ein­sicht wich­tig. In der Re­gel sei der An­spruch der be­trof­fe­nen Per­son auf ein fai­res Ver­fah­ren hö­her zu ge­wich­ten als die An­ony­mi­tät der mel­den­den Per­son oder Be­hör­de. Der Kan­ton Bern weist dar­auf be­reits im Mel­dungs­blatt hin: An­ga­ben zur mel­den­den Per­son könn­ten nur in sel­te­nen Fäl­len ge­heim­ge­hal­ten wer­den. Und der Kan­ton Zü­rich schreibt im Merk­blatt: Die mel­den­de Per­son ha­be kei­nen An­spruch auf An­ony­mi­tät, aus­ser es sei mit Über­grif­fen auf sie zu rech­nen.

Schutz im Zen­trum

Zu den ein­zel­nen kon­kre­ten Fäl­len kann Beat Reich­lin nicht Stel­lung neh­men. Ge­mäss dem stell­ver­tre­ten­den Ge­ne­ral­se­kre­tär der Kon­fe­renz für Kin­des- und Er­wach­se­nen­schutz ist je­der Fall in­di­vi­du­ell ab­zu­wä­gen. Doch er stellt klar: Die Kesb sei ei­ne An­lauf­stel­le, wenn je­mand Schutz, Hil­fe oder Rat be­nö­ti­ge. Ge­he ei­ne Mel­dung ein, su­che sie nach trag­fä­hi­gen Lö­sun­gen und zwar ge­mein­sam mit den Be­trof­fe­nen. Sie sei kei­ne Sank­ti­ons­be­hör­de, bei der man je­man­den mit ei­ner Ge­fähr­dungs­mel­dung de­nun­zie­re. Viel­mehr ge­he es dar­um, hin­zu­schau­en, Lö­sun­gen zu fin­den und Leid zu ver­hin­dern. Im­mer ste­he da­bei der Schutz ver­letz­li­cher Per­so­nen im Zen­trum. Wer die­sen Schutz in Ge­fahr se­he, kön­ne mit Be­trof­fe­nen Kontakt auf­neh­men, und sich im Ide­al­fall ge­mein­sam mit ih­nen an die Kesb wen­den. Dann brau­che es gar kei­ne An­ony­mi­tät. Die­se sei nur in Ein­zel­fäl­len nö­tig, aus­ser­dem sei­en die Ver­fah­rens­rech­te zu ge­währ­leis­ten und die Ent­schei­de der Kesb kön­nen vor Ge­richt an­ge­foch­ten wer­den.

Sym­bol­bild: Franziska Schei­deg­ger

Ge­scha­hen im idyl­li­schen Em­men­tal Din­ge, um die sich die Kesb küm­men muss? Ei­ne Per­son mel­de­te Pro­ble­me, woll­te aber an­onym blei­ben.

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