«Man weiss nie genau, wie sich Fa­mi­li­en­kon­flik­te ent­wi­ckeln»

Wer ei­ne Ge­fähr­dungs­mel­dung macht, braucht sehr gu­te Grün­de, um an­onym zu blei­ben, sagt die Fa­mi­li­en­rechts­ju­ris­tin An­na Mur­phy.

Der Bund - - BERN - In­ter­view: Mar­kus Dütsch­ler

Ein Kesb-mit­ar­bei­ter hat ei­ner Per­son An­ony­mi­tät zu­ge­si­chert, als die­se ei­ne Ge­fähr­dungs­mel­dung ein­reich­te. Dann rück­te die Kesb den Na­men den­noch her­aus. Ver­stösst das nicht ge­gen Treu und Glau­ben?

Es kommt nicht sel­ten vor, dass vo­rei­li­ge Ver­spre­chun­gen ge­macht wer­den. Doch ein Kesb-mit­ar­bei­ter darf nichts ver­spre­chen, was schluss­end­lich der Bun­des­und Kan­tons­ver­fas­sung wi­der­spricht.

Die ber­ni­sche Ver­fas­sung schützt das Recht auf Ak­ten­ein­sicht.

Die­ses Recht ist auch ein Aus­fluss des recht­li­chen Ge­hörs, ein Prin­zip, das sehr wich­tig ist in ju­ris­ti­schen Ver­fah­ren. Wird es ver­letzt, ist das ein schwe­rer Man­gel, der von ei­ner Ober­in­stanz oft kor­ri­giert wird.

Wo­rin be­steht das recht­li­che Ge­hör im Kesb-fall, bei dem ei­ne Mut­ter wis­sen woll­te, wer die Ge­fähr­dungs­mel­dung ge­gen sie ge­macht hat­te?

Die Ge­fähr­dungs­mel­dung ist ein schwe­rer Ein­griff in die Per­sön­lich­keit der Mut­ter. Wenn die­se weiss, wer die Mel­dung ge­macht hat, kann sie sich weh­ren. Sie könn­te et­wa vor­brin­gen, dass die Per­son kürz­lich mit ihr im Su­per­markt ei­nen hef­ti­gen Streit aus nich­ti­gem An­lass aus­ge­tra­gen ha­be, die Ge­fähr­dungs­mel­dung sei ei­ne Re­tour­kut­sche. Zu­dem ist die Ge­fähr­dungs­mel­dung Teil der Ak­ten, die­se dür­fen an­de­ren Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten nicht vor­ent­hal­ten wer­den.

Wer weiss, dass sein Na­me ge­nannt wird, ver­zich­tet auf ei­ne Mel­dung.

Es ist mög­lich, dass je­mand die Zi­vil­cou­ra­ge nicht auf­bringt, wenn er weiss, dass sein Na­me ge­nannt wird. And­rer­seits ist es auch in ei­nem Straf­ver­fah­ren so, dass ein Zeu­ge vor Ge­richt aus­sa­gen und sich kri­ti­sche Nach­fra­gen des Be­schul­dig­ten ge­fal­len las­sen muss. Das ge­hört da­zu.

Aus­ser in ei­nem Ma­fia­pro­zess.

Dort gel­ten aus ver­ständ­li­chen Grün­den an­de­re Ge­wich­tun­gen. Es kommt aber auch bei Kesb-fäl­len vor, dass der Na­me un­ge­nannt bleibt, wenn die Per­son mit Re­pres­sa­li­en rech­nen muss. Doch da­für braucht es kon­kre­te An­halts­punk­te.

Reicht es nicht, wenn man vor­bringt, es könn­te et­was pas­sie­ren?

Nein. Man weiss na­tür­lich nie, wie sich emo­tio­na­le Fa­mi­li­en­an­ge­le­gen­hei­ten ent­wi­ckeln. Ich ha­be als hoch schwan­ge­re An­wäl­tin vor Ge­richt er­lebt, dass mich die Ge­gen­sei­te be­droh­te.

Das Ober­ge­richt schreibt in ei­nem in­zwi­schen rechts­kräf­ti­gen Ur­teil von Mit­te Ja­nu­ar, die Frau hät­te die Mel­dung «ef­fek­tiv an­onym» ma­chen kön­nen, wenn es ihr so wich­tig sei, dass ihr Na­me draus­sen blei­be.

Die Kesb geht auch an­ony­men Hin­wei­sen nach, denn sie muss von Am­tes we­gen ab­klä­ren, ob an der Sa­che et­was dran ist. Oft stellt sich aber her­aus, dass da je­mand ein­fach ei­ne Per­son an­onym an­schwär­zen woll­te. Es ist glaub­wür­di­ger, wenn ei­ne auf­merk­sa­me Leh­re­rin mit Un­ter­schrift mel­det, dass sich ein Kind sehr son­der­bar ver­hält – oder wenn der Fuss­ball­trai­ner mit­teilt, dass ein Kn­a­be häu­fig blaue Fle­cken hat. Hier gibt es auch kei­nen Grund, nicht mit sei­nem Na­men hin­zu­ste­hen.

An­na Mur­phy Die Rechts­an­wäl­tin ar­bei­tet im Ad­vo­ka­tur­bü­ro Bra­cher und Part­ner in Bern. Sie ist auf Familienre­cht spe­zia­li­siert.

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