Er­do­gan will plötz­lich Neu­wah­len

Der tür­ki­sche Prä­si­dent lässt be­reits in we­ni­ger als neun Wo­chen Prä­si­dent­schafts- und Par­la­ments­wah­len ab­hal­ten. Die Op­po­si­ti­on gibt sich de­mons­tra­tiv ge­las­sen – ob­wohl sie über­rum­pelt wur­de.

Der Bund - - AUSLAND - Lui­sa See­ling

Ges­tern ging es auf ein­mal ganz schnell. Seit Mo­na­ten war in der Tür­kei über vor­ge­zo­ge­ne Neu­wah­len spe­ku­liert wor­den, Ko­lum­nis­ten und Ana­lys­ten hat­ten die Für und Wi­der durch­ge­spielt, es hat­te et­was von ei­ner Schach­par­tie: Wer kann die meis­ten Zü­ge vor­aus­be­rech­nen? Am Nach­mit­tag trat dann Staats­prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan in Ankara vor die Pres­se: Am 24. Ju­ni, in knapp neun Wo­chen, sol­len gleich­zei­tig Prä­si­dent­schafts­ und Par­la­ments­wah­len statt­fin­den – fast an­dert­halb Jah­re vor dem re­gu­lä­ren Ter­min im No­vem­ber 2019. An­ge­sichts be­vor­ste­hen­der Her­aus­for­de­run­gen, sag­te Er­do­gan, wer­de der Wech­sel zum Prä­si­di­al­sys­tem im­mer dring­li­cher. Nach we­ni­gen Mi­nu­ten war die Pres­se­kon­fe­renz vor­bei, Fra­gen wa­ren nicht zu­ge­las­sen. Und das, ob­wohl ei­ni­ge of­fen­ge­blie­ben wa­ren: Hat­te Er­do­gan nicht stets be­teu­ert, kei­ne vor­ge­zo­ge­nen Neu­wah­len an­zu­stre­ben? War­um muss es nun so ir­re schnell ge­hen?

Fest­nah­men und Ent­las­sun­gen

Er­do­gans Er­klä­rung war am Diens­tag ein Vor­stoss Dev­let Bah­ce­lis vor­aus­ge­gan­gen, des Vor­sit­zen­den der Par­tei der Na­tio­na­lis­ti­schen Be­we­gung (MHP). Bah­ce­li ist ein Ver­bün­de­ter des Prä­si­den­ten, schon jetzt stimmt sei­ne Frak­ti­on im Par­la­ment häu­fig für Vor­ha­ben der re­gie­ren­den AKP. Für die kom­men­den Wah­len ha­ben bei­de Par­tei­en auch for­mal ei­ne Al­li­anz ge­bil­det. Bah­ce­li hat­te sich ei­gent­lich den 26. Au­gust als mög­li­chen Wahl­ter­min aus­ge­wählt, den Tag, an dem im Jahr 1071 die tür­ki­schen Seld­schu­ken in der Schlacht von Man­zi­kert den by­zan­ti­ni­schen Kai­ser schlu­gen. Nicht ein­mal bis Au­gust aber woll­te sich Er­do­gan of­fen­bar ge­dul­den. Er lud Bah­ce­li in sei­nen Pa­last ein, und am En­de der Un­ter­re­dung stand fest: Auch 2018 müs­sen die Tür­ken wie­der wäh­len – vor­aus­ge­setzt, die Wahl­be­hör­de stimmt zu, woran kaum je­mand zwei­felt.

Auch die­ses Jahr wird es al­so kei­ne Ver­schnauf­pau­se für die Wäh­ler ge­ben. 2014 fan­den in der Tür­kei Kom­mu­nalund Präsidents­chaftswahl­en statt. 2015 wähl­ten die Tür­ken ein neu­es Par­la­ment, und als kei­ne Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on zu­stan­de kam, muss­ten sie kurz dar­auf noch­mals an die Ur­ne. 2016 war das Jahr des ge­schei­ter­ten Putsch­ver­suchs mit sei­nen dra­ma­ti­schen Fol­gen: Fest­nah­men, Ent­las­sun­gen, Aus­nah­me­zu­stand. Am Mitt­woch wur­de die­ser Not­stand er­neut um ein Quar­tal ver­län­gert – die Wahl fin­det al­so in ei­nem Kli­ma statt, in dem das Ver­samm­lungs­recht ein­ge­schränkt ist und die Po­li­zei im «An­ti­ter­ror­kampf» kaum be­schränkt ist.

Im April 2017 stimm­ten die Tür­ken dann mit knap­per – und höchst um­strit­te­ner – Mehr­heit für die schritt­wei­se Ein­füh­rung ei­nes Prä­si­di­al­sys­tems. Die nun vor­ge­zo­ge­ne Dop­pel­wahl soll den his­to­ri­schen Sys­tem­wech­sel ab­schlies­sen; das Amt des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten wird ab­ge­schafft, das Prä­si­den­ten­amt enorm auf­ge­wer­tet. Für Er­do­gan geht es um viel.

Wich­tigs­ter Grund für vor­ge­zo­ge­ne Neu­wah­len dürf­te die tür­ki­sche Wirt­schaft sein. Die wuchs 2017 zwar um 7,4 Pro­zent, doch die Li­ra fällt seit Mo­na­ten, al­lein im März ver­lor sie rund 8 Pro­zent ih­res Wer­tes ge­gen­über Dol­lar und Eu­ro. Soll­te sich die Wirt­schafts­la­ge ver­düs­tern, könn­ten sich Er­do­gans Sie­ges­chan­cen ver­schlech­tern. Schon jetzt kommt das Wahl­bünd­nis von AKP und MHP nur auf ei­ne knap­pe Mehr­heit. Wenn der «Afrin­ef­fekt» ver­pufft, je­ne pa­trio­ti­sche Hur­ra­stim­mung, die Tei­le des Lan­des seit dem Ein­marsch in Nord­sy­ri­en er­fasst hat, könn­te die­ser Vor­sprung wei­ter­schrump­fen. Ein wei­te­res Mo­tiv: Über­rum­pe­lung. Zwar ver­kün­de­ten die Op­po­si­ti­ons­par­tei­en schon am Diens­tag mehr oder we­ni­ger uni­so­no, ein frü­he­rer Wahl­ter­min ma­che ih­nen gar nichts aus. Ke­mal Ki­li­cdarog­lu, Chef der ke­ma­lis­tisch­sä­ku­la­ren CHP, be­ grüss­te die Aus­sicht auf Vor­ver­le­gung, und die pro­kur­di­sche HDP liess wis­sen, man neh­me «die Her­aus­for­de­rung» an. Ent­spannt gab sich auch Me­ral Ak­se­ner, Vor­sit­zen­de der kürz­lich ge­grün­de­ten kon­ser­va­ti­ven Iyi­par­tei: «Vor­ge­zo­ge­ne Wah­len oder Wah­len nach Plan, dies oder das; es gibt nichts, wes­we­gen wir uns Sor­gen ma­chen soll­ten», sag­te sie.

Par­tei­füh­rung im Ge­fäng­nis

Nur än­dert all die de­mons­tra­ti­ve Ge­las­sen­heit nichts dar­an, dass zwei Mo­na­te ex­trem we­nig Zeit sind, um Wahl­kampf zu ma­chen. Die Re­gie­rungs­par­tei hat ihr Bünd­nis schon ge­schmie­det – die «Volks­al­li­anz» mit der MHP; bei den Her­aus­for­de­rern ist bis­lang nicht klar, ob über­haupt Al­li­an­zen zu­stan­de kom­men.

Auch Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten ste­hen noch nicht fest, von Me­ral Ak­se­ner ab­ge­se­hen, die er­klärt hat, an­tre­ten zu wol­len. Soll­te Er­do­gan im ers­ten Wahl­gang kei­ne ab­so­lu­te Mehr­heit er­rin­gen, könn­ten sich im zwei­ten Durch­lauf vie­le Wäh­ler hin­ter ihr ver­sam­meln; auf die Stim­men der Kur­den kann sie als ehe­ma­li­ge Hard­li­ne­rin im Kur­den­kon­flikt aber nicht zäh­len, wes­halb es wo­mög­lich nicht reicht, um Er­do­gan zu schla­gen. Im Fall der CHP dürf­te es we­gen der Ei­le auf Ki­li­cdarog­lu hin­aus­lau­fen; der aber schnitt in ver­gan­ge­nen Ab­stim­mun­gen eher schlecht ab. Und die Kur­den? Ein Teil ih­rer Füh­rung sitzt im Ge­fäng­nis, dar­un­ter der cha­ris­ma­ti­sche Ex­par­tei­chef Se­lahat­tin De­mir­tas. Wäh­rend Er­do­gan im Ren­nen um die Macht von der Pole­po­si­tion star­tet, müs­sen sei­ne Geg­ner sich erst noch sor­tie­ren.

Fo­to: Reu­ters

Fra­gen be­ant­wor­te­te er kei­ne: Der tür­ki­sche Staats­prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan ges­tern in Ankara.

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