Ei­gent­lich will Star­bucks Vor­bild sein

Die Kaf­fee­haus-ket­te ver­ord­net den An­ge­stell­ten nach ei­nem Zwi­schen­fall in ei­ner Fi­lia­le ein An­ti-dis­kri­mi­nie­rungs-trai­ning. Die Ab­sicht ist gut. Doch sol­che Kur­se gel­ten oft als kon­tra­pro­duk­tiv.

Der Bund - - WIRTSCHAFT - Wal­ter Nie­der­ber­ger San Fran­cis­co

Star­bucks schliesst am Nach­mit­tag des 29. Mai die 8000 Fi­lia­len in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten und geht in sich. Die 175 000 Mit­ar­bei­terin­nen und Mit­ar­bei­ter sol­len an die­sem Di­ens­tag­nach­mit­tag in ei­nem An­ti-ras­sis­mus-trai­ning ler­nen, was für ein glo­ba­les Un­ter­neh­men selbst­ver­ständ­lich sein soll­te: al­le Kun­den fair und an­stän­dig zu be­han­deln, un­be­se­hen der Haut­far­be.

An­lass ist die grund­lo­se Ver­haf­tung von zwei Afro­ame­ri­ka­nern in ei­ner Fi­lia­le in Phil­adel­phia. Star­bucks ist um sei­nen Ruf ei­nes auf­ge­schlos­se­nen Un­ter­neh­mens be­sorgt. Doch zeigt die Er­fah­rung, dass Schnell­kur­se die tief­sit­zen­den ras­sis­ti­schen Vor­ur­tei­le des Lan­des nicht be­sei­ti­gen kön­nen.

Den zwei Afro­ame­ri­ka­nern war der Zu­gang zur Toi­let­te ver­wehrt wor­den, weil sie an­geb­lich nichts be­stellt hat­ten. Die bei­den wei­ger­ten sich, zu ge­hen, wor­auf die Star­bucks-an­ge­stell­te die Po­li­zei rief. Es folg­te ein mi­nu­ten­lan­ges Hin und Her, be­vor die bei­den in Hand­fes­seln ge­legt ab­ge­führt und be­fragt wur­den. Be­wei­se für kri­mi­nel­le Ab­sich­ten wur­den nicht ge­fun­den. Die Sze­ne wur­de von Gäs­ten ge­filmt und um­ge­hend auf Twit­ter in Um­lauf ge­bracht. Des­halb ist auch be­kannt, dass die bei­den zu ei­nem ge­schäft­li­chen Tref­fen ver­ab­re­det wa­ren.

Das Vi­deo wur­de mehr als zehn Mil­lio­nen Mal her­un­ter­ge­la­den, pro­vo­zier­te ei­nen Shits­torm und ei­nen Boy­kott­auf­ruf, der rasch an Fahrt ge­wann und sich auf an­de­re Städ­te aus­wei­te­te. Star­bucks re­agier­te rasch und gründ­lich. Der Kon­zern­chef, der Fir­men­grün­der und die Che­fin des ope­ra­ti­ven Ge­schäfts reis­ten von Seattle nach Phil­adel­phia und tra­fen sich mit den Be­trof­fe­nen und den Be­hör­den. An­schlies­send ver­such­te Kon­zern­chef Ke­vin John­son, bei meh­re­ren Fern­seh­auf­trit­ten den Scha­den zu be­gren­zen. Der Vor­fall sei über­aus be­dau­erns­wert, sag­te er. Und der Star­bucks-chef ver­sprach: «Wir wer­den al­les tun, da­mit sich so et­was nie mehr er­eig­net».

«Ein elek­tri­sie­ren­der An­lass»

Der Ent­scheid, die über 8000 Fi­lia­len in den USA zu schlies­sen, ist in die­ser Form ein­ma­lig und ver­deut­licht, wie gra­vie­rend Star­bucks die La­ge be­ur­teilt. Das Un­ter­neh­men hat­te sich un­ter Fir­men­grün­der Ho­ward Schultz als so­zi­al ver­ant­wort­lich und welt­of­fen po­si­tio­niert. Es sprang recht früh schon auf die Kam­pa­gne «Fair-tra­de-kaf­fee» auf.

2015, nach den Un­ru­hen in Fer­gu­son, wies das Ma­nage­ment die An­ge­stell­ten an, die Kaf­fee­be­cher mit der Auf­schrift «Race To­ge­ther» zu be­schrif­ten. Die So­li­da­ri­täts­ak­ti­on frei­lich wur­de als bil­li­ger PR-GAG wahr­ge­nom­men und weit­her­um mit Hä­me quit­tiert.

Schon 2008 hat­te Star­bucks die Ca­fés ein­mal kurz ge­schlos­sen. Da­mals ging es dar­um, die Ba­ris­tas bes­ser zu schu­len; ei­ne Ant­wort auf ei­nen star­ken Um­satz­ein­bruch in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten. «Es war auf­grund der Sym­bo­lik ein ge­wal­ti­ger und elek­tri­sie­ren­der An­lass», er­in­ner­te sich Star­bucks-grün­der Ho­ward Schultz spä­ter.

Fi­nan­zi­ell dürf­te die kom­men­de Ak­ti­on we­nig ins Ge­wicht fal­len, weil die Ca­fés die Tü­ren erst nach dem um­satz­star­ken Vor­mit­tag schlies­sen. Ana­lys­ten schät­zen den Ver­lust auf 10 bis 12 Mil­lio­nen, und dies bei ei­nem Jah­res­um­satz von 1,3 Mil­li­ar­den Dol­lar in Nord­ame­ri­ka. Die An­le­ger schei­nen eben­falls we­nig be­sorgt, re­agier­te die Ak­tie doch kaum auf den Vor­fall.

Die Schnell­blei­che von En­de Mai dürf­te in­des­sen nicht ge­nü­gen. Das Pro­blem geht tie­fer. In­zwi­schen tauch­te ein wei­te­res Vi­deo mit ei­nem ähn­li­chen Über­griff in Los An­ge­les auf, und selbst in Phil­adel­phia wer­den nun frü­he­re Vor­fäl­le un­ter­sucht. Be­zeich­nend ist, dass die zwei Afro­ame­ri­ka­ner in ei­nem ge­ho­be­nen, über­wie­gend weis­sen Stadt­teil ver­haf­tet wur­den. Es war dies ein­mal ein schwar­zer Stadt­teil von Phil­adel­phia, doch heu­te sind nur 3 Pro­zent der Ein­woh­ner Afro­ame­ri­ka­ner. Doch ge­mäss der Ame­ri­can Ci­vil Li­ber­ties Uni­on wa­ren im ver­gan­ge­nen Jahr zwei Drit­tel al­ler hier ver­haf­te­ten Per­so­nen Afro­ame­ri­ka­ner.

Schwar­ze nicht will­kom­men

Bei­spie­le für die all­täg­li­che Dis­kri­mi­nie­rung gibt es auch hier vie­le: Ein afro­ame­ri­ka­ni­scher Kun­de muss beim Ver­las­sen ei­nes Buch­la­dens sei­ne Ta­sche zur In­spek­ti­on öff­nen, Kun­din­nen in ei­nem Mo­de­ge­schäft wer­den Schritt auf Schritt von Si­cher­heits­leu­ten ver­folgt, ein Velo­fah­rer wird zum Ab­stei­gen ge­zwun­gen, weil er Mu­sik ge­hört hat. «Es ist klar, dass Afro­ame­ri­ka­ner hier nicht will­kom­men sind. Punkt», meint der Ab­ge­ord­ne­te Jor­dan Har­ris.

Sen­si­bi­li­sie­rungs­kur­se in der ei­nen oder an­de­ren Form bö­ten heu­te rund 20 Pro­zent der Us-fir­men an, schreibt Jo­an­ne Lip­man in «That’s What She Said», ei­nem Buch zur Gleich­stel­lung von Mann und Frau am Ar­beits­platz. Da­für ge­ben sie jähr­lich rund 8 Mil­li­ar­den Dol­lar aus. Ob­li­ga­to­ri­sche Kur­se al­ler­dings, wie Star­bucks sie nun ver­ord­net hat, ha­ben ge­mäss dem Har­vard-so­zio­lo­gen Frank Dob­bin ei­nen zwei­fel­haf­ten Nut­zen. Oft sei­en sie so­gar kon­tra­pro­duk­tiv, weil das Ziel­pu­bli­kum, in der Re­gel weis­se Män­ner, über­vor­sich­tig ge­macht wer­den könn­te. Vie­le hät­ten das Ge­fühl, sie müss­ten sich um Frau­en und Min­der­hei­ten her­um wie auf Eier­scha­len be­we­gen und dürf­ten auf kei­nen Fall Wor­te wäh­len, die als be­lei­di­gend emp­fun­den wer­den könn­ten.

Fo­to: zvg

Star­bucks-chef Ke­vin John­son schliesst tem­po­rär 8000 Fi­lia­len.

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