Ein Kahlkopf räumt auf

Der Sport wird zur­zeit von Do­ping­news mit­ge­prägt. Aus­ge­rech­net ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on aus dem Kampf­be­reich zeigt, wie man das Pro­blem an­ge­hen soll­te. Mit­ten­drin: Jeff No­vitz­ky, der be­kann­tes­te Do­ping­jä­ger.

Der Bund - - SPORT - Chris­ti­an Brüng­ger

Do­ping­be­kämp­fer sind meist Män­ner und Frau­en des Hin­ter­grunds, al­so Rand­fi­gu­ren. Jeff No­vitz­ky ist ei­ne der ra­ren Aus­nah­men. Da­für fällt er nur schon äus­ser­lich zu sehr auf: Gross ge­wach­sen, kahl ge­scho­ren und mit mar­kan­ten Ge­sichts­zü­gen ver­se­hen, wirkt der Ame­ri­ka­ner wie ei­ne Hel­den­fi­gur aus ei­nem Ac­tion­film. No­vitz­ky ist durch­aus ein Mann der Tat.

Er sorg­te mit sei­nem Team in den letz­ten 20 Jah­ren für zwei der spek­ta­ku­lärs­ten glo­ba­len Do­ping-über­füh­run­gen: Erst ent­larv­te er Ma­ri­on Jo­nes (2007), die be­kann­tes­te Sprin­te­rin ih­rer Zeit, als Be­trü­ge­rin. Wich­ti­ger für die Ame­ri­ka­ner aber war: Er er­le­dig­te da­bei auch gleich den Über­base­bal­ler Bar­ry Bonds. Dann stürz­ten No­vitz­ky und Kol­le­gen den 7-fa­chen Tour-de-fran­ce­sie­ger Lan­ce Arm­strong (2012).

Bei­des zu­sam­men mach­te den mitt­ler­wei­le 50-Jäh­ri­gen zum Star der Sze­ne. Da ist na­tür­lich auch viel Ver­klä­rung da­bei. Bei­spiels­wei­se wur­de nach den Coups be­rich­tet, wie No­vitz­ky in­nig den Ab­fall der da­mals noch Ver­däch­ti­gen durch­wühl­te. «Macht je­der se­riö­se Be­am­te», sag­te er da­zu tro­cken.

Raus aus der Schmud­del­ecke

Im Som­mer 2015 er­fuhr No­vitz­kys Le­ben ei­ne Wen­de. Er hät­te es als St­ar­be­am­ter der Le­bens­mit­tel­über­wa­chungs­und Arz­nei­be­hör­de der USA noch lo­cker bis in die Pen­si­on aus­ge­hal­ten, wur­de aber von den Be­sit­zern der UFC um ein Ge­spräch ge­be­ten. UFC steht für Ul­ti­ma­te Fight­ing Cham­pi­ons­hip und ist ei­ne ame­ri­ka­ni­sche Kampf­sport-or­ga­ni­sa­ti­on. Die Ath­le­ten und Ath­le­tin­nen kämp­fen in ei­ner Art Kä­fig. Die Or­ga­ni­sa­ti­on warb nach ih­rer Grün­dung An­fang der 90er-jah­re wie folgt: «The­re are no ru­les!» Zwar durf­te man den Geg­ner we­der beis­sen noch in die Au­gen ste­chen. Kopf­stös­se, Haa­re zie­hen oder Schlä­ge in die Leis­ten­ge­gend aber wa­ren er­laubt. Er­go: ein Bru­ta­lo-sport.

Feh­len­des Ver­trau­en sei die Haupt­mo­ti­va­ti­on zu do­pen, sagt Jeff No­vitz­ky. Al­so will er pri­mär ei­nes: Ver­trau­en her­stel­len.

Aus­ge­rech­net die UFC, die über die Jah­re man­che Re­form er­fuhr, um main­strea­m­i­ger und da­mit we­ni­ger bru­tal zu wer­den, ver­such­te No­vitz­ky an­zu­heu­ern. Denn die vie­len Do­ping­fäl­le mach­ten den Be­sit­zern Sor­gen. Sie woll­ten raus aus der Schmud­del- und Schlä­ge­r­ecke. Zu ih­rem Er­stau­nen wil­lig­te No­vitz­ky ein, weil sie ihm ein weis­ses Blatt über­lies­sen, er al­so ei­nen An­ti-do­pingkampf nach sei­nem Ge­schmack auf­bau­en konn­te. Die­se Chan­ce konn­te sich der be­kann­tes­te Sau­ber­mann der Welt nicht ent­ge­hen las­sen.

Der Fuchs und sei­ne Hüh­ner

Her­aus­ge­kom­men ist ein Sys­tem, das ein­zig­ar­tig ist – und an­ge­sichts der vie­len Do­ping­schlag­zei­len der jün­ge­ren Zeit als Vor­bild dient. Es fusst auf ei­ner emo­tio­na­len Prä­mis­se: Ver­trau­en. Oder wie es der selbst­be­wuss­te No­vitz­ky auf «Spie­gel on­li­ne» for­mu­lier­te: «Ich ha­be über 14 Jah­re lang vie­le gros­se Do­ping­fäl­le un­ter­sucht und mehr Ge­sprä­che mit Dopern ge­führt als je­der an­de­re. Neun von zehn Sport­lern ha­ben mir da­bei ge­sagt, dass vor al­lem feh­len­des Ver­trau­en die Mo­ti­va­ti­on war. Sie ha­ben ih­ren Geg­nern nicht ver­traut. Sie ha­ben ih­ren Team­ka­me­ra­den nicht ver­traut. Und vor al­lem ha­ben sie den Sport­or­ga­ni­sa­tio­nen nicht ver­traut, weil die­se kei­ne un­ab­hän­gi­gen Kon­trol­len durch­ge­führt ha­ben. Wie der be­rühm­te Fuchs, der den Hüh­ner­stall über­wacht.»

Al­so sorg­ten No­vitz­ky bzw. die UFC mit neu­en Re­geln da­für, dass der Fuchs den Hüh­ner­stall ab­gibt. Mit an­de­ren Wor­ten: Die UFC setzt die Re­geln fest und kon­zen­triert sich auf die Do­ping­prä­ven­ti­on, die Kon­trol­len ih­rer Ath­le­ten und die Um­set­zung der Stra­fen aber la­ger­te sie aus. In der Pra­xis führt so­mit die ame­ri­ka­ni­sche An­ti-do­ping-agen­tur Usa­da die Tests durch. Die UFC weiss we­der wann noch wie vie­le Ma­le die Agen­tur ih­re Ath­le­ten über­prüft.

Gibt ein Sport­ler auf­fäl­li­ge A- und Bpro­ben ab bzw. weist er ein Blut­pro­fil auf, das sich nur mit Do­ping bzw. il­le­ga­len Ma­chen­schaf­ten er­klä­ren lässt, wird er von der Agen­tur sank­tio­niert. Im Fall ei­nes Rechts­streits sorgt ein von der Usa­da und der UFC un­ab­hän­gi­ges Schieds­ge­richt da­für, dass die in­vol­vier­ten Par­tei­en kor­rekt be­han­delt wer­den. Da­mit ist die Ge­wal­ten­tren­nung ge­währ­leis­tet, sind mög­li­che In­ter­es­sen­kon­flik­te mi­ni­miert.

Die­ses vor­bild­li­che Kon­strukt schmerzt die UFC mit­un­ter. Just vor ei­nem ih­rer gros­sen Ti­tel­kämp­fe 2016 wur­de ei­ner ih­rer Stars über­führt. Die Or­ga­ni­sa­ti­on muss­te al­so den Kampf ab­sa­gen. Da­bei lebt die UFC ge­ra­de auch von die­sen Hö­he­punk­ten, schliess­lich muss be­zah­len, wer sich am Fern­se­hen die­se Events an­se­hen will.

Das Lob der Ath­le­ten

Statt Kri­tik aus den ei­ge­nen Rei­hen aber wur­de No­vitz­ky Lob zu­teil. Zu­min­dest er­zählt er da­von. «Meh­re­re Ath­le­ten und Trai­ner sag­ten mir da­nach: ‹Wow, falls wir bis­lang glaub­ten, es hand­le sich um ein An­ti-do­ping-pro­gramm mit Ali­bi­cha­rak­ter, sind wir ei­nes Bes­se­ren be­lehrt wor­den.›» Ent­spre­chend hat die UFC seit No­vitz­kys An­kunft meh­re­re Dut­zend Ath­le­ten ge­sperrt – teil­wei­se bis vier Jah­re. Hin­zu kön­nen ho­he fi­nan­zi­el­le Stra­fen kom­men, wie sie der kon­ven­tio­nel­le Sport bzw. Sport­ver­band kaum kennt.

Trotz al­ler Ge­wal­ten­tren­nung kann das von Jeff No­vitz­ky eta­blier­te Sys­tem leicht aus­ge­he­belt wer­den: wenn die UFC fin­det, sich die­sen An­satz nicht mehr leis­ten zu wol­len. Denn sie trägt sämt­li­che Kos­ten. Fin­det sie al­so, der Auf­wand loh­ne sich nicht (mehr), kann sie um­ge­hend den Geld­fluss stop­pen. Bis­lang aber rech­net Jeff No­vitz­ky nicht da­mit. Sei­ne Chefs sind sehr zu­frie­den mit sei­ner Auf­räum­ar­beit.

Fo­to: Mi­ke Roach (Get­ty Images)

Jeff No­vitz­ky hat für die UFC ein ein­zig­ar­ti­ges Sys­tem ent­wi­ckelt.

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