«Lehr­plan 21 bringt das freie Spiel in die Schu­le»

Auch wenn es mehr Ba­sis­stu­fen und we­ni­ger Kin­der­gär­ten gibt: Das freie Spiel kom­me nicht zu kurz, be­to­nen Ex­per­ten der Päd­ago­gi­schen Hoch­schu­le Bern.

Der Bund - - BERN - Bri­git­te Wal­ser

Für Kin­der ist das freie Spiel wich­tig; dar­in sind sich Ex­per­ten ei­nig. Un­ei­nig sind sie dar­über, wel­chen Stel­len­wert die­ses selbst­be­stimm­te Spie­len im Kin­der­gar­ten und in der Schu­le heu­te hat. Es ver­schwin­de, kri­ti­sier­te Er­zie­hungs­wis­sen­schaft­le­rin Mar­grit Stamm im In­ter­view mit dem «Bund». Vie­le Kin­der­gär­ten wür­den ver­schult. Die­ses Pro­blem kön­ne mit dem Lehr­plan 21 noch zu­neh­men. Nat­ha­lie Glau­ser teilt die­se Wahr­neh­mung nicht. Ge­mäss der Kin­der­gärt­ne­rin und Do­zen­tin an der Päd­ago­gi­schen Hoch­schu­le PH Bern ist das freie Spiel in der Aus­bil­dung nicht in­fra­ge ge­stellt. Und auch im neu­en Lehr­plan 21 wer­de es ex­pli­zit er­wähnt. Die­ser hält fest, dass das freie Spiel ein zen­tra­les und viel­schich­ti­ges Lern­feld dar­stel­le und zwar ins­be­son­de­re für die Stu­fe Kin­der­gar­ten, aber auch für die ers­te und zwei­te Klas­se. Weil dem frei­en Spiel im der­zei­ti­gen Lehr­plan der Volks­schu­le nicht die­se Wich­tig­keit bei­ge­mes­sen wird, sagt Gas­ser: «Der Lehr­plan 21 bringt das freie Spiel in die Schu­le.» Zwar sei es dort be­reits prä­sent, doch weil die Schu­le vie­le Auf­ga­ben über­neh­me, er­hal­te es mög­li­cher­wei­se nicht im­mer den nö­ti­gen Stel­len­wert. Dank dem Lehr­plan 21, der im Kan­ton Bern ab Au­gust ein­ge­führt wird, könn­ten sich die Lehr­per­so­nen nun ex­pli­zit auf die­ses zen­tra­le Lern­feld be­ru­fen.

Da­ni­el St­ei­ner lei­tet an der PH Bern das In­sti­tut Vor­schul­stu­fe und Pri­mar­stu­fe. «Spie­len und Ler­nen sind nicht zwei ver­schie­de­ne Din­ge, und mit der Schu­le hört das Spie­len nicht auf», sagt er. Da bei­de Or­ga­ni­sa­ti­ons­for­men so­wohl spiel- als auch lern­fo­kus­siert sei­en, las­se sich be­züg­lich Lern- und Spiel­pro­zes­sen kein Un­ter­schied zwi­schen Kin­der­gar­ten und Ba­sis­stu­fe aus­ma­chen.

Frei­es Spiel hat ei­nen Rah­men

Un­ter frei­em Spiel ver­ste­hen die bei­den Ex­per­ten der PH Bern al­ler­dings nicht, dass man die Kin­der «ein­fach ir­gend­et­was ma­chen lässt». Das freie Spiel sei ge­stal­tet und be­glei­tet. «Da­zu ge­hört ein de­fi­nier­ter Rah­men: Ma­te­ri­al, Zeit und Raum sind ge­ge­ben», sagt Kin­der­gärt­ne­rin und Do­zen­tin Glau­ser. Dar­in könn­ten sich die Kin­der mit ih­rer Welt und je­ner der Er­wach­se­nen aus­ein­an­der­set­zen, sie kön­nen nach­spie­len, aus­pro­bie­ren und Er­leb­tes im ei­ge­nen Tem­po so lan­ge wie­der­ho­len, bis et­was an­de­res die Auf­merk­sam­keit auf sich zieht. Die Fach­leu­te be­to­nen: Das freie Spiel set­ze nicht nur so­zia­le, son­dern auch ko­gni­ti­ve Lern­pro­zes­se in Gang. Da­mit ent­kräf­ten sie all­fäl­li­ge Be­fürch­tun­gen von El­tern, ih­re Kin­der wür­den im Kin­der­gar­ten nicht op­ti­mal auf die Schu­le vor­be­rei­tet, wenn man sie dort «ein­fach spie­len las­se». Das freie Spiel ge­hö­re zur op­ti­ma­len Vor­be­rei­tung auf die Schu­le, so Glau­ser. Sie nennt als Bei­spiel das Schat­ten­spiel, das ih­ren Kin­dern im Kin­der­gar­ten beim frei­en Spiel zur Ver­fü­gung steht: Je nach Stand der Ent­wick­lung nut­zen die Kin­der die­ses zum Tan­zen, Thea­ter­spie­len oder aber zum Ent­de­cken op­ti­scher Phä­no­me­ne. Hier kommt die Lehr­per­son ins Spiel. Glau­ser wi­der­legt die Vor­stel­lung, dass das freie Spiel für sie Frei­zeit be­deu­tet: «Im Ge­gen­teil: Es ist die Zeit, in der ich am meis­ten prä­sent sein muss.» Bei den Lek­tio­nen im Kreis hal­te sie die Fä­den in der Hand, beim frei­en Spiel hin­ge­gen wer­de sie mit ganz vie­len in­di­vi­du­el­len Pro­zes­sen kon­fron­tiert. Die­se spie­geln die Ent­wick­lungs­schrit­te der Kin­der wi­der. «Idea­ler­wei­se mer­ke ich an­hand mei­ner Be­ob­ach­tun­gen wäh­rend des frei­en Spiels, in wel­cher Rei­hen­fol­ge und in wel­chem Tem­po ich die The­men des Lehr­plans mit mei­ner Klas­se um­set­zen kann.»

Kein gros­ser Schritt

Die Aus­bil­dung am In­sti­tut Vor­schul­stu­fe und Pri­mar­stu­fe um­fasst den Be­reich vom Kin­der­gar­ten bis zur 6. Klas­se. Das ist ein brei­tes Spek­trum. Das The­ma frei­es Spiel fin­de dar­in aber ge­nü­gend Platz, ver­si­chert In­sti­tuts­lei­ter St­ei­ner, zu­mal an der PH ver­schie­de­ne Lehr- und Lern­for­men un­ter­rich­tet wer­den.

Für den Kin­der­gar­ten­be­reich sei der Lehr­plan­wech­sel kein gros­ser Schritt. Der ber­ni­sche Kin­der­gar­ten­lehr­plan, den zahl­rei­che Kan­to­ne über­nom­men hat­ten, sei schon seit Jah­ren kom­pe­tenz­ori­en­tiert. St­ei­ner be­grüsst, dass dank dem Lehr­plan 21 der Über­gang vom Kin­der­gar­ten in die Schu­le nicht mehr so ein­schnei­dend ist, son­dern der Ent­wick­lung der Kin­der ent­spre­chend er­fol­ge.

Fo­to: Adri­an Mo­ser

Zum Ler­nen ge­hört im Kin­der­gar­ten so­wie in der ers­ten und zwei­ten Klas­se auch das freie Spiel.

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