«Die Leu­te ma­chen sich et­was vor»

Der Bri­te And­rew Haigh hat «Le­an on Pe­te» im ame­ri­ka­ni­schen Nie­mands­land an­ge­sie­delt. Er zeigt, wie dort die Ge­sell­schaft aus­ein­an­der­bricht.

Der Bund - - BERNER WOCHE IM KINO - In­ter­view: Pascal Blum

Sie ha­ben «Le­an on Pe­te» an Pfer­de­renn­stre­cken rund um Port­land ge­filmt. Sind die­se Or­te echt?

Ja, die­se Renn­stre­cken exis­tie­ren tat­säch­lich. Port­land kennt man ja als coo­le Hips­ter-stadt. Aber in den Vo­r­or­ten füh­ren die Men­schen ein deut­lich an­de­res Le­ben, lang­sam und gleich­mäs­sig. Sie or­ga­ni­sie­ren nie­der­schwel­li­ge Pfer­de­ren­nen, an de­nen die Jo­ckeys ge­ra­de mal 60 Dol­lar ver­die­nen. Ich bin vier Mo­na­te rum­ge­reist und ha­be mir die­se selt­sa­men Or­te an­ge­schaut. Ich woll­te das ken­nen ler­nen und ver­mei­den, dass es so aus­sieht, als bli­cke ein eu­ro­päi­scher Fil­me­ma­cher auf ei­ne ihm frem­de Land­schaft.

Eu­ro­pä­er sind aber auch im­mer so fas­zi­niert von der ame­ri­ka­ni­schen Wei­te. Wie­so bloss?

Ich ver­ste­he die USA ja nicht rich­tig, auch des­halb fas­zi­niert mich das Land. Ich glau­be, was mich an­zieht, ist die Idee des wei­ten Rau­mes. Nord­ame­ri­ka ist für uns ei­ne iko­ni­sche Land­schaft. Es wa­ren schliess­lich eu­ro­päi­sche Sied­ler, die Rich­tung Fron­tier auf­ge­bro­chen sind.

Im Film sieht man ein­mal, wie ei­ne Frau die Us-fah­ne hisst. Als in der Nach­bar­schaft je­mand in Not ge­rät, rührt sie aber kei­nen Finger.

Wenn ich mir die Welt so an­se­he, ha­be ich das Ge­fühl, dass die Leu­te auf­ge­ge­ben ha­ben. Vie­le le­ben ein der­mas­sen in­di­vi­dua­lis­ti­sches Le­ben, dass sie nicht ein­mal mehr ge­willt sind, je­man­dem zu hel­fen, der in Not ge­ra­ten ist. Schaut man sich die letz­ten 20 Jah­re an, se­he ich ei­nen dra­ma­ti­schen Man­gel an Mit­ge­fühl. So­li­da­ri­tät mit an­de­ren wur­de er­setzt durch den Glau­ben an die ei­ge­ne Na­ti­on.

In­di­vi­dua­lis­tisch – was heisst das?

Heu­te lau­tet ja die al­les um­fas­sen­de Mis­si­on im Le­ben der Men­schen, dass je­der sei­ne ei­ge­ne au­then­ti­sche Iden­ti­tät fin­den soll. Da­bei ma­chen sich die Leu­te nur was vor. Auf den so­zia­len Me­di­en stel­len die sich so dar, wie sie gern wä­ren. Ich glau­be, das Glei­che pas­siert auf glo­ba­ler Ebe­ne. Die USA, En­g­land nach dem Br­ex­it: Die Län­der sa­gen: «So sind wir!» Da­bei sind wir nicht ein­fach et­was, son­dern vie­le ver­schie­de­ne Din­ge.

Ei­ne Art Ins­ta­gram-po­li­tik?

Genau. Die Idee, sich selbst zu fin­den, ist sehr alt. Aber et­wa seit den 80er-jah­ren hat sie sich ins un­fass­bar In­di­vi­dua­lis­ti­sche ver­kehrt. Der Phi­lo­soph Je­an-paul Sart­re re­de­te ja auch die gan­ze Zeit dar­über, wie man sein au­then­ti­sches Ich fin­det. Aber da war das Wort «au­then­tisch» noch auf­rich­tig ge­meint. Heu­te ist da­von nichts mehr üb­rig.

Wie mei­nen Sie das?

Schau­en Sie sich die Leu­te an. Sie be­mü­hen sich die gan­ze Zeit, her­aus­zu­ar­bei­ten, wer sie sel­ber sind. Aber wie tun sie das? Sie ge­hen so­gleich da­zu über, an­de­re zu be­schul­di­gen, sie wür­den sie nicht die Per­son sein las­sen, die sie sind. Sich sel­ber sein: Das war doch im­mer ver­bun­den mit Selbst­in­sze­nie­rung, in­klu­si­ve Pa­thos. Schon rich­tig. Ich sa­ge ja auch nicht, dass man nicht ver­ste­hen soll, wer man sel­ber ist. Aber wenn man Pas­san­ten be­ob­ach­tet, die ein Sel­fie schiessen – dann lä­cheln sie kurz, und so­bald die Auf­nah­me ge­macht ist, steht ih­nen das Elend wie­der ins Ge­sicht ge­schrie­ben! Wür­den auf Ins­ta­gram al­le nur pos­ten, was sie wirk­lich tun, wä­re es dort voll von Lan­ge­wei­le, Angst und Mi­se­re.

Le­an on Pe­te

Ki­no Mo­vie

Fo­to: zvg

Ge­bor­gen­heit, die er sonst nicht hat: Char­lie Plum­mer in «Le­an on Pe­te».

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