Erst den Kür­ze­ren, dann den Ste­cker ge­zo­gen

Sil­vio Ber­lus­co­ni setzt mit­ten in der ita­lie­ni­schen Re­gie­rungs­kri­se drei grel­le Po­lit­shows auf sei­nen Tv-ka­nä­len ab, weil sie wäh­rend des Wahl­kampfs nicht ihm und sei­ner Par­tei For­za Ita­lia, son­dern sei­nen Geg­nern nütz­ten. Aus­ge­rech­net.

Der Bund - - AUSLAND - Oli­ver Mei­ler Rom

Es gab ein­mal ei­ne Zeit, da nann­ten die Ita­lie­ner Sil­vio Ber­lus­co­ni «Sua Emit­ten­za». Das ist die schöp­fe­ri­sche Ver­schmel­zung aus «Sua Emi­nen­za», die An­re­de für Kar­di­nä­le, und dem Wort «emit­ten­te», Sen­der. Der Ti­tel war nur halb scherz­haft ge­meint. Mit sei­nen drei pri­va­ten, na­tio­na­len Fern­seh­ka­nä­len spiel­te sich der Mai­län­der Me­dien­un­ter­neh­mer mäch­tig in die Köp­fe der Men­schen. Ei­nen hüb­schen Teil sei­ner po­li­ti­schen For­tü­ne ver­dank­te er die­ser Sen­de­kraft. Im Nach­hin­ein lässt sich auch sa­gen, dass er über sei­ne vie­len Ka­nä­le die Ge­sell­schaft und die Kul­tur des Lan­des präg­te – nicht un­be­dingt gut, aber ihm durch­aus dien­lich.

Nun aber hat es den An­schein, als sei Ber­lus­co­ni erst­mals in sei­ner lan­gen Kar­rie­re zum Op­fer der grel­len For­ma­te ge­wor­den, die auf sei­nen Sen­dern lau­fen. Je­den­falls denkt er das selbst. In den ver­gan­ge­nen Ta­gen setz­te Me­dia­set, wie sein Fern­se­him­pe­ri­um in Co­lo­gno Mon­ze­se bei Mai­land heisst, nach­ein­an­der drei po­li­ti­sche Talk­shows ab, die von Jour­na­lis­ten und Mo­de­ra­to­ren ver­ant­wor­tet wur­den, auf die der Chef gros­se Stü­cke hielt. In die­ser Pha­se, da Ita­li­en sich po­li­tisch ge­ra­de neu for­miert und nach ei­ner Re­gie­rung sucht, ge­schüt­telt und er­schüt­tert vom ekla­tan­ten Aus­gang der jüngs­ten Par­la­ments­wah­len, fällt ei­ne sol­che Um­pro­gram­mie­rung im Kon­zern Ber­lus­co­nis na­tür­lich auf.

Sehr oft sehr laut

Ge­kippt wur­den die Pro­gram­me «Dal­la vos­tra par­te» von Mau­ri­zio Bel­pie­tro, «Sta­se­ra Ita­lia» von Ma­rio Gior­da­no, das nur ei­ni­ge we­ni­ge Aus­ga­ben sen­den durf­te, und «Quin­ta co­lon­na» von Pao­lo Del Deb­bio. Ge­mein war ih­nen, dass sie sich sehr oft und sehr laut mit dem­sel­ben The­ma be­schäf­tig­ten: mit der Im­mi­gra­ti­on. Dar­ge­stellt wur­de die Zu­wan­de­rung im­mer nur als Ge­fahr, für den Wohl­stand der Ita­lie­ner, die Job­si­cher­heit, die Si­cher­heit an Leib und Le­ben. Ganz gern ver­han­del­ten die Talk­shows auch die Pri­vi­le­gi­en der Po­li­ti­ker, der «Kas­te» al­so, und die wirk­ten um­so an­stös­si­ger, wenn man sie am Le­bens­stan­dard der Ita­lie­ner mass. Der ist wäh­rend der lan­gen Wirt­schafts­kri­se näm­lich arg ge­sun­ken.

«Dal­la vos­tra par­te», «Auf eu­rer Sei­te» al­so, trug das Ge­schäfts­mo­dell im Na­men. Bel­pie­tro schal­te­te am liebs­ten Men­schen zu, die auf den Piaz­ze ih­rer Dör­fer stan­den und auf al­les schimpf­ten. Je zor­ni­ger sie wa­ren, des­to bes­ser und des­to hö­her die Quo­ten. Man­che die­ser Men­schen wa­ren en­ga­giert, wie ei­ne Thea­ter­trup­pe. Auf Kom­man­do re­zi­tier­ten sie Bot­schaf­ten ab Skript, samt Em­pö­rung. Da­zwi­schen zeig­ten die Sen­dun­gen je­weils Bei­trä­ge, die al­le Vor­ur­tei­le über Ein­wan­de­rer ze­men­tie­ren soll­ten. Manch­mal wa­ren sie frei er­fun­den und wur­den dem Pu­bli­kum auch schon mal mit ge­pi­xel­ten Bil­dern ser­viert, für ein Mass mehr Dra­ma­tik. Be­kannt wur­de et­wa der Fall ei­nes an­geb­li­chen «ru­mä­ni­schen Au­to­diebs», der in Wahr­heit ein Schau­spie­ler war, an­ge­stellt von den Fern­seh­ma­chern.

Spiel mit den Träu­men

Ber­lus­co­ni muss auf­ge­fal­len sein, dass die­se Sen­dun­gen den Po­pu­lis­ten von den Cin­que Stel­le und der rechts­na­tio­na­len Le­ga, den bei­den Wahl­sie­gern, po­li­tisch mehr ge­hol­fen ha­ben als sei­ner ei­ge­nen Par­tei, der bür­ger­li­chen For­za Ita­lia. Und das ist ei­ne iro­ni­sche Wen­dung der Ge­schich­te. Ge­wiss, drei kon­tra­pro­duk­ti­ve Talk­shows er­klä­ren Ber­lus­co­nis dürf­ti­ges Wah­l­er­geb­nis nicht, aus­ser­dem spie­len auch in Ita­li­en die so­zia­len Me­di­en ei­ne im­mer wich­ti­ge­re Rol­le vor Wah­len. Doch bis­her war es im­mer so ge­we­sen, dass «Sua Emit­ten­za» im Bauch des Vol­kes las und ihm genau das ser­vier­te, was ihm schmeck­te. Heu­te wür­de man es po­pu­lis­tisch nen­nen: Er spiel­te nicht mit den Ängs­ten und dem Zorn der Men­schen, son­dern mit de­ren Träu­men. Fair war auch das nicht.

Nun will er plötz­lich ge­mäs­sigt und ver­läss­lich sein, ei­ne An­ti­the­se zu den Po­pu­lis­ten. Und da passt der Ton­fall die­ser Sen­dun­gen nicht mehr, das Ge­schrei, die­ses stän­di­ge «Vaf­fan­cu­lo» (Leck mich am Arsch) auf al­len Ka­nä­len. Am meis­ten stört Ber­lus­co­ni aber, dass sein Fern­se­hen aus­ge­rech­net sei­nem Bünd­nis­part­ner und Ri­va­len Mat­teo Sal­vi­ni von der Le­ga mehr brach­te als ihm selbst. Erst­mals seit 1994 ist die Le­ga jetzt stär­ker als sei­ne For­za Ita­lia: Bei den Par­la­ments­wah­len ge­wann Sal­vi­ni 17 Pro­zent der Stim­men. Das sind nur 3 Pro­zent mehr als Ber­lus­co­nis 14 Pro­zent. Doch seit­her spielt sich Sal­vi­ni wie der neue Chef des Rechts­la­gers auf. Ber­lus­co­ni fühlt sich des­halb ge­drängt, sei­ne gan­ze Stra­te­gie zu über­den­ken, die me­dia­le wie die po­li­ti­sche.

Er wei­gert sich, kürz­er­zu­tre­ten

Be­son­ders wir­kungs­voll ist bis­her sein po­li­ti­scher Plan: Ber­lus­co­ni blo­ckiert die Re­gie­rungs­bil­dung. Das geht ganz ein­fach: Er wei­gert sich, et­was kürz­er­zu­tre­ten, wie das Sal­vi­ni von ihm for­dert, da­mit der mit den Cin­que Stel­le ver­han­deln kann, die ihn ganz weg­ha­ben möch­ten. Er lacht ih­nen ins Ge­sicht. «Von Ber­lus­co­ni kann man al­les er­war­ten», schreibt Eu­ge­nio Scal­fa­ri in sei­nem sonn­täg­li­chen Leit­ar­ti­kel in der Zei­tung «La Re­pubb­li­ca», «er ist Au­tor und Ak­teur, er schreibt die Ko­mö­die und spielt dann auch die Haupt­rol­le.» Das ma­che das Stück lus­ti­ger und wir­kungs­vol­ler.

Nun, nicht al­le mö­gen die Deu­tung Scal­fa­ris tei­len, zu­min­dest die ko­mi­sche Sei­te ist Ge­schmack­sa­che. Doch ja, er spielt wie­der sich selbst, nur in ei­ner neu­en, x-ten Aus­füh­rung. Es heisst, Ber­lus­co­ni set­ze dar­auf, dass der Staats­prä­si­dent am En­de ei­ne Gros­se Ko­ali­ti­on an­mahnt, über die Grä­ben hin­weg, mit al­len drin – oder we­nigs­tens mit ihm, den So­zi­al­de­mo­kra­ten und Mat­teo Sal­vi­ni. Zen­trum plus Le­ga. Klingt nach Ko­mö­die, noch.

Fo­to: Andreas So­la­ro (AFP)

Im Ja­nu­ar trat Sil­vio Ber­lus­co­ni noch sel­ber in der Sen­dung «Quin­ta co­lon­na» von Re­te 4 auf.

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