Die Zu­kunft wird ver­scho­ben

Ku­ba Im Ka­ri­bik­staat be­ginnt die Zeit nach Cas­tro, aber noch nicht die Zu­kunft. Die Grei­se der Re­vo­lu­ti­on har­ren aus. Os­car Al­ba

Der Bund - - MEINUNGEN -

Al­le paar Jah­re holt je­mand ei­nen neu­en, letz­ten Sarg­na­gel für Ku­ba her­aus. Der Tod der So­wjet­uni­on, Fi­dels Rück­zug ins Kran­ken­bett, Oba­mas Charme­of­fen­si­ve, Ve­ne­zue­las Ab­sturz, und jetzt Raúls Rück­tritt: Stets hiess es, das sei jetzt der An­fang vom En­de des «Cas­tris­mo» in Ku­ba. Fehl­an­zei­ge. Seit ges­tern weiss die Welt – es bleibt noch et­was Zeit, dem ku­ba­ni­schen So­zia­lis­mus beim Ster­ben zu­zu­se­hen. Die Grei­se der Re­vo­lu­ti­on ha­ben es ein­mal mehr ge­schafft, die Zu­kunft auf ir­gend­wann zu ver­schie­ben.

Der 86-jäh­ri­ge Raúl Cas­tro woll­te mit gu­tem Bei­spiel vor­an­ge­hen. Er si­gna­li­sier­te in den letz­ten Jah­ren, dass es Zeit ist für die Al­ten, zu ge­hen und Jün­ge­ren Platz zu ma­chen. Sie soll­ten die un­ge­lös­ten Pro­ble­me und auf­ge­scho­be­nen Re­for­men über­neh­men, wel­che der Ge­ne­ral und sei­ne Ge­ron­to­kra­tie nicht lö­sen und um­set­zen woll­ten. Raúl zim­mer­te da­für ei­ne Al­ters­guil­lo­ti­ne: Zwei Amts­zei­ten von je fünf Jah­ren in der Re­gie­rung, dann ist Schluss.

Macht­kämp­fe im Hin­ter­grund

Und nun das: Nur Raúl und mit ihm ein an­de­rer Alt-re­vo­lu­tio­när ha­ben sich an die Vor­ga­be ge­hal­ten und sind aus der Re­gie­rung zu­rück­ge­tre­ten. Die an­de­ren Ur­ge­stei­ne in ih­ren oliv­grü­nen Uni­for­men blei­ben in der Re­gie­rung. Die­se al­ters­schwa­chen, aber im­mer noch schar­fen Wach­hun­de sind Ku­bas Gross­meis­ter der Zeit­ver­zö­ge­rung. Sie wer­den da­für sor­gen, dass der von Raúl aus­ge­wähl­te, neue Staats­chef Mi­guel Díaz-ca­nel auf kei­ne fal­schen Ide­en kommt – oder die­se zu­min­dest nicht um­setzt.

Das biss­chen Ge­schie­be in Ku­bas Füh­rungs­eta­ge zeigt: Raúl hat die ab­so­lu­te Macht im Land ver­lo­ren. Es ist so et­was wie die spä­te Ra­che ei­nes py­ra­mi­da­len Sys­tems, das Fi­del und Raúl selbst er­schaf­fen ha­ben. Oben die Castros, un­ten ein Heer von hals­star­ri­gen Re­vo­lu­tio­nä­ren, stei­fen Mi­li­tärs und selbst­herr­li­chen Par­tei­bon­zen. Sie al­le wol­len nur eins: ih­re Pf­rün­den und Pri­vi­le­gi­en ver­tei­di­gen, die Macht und Kon­trol­le nicht ver­lie­ren.

Nach aussen wird nach wie vor Ein­heit de­mons­triert. Die 600 Mit­glie­der des Schein­par­la­ments ha­ben die neu­en Re­gie­rungs­mit­glie­der wie üb­lich mit 99,8 bis 100 Pro­zent Zu­stim­mung ab­ge­nickt. Zwei Ta­ge lang wur­de ap­plau­diert und be­tont, das gan­ze Land ste­he wie ein Mann hin­ter der Re­vo­lu­ti­on. Die Wahr­heit, die vom Staat und sei­nen Me­di­en ver­schwie­gen wird, aber ist ei­ne ganz an­de­re. Der Zer­set­zungs­pro­zess, der im Land und Volk seit vie­len Jah­ren fort­schrei­tet, hat nun auch in der No­men­kla­tu­ra be­gon­nen. Die Macht­kämp­fe im Hin­ter­grund sind ge­wal­tig zwi­schen je­nen Kräf­ten, die mit Re­for­men das Land vor­an­brin­gen möch­ten, und je­nen, die nichts ver­än­dern wol­len.

Die Blo­ckie­rer und Brem­ser ha­ben in den letz­ten zwei Jah­ren wie­der die Ober­hand be­kom­men. Die Grün­de: der Be­such Oba­mas, die neue Schicht von Neu­rei­chen, die dank Raúls zag­haf­ten wirt­schaft­li­chen Re­for­men die lah­me Staats­wirt­schaft alt aus­se­hen las­sen, der Tou­ris­mus und das In­ter­net, die wach­sen­de Un­zu­frie­den­heit im Volk, das im­mer mehr von der Welt weiss, was es frü­her nur ahn­te: All das hat die Starr­köp­fe und Angst­ha­sen in den Füh­rungs­eta­gen er­schreckt und gleich­zei­tig ge­stärkt. Sie ha­ben das fast Un­mög­li­che ge­schafft: Raúls Mi­ni­re­form­kurs im Zeit­lu­pen­tem­po zu ver­lang­sa­men.

Drin­gen­de Re­for­men ver­scho­ben

Raúl Cas­tro geht ge­schla­gen – und bleibt ge­schwächt an der Spit­ze der Par­tei. Sei­ne här­tes­ten Wi­der­sa­cher ha­ben an­geb­lich be­reits den Ra­che­feld­zug be­gon­nen ge­gen ei­ni­ge der Sei­nen, die er in ein­fluss­rei­che Po­si­tio­nen ge­scho­ben hat. Das neus­te Ge­rücht: Raúls Sohn, Ale­jan­dro, ei­ne der mäch­tigs­ten Fi­gu­ren im Hin­ter­grund, ste­cke be­reits im «Plan Py­ja­ma». Be­deu­tet in Ku­ba: Der Mann wur­de von al­len sei­nen Pos­ten ent­fernt und kalt­ge­stellt. Wenn das stimmt, heisst das nichts Gu­tes für die Sta­bi­li­tät in Ku­bas Macht­ge­bälk.

Pes­si­mis­ten ma­len schwarz. Mit die­ser neu­en hal­ben Re­gie­rung mit ei­nem Staats­chef um­zin­gelt von star­ren Grei­sen wer­de sich nichts be­we­gen. Tat­säch­lich ist die Ge­fahr gross, dass Ku­bas vie­le Her­ren der Macht sich ge­gen­sei­tig blo­ckie­ren könn­ten und so die drin­gend an­ste­hen­den Re­for­men wei­ter vor sich her­schie­ben. Die Op­ti­mis­ten hof­fen, dass Raúl im Halb­ru­he­stand und sei­ne Al­ten nun dem neu­en Staats­prä­si­den­ten er­lau­ben, die Alt­las­ten ab­zu­tra­gen, die sie we­gen ih­res «his­to­ri­schen Kom­pro­mis­ses» mit Fi­del und der Re­vo­lu­ti­on nicht an­tas­ten woll­ten.

Dass in Ku­ba das En­de des So­zia­lis­mus naht, ist ein al­ter Run­ning Gag. Er bleibt uns wohl noch ein Weil­chen er­hal­ten.

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