Mass­voll un­glück­lich und glück­lich de­pri­miert

Mit «La­dy Bird» wur­de die Schau­spie­le­rin Gre­ta Ger­wig auch als Re­gis­seu­rin und Au­to­rin zum Lieb­ling von Kri­tik und Os­car-aca­de­my.

Der Bund - - KULTUR - Chris­toph Schnei­der

Dass die Ju­gend ein süs­ser Vo­gel sei, ist wahr­schein­lich ei­ne Er­fin­dung nost­al­gi­scher Grei­se. Oder von Müt­tern, die es gut mei­nen, aber den Mund nicht hal­ten kön­nen und im­mer da­von re­den, dass sie es nie so kom­for­ta­bel ge­habt hät­ten wie ih­re Töch­ter. Da­her dür­fe man von so ei­ner Toch­ter, so­lan­ge sie die Bei­ne un­ter den el­ter­li­chen Tisch ste­cke, doch wohl ein we­nig Ord­nungs­sinn er­war­ten und in ma­ge­ren Zei­ten ein Kos­ten­be­wusst­sein. Aus Dank­bar­keit für die Süs­se ih­rer jun­gen Jah­re. Mit al­ler Lie­be ge­sagt. Frag­te man aber die 17-jäh­ri­ge Chris­ti­ne Mcpher­son (Sao­ir­se Ro­n­an), die nur auf den Na­men La­dy Bird hört in Gre­ta Ger­wigs ers­tem Spiel­film, man be­kä­me et­was zu hö­ren von we­gen süs­ser Vo­gel. Ver­mut­lich wür­de sies grö­ber aus­drü­cken: Der «Fuck»-quo­ti­ent ist hoch in ih­rem Sprach­schatz.

Aus­halt­ba­res Elend

Aber ge­meint wä­re dies: Dass die Ju­gend ei­ne schwer auf See­len drü­cken­de Wol­ke sei, ein Ge­men­ge aus Me­lan­cho­lie und thea­tra­li­scher Sen­ti­men­ta­li­tät und Zwang zur Cool­ness, aus Zorn und Dünn­häu­tig­keit, aus vo­la­ti­len bes­ten Freund­schaf­ten, aus ver­schwärm­ter Lie­besil­lu­si­on und ech­tem Lie­bes­schmerz und der Fra­ge, wann die rech­te Zeit sei, den ers­ten Sex zu ha­ben. Fer­ner: dass sie zu lang daue­re und doch zu kurz sei, dass die Frei­hei­ten, von de­nen al­le sa­gen, man müs­se sie sich neh­men, wo­mög­lich mehr kos­ten, als die El­tern sich leis­ten kön­nen. Und über­haupt, Vo­gel Ju­gend, my ass: Wenn da wahr­neh­mungs­mäs­sig ei­ne or­ni­tho­lo­gi­sche Me­ta­pher auch nur in Wahr­heits­nä­he kä­me, dann der Ver­gleich von Müt­ter­lich­keit mit dem stän­di­gen Kräch­zen ei­ner ty­ran­nisch lie­ben­den – und doch ge­lieb­ten – müt­ter­li­chen Ne­bel­krä­he.

Da­mit wä­re La­dy Birds aus­halt­ba­res Elend be­schrie­ben – und das Stück fik­ti­ves Ju­gend­le­ben, das die Re­gis­seu­rin, bei der das Leid der Ado­les­zenz auch nicht so lang vor­bei ist, aus der ame­ri­ka­ni­schen Wirk­lich­keit brach. Der Ort der dra­ma­ti­schen Hand­lung (ob mans über­haupt Hand­lung nen­nen soll? Bes­ser viel­leicht: der Ort ei­ner schwung­voll in­sze­nier­ten Zäh­flüs­sig­keit des Seins) ist Sa­cra­men­to, Ka­li­for­ni­en. Das sei, heisst es, die Stadt, die man ge­se­hen ha­ben müs­se, be­vor man den Un­sinn vom ka­li­for­ni­schen He­do­nis­mus nach­plap­pe­re.

Dort stram­pelt die­se La­dy Bird so vor sich hin, mit krea­ti­ver Wut, mass­voll un­glück­lich, glück­lich de­pri­miert und ein biss­chen ex­al­tiert im ju­ve­ni­len Pa­thos, denn die Kunst der ex­tro­ver­tier­ten Kopf­hän­ge­rei ge­hört zu ih­ren Ta­len­ten. Ein letz­tes Jahr an ih­rer ka­tho­li­schen High­school ist zu über­ste­hen, was da­nach sein soll, viel­leicht Schau­spie­le­rei, viel­leicht Li­te­ra­tur, weiss sie noch nicht so recht, aber wo es nicht sein soll, dass weiss sie genau: nicht in Sa­cra­men­to, die­sem Un­ort, wo die Sehn­süch­te ver­dor­ren. Son­dern an ei­nem New Yor­ker Col­le­ge, min­des­tens je­doch an der Ost­küs­te, wo die Schrift­stel­ler in Wäl­dern woh­nen und Ro­ma­ne schrei­ben.

Item, es ent­steht in ei­ner hand­fest ge­nau­en Ins­ze­nie­rung der Ein­druck der völ­lig nor­ma­len Un­nor­ma­li­tät ei­nes Jungseins, das kein Zu­cker­schle­cken ist – das El­tern­sein ist al­ler­dings auch keins, bei­läu­fig er­wähnt; nicht bei den Mcph­er­sons. Es reibt sich ein stör­ri­sches, ver­wund­ba­res Mäd­chen am Müs­sen und am Wol­len, an der ers­ten und der zwei­ten Lie­be, an der fi­nan­zi­el­len Rea­li­tät der Fa­mi­lie, an der nör­ge­li­gen Ver­nunft der Mut­ter und der ei­ge­nen Un­ver­nunft, die auch ein Le­bens­recht hat. Manch­mal na­tür­lich ver­bren­nen sich La­dy Bird und die, die ihr nah kom­men, an den Rei­bungs­fun­ken. Heil­bar auf die Dau­er, aber schmerz­haft im Mo­ment.

Das Schöns­te an Ger­wigs Film ist ja die me­lan­cho­lisch-ko­mi­sche La­ko­nie. Die­se sicht­ba­re Be­ga­bung zur Un­sen­ti­men­ta­li­tät im lie­bens­wür­di­gen Um­gang mit Fi­gu­ren, die selbst durch­aus sen­ti­men­tal wer­den kön­nen. Die­se iro­ni­sche Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der die Dra­ma­ti­ke­rin Ger­wig Wut ver­rau­chen und Trä­nen trock­nen lässt: durch die ver­ge­hen­de Zeit, die man­che Wun­den schnel­ler heilt, als man denkt.

Selt­sa­mer Schwe­be­zu­stand

Zu­dem er­in­nert «La­dy Bird» die, die über das Al­ter längst hin­aus sind, dar­an, was das war: Ado­les­zenz. An je­nen selt­sa­men Schwe­be­zu­stand des frü­hen Nicht-mehr-kind-seins. Ans schüch­ter­ne Stür­men und Drän­gen der Hor­mo­ne und Ge­dan­ken. Der Film kon­zen­triert es in ei­ner fein ge­schlif­fe­nen Sze­ne und psy­cho­dra­ma­ti­schen De­fi­ni­ti­on: Ado­les­zenz ist, wenn noch kein Sex war und nicht ein­mal ein Kuss, aber ein Mäd­chen bringt ei­nem Jun­gen doch schon Lo­cken­wick­ler mit, da­mit er sich ei­ne Fri­sur ma­chen kann, wie sie Jim Mor­ri­son sei­ner­zeit hat­te. Und der Jun­ge sagt, er ha­be von ihm, dem Mäd­chen, ge­träumt und da­von, wie sie zu­sam­men nach Dis­ney­land ge­flo­gen sei­en auf ei­ner Rie­sen­ka­rot­te.

Fünf Os­car­no­mi­na­tio­nen hat «La­dy Bird» die­ses Jahr er­hal­ten (aber kei­nen Preis). Vor al­lem die in der Ka­te­go­rie Re­gie Ori­gi­nal­dreh­buch gal­ten dem Ori­gi­nal­ta­lent Gre­ta Ger­wig, die man vor al­lem als Haupt­dar­stel­le­rin aus Noah Baum­bachs «Fran­ces Ha» kennt. Von Sao­ir­se Ro­n­an, der jun­gen Irin, no­mi­niert als bes­te Haupt­dar­stel­le­rin, wer­den wir auch noch viel hö­ren, hof­fent­lich; und wie man den Vor­na­men aus­spricht, wer­den wir ler­nen.

Es reibt sich ein stör­ri­sches Mäd­chen am Müs­sen und am Wol­len.

Der Film läuft in Bern im Ki­no Club und im Ci­ne­do­me Muri

Fo­to: PD

Kein Zu­cker­schle­cken: Chris­ti­ne Mcpher­son (Sao­ir­se Ro­n­an) und ih­re schwer ge­prüf­te Mut­ter (Lau­rie Met­calf ).

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.