Nur Ma­cron hat Mut

Brief aus Eu­ro­pa Die EU muss re­for­miert wer­den. Die Po­li­ti­ker strei­ten sich lie­ber. Al­ber­to D’ar­ge­nio

Der Bund - - MEINUNGEN -

Im Jahr 2025 könn­te die Eu­ro­päi­sche Uni­on aus min­des­tens 31 Part­nern be­ste­hen – falls sie dann noch exis­tiert. Ser­bi­en und Mon­te­ne­gro ver­han­deln be­reits ih­ren Bei­tritt, Al­ba­ni­en und Ma­ze­do­ni­en könn­ten bald da­mit be­gin­nen, spä­ter Ko­so­vo und Bos­ni­en. Auch wenn ei­ni­ge Haupt­städ­te es vor­zö­gen, die­sen Pro­zess zu ver­lang­sa­men, hat im Grun­de kei­ne Re­gie­rung et­was da­ge­gen. Die Er­in­ne­run­gen an den Krieg in der Re­gi­on nach dem Zu­sam­men­bruch Ju­go­sla­wi­ens sind frisch, eben­so wie die Span­nun­gen, die es dort nach wie vor gibt.

Den­noch warn­te Em­ma­nu­el Ma­cron letz­te Wo­che: Kei­ne neu­en Bei­trit­te, so­lan­ge Eu­ro­pa nicht ei­ner Re­form un­ter­zo­gen wur­de. Nie­mand kann dem fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten vor­wer­fen, er sei ein Geg­ner Eu­ro­pas – genau wie nie­mand sich vor­stel­len kann, die Bal­kan­län­der ih­ren his­to­ri­schen Strei­tig­kei­ten zu über­las­sen.

Schick­sal­haf­te Eu­ro­pa­wah­len

Schon jetzt ist die EU mit ih­ren 28 (nach dem Br­ex­it 27) Mit­glieds­staa­ten aber un­re­gier­bar. Nord- und Sü­d­eu­ro­pa strei­ten er­folg­los über ei­ne not­wen­di­ge Re­form des Eu­ro. West- und Ost­eu­ro­pa kön­nen sich über die Ein­wan­de­rung nicht ei­ni­gen. Im Grun­de geht es bei die­sem Kampf um die künf­ti­ge Iden­ti­tät der EU: Wird sie den li­be­ra­len De­mo­kra­ti­en ver­bun­den blei­ben oder sich den il­li­be­ra­len De­mo­kra­tu­ren beu­gen? Die Ent­schei­dungs­schlacht in die­ser epo­cha­len Kon­fron­ta­ti­on wird bei den Eu­ro­pa­wah­len im Mai 2019 ge­schla­gen wer­den. Da sich die Par­tei­en, die dem So­zia­lis­mus na­he­ste­hen, im frei­en Fall be­fin­den, könn­te da­nach im Eu­ro­pa­par­la­ment ei­ne Mehr­heit aus Eu­ro­pa­skep­ti­kern und Po­pu­lis­ten sit­zen. Um die­ses Sze­na­rio zu ver­hin­dern, ar­bei­tet Ma­cron am Auf­bau ei­ner kon­ti­nen­ta­len Par­tei, Eu­ro­pe en mar­che. Er schliesst sich mit den Li­be­ra­len zu­sam­men, über­nimmt ei­ni­ges von kon­ser­va­ti­ven Volks­par­tei­en und So­zia­lis­ten, sucht die Al­li­anz mit neu­en Kräf­ten wie den Cui­dad­a­nos aus Spa­ni­en. So will er als Zweit­stärks­ter ab­schnei­den, hin­ter den Volks­par­tei­en und vor den Eu­ro­skep­ti­kern.

Ma­cron ist der ein­zi­ge Staats­chef, der die Uni­on nach wie vor re­for­mie­ren will, der of­fen da­von spricht, Eu­ro­pa ei­ne neue Sou­ve­rä­ni­tät und neu­es An­se­hen in den Au­gen sei­ner Bür­ger zu ver­lei­hen. Er hat recht: Be­vor sich die EU wei­ter aus­dehnt, muss sie re­for­miert wer­den. Das be­to­nen zwar al­le – doch aus­ser Ma­cron hat nie­mand den Mut, dar­an zu glau­ben. Statt­des­sen zie­hen es die Po­li­ti­ker vor, sich auf kurz­fris­ti­ge po­li­ti­sche Spiel­chen zu be­schrän­ken. Die ak­tu­el­le Füh­rungs­schicht Eu­ro­pas muss end­lich den Wor­ten auch Ta­ten fol­gen las­sen. Sonst ris­kiert sie, dass die po­li­ti­schen Um­wäl­zun­gen sie hin­weg­fe­gen. Das wür­de das En­de die­ser EU be­deu­ten.

Al­ber­to D’ar­ge­nio ist Eu-kor­re­spon­dent der Zei­tung «La Re­pubb­li­ca» in Rom. Aus dem Ita­lie­ni­schen über­setzt von Bet­ti­na Schnei­der.

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